ELECTRIC WOW

  • Motorline auf Facebook
  • Motorline auf Twitter

Gipfeltreffen mit Elektro Guzzi

Das jeweils Beste aus ihren Welten bieten die elektrischen Speerspitzen der Marken BMW und Mercedes. Bei allen Unterschieden warten das SUV iX und die Limousine EQS mit vergleichbaren Leistungen auf. Für die Gegenüberstellung haben wir uns musikalische Unterstützung geholt.

Mag. Severin Karl

Autofahren und Musik gehören für uns einfach zusammen: egal ob das Mixtape auf Kassette in den 80ern, die maximal 74 Minuten lange CD in den 90ern, die sorgfältig zusammengestellten USB-Sticks in den 2000ern oder die auf Wunsch endlosen StreamingPlaylists als jüngste Entwicklung. Unterwegs in zwei der aktuellsten Elektroautos dürfen es ruhig repetitive Sounds sein, denn die beiden Kolosse – der BMW iX bringt es auf 4.953 Millimeter und der Mercedes EQS auf 5.216 Millimeter – laden zu Langstreckenfahrten ein. Da passt so ein Soundtrack – vielleicht von Elektro Guzzi? Das heimische Trio spielt Live-Techno, also nicht mit Programmen am Laptop, sondern mit handfesten Instrumenten: Bass, Gitarre, Schlagzeug, dazu kommen ein paar Effektgeräte. Für unser Fotoshooting stand Mastermind Bernhard Hammer sofort bereit. Jakob Schneidewind, ebenso aus Wien, musste in letzter Minute krankheitsbedingt absagen, Bernhard Breuer, der einzige Oberösterreicher bei Elektro Guzzi, war verhindert.

Neue Zeitrechnung des Designs
Wir befinden uns also im Segment der Luxusfahrzeuge, allein die schiere Größe deutet darauf hin, dass Kunden daheim und am Arbeitsplatz einen fixen Parkplatz vorfinden. Beim Konzept unterscheiden sich BMW und Mercedes ganz offensichtlich: Die Bayern haben ein SUV auf die Räder gestellt, um ihre Elektro-Kompetenz zu untermauern, die Schwaben setzen für diesen Zweck auf eine Limousine. Ganz klar: Jede Marke bespielt ihre Lieblingsdomäne. Während BMW im Jahr 2021 mit dem X3 ganz klar die Charts der größeren SUV dominierte, führte Mercedes bei den Luxuslimousinen mit der S-Klasse haushoch, während das Segment selbst herbe Verluste hinnehmen musste. Wer die Geschichte der beiden Marken verfolgt hat, muss sich aber so oder so umgewöhnen. Hier beginnt eine neue Zeitrechnung des BMW- und Mercedes-Designs. Wobei sich BMW an der C-Säule ein Zitat des i3 nicht verkneifen kann. Das ikonische Elektromodell befindet sich gerade im Auslaufen. Und wie sieht es mit der persönlichen Präferenz des Musikers aus? „Der Mercedes ist für mich um einiges schicker, das runde Design erinnert mich an die DS, die bis in die 70er produziert wurde. Auch sie brachte damals viele technische Innovationen mit. SUV wie den BMW finde ich zwar grundsätzlich praktischer, aber vom Design lassen sie nicht so viel zu.“

Einfach mal Extras um 40.000 Euro
Automobile Verwöhnwelten kosten Geld, die Basispreise der Modelle sind jedoch nur so eine Art Empfehlung, wie die beiden Testwagen verdeutlichen. Beim Konfigurieren des Mercedes wurden so viele Kreuzchen gesetzt, dass er gleich 40.000 Euro schwerer des Weges kommt. War BMW zurückhaltender? Hier ist der Tester nur 20.000 Euro von der wirklich nicht kargen Basis entfernt. Fahren und Fühlen machen entsprechend Freude: Der nautikblaue EQS empfängt mit schwarzem Nappaleder, weißen Kedern und offenporigem Walnussholz, dazu kommt ein aufrechter Bildschirm als Infodisplay und etwas nach unten versetzt ein schräges Touchdisplay, das wasserfallartig in die Mittelkonsole übergeht. Ist ein Beifahrer an Bord, erwacht ein drittes Display, das sonst nur Sterne zeigt, zum Leben. Während der Fahrer vollflächig das Navi im Blick hat, kann der Beifahrer in den Musikdateien stöbern oder etwa EQ-Infos ablesen. BMW nennt den Metallic-Lack Individual Storm Bay, dazu kommt Loft Stonegrey als Interieur. Nix grau in grau, hier spannt sich bläuliches Rauleder über den Armaturenträger und die Türverkleidungen – am liebsten will man ständig drüberstreicheln. Zwar sind die beiden Displays in guter Sichthöhe etwas konventioneller, dafür sticht das ungewohnt geformte Lenkrad hervor.

Mercedes betont das Klassische, während der BMW auch innen mit schrägen Formen aufwartet. Der Elektro Guzzi-Blick fällt aber sowieso ganz woanders hin: Bowers & Wilkins (BMW) versus Burmester (Mercedes) heißt es beim Surround-Sound der beiden Kontrahenten. Eine Kostprobe vom neuen Album Triangle macht klar: Die hohe Kunst der tiefen Töne wird hier ebenso perfekt praktiziert wie sauberstes Konzertsaal-Surround-Feeling.

Einsteigen und losfahren
Platz haben wir genommen, jetzt geht es los: Beim BMW liegt der Startknopf im Kristalllook griffgünstiger, im Mercedes ist der unauffällige Starter etwas weit hinten angeordnet. Dafür findet sich davor eine große Ablage mit holzfurnierter Abdeckung und einen Stock tiefer eine weitere Ablage, wo auch die USB-C-Eingänge versteckt sind. BMW setzt auf Luftigkeit – wie in einem Van gibt es vor der Bedieneinheit reichlich Freiraum – und kleinteilige Ablagemöglichkeiten. Wer will, kann sein Smartphone aufrecht in die spezielle Halterung stellen. In jedem Fahrzeug finden sich alte Bekannte: Während bei BMW der iDrive-Controller bestens vertraut ist, hier in der schon erwähnten Kristalloptik, hat Mercedes den klassischen Lenkradstock für die Gangwahl beibehalten. Die Bedienelemente am Lenkrad machen bei beiden nicht wirklich glücklich: Beim iX funktioniert die Auswahl zwar immer einwandfrei, dafür fühlt sich der Kunststoff der Knöpfe etwas billig an. Bekannt sind die Touchtasten des EQS aus anderen Mercedes, ebenso deren Unschärfe im Bedienalltag. Den adaptiven Tempomaten nur ein bisschen langsamer zu stellen, gelingt nicht immer nebenbei.

Zum Thema „Einsteigen“ gehören natürlich die Türgriffe, bei denen die aerodynamische Gestaltung eine große Rolle spielt. BMW hat sich für Griffmulden entschieden, die durchaus gut zu greifen sind. Mercedes bringt ausfahrbare Griffe ins Spiel. Man sieht also sofort, ob das Auto versperrt ist oder nicht. Im Gegensatz zu den immer wieder gewöhnungsbedürftigen, einseitig heraus-fahrenden, dünnen Tesla-Griffen handelt es sich beim EQS um ordentliche Bügel. Da greift man gern zu!

Wer aussteigen will, muss beim BMW bewusst den Griff in die Hand nehmen, damit der Daumen automatisch auf den Entriegelungsknopf greift. Eine seltsame Lösung, die im Alltag durchaus nerven kann. Mercedes verzichtet auf einen Griff, mit der Mulde über die gesamte Türlänge zerrt man bei jedem Türschließen an der Innenverkleidung. Auch nicht gerade durchdacht.

Noch ein paar Details
Bevor wir zum Elektroantrieb kommen, gibt es noch ein paar Details zu besprechen. Thema Frunk: Einen vorderen Kofferraum suchen wir überall vergebens, dafür finden wir beim EQS eine Wartungsklappe vorn links, über die Scheibenwischwasser eingefüllt werden kann. Ob man es glaubt oder nicht, der Benz bietet auf dem Papier etwas mehr Kofferraumvolumen und scheint tatsächlich das besser nutzbare Ladeabteil zu bieten. „Da könnte man mit der Band schon auf Tour fahren“, bestätigt Bernhard. Die Ladekabel werden in beiden unter einem Zwischenboden verstaut.

Schnell laden, weit kommen
Pferdestärken, Beschleunigung, Spitzentempo: Hier liegen unsere Testautos nahezu gleichauf. Den großen Ausreißer liefert der nach Basispreis knapp 37.000 Euro teurere Mercedes: In seiner Batterie stecken 36,8 nutzbare kWh mehr, was laut WLTP für insgesamt 780 Kilometer gut ist. Dazu kommt die Möglichkeit, neue Energie mit 200 kW (BMW: 150 kW) in die Zellen zu schießen. Schnellladen von zehn auf 80 Prozent läuft so trotz größerem Speicher in der gleichen Zeit ab. Auch beim Rekuperieren hat der EQS die Nase vorn, da Lenkradpaddles schnelle Auswahl garantieren. Beim iX muss man kurz in ein Menü abtauchen. Mit gefühlt watteweichem Schwebefahrwerk und extremer Agilität durch die mitlenkende Hinterachse gelingt komfortables Reisen mit Stern. Mit Propeller über einer großen Niere ist man dafür auch auf schlechten Wegen gut unterwegs, Allradantrieb ist bei jedem iX Serie. Bei unseren winterlichen Testrunden sind wir auf 22,6 kWh (BMW) bzw. 16,9 kWh (Mercedes) gekommen.

Übrigens: Bei der Wahl der Location wollten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Am Dach der Parkgarage der Wiener Messe sollte den beiden Elektroboliden ein verspäteter „Messeauftritt“ – die Regierungsmaßnahmen bezüglich Covid-19 sorgten ja für die Absage der letzten Vienna Autoshows – ermöglicht werden. Zweitens sind Elektro Guzzi gewohnt, auf Dächern zu spielen: siehe „FM4 Summer Session mit Elektro Guzzi“ auf YouTube. Sturmwarnungen machten die Idee zunichte. So mussten wir mit Kompromissen leben – wie die Käufer von EQS und iX, denn von perfekt sind sogar die beiden Luxusautos noch ein Stückerl entfernt.

Das Resümee
BMW und Mercedes zeigen, wie unterschiedlich man Elektroantrieb und höchsten Luxus kombinieren kann. Hier das SUV mit eindrucksvollem Auftritt und immer Allradantrieb, dort die Limousine, die bestmöglich durch den Wind schlüpft. Zur Flexibilität: Beim BMW gibt es neben unserem Modell 40 noch den 50 und den M60, beide mit 105,2 kWh Batteriekapazität. Mercedes bietet zwei Hinterrad-Varianten (darunter den 450+) an, das Basismodell wartet mit einer 90,6-kWh-Batterie auf, alle anderen bis hinauf zum AMG EQS 53 4Matic+ Dynamic Plus mit der auch hier getesteten großen Batterie (107,8 kWh). Ab dem EQS 580 ist Allrad dabei. Mit den kleineren Batteriekapazitäten und der günstigeren Motorentechnologie (Stromerregte Synchronmaschine) liegen die Bayern im Preiskapitel tendenziell immer unter den Mercedes-Pendants mit PSM (Permanenterregte Synchronmaschine). Der Qualitätsanmutung tut das keinen Abbruch, hier wird man mit beiden Modellen glücklich. Sehr glücklich!


Technische Daten:
BMW iX xDrive40
Leistung | Drehmoment
326 PS (240 kW) | 630 Nm
0–100 km/h | Vmax 6,1 s. | 200 km/h
Getriebe | Antrieb 1-Gang aut. | Allrad
Reichweite (max.) | Batterie 372–425 km (WLTP) | 71 kWh
Ø-Verbrauch (min.) 19,4–22,5 kWh/100 km (WLTP)
Ladedauer AC | DC ca. 8 h1 | ca. 31 min (10–80 %)
Kofferraum | Zuladung 600–1.750 l | 645 kg | 2.500 kg gebr.
Garantie Fahrzeug | Batterie 2 Jahre | 8 Jahre/160.000 km
Basispreis | NoVA 79.350 (inkl.) | 0 %

Mercedes-Benz EQS 450+
Leistung | Drehmoment
333 PS (245 kW) | 568 Nm
0–100 km/h | Vmax 6,2 s | 210 km/h
Getriebe | Antrieb 1-Gang aut. | Hinterrad
Reichweite (max.) | Batterie 780 km (WLTP) | 107,8 kWh
Ø-Verbrauch (min.) 16,6–19,8 kWh/100 km (WLTP)
Ladedauer AC | DC ca. 10 h | ca. 31 min (10–80 %)
Kofferraum | Zuladung 610–1.770 l | 465–545 kg | 750 kg
Garantie Fahrzeug | Batterie 2 Jahre | 10 Jahre/250.000 km
Basispreis | NoVA 115.880 (inkl.) | 0 %

Ähnliche Themen:

News aus anderen Motorline-Channels:

Weitere Artikel:

Europas erster E-Kombi ist ein Volltreffer!

MG5 Luxury Maximale Reichweite im Videotest

Wir haben den MG5 Luxury Maximale Reichweite, also den mit 61,1 kWh-Akku und 115 kW/156 PS in Top-Ausstattung, zum Test gebeten.

Detailblick auf den Nissan Ariya

Mit Vollgas neue Wege

Für Nissan ist der Ariya nicht einfach nur ein weiteres Elektroauto. Für die Marke stellt er einen Neubeginn dar, mit neuer Technik, neuer Optik und neuem Image.

Das Standard Konnektivitätspakete läuft nach 8 Jahren ab

Tesla ab sofort ohne lebenslangem Konnektivitätspaket

Der Stichtag war der 20. Juli 2022. Seit diesem Tag ist das Standard Konnektivitätspaket eines Tesla Model S, 3, X oder Y nicht mehr lebenslang ohne Zusatzkosten für Käufer verfügbar, sondern muss nach acht Jahren bezahlt werden.

Schon 1947 ging es los

Nissans Geschichte der Elektroautos

Die Elektromobilität blickt auf eine lange Geschichte zurück. Der japanische Autohersteller Nissan lässt in die Archive schauen, zeigt ältere Elektromodelle, erzählt, was sie schon alles konnten und verweist auf technologische Meilensteine.

Renault hat sich mit dem französischen Designer Pierre Gonalons zusammengetan, um den legendären Renault 5 anlässlich dessen 50. Geburtstags mit etwas ganz Speziellem hochleben zu lassen. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist der Renault 5 Diamant, ein elektrisches Showcar, das die Welten der Innenarchitektur und des Automobils miteinander verbinden soll.

Wo gibt es die meisten Ladesäulen?

Mit dem E-Auto in den Urlaub

Wer mit einem Elektroauto in den Urlaub starten will, steht schnell vor der Frage, wie es um die Ladeinfrastruktur in unseren Nachbarländern bestellt ist. Die spanische Seat-Tochter Cupra hat Tipps fürs Reisen im E-Auto zusammengestellt und zeigt, wie gut das Netz aktuell in Europa ausgebaut ist.