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Rallye-WM: Argentinien

Die Argentinien-Rallye im „Marathon-Format“

In Argentinien setzt man auf hohe Distanzen, die längste SP ist rund 65 km lang. 14 WRCs sind am Start, Ilka Minor leider nicht dabei, dafür Daniela Ertl.

Michael Noir Trawniczek

Laut einem Sprichwort liegt die Würze in der Kürze, die Veranstalter der Argentinien-Rallye jedoch suchen das Glück in der Länge…

Nachdem die FIA mit dem Auflockern des in den Jahren zuvor immer straffer angezogenen Zeitplan-Korsetts für WM-Veranstalter dafür sorgte, dass die Weltmeisterschaft mit der neugewonnenen Itinerary-Anarchie beispielsweise die vorübergehend zur IRC übergelaufene Rallye Monte Carlo wieder an Bord holen konnte, nützt man in Argentinien diese Möglichkeit, um die seit zehn Jahren längste WM-Rallye abzuhalten.

An vier Tagen werden satte 1.770,92 Kilometer Gesamtdistanz zurückgelegt, davon stehen 502,3 Kilometer im Wettbewerbstempo auf dem Programm, welche auf 18 Sonderprüfungen aufgeteilt werden.

Als ganz besonderen Fetisch streichen die Veranstalter die SP „Matadero“ hervor, die sich über heutzutage unglaubliche 65,74 Kilometer erstreckt. Eine weitere, über 50 Kilometer lange Sonderprüfung erfreut die Herzen jener Rallyefans, die den „guten, alten Zeiten“ nachtrauern, als die Rallyes noch über eine ganze Woche hindurch gefahren und Tausende von Kilometern absolviert wurden.

Zu dieser Menschengruppe gehören bekanntlich auch FIA-Präsident Jean Todt und seine Rallye-Abgeordnete Michele Mouton – die beiden sind Rallyehaudegen „vom alten Schlag“, die den modernen „Sprintrallyes“ nur wenig abgewinnen können.

Nicht alle jedoch verteufeln das moderne, vergleichsweise kompakte Format. Ilka Minor beispielsweise glaubt nicht, dass man einfach das Rad der Zeit zurückdrehen kann, ohne auf die heutigen Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen.

Minor gibt aber auch offen zu: „Es ist ein heikles Thema – nur wenige trauen sich in der Öffentlichkeit ehrlich mit diesem Thema umzugehen, weil du schnell in eine Schublade gesteckt werden kannst, wenn du Argumente gegen die langen Rallyes vorbringst. Tatsache ist, dass weder die Hersteller noch die Fahrer mit dem alten Format vertraut sind und es sich gerade in Zeiten der Sparmaßnahmen schwierig gestaltet, die Kosten für mehr Fahrkilometer und auch mehr logistischen Aufwand recht zu fertigen. Zumal derzeit ohnehin alle am Limit sind, was das Budget anbelangt.“

Henning Solberg & Ilka Minor nicht am Start

Apropos: Ilka Minor muss leider auch die Argentinien-Rallye vor dem heimischen Zeitenmonitor mitverfolgen, denn Henning Solberg konnte bislang noch kein Freizeichen nach Österreich senden. Dem Vernehmen nach soll es aber gut aussehen – es besteht immer noch die Hoffnung, dass Henning Solberg und Ilka Minor schon bei der nächsten Rallye, dem Klassiker Akropolis ein WM-Comeback geben können.

Was die 65 Kilometer-Sonderprüfung in Argentinien anbelangt, stellt sich die Frage, wie viele von den 14 World Rally Cars am vierten Tage noch im Wettbewerb sein werden – schon am Freitag steht eine 52 Kilometer lange SP zweimal auf dem Programm.
Ilka Minor sagt: „Wir haben ja bereits gesehen, dass es auf diesen überlangen Sonderprüfungen vermehrt Ausfälle gibt, weil die Piloten dann auch unkonzentriert werden, weil sie ganz einfach müde werden.“

Ein Rudi Stohl wiederum hat dafür kein Verständnis: „Wenn die Piloten keine 65 Kilometer fahren können und müde werden, dann müssen sie eben zuhause bleiben. Man muss sich halt darauf einstellen und das Tempo entsprechend anpassen.“

Auch in diesem Punkt scheiden sich die Geister: Die einen erinnern an die Fahrweise, die früher angewandt wurde, nämlich eher im Sinne des Langstreckensports, die anderen wollen die Piloten auf den Sonderprüfungen weiterhin sprintmäßig, volle Attacke reitend sehen und nicht mit nur 80 Prozent Performance das Material schonend…

14 World Rally Cars

Wie erwähnt stehen in Argentinien 14 World Rally Cars am Start. Topfavorit ist das Citroen-Werksteam, denn Weltmeister Sebastien Loeb ist in Argentinien seit 2005 ungeschlagen, der Franzose feierte sechs Siege in Serie, mit Ausnahme des Jahres 2010, in dem die Weltmeisterschaft nicht in Argentinien Halt machte.

Citroen erlebte zuletzt in Portugal eine der für die Franzosen in höchstem Maße seltenen Nullrunden – Loeb flog von der Piste, Mikko Hirvonen lag zwar am Ende ganz vorne in der Rangliste, wurde jedoch wegen Regelwidrigkeiten disqualifiziert. Die Motivation ist also groß, den Schaden gutzumachen.

„Nach der Enttäuschung von Portugal bin ich entschlossen, wieder auf die Siegerstraße zurückzukehren", sagt Loeb. Kopfzerbrechen werden einmal mehr die Wahl der Startposition sein, die nach dem Qualifying auf der Shakedown-Strecke ansteht, der Schnellste darf als erster Pilot seine Startposition wählen.

Loeb grübelt: „In Portugal gingen wir ein kalkuliertes Risiko ein und wählten die erste Startposition, weil am ersten Tag nur 35 Kilometer absolviert werden mussten. In Argentinien müssen am Freitag über 200 gezeitete Kilometer zurückgelegt werden.“

Trotz seines Ausfalls führt Loeb weiterhin die WM-Tabelle an, was er den Ausfällen der Ford-Piloten und der Disqualifikation seines Teamkollegen zu verdanken hat – allerdings konnte sich Ford-Werkspilot Petter Solberg in Portugal nach seinem Abflug dank „Rally2“-Reglement wieder bis auf Rang drei vorarbeiten, der Norweger liegt in der WM nur noch vier Punkte zurück.

Solberg möchte diesmal mit mehr Umsicht fahren und es „langsam“ angehen. Der Weltmeister des Jahres 2003 erklärt: „Insgesamt stehen jetzt 120 Kilometer mehr auf dem Programm als noch in der vergangenen Saison. Daher werden einige Fahrer sicher auch ihre Taktik den neuen Gegebenheiten anpassen."

Solberg fügt hinzu: „Wir fahren hier keinen Sprint, sondern eine echte Marathon-Rallye. Daher werden wir uns am Anfang etwas zurückhalten und nicht gleich auf Angriff schalten. Die Devise lautet zunächst einmal abwarten und das richtige Tempo finden. Wenn nötig, können wir später immer noch attackieren.“

Unterstützt wird der WM-Zweite von Dani Sordo, da Jari.-Matti Latvala beim Langlaufen einen Schlüsselbeinbruch erlitt und der Finne die Argentinien-Rallye auslassen muss. Sordo erhielt von Prodrive Mini eine Freigabe, da sein Team nicht in Argentinien antritt. Der Spanier gilt als schneller Mann und konnte mit dem Mini bereits einige Male aufzeigen – der einzige Makel, den man Sordo derzeit anlasten kann, ist sein hohl anmutender Wortschatz, wenn es darum geht, im Zielraum einer SP seine Eindrücke zu schildern…

Neben den Werkspiloten treten wieder einige Kundenteams an, Citroen setzt wieder einen DS3 für Junior Thierry Neuville ein, zudem kehrt Nasser Al-Attiyah im Quatar Citroen an jenen Ort zurück, an dem er seinen bislang größten Erfolg feiern konnte, den Sieg bei der Rallye Dakar.

Nach dem Sieg in Portugal kommt Adapta Ford-Pilot Mads Östberg selbstbewusst nach Argentinien, mit dem Willen, nach drei zweiten Plätzen und dem geerbten Sieg schon bald einen weiteren Sieg aus eigener Kraft heraus zu erringen – zuzutrauen ist es dem Norweger allemal…

M-Sport setzt weitere Fiesta WRC mit den Jungtalenten Ott Tänak und Evgeny Novikov ein, dazu kommt noch Martin Prokop in einem vom tschechischen Nationalteam eingesetzten Fiesta WRC.

Stohl Racing setzt Oliveira-Fiesta ein

Ein weiteres Fiesta World Rally Car wird vom österreichischen Stohl Racing Team für das Brazil World Rally Team rund um Daniel Oliveira eingesetzt.

Der brasilianische Heißsporn hat zuletzt bei seinem Gaststart im Rebenland (auf Platz drei) und auch bei der Portugal-Rallye einen gewissen Reifeschritt gezeigt und sah in beiden Fällen die Zielrampe.

Oliveira, der von manchen als Bezahlfahrer bzw. Sohn aus reichem Hause belächelt wurde, hat mit seinem dritten Platz in Österreich gezeigt, dass auch die Paydriver der WM auf einem hohen Level partizipieren.

Für Mini Portugal tritt wieder der brasilianische „Unterhaltungskünstler“ Paul Nobre auf das Gaspedal des John Cooper Works Mini, sein Stallkollege Armindo Araujo möchte auf der sportlichen Ebene brillieren.

Formel 1-„Boxer“ Eliseo Salazar im Mini WRC

Interessant wird der Einsatz eines dritten Mini: Am Steuer sitzt der frühere Formel 1-Pilot Eliseo Salazar, der 1982 durch einen Boxkampf mit Nelson Piquet Weltruhm erlangte, als er beim Überrunden für den Ausfall des Brasilianers verantwortlich zeichnete.

Nach seiner wenig erfolgreichen F1-Karriere startete Salazar in der amerikanischen Indy Racing League, nach einem schweren Testunfall im Jahr 2002 wechselte er in den Sportwagen- und Rallyesport. Zuletzt nahm der 58-jährige auch an der Rallye Dakar teil.

Volkswagen wird wieder zwei Skoda Fabia S2000 zum Einsatz bringen – am Steuer sitzen Sebastien Ogier und der regierende IRC-Champion Andreas Mikkelsen.

Außerdem zählt die Rallye zur PWRC, bekannte Teilnehmer sind unter anderen Michal Kosciuszko, Nicolas Fuchs mit seinem argentinischen Beifahrer Fernando Mussano, Benito Guerra, Lokalmatador Marcos Ligato und das schwedische Damenduo Ramona Karlsson und Miriam Waldfridsson.

Daniela Ertl mit Armin Kremer in der Gruppe N

Und: Auch wenn Ilka Minor nicht in Argentinien antreten kann, ist Österreich auch bei diesem WM-Lauf vertreten.

Daniela Ertl, die sonst bei Andi Aigner aus dem “Gebetsbuch“ liest, wird an der Seite des Europameisters des Jahres 2001, Armin Kremer in einem Subaru Impreza Gruppe N-Boliden an dem WM-Lauf teilnehmen.

Das deutsch-österreichische Duo ist nicht für die PWRC eingeschrieben, wird aber in der Klasse 3 gewertet.

Drei unterschiedliche Etappen

Das Rallyehauptquartier befindet sich wie in den Jahren zuvor in Carlos Paz. Die drei Etappen sind unterschiedlich. Am ersten Tag, dem Freitag stehen die weitläufigen Landschaften des Punilla Valley nördlich von Carlos Paz auf dem Programm. Sechs Sonderprüfungen sind vorgesehen – die zweimal muss die mit 51,88 Kilometern zweitlängste Sonderprüfung absolviert werden.

Am Samstag wird in Richtung Süden gefahren, im Gebiet von Santa Rosa de Calamuchita. Die längste der zweimal drei Sonderprüfungen sowie der Superspecial (zwei Runden auf der SP „Amarok“), die SP „Intiyaco – Golpe de Agua“ beträgt immerhin noch beinahe 40 Kilometer.

Am Sonntag schließlich geht es in hohe Gebirgslagen – gleich am Morgen steht die besagte 65 Kilometer-Sonderprüfung auf dem Programm, die nur einmal bewältigt werden muss. Das Traslasierra-Gebirge wirkt wie eine Mondlandschaft, karg und schroff, mit großen Felsbrocken neben und auch auf der Strecke. Die SP „El Condor“ gehört zu den berühmtesten der Rallye-Weltmeisterschaft. Den Abschluss bildet die 4,15 Kilometer lange Powerstage „Amarok“, auf der wie immer Zusatzpunkte vergeben werden.

Schon am Donnerstag wird auf der 4,59 Kilometer langen Qualifying Stage zunächst ein freies Training und ab 10.58 Uhr Ortszeit das Qualifying abgehalten. Der Startschuss der Rallye erfolgt am Donnerstagabend um 20.08 Uhr Orstzeit mit zwei Runden auf der „Amarok“-Superspecialprüfung.

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