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Helden auf Rädern: Ikenga GT

Der Stamm der Techniker

Dass ein Auto – so flach und unrealistisch wie der Ikenga GT – keine echte Chance auf Realisierung hat, wird schon auf den ersten Blick klar. Die technischen Ideen hinter dem Konzept waren für die Zeit dennoch mehr als beeindruckend.

Roland Scharf

Kleinstserienhersteller aus England – ein scheinbar endloses Reservoir an Geschichten. Wobei wir es hier mit einem ganz speziellen Fall zu tun haben, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen hat es dieser Wagen nie in die Produktion geschafft. Zum anderen aber waren Features verbaut, die erst Jahrzehnte später zum Standard werden sollten. Und dann wäre da überhaupt noch die Geschichte an sich, die einfach erzählenswert ist.

David Gittens ist in New York geboren und kam während seiner Tätigkeit als Fotograf immer mehr mit dem Thema Auto in Berührung. Bis 1964 arbeitete er zum Beispiel für ein großes Automagazin in den Staaten, durfte also die schärsften Geräte dieser Zeit ablichten, was natürlich deutliche Spuren hinterließ. Und zwar solche, die ihn veranlassten, ins Vereinigte Königreich auszuwandern, um dort seine Vision vom ultimativen Sportwagen zu realisieren.

Was seine wahren Beweggründe waren, den Startschuss in England vorzunehmen, darüber lässt sich nur mutmaßen. Eine Quelle besagt, er wollte sich auf Produktfotografie spezialisieren, Jedenfalls fand er im Mutterland des Motorsports recht schnell die passende Basis für sein Fahrzeugprojekt. Ein alter McLaren-Elva lieferte das Chassis, Ken Sheppard, seines Zeichens Ingenieur aus dem Rennsport, kümmerte sich um die Realisierung. Da es seinerzeit Coach Builder in London fast an jeder Ecke gab, war auch das Thema Karosserie schnell geklärt. Williams and Pritchard durften sich um die Hülle kümmern, wobei das Design und letztlich auch der Name nicht einfach nur Aufmerksamkeit erregen sollten. Gittens berief sich hier vielmehr auf die Kultur seiner Vorfahren.

Die Igbos sind eine Ethnie, die im tropischen Regenwald in Nigeria beheimatet sind. Natürlich litten sie auch unter den britischen Kolonialherren, noch mehr aber unter den Sklavenhändlern. All diesen Ahnen wollte Gittens seinen Tribut zollen, weswegen die Karosserie die Form einer klassischen Maske haben sollte, die die Igbos zum Beispiel zu Hochzeiten gerne tragen. Natürlich benötigt man ein wenig Vorstellungskraft, um an diesem Urkeil von Auto einen Kopfschmuck zu erkennen. Und dennoch – für Gittens war die Form eindeutig: Man müsse sich die Karosse wie eine liegende Maske vorstellen. Der aufklappbare Cockpit-Part sind die Augen, die erhöhte Luftansaugung die Nase, und die Motorabdeckung der Mund.

Bei so viel Hirnschmalz hinter einem Konzept musste natürlich auch der Name reiflich überlegt sein. Man entschied sich für Ikenga GT, und zwar deswegen, weil Ikenga bei den Igbo das Wort für Erfolg, Leistung oder Errungenschaft ist. Ja und GT, weil es vor 60 Jahren einfach keine bessere Bezeichnung für einen sportlichen Zweisitzer gab – und das ist heute eigentlich auch noch so.

Das Chassis konnte relativ schnell adaptiert warden, man beließ sogar den sensiblen Rennmotor von Oldsmobile bei, der in späteren Inkarnationen des Ikenga dann durch den Rover-V8 mit 3,5 Litern Hubraum getauscht wurde. Wieder später vertraute man auf einen Chevy-Smallblock aus dem Camaro, wobei die Fahrleistungen so oder so für die damaligen Zeiten gewaltig waren. Bis 100 km/h vergingen fünf Sekunden, bis 160 11,5. 260 km/h soll die Endgeschwindigkeit gewesen sein. Aber um die Performance ging es bei diesem Projekt eigentlich nie wirklich. Gittens wollte eine ausfahrbare Klappe realisieren, die als Luftbremse agieren sollte. Ein Fernseher sollte ebenso drin sein wie eine Rückfahrkamera, abdunkelnde Scheiben, eine Art Telematik-System, das vor Problemen auf der Straße warnen sollte, und natürlich auch ein Kollisionswarner, wobei sich wirklich nicht herausfinden ließ, wie Gittens das 1968 verwirklichen wollte.

Ultraschall-Einparkhilfe und ein einklappbares Lenkrad wirken dagegen schon als durchaus realistisch, wobei die Frage natürlich bleibt, ob man mit diesen angeblichen Ausstattungsmerkmalen nicht einfach nur die Werbetrommel rühren wollte. Denn da war Gittens ein Großmeister. Nur ein Jahr nach der Lancierung der ersten Version folgte schon Auflage 2, natürlich auf dem gleichen Chassis, aber mit deutlich harmonischerer Karosserie. Und weil das vermutlich noch immer nicht reichte, folgte 1969 Generation 3, wieder auf dem alten McLaren-Chassis, und wieder mit einer neuen Hülle.

Was im Endeffekt daraus wurde? Der (oder die?) GTs tourten von Automesse zu Automesse, wurde(n) in England, Frankreich und zum Schluss auch in den USA ausgestellt. Es gab angeblich sogar einen betuchten Kunden aus dem Nahen Osten, der sich seinen ganz persönlichen Ikenga bauen lassen wollte, doch egal welche Pläne man auch wirklich verfolgte – es sollte nicht mehr dazu kommen. Ausgerechnet die Bank, in dessen Foyer der Ikenga GT Mk3 zum Schluss ausgestellt war, fungierte auch als größter Finanzier des Projekts, und behielt den Wagen gleich ein, als es darum ging, Gittens Firma zu liquidieren.

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