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Mercedes-Maybach G 650 Landaulet - im Test Mercedes-Maybach G 650 Landaulet 2017

99 Landaulets

Das Mercedes-Maybach G 650 Landaulet kostet 500.000 Euro ohne Steuern und beweist, dass es für die G-Klasse kein Limit mehr gibt. Im Test.

Text und Fotos: Jürgen Zöllter/mid

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Nicht chinesische Geschäftsleute sind die Treiber dieses endgültigen G-Klasse-Statements, etwa weil sie Verträge gern im geräumigen Fond langgestreckter Automobile unterzeichnen. Vielmehr fragen Größen des westlichen Showbusiness, osteuropäische Oligarchen und Vermögensverwalter aus dem Mittleren Osten im Rang von Scheichs nach einem hochgeländegängigen Chauffeurs-Fahrzeug mit luftdurchfluteter Aus- und Einsicht.

Und Mercedes bietet es an: Das ultimative Cabriolet auf Basis des geländegängigsten Personenfahrzeugs der Welt, mit allem Luxus ausgestattet, den sich verwöhnte Menschen wünschen. Menschen, die ihre Welt gewöhnlich durch Seitenfenster eines Rolls-Royce, Bentley oder Mercedes-AMG betrachten. Als völlig abgedrehtes Mercedes-Maybach G 650 Landaulet fährt das zweifellos auffälligste SUV der Gegenwart vor.

Oder besser, es wird vorgefahren! Denn wer eins von 99 Exemplaren ergattert, dürfte in der Regel nur selten selbst ins Lenkrad greifen. Erstens, weil dieser übergewichtige G, analog zu den gewöhnlichen Schwestermodellen der G-Familie mehr bezwungen, als gefahren sein will - sich diese Kunden aber eher nicht als Dompteure am Volant verstehen. Und zweitens, weil Kunden hinten, dank des gegenüber dem AMG G 65 um 578 Millimeter verlängerten Radstands, ein Wohnabteil wie im Orient-Express vorfinden. Jedoch luftiger und besser einsehbar.

So gesehen, beglückt das G 650 Landaulet als erdgebundener, dort aber unaufhaltsamer, Privatjet mit Faltdach eine selbstbewusste Klientel. Seine Pilotenkanzel entspricht der des G-Modells, sein zweisitziges Reiseabteil ist dem Mercedes-Maybach entlehnt, und das Stoffdach stammt vom G-Cabriolet, wurde für den Maybach-G für mehr Geräuschisolation aber aufgepolstert.

Um Technik und Ausstattung auf den Zahn zu fühlen, treiben wir das 3,3 Tonnen schwere Monster durch den südafrikanischen Nationalpark Madikwe, um uns dem Großwild des schwarzen Kontinents zu zeigen. Dem allerdings passen wir nicht ins Beuteschema. Allein der niederfrequente Sound des Antriebsstrangs scheint eine andere Akustik- und Duftnote zu setzen als die hier üblichen Touristen-Schaukeln Landcruiser und Landrover. Wenn das 6,0 Liter mächtige, doppelt aufgeladene V12-Aggregat unter Last böse die Stimme hebt, schaut sogar der schläfrige Löwe auf. Und der Leitbulle der Elefantenherde wedelt leicht irritiert mit den Ohren.

Derweil wohnt der luxushungrige Tierfreund im Reiseabteil mit elektrisch verstellbaren Maybach-Sesseln, fährt diese in bequeme Liegeposition und die Wadenstütze aus. Diverse Massageprogramme sichern über wechselweise aufblasbare und wärmende Luftkammern die Durchblutung des Entspannung suchenden Körpers.

Mercedes spricht von einer "Hot-Stone-Massage", die aber eher einem "Hot-Balloon-Streicheln" gleichkommt. Fahrer und Parkranger vorn werden auf Wunsch durch eine Trennscheibe auf Distanz gehalten. Sie fährt selbstverständlich elektrisch hoch und wird auf Tastendruck undurchsichtig.

Elektrisch fahren auch zwei seitlich angeschraubte Trittbretter aus, sobald man eine Seitentür öffnet. Sie erleichtern insbesondere Damen in Abendrobe bei Abstieg vom Super-G Würde zu bewahren.

Die beiden Fondsitze trennt eine mächtige, sogenannte "Business-Konsole". Sie sollte besser Freizeit-Konsole heißen. Denn sie beherbergt zwei Champagner-Kelche, temperierbare Flaschenhalter und zwei ausklappbare Tische. Zu jedem Sitz zählt ein Kopfhörer und eine Fernbedienung fürs individuelle Unterhaltungsangebot. Die zugehörigen Monitore wohnen vor der Trennscheibe. Das reichhaltige Unterhaltungsangebot im Fond wird vermutlich nicht nur bei Schlechtwetter-Ausfahrten genutzt, nachdem das Faltdach sowohl von vorn, als auch von hinten elektrisch geschlossen wurde.

