Formel 1: Hintergrund | 20.05.2010
Das Formel 1-Projekt vorläufig am Zenit
„Mit 66 Jahren fängt das Leben an“ – im Falle von Dietrich Mateschitz könnte das auch die Erringung des WM-Titels in der Formel 1 beinhalten…
„Ich gehe nicht auf einen Gipfel, um oben zu stehen, sondern um hinaufzugehen. Oben ist ja das Ende.“ Einer der viel zitierten und zugleich seltenen „Sager“ von Dietrich Mateschitz, der am heutigen 20. Mai seinen 66. Geburtstag feiert. Im Alter von 40 Jahren hat er mit thailändischen Partnern seinen Energy Drink „komponiert“, drei Jahre später kam die blau-silberne Dose auf den Markt. Heute verkauft der Konzern pro Jahr rund vier Milliarden dieser Dosen, in 160 Ländern…
Das eigene Formel 1-Team liegt nun erstmals sowohl in der Fahrer- als auch in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft in Führung, heuer soll der WM-Titel errungen werden. Der oben erwähnte „Sager“ könnte darauf schließen lassen, dass mit dem Titel für Mateschitz quasi der Gipfel erreicht wäre und somit auch das Ende nahen würde – doch das Projekt scheint langfristig geplant zu sein. Sein Fußballteam beispielsweise, Red Bull Salzburg, habe er für „mindestens zehn, ja zwanzig Jahre“ angelegt, verriet Mateschitz.
“Um die WM fahren“
Motorsportkonsulent Dr. Helmut Marko hat erst unlängst in einem APA-Interview erklärt: „Mit dem Paket, das wir haben, muss man ganz klar um die Weltmeisterschaft fahren - auch in den nächsten Jahren. Wir haben die nötigen Leute, die nötigen Simulationen und die nötigen Werkzeuge, um uns auf Änderungen einzustellen. Wir hatten schon 2008 ein Siegerauto, 2009 sowieso. Man kann nicht sagen, das sind Zufallstreffer, wenn man drei Jahre hintereinander ein Topauto baut.“
Ein bekanntes Mateschitz-Zitat ist das folgende: „Man könnte mir die ganzen Banden eines Fußballstadions schenken - ich würde sie nicht nehmen, weil mir einfach der qualitative Aspekt von dem Ganzen fehlt. Unsere Philosophie ist es, dass wir ein integraler Bestandteil der Sportart sind.“ Dr. Marko bestätigt: „Es war immer schon die Forderung von Dietrich Mateschitz, dass er nicht nur irgendwo ein Pickerl draufpickt. Als Sponsor kann man zwar herummonieren, aber de facto nicht eingreifen. Bei Red Bull gab es eine Vision, der auch die nötige Zeit gegeben worden ist. Denn von heute auf morgen geht nichts.“
Fünf Jahre
Seit der Übernahme des Jaguar-Teams sind fünf Jahre vergangen. Das ist exakt jener Zeitraum, den der Automobilkonzern Toyota bei seinem Formel 1-Einstieg als Zeitspanne für die Erringung des Weltmeistertitels angesetzt hat – und dabei kläglich gescheitert ist. Dabei hat Toyota über ein nahezu unbegrenztes Budget verfügt – Geld alleine macht also noch keinen WM-Titel.
