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Wird der Silberdrachen gezähmt?

In Shanghai dreht sich alles um Motorleistung, Hybridaufladung, Reifenmanagement – und die Frage: Wer wird Zweiter hinter Mercedes?

Kaum ein Land zieht das Interesse der Automobilindustrie so auf sich wie China. Die boomende Wirtschaft im "Reich der Mitte" hat den bevölkerungsreichste Staat der Erde zu einem begehrten Absatzmarkt für Modelle aller Segmente gemacht – klar, dass die Marketingmaschinerie der Formel 1 dort aktiv ist. Seit 2004 zählt der International Circuit vor den Toren Shanghais zum Kalender, beliebt ist die "Königsklasse" bei den Chinesen aber nicht.

Der Zuschauerzuspruch bleibt seit geraumer Zeit hinter den Erwartungen zurück, auch die Stimmung auf den Tribünen und im riesigen Fahrerlager lässt zu wünschen übrig. "Man weiß nie so recht, was man erwarten darf – nur einen gigantischen Stau auf dem Weg zur Strecke", meint Lotus-Pilot Romain Grosjean schmunzelnd. In der Peripherie der 23-Millionen-Metropole ist nicht nur der Verkehr gigantisch.

Der allgegenwärtige Smog macht den Menschen zu schaffen, auf der in einem Industriegebiet gelegenen Anlage ist die Belastung besonders hoch – von den politischen Restriktionen eines sozialistischen Staates mit kapitalistischen Gepflogenheiten ganz zu schweigen. Das Wetter ist stets für eine Überraschung gut. Obwohl am Wochenende von Freitag bis Sonntag Temperaturen von bis zu 23 Grad Celsius erwartet werden, besteht während des Qualifyings ein Regenrisiko.

Typisch: die "Schneckenkurve"

Die von Hermann Tilke entworfene 5,451 km lange Strecke lieferte in der Vergangenheit auch ohne Niederschlag spannende Rennen. Der Rundenrekord datiert aus dem Jahre 2004 und gehört Michael Schumacher, der im Ferrari in 1:32,238 benötigte. Zuletzt waren die Autos mehr als zwei Sekunden langsamer, und es ist zu erwarten, dass sich die Zeiten mit Beginn der Turbo- und Hybridära sowie wegen des reduzierten Abtriebs weiter erhöhen. Bei den Höchstgeschwindigkeiten darf man gespannt sein, was die neuen Antriebsstränge zu leisten imstande sind – 320 km/h scheinen realistisch.

Charakteristisch für den Kurs sind die anspruchsvolle "Schneckenkurve", ein immer enger werdendes 270-Grad-Rondell unmittelbar nach der Start- und Zielgeraden, sowie die lange Gegengerade, die mit knapp 1,3 Kilometern die längste im gesamten Formel-1-Kalender ist. Hier bietet sich die beste Überholmöglichkeit, schließlich wird am Ende für eine Haarnadelkurve hart abgebremst. Öfters hat es dabei schon gekracht. Überholen ist in Shanghai einfacher als andernorts, weshalb nur fünf von elf Siegern ihren Erfolg von der Pole Position aus errangen.

Abgesehen von den zwei längeren Geraden gibt es für die Piloten wenig Möglichkeiten, sich zu erholen. Ein Mix aus langsamen und schnellen Kurven ist in kurzer Abfolge zu meistern und lädt zu Fehlern ein. Nicht nur das macht die Strecke zu einer der schwierigeren im Kalender, auch die Motorentechniker haben ordentlich Arbeit. Auf 20 Prozent der Strecke fahren die Autos unter Vollast, an den kritischen Stellen sind die Systeme zur Energierückgewinnung besonders gefragt. Wer durch Hitze und Kinetik nicht genug recycelt, fällt ins Turboloch.

Reifen größerer Faktor als Sprit

Hinzu kommen Taktikspielchen. Weil die Aufladung der Speicher relativ lange dauert, wird es nicht möglich sein, jede Runde unter Zuhilfenahme der kompletten Zusatzenergie zu absolvieren. Es gilt, mit der Power hauszuhalten und sie im richtigen Moment zu nutzen. Überdies sollten die Piloten auch ein Auge auf die Reifen werfen. Zwar ist der Asphalt sehr glatt, und die niedrigeren Temperaturen sind eine Erleichterung, trotzdem gilt der Kurs als anspruchsvoll für die Pneus.

Vor allem auf das linke Vorderrad wirken enorme Kräfte, sodass der Schlüssel zu einer ökonomischen Fahrweise ausnahmsweise nicht das Achten auf die Hinterreifen ist. Pirelli liefert die Mischungen Soft und Medium, die Italiener wählen somit die mittleren Versionen aus ihrem Portfolio; eine Dreistoppstrategie ist für den Großteil des Feldes wahrscheinlich. Der Spritverbrauch dürfte den Teams weniger Sorge bereiten, schließlich macht der Shanghai International Circuit die Aggregate nicht besonders durstig.

Nur 55 Prozent der Bahn werden mit Vollgas absolviert, Melbourne oder Bahrain waren eine deutlich härtere Prüfung. Eher kommt das Safety Car ins Spiel. Bei den bisherigen Ausgaben des Grand Prix von China rückte das Führungsfahrzeug in 43 Prozent der Fälle aus. Auch wenn die gelben Flaggen von den Streckenposten geschwenkt werden, wird wohl ein Mercedes in Führung liegen – zu überlegen präsentierten sich zuletzt Lewis Hamilton, der in Shanghai 2008 und 2011 im McLaren gewann, und Nico Rosberg, der China-Sieger 2012.

Mercedes als klarer Topfavorit

Auch an der Stätte des ersten "Silberpfeil"-Triumphs der zweiten Werksteamära stellt sich eigentlich nur die Frage: Welcher der beiden Fahrer hat die Nase vorne? Nachdem Hamilton in Australien von einem technischen Defekt ausgebremst wurde, präsentierte er sich in Malaysia und insbesondere in Bahrain trotz schlechterer Reifen fahrerisch in besserer Form als der Deutsche. Rosbergs Elf-Punkte-Führung in der WM könnte weiter schrumpfen, schließlich will sich Mercedes laut Co-Teamchef Paddy Lowe nicht per Stallorder einmischen.

Sebastian Vettel und RB Racing werden auf der Motorenstrecke Shanghai erleben, wie groß ihre oft gelobten Fortschritte mit dem Renault-Aggregat wirklich gewesen sind. Der amtierende Weltmeister kehrt an jenen Ort zurück, der ihm in der Vergangenheit Glücksmomente beschert hat. Als Toro-Rosso-Junior demonstrierte er 2007 im Regen mit einem vierten Platz sein Talent, zwei Jahre später siegte er erstmals für sein jetziges Team. Doch die Vorzeichen stehen nicht gut: In Bahrain war der RB10 auf der Geraden 15 km/h langsamer als die "Silberpfeile", angeblich fehlen 80 PS.

"Allein auf Start/Ziel haben wir rund eine Sekunde verloren", erklärt Helmut Marko im Gespräch mit Sport Bild. Umgerechnet auf die lange Gegengerade in China sind 1,3 Sekunden zu erwarten, was in den Kurven kaum zu kompensieren ist. Für das Überholen ist das Manko ohnehin Gift. So kann man aus Sicht des britisch-österreichischen Rennstalls nur hoffen, dass Daniel Ricciardo das Scheitern der Berufung in der Benzinaffäre gut verdaut hat und der junge Australier seinem etablierten Teamkollege weiter so viel Druck macht wie bisher.

Benvenuto, Marco Mattiacci!

Mit flauem Gefühl im Magen dürfte es für Ferrari nach China gehen, schließlich war die Scuderia in Bahrain in allen Belangen unterlegen und durfte sich am Ende glücklich schätzen, dass es überhaupt Punkte gab. Spritverbrauch und Reifenverschleiß verursachen Sorgenfalten – und in China zeigte nicht zuletzt Kimi Räikkönen 2012, damals noch im Lotus, wie schnell nachlassende Pirellis für massiven Positionsverlust sorgen. Da hilft es wenig, dass mit dem Finnen und Fernando Alonso zwei frühere Shanghai-Sieger am Volant drehen.

Bei den Italienern wird außerdem das Debüt des neuen Teamchefs Marco Mattiacci mit Spannung erwartet, Wunder wird der 43jährige aber auf Anhieb nicht vollbringen. Wahrscheinlich bleibt Ferrari sogar hinter den Mercedes-Kunden zurück, die sich derzeit mit RB Racing um den dritten Platz hinter dem Stuttgarter Werksteam streiten. Im Dreikampf zwischen Force India, Williams und McLaren ist vor allem das hochgelobte Team aus Woking unter Zugzwang, nachdem Ausfälle die Truppe nach einem vielversprechenden Saisonstart zurückgeworfen haben.

Force India im Aufwind

Für Jenson Button und Kevin Magnussen sprechen Updates am MP4-29, aber nicht mehr die noch 2013 so gelobten Blitzboxenstopps. Force India hingegen verfügt nicht nur über zwei Piloten in starker Form, sondern auch über eine tadellose Boxencrew – in Bahrain war im Durchschnitt kein Team bei der Abfertigung so schnell. Ist also auch Hülkenberg endlich reif für das erste Podium seiner Formel-1-Karriere, nachdem Sergio Pérez in Bahrain vorgelegt hat?

Williams könnte aus der unzulänglichen Vorbereitung in den freien Trainings gelernt haben und den nächsten Angriff auf das Podium starten – vorausgesetzt, der kritische Reifenverschleiß spielt mit, und Valtteri Bottas spart sich seine Fahrfehler. Bei Sauber starten Esteban Gutiérrez und Adrian Sutil mit geringen Aussichten auf Punkte ins Grand-Prix-Wochenende. Für den Deutschen ging es zuletzt eher darum, einen laut ihm unfahrbaren Boliden überhaupt auf Kurs zu halten, als ihn zu zählbaren Ergebnissen zu steuern ...

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