Wer auf Safari müde wird, Körper und Blickwinkel permanent neu auszurichten, um C- und D-Säulen nicht ständig im Blickfeld zu haben, ist potentieller Nutzer auch während Sightseeing Touren. Die beste Rundumsicht im G-Landaulet hat man eindeutig im aufrechten Stand. Ein Schelm, wer dabei an den Papst im Papamobil denkt! Franziskus ist für das Landaulet aber ohnehin viel zu bescheiden und fährt lieber Fiat.

Weil die Fahrt durch die Wildnis mit leicht erhöhtem Standgas nur im Tempo eines wandernden Elefanten erfolgt, findet man auch stehend guten Halt an der Abrisskante des Blechdachs überm Fahrerabteil. Zudem hat das G-Team von Dr. Gunnar Güthenke zahlreiche Handgriffe verbaut - vier pro Passagier. Im Stand lassen sich auch die kurzen Stöße des Fahrwerks besser ausgleichen, die man auf der Hinterachse sitzend deutlich spürt. "Wir haben die härtere Abstimmung gewählt, um Aufbaubewegungen der 223,5 Zentimeter hohen Karosserie mit 45 Zentimeter Bodenfreiheit zu reduzieren", erklärt Güthenke, und es klingt wie eine Entschuldigung.

Aufrecht am Lenkrad sitzend spürt man den eingeschränkten Fahrwerkskomfort weniger. Zu sehr ist man mit ausgleichenden Lenkbewegungen (Kugelumlauflenkung) über Stock und Stein beschäftigt, was zur Eigenart jedes G-Modells zählt.

Wie übrigens auch das safe-artig satte Klacken der schließenden Türen. Hier treten die Eigenschaften klassischen Maschinenbaus in seiner massivsten Ausprägung zu Tage. Als Qualitäten eines Automobils, das in seinen Grundzügen unverändert seit 1979 gebaut wird. Gestern wie heute übrigens in der steirischen Hauptstadt Graz.

So überflüssig Menschen dieses Maybach G 650 Landaulet finden mögen, weil sie es sich nicht leisten können oder ihnen der martialische Auftritt missfällt, so begehrenswert erscheint es doch jenen, die sich nicht nur an der Exklusivität zum Preis von etwa 500.000 Euro plus Steuern erfreuen, sondern auch an seiner faszinierenden Technik.

Wenn der 463 kW/630 PS starke Zwölfzylindermotor von AMG bis zu 1.000 Nm Drehmoment auf die Kurbelwelle wuchtet, hebt der 535 cm lange G 650 zunächst leicht die Nase. Gleichzeitig packen vier 325/55 R 22 Reifen zu, und der Schwerathlet drängt gewaltig nach vorn.

Leiser zwar als der G 65 AMG, aber kaum weniger nachhaltig. Nahezu übergangslos portioniert die neue Neunstufen-Automatik seine Kraft. Den Sprint auf 100 km/h schaffe er in weniger als sechs Sekunden, verspricht G-Chef Güthenke. Dass die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h elektronisch begrenzt ist, sei der Sicherheit geschuldet. Wohl auch der anderer Verkehrsteilnehmer. Denn trotz einer riesig dimensionierten Bremsanlage braucht der hochbeinige Koloss erheblich mehr Bremsweg als gewöhnliche Pkw.

Wie alle G-Modelle kann auch der Fahrer des G-Landaulet auf permanenten Allradantrieb und drei während der Fahrt voll sperrbare Differenziale vertrauen. Um seine Offroad-Fähigkeit auf die Spitze zu treiben, sind zudem ein Untersetzungsgetriebe und Portalachsen eingebaut, wie in den beiden exklusiven Sondermodellen AMG G 63 6x6 und G 500 4x4² zuvor.

Dadurch fahren die Räder nicht auf Höhe der Achsmitte, wie bei konventionellen Starrachsen, sondern deutlich tiefer. Das führt zu einer Bodenfreiheit von nahezu einem halben Meter unter der Fahrzeugmitte und adelt das Mercedes-Maybach G 650 Landaulet zum idealen Reisebegleiter auf Pfaden zu den abgelegenen Futterplätzen afrikanischer Wildtiere.

Ob Kunden ihren Koloss tatsächlich dort einschmutzen werden, darf indes bezweifelt werden. Im Mittleren Osten werden einige damit ihre G-Sammlung bereichern und zum Dünensurfen ausrücken. In Osteuropa dürfte er um Gewehrhalter ergänzt als fahrbarer Jägersitz dienen. Und auf den Boulevards der Cote d'Azur kann man hinter dem kleinen Dreiecksfenster zwischen C- und D-Säule Weltstars erwarten.

Mit dem Maybach-G setzt Mercedes eine 1910 begonnene Landaulet-Tradition fort, die vom Benz 25/45 PS aus dem gleichen Jahr über den Mercedes 300d ab 1960, den 600 Pullman ab 1964 und den Maybach 62 S führt, die allesamt Faltdächer tragen. Das G 650 Landaulet darf zwar nicht den Anspruch erheben, das schönste Exemplar dieser langen Historie zu sein. Das am vielseitigsten einsetzbare aber ist es allemal. Und kein Zweifel besteht daran, dass es das Selbstvertrauen seines Besitzers stärkt, wie kein anderes dieser Ahnenreihe.

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