Dr. Marko sagt: „Jaguar war etwas verstaubt, wir haben mit einem sukzessiven Umbau begonnen.“ Bald schon wurde Stardesigner Adrian Newey als Technikdirektor engagiert, der Brite wurde mit viel Freiraum und gleichzeitiger Entscheidungsgewalt von McLaren zu RBR gelockt: „Adrian hat sich seine Musiker gesucht, wir haben in allen Abteilungen seit drei Jahren absolute Topleute. Das merkt man auch daran, dass es permanent Abwerbungsversuche gibt. Das ist keine Beschwerde, aber wir haben bei weitem nicht das höchste Budget. Wir haben nicht die meisten Leute, aber im Preis-Leistungs-Verhältnis sind wir ganz vorne.“
Punkte verloren
Der RB6 aus der Feder von Adrian Newey hat - noch - keinen F-Schacht und gilt trotzdem als das eindeutig schnellste Auto im Feld. Als Geoff Willis im vergangenen Sommer das Team verließ, fürchtete man, Newey, für seine extreme Bauweise bekannt, habe quasi „die Vernunft an seiner Seite“ verloren. Doch die Befürchtungen, dass sich Newey zu weit aus dem Fenster lehnen und damit die Standfestigkeit des Autos aufs Spiel setzen könnte, waren unbegründet, wie die jüngsten Erfolge beweisen. Trotzdem hat Red Bull Racing wie im Vorjahr bereits wertvolle WM-Punkte verloren – das sieht auch Dr. Marko nicht anders: „Eigentlich sollten wir in der WM schon 30 Punkte vorne liegen."
RBR kann sich nur noch selbst schlagen, sagt die Mehrzahl der Experten. Die Konkurrenz scheint paralysiert zu sein, immer öfter hört man: „Sie spielen mit uns.“ RBR selbst würde derzeit „zwei Leute fürchten“, verriet Dr. Marko in dem APA-Interview: Fernando Alonso, weil er „fahrerisch als Gesamtpaket absolute Spitze ist“. Und Lewis Hamilton, wohl aus ähnlichen Gründen.
Doch auch ein Alonso oder ein Hamilton leiden wie die gesamte Konkurrenz unter der Überlegenheit des RB6. Schon beim nächsten Grand Prix in Istanbul, am 30. Mai, plant RBR den ersten Einsatz eines F-Schachtsystems. Das würde je nach Strecke zwischen drei und fünf Zehntelsekunden einbringen, sagt Marko. Für die Konkurrenz ist die Vorstellung eines noch schnelleren RB6 ein Albtraum – mit ihren Verdächtigungen hinsichtlich einer „aktiven Radaufhängung“ und einem angeblichen „Geheimpakt“ von Mercedes, McLaren und Ferrari, einem angeblichen Austausch von Spionagefotos hat sie den blauen Boliden bereits auf eine Ebene mit legendären Autos wie den Lotus 79 gestellt - das größtmögliche Kompliment, das man einem Konkurrenten machen kann…
Stallduell
Was also könnte verhindern, dass Dietrich Mateschitz in seinem 66. Lebensjahr mit seinem eigenen Team Formel 1-Weltmeister wird? Mark Webber und Sebastian Vettel führen mit der gleichen Punkteanzahl die Weltmeisterschaft an, beide wollen den Titel einfahren. Bei einem WM-Duell innerhalb des Rennstalls droht mitunter, dass es am Ende einen „lachenden Dritten“ gibt, wie das beispielsweise 2007 der Fall war, als weder McLaren-Pilot Hamilton noch dessen damaliger Teamkollege Alonso den Titel einstreiften, sondern Kimi Räikkönen im Ferrari. Doch der österreichische Rennstall scheint keine Angst vor einem solchen Duell zu haben, im Gegenteil, wie Dr. Marko erklärt: „Wichtig ist, dass beide auf einem hohen fahrerischen Niveau sind. Sie haben immer den Vergleich und führen sich selbst, aber auch das Auto, ans absolute Limit.“
Das anfangs als „Party-Rennstall“ verkannte Formel 1-Team hat in der „Königsklasse des Automobilrennsports“ einen eigenen Weg beschritten und wurde vor allem in Österreich wegen seines Umgangs mit heimischen Piloten hart kritisiert – doch der aktuelle Erfolg ist für den Energy Drink-Konzern quasi eine umfassende Bestätigung der getroffenen Entscheidungen. Wenn also der medienscheue „Dosenmilliardär“ heute seinen 66. Geburtstag feiert, ist ein Blick auf die aktuelle WM-Tabelle der Formel 1 wohl das größte Geschenk.








