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Grand Prix von Australien

Droht alter Wein in neuen Schläuchen?

Ein überarbeitetes Reglement soll für Spannung sorgen; ob Ferrari auch im Wettbewerb mit Mercedes mithalten kann, bleibt abzuwarten.

Das erste Formel-1-Rennen des Jahres, der Grand Prix von Australien in Melbourne an diesem Wochenende, wird nicht alle Fragen hinsichtlich der neuen (oder alten) Kräfteverhältnisse restlos beantworten, aber die Teams erstmals ihr wahres Tempo offenbaren lassen. Wer die Favoritenrolle innehat und was das überarbeitete Regelement bewirken kann, soll in dieser Vorschