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Luxus trifft Genügsamkeit

Kunden und Regularien verlangen gleichermaßen nach Zügelung; auch bei Luxus-Marken wie Bentley. Die vorläufige Antwort, bis man in Crewe 2030 zum reinen E-Hersteller wird, ist naturgemäß ein Plug-in Hybrid. Aber passt das zusammen? Überbordender Luxus und sparsamer Antrieb? Naja ...

Johannes Posch

Bei einer Marke, wo noch vor ein paar Jahren schon ein Turbo-V8 als „Rückschritt“ und „Einstiegsmotor“ beschimpft wurde, mutet es merkwürdig an, den Wechsel auf nunmehr „noch weniger“ Zylinder als positive Entwicklung zu begreifen. Und tatsächlich muss man zugeben, dass dem Fyling Spur die von ihm erwartete, antriebstechnische Nonchalance als Plug-in Hybrid etwas abhandenkommt. Schickt man das massive Gaspedal auf Kuschelkurs mit dem Bodenblech, vermisst man ihn nämlich schon, den V8; den W12 überhaupt. Klar: 4,3 Sekunden auf Tempo 100 ist immer noch verflucht schnell. Doch während der Flying Spur Hybrid so auf bis zu 285 km/h klettert, klingt er doch angestrengt und etwas ruppig. Darf ein Bentley das? Hm ...

Also lieber runter vom Gas, Lenkrad locker lassen, Comfort- und E-Mode aktivieren, raus aus dem Überland und rein in die Wiener Innenstadt. Ja! So muss sich Bentley fahren anfühlen. Der 140 PS starke E-Motor reicht zum Mitschwimmen, die Lenkung ist leichtgängig, aber direkt und das Luftfederfahrwerk eliminiert die Pflastersteine unter unseren 22-Zöllern fast gänzlich aus der Wahrnehmung; taktil und auditiv gleichermaßen. Überhaupt: Die Geräuschdämmung ist fantastisch. Gespräche im Innenraum werden fast selbstverständlich nur in andächtiger Lautstärke geführt.

Deutsches Spenderherz
Doch was arbeitet da jetzt eigentlich hinterm natürlich beleuchteten sowie ein- und ausfahrenden Flying-B? „Ein Porsche-Motor!“, ruft der Zyniker. Und er hat irgendwie Recht. Man kennt das Gespann aus 2,9 Liter Biturbo-V6, E-Motor und 8-Gang ZF-Doppelkupplung ursprünglich aus dem Panamera. Auch in manchem Audi kam es bereits zum Einsatz. Ebenso im Bentley Bentayga Hybrid. Doch zur Verteidigung des Flying Spur: Nirgends ist es stärker. 544 PS stellen die 462 Pferde des Porsche ebenso locker in die Tasche wie die 449 des Bentayga. Nur braucht die Limo die Power auch; wiegt sie ja doch etwas über 2,5 Tonnen. Aber von nix kommt halt auch nix ...

Sogar das Knarzen ist edel
Egal ob man die Grundidee „Flying Spur Hybrid“ nun gut findet oder nicht; bei ruhiger Gangart ändert der Antrieb an den Luxus-Stärken des Autos rein garnichts. Außen wie innen ist der noble Engländer mit faszinierenden Hinguckern nur so gespickt. Die Silhouette ist zeitlos und imposant, die Scheinwerfer sind nichts Geringeres als Kunstwerke mit Zusatznutzen, das ausfahrende „Flying B“ eines ohne. Das Heck wirkt da schon fast fad, ehe man auf den zweiten Blick den Kniff mit dem „B“ in den Heckleuchten erkennt. Und dann schaut man ins Interieur. Aus all dem hochwertig poliertem, gefrästem und gebürstetem Metall, das hier für Bedienelemente und Zierelemente verwendet wurde, bauen andere ganze Kleinwagen. Dass bis zum Dachhimmel wirklich alles mit feinstem Leder bezogen ist, versteht sich da fast schon ebenso von selbst wie die vorn und hinten mannigfaltig verstellbaren Sitze und der großartige Klang des von Naim (natürlich auch Briten) entwickelten Soundsystems mit seinen 21 Lautsprechern und 2.200 Watt Leistung. Und der Trick mit den mittels Roll-Mechanismus wählbaren, drei „Modi“ des Armaturenbretts (Infotainment-Screen, drei Analog-Instrumente oder einfach blankes Holz), ist cool wie eh und je. Ja sogar die verwendeten Teppiche im Fußbereich sind so flauschig und weich, dass man daraus Bademäntel machen könnte; teure. Herrgott, sogar das z.B. im (überschaubaren) Kofferraum dann und wann bemerkte Knarzen wirkte nicht etwa billig, sondern erinnerte nur nobel-subtil an die im Auto steckende Handarbeit und gebot Ehrfurcht.

Zurück ins Cockpit für eine kurze "Bonusanmerkung": Das Elektronik- und Bedienungsangebot versucht sich nicht durch technologische Innovationen, sondern nobel-solide Funktion zu bewähren. Man darf es dabei durchaus als Klapps auf ein paar Finger in Ingolstadt verstehen, dass Bentley sodann Bedienelemente aus der letzten, nicht der aktuellen Audi-Generation verbaut hat. Die entsprachen wohl eher den Qualitäts-Vorstellungen der Engländer, die übrigens abseits vom Touchscreen durchgängig auf "echte" Tasten setzen.

Schnäppchen?
Zum Schluss noch ein paar Zahlen-Spiele: Die Akkus im Flying Spur fassen 14,1 kWh, sind mit maximal 7,2 kW wiederaufladbar, womit nach dem Anstöpseln an einer AC-Ladestation nach 2,5 Stunden ein leerer Akku wieder voll ist. Laut WLTP ermöglicht einem das 41 km elektrisches Fahren, laut unserer Erfahrung eher 30. Das reicht leider nicht für die passende Förderung, die beim Basispreis von über 200.000 Euro aber eigentlich eh kaum auffiele. Immerhin spar man sich aber die NoVA, womit der PHEV wenig überraschend die günstigste Möglichkeit ist, Flying Spur zu fahren. Apropos. Testverbrauch mit „leeren“ Akkus: 6,6 Liter und 12 kWh auf 100 Kilometer. Gar nicht schlecht ... Mit über 800 km Reichweite ist er übrigens auf dem Papier hier auch trotz kleinerem Tank mit Abstand der "weitreichendste" Flying Spur im Programm von Bentley. Einziger Haken: Viel Gepäck darf man nicht mithaben. Der ohnehin schon nicht unbedingt üppige Kofferraum (475 Liter) fasst durch die Akkus gerade noch 351 Liter. Aber moi: Nimmt das Gepäck halt die Entourage im zweiten Auto mit. Oder so.

Technische Daten:
Bentley Flying Spur V8 / Hybrid

Hubraum | Zylinder 3.996 cm3 | 8 / 2.894 cm3 | 6
Leistung 550 PS (404 kW) / 544 PS (306 + 103 kW)
Drehmoment 770 Nm bei 2.000–4.500/min / 750 Nm
0-100 km/h | Vmax 4,1 s | 318 km/h / 4,3 s | 285 km/h
Getriebe | Antrieb 8-Gang aut. | Allrad / 8-Gang aut. | Allrad
Ø-Verbrauch | CO2 12,7 l S | 288 g/km (EU6d) / 3,3 l S | 75 g/km (EU6d)
Kofferraum | Zuladung 475 l | k.A. / 351 l | k.A.


Das gefällt uns: die Details, das Fahrwerk, der Luxus
Das vermissen wir: V8-Hybrid- oder gleich voll-elektrischen Antrieb
Die Alternativen: PHEV? Audi A8, Mercedes S, BMW 7er; jeweils „lang“

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