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Formel 1: EXKLUSIV

Alex Wurz im Gespräch mit motorline.cc

Alex Wurz spricht über die legendären Funksprüche des Kimi Räikkönen, die Stärken von RBR und verrät, warum Williams eine gesicherte Zukunft hat.

Michael Noir Trawniczek
Foto: Walter Vogler

Im Rahmen seines Auftritts bei der Vienna Sportwagenshow im Kaufhaus Riverside nahm sich Alex Wurz Zeit für ein Interview, dabei wurden auch jene Fragen integriert, die unsere Leserschaft zuvor auf Facebook ausrichten ließ. Jenen Teil, der die Langstrecken-WM betrifft, finden Sie in unserem Motorsport-Channel oder über die Navigation rechts oben.

Einer unserer Leser wollte wissen, ob du bei der ‚Siegessause‘ von Kimi Räikkönen dabei warst und wie es war?

Gott sei Dank war ich da nicht dabei, sonst hätte ich sicher eine Woche lang Kopfschmerzen gehabt – ich bin noch in derselben Nacht nachhause geflogen zu Frau und Kind.

Die leicht ‚angepissten‘ Funksprüche des ‚Iceman‘ haben bereits so etwas wie einen Legendenstatus erlangt – in Wirklichkeit sind das ja nur die Highlights, welche die TV-Regie herauspickt. Kann man sich das so vorstellen, dass Räikkönen davor tatsächlich mehrmals mit der immer gleichen Anweisung genervt wurde?

Naja, beim Kimi muss man eines sagen: Der ist so, wie er ist – aber er ist auch ein cleverer Bursche, der es versteht, seine Marke ‚Kimi Räikkönen‘ zu präsentieren und genau so lebt er sie aus. Er hat ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Ingenieuren, er hat seinen Ingenieur von McLaren mitgenommen, der Marc Slade ist jetzt bei ihm. Kimi weiß ganz genau, wie wichtig der Ingenieur für ihn ist.

Wenn er ihn dann so runterputzt mit diesen Funksprüchen, dann ist das schon authentisch und eben typisch, markenidentisch für Kimi Räikkönen – das beschert uns Momente des Schmunzelns. Aber zugleich weiß er natürlich, dass er den Ingenieur braucht, manche Informationen sind für ihn sehr wichtig.

Aber halt nicht „every second“…

Genau. Der Mark wird ihn wahrscheinlich schon zwei Runden vorher mehrmals informiert haben, was hinten läuft und wenn er dann an der Boxenmauer nervös wurde und ihm dann noch einmal diese Info gesagt hat, dann hat es dem Kimi eben gereicht und so kam es zu dem Spruch: ‚Leave me alone – I know what I have to do‘.

War das bei dir auch mal der Fall, dass dich Funksprüche genervt haben?

Natürlich.

Mit einer ähnlich patzigen Antwort an den Herrn Ingenieur?

Ja, ich habe zum Beispiel einmal in Brasilien in einem Rennen einen Funkspruch auf eine Art und Weise beantwortet, die sich sehr gewaschen hat und die auch nicht jugendfrei war…

Willst du es uns verraten?

Nein.

Schade.

Das hat für etwas Aufruhr gesorgt in einer Kultur von Japanern und Deutschen. Aber so etwas kommt immer mal vor. Bei Kimi hat es halt sehr gut gepasst, ich finde das schon okay so.

Mich wundert, dass man in einem Formel 1-Auto überhaupt so viel reden kann. Da gab es doch früher zumindest immer wieder diese Aussagen, dass man auf Strecken wie in Monaco kaum zum Atmen kommen würde, wie kann man dann so viel am Funk reden?

Es ist schon sehr anstrengend, aber talentierte Fahrer mit einem gewissen Level an Fitness schaffen das.

Ein anderer Leser sandte keine Frage, sondern einfach ein Kompliment an dich und Ernst Hausleitner: Eure TV-Kommentare sind top, lässt er ausrichten.

Da bedanken wir uns sehr herzlich für das Lob – wir werden uns umso mehr bemühen und der Druck steigt natürlich.

Kann man sagen, dass ihr beide durch eure Arbeit Freunde geworden seid?

(lacht) Wir sind doch keine Freunde. Wir sind Erzfeinde. Im Ernst: Natürlich sind wir Freunde – was auch wichtig ist, sonst würde es nicht so gut ankommen.

Fernando Alonso fordert regelmäßig, beinahe schon verzweifelt Neuentwicklungen von Ferrari – glaubst du, dass Ferrari heuer und auch 2013 mit dem, was Red Bull Racing mit Adrian Newey vorlegt, technisch mithalten kann?

Sicher. Grundsätzlich schon. Nur musst du halt bei Red Bull Racing die Idealkonstellation sehen. Ein Team, das budgetmäßig nicht eingeschränkt ist. Ein Team, das auch keine Sorgen hat über das Morgen, wie es bei anderen Hersteller/Werksteams durchaus der Fall ist. Bei Ferrari jetzt weniger, aber bei Mercedes trifft das zu. Da musst du dich immer fragen: Setzt der Vorstand morgen den Rotstift an? Und das zieht sich von A bis Z durch.

Red Bull Racing hat mit dem nicht vorhandenen Budgetproblem vor vielen Jahren den Adrian Newey gekauft, man hat die ganze Struktur des Teams rund um ihn aufgebaut. Dann hat man einiges an Lehrgeld gezahlt im Laufe dieser Zeit. Dafür hatte man in den letzten drei Jahren ein Sensationsauto. Das heuer Schwierigkeiten hatte, aber jetzt wieder zurück gefunden hat in die überdimensionale Form.

Aber es können andere Teams sehr wohl schaffen, dort hin zu kommen. Du brauchst dir nur die Performance von McLaren anschauen, die heuer von der reinen Rundenzeit-Performance äußerst gut ausschauen aber sehr viele technische Probleme hatten, dazu kamen Fahrerkarambolagen und sehr viele schlechte Boxenstopps. Es braucht eigentlich nur jemanden, der ähnlich effizient arbeitet wie Red Bull, mit einem ähnlichen Budget – dann kann sich das sehr wohl sehr schnell umdrehen.

Alle sprechen vom Stardesigner Adrian Newey – die sogenannte ‚breite Masse‘ könnte den Eindruck erhalten, dass es außer dem Adrian Newey gar niemanden mehr gibt. Wen würdest du, wenn du Teamchef wärst, an Bord holen, außer Adrian Newey? Welche Techniker wären deiner Meinung nach von einem ähnlichen Kaliber?

Das ist eine Frage der Philosophie. Würde ich jetzt ein Team leiten und wissen, dass mein Stardesigner vielleicht in drei oder vier Jahren endgültig weggeht, dann würde ich mich jetzt dramatisch darum bemühen, dass das Reglement so angepasst wird, dass die Stärken, die ich jetzt habe, noch weiter meine Stärken bleiben können. Und alle anderen Bereiche, wo ich weiß, dass meine Gegner vielleicht Stärken haben – da würde ich versuchen, die politische Landschaft für mich zu gestalten. Das versuchen auch alle Topteams ständig zu machen, glaube ich. Das wäre eigentlich die wichtigste Maßnahme.

Um also ein starkes Team wie Red Bull Racing zu schwächen, müsste ich mich als Konkurrenzteam massiv für eine technische Abrüstung einsetzen?

Ganz genau, ja. Aber da haben wir gesehen: Diese Abrüstung ist ohnehin schon im Gange. Wir haben ein Testverbot, weil jene Teams, die damals endlos getestet haben, ihren technischen Vorsprung mit dem Testverbot für viele Jahre eingefroren haben. Diese Abrüstung wäre also mein Hauptaugenmerk – zudem würde ich schauen, dass ich über das nötige Geld verfüge, um den Staringenieur von morgen zu kaufen. Oder auch, um aus guten Gefügen anderer Teams wichtige Personen herauszukaufen – ohne dass ich diese Personen unbedingt brauche, einzig um den anderen zu schaden.

Jetzt hast du heuer zum ersten Mal bei Williams die Fahrer betreut – wie ist dein Resümee?

Es war okay, es ist interessant – es hat bei einigen Rennen mehr gebracht als bei anderen. Ich habe aber immer gesagt, ich kann nur dort einsetzen, wo ich ein Wissen habe, um das Produkt zu verbessern. Aber wenn es eh gut läuft mit dem Ingenieur und mit der Fahrerpaarung, wie das bei manchen Rennen der Fall war, ist mein Beitrag eben geringer. Was wir heuer geschafft haben ist, dass wir fast bei keinem einzigen Rennen von einem Fahrer den Kommentar hatten, dass das Setup schlecht war, da haben wir uns alle im Team sehr zusammengerauft…

Weil er es nicht gesagt hat oder weil das Setup wirklich nicht schlecht war?

Weil sie immer gesagt haben, dass das Setup sehr gut war, dass es gepasst hat. Aber eine gute Frage…

Wir haben vom Reifenmanagement her sehr gut ausgesehen. Insofern ist unterm Strich die Bilanz positiv. Es sagt auch das Team, dass sie mich weiter haben wollen. Ob ich es weiter in dieser Form machen werde, weiß ich nicht. Weil eigentlich meine Expertise weit höher ist im Formel 1-Segment als ein Fahrercoach.

Das war jetzt für ein Jahr sehr interessant und sehr wichtig, auch für den Toto [Wolff, d. Red.], der mich da um Hilfe gebeten hat. Es war vielleicht auch für mein Fahrertrainingsbusiness sehr hilfreich, als Marketingmaßnahme, das muss ich auch ganz ehrlich sagen.

Es ist vielleicht ein Kickstart einer neuen Industrie und Denkensart in der Formel 1, das ist mir auch Recht – aber mein Lebensziel ist es nicht, jahrelang Fahrercoach zu sein. Sondern ich hatte vorher schon immer Ambitionen, in Führungsebenen tätig zu sein. Und daran ändert sich nichts.

Also eher künftige Fahrercoaches ausbilden?

Das tun wir eigentlich bereits mit der Firma Test & Training – weil wir in unserem normalen Segment auch Highperformancecoaches ausbilden. Den Motorsport habe ich mir da bislang immer reserviert – für mich und ganz wenige Freunde, die auch in den unteren Segmenten unterwegs sind. Aber das ist ein eher schwieriges, weil sehr kleines Segment. Aber es ist nicht ausgeschlossen.

Kann Williams-Renault im nächsten Jahr weiter aufsteigen, schafft man den Weg zurück zu einem absoluten Topteam?

Ich hoffe, dass wir von der Performance her mindestens gleich gut sein werden oder auch besser. Eine Performance, die heuer ja zum Teil auch für Top-Positionen gereicht hat, inklusive Rennsiege. Wichtig ist, dass wir konstant in den Punkten landen, denn dann steigen wir automatisch auf in den Bereich, in dem wir eigentlich sein sollten, auf Platz vier oder fünf. In diesem Bereich sind wir im Augenblick zuhause.

Kann man sagen, dass der einzige Schwachpunkt bei Williams das Budget ist?

Das würde ich nicht sagen – denn wir haben heuer in einigen Rennen Punkte verschenkt. Es waren ein paar Fahrerkarambolagen, das muss man akzeptieren. Weil die Fahrer müssen ja auch irgendwann einmal ihren Charakter bilden und diesen zurechtstutzen, das haben alle anderen auch gemacht, auch ein Vettel oder Schumacher. Manche mehr, manche weniger. Budget würde immer helfen – was aber wichtig ist: Dass Williams finanziell auf einer sehr gesunden Basis steht. Sollte eine weitere Rezession in der Formel 1 kommen, dann wird Williams weit länger überleben als alle anderen.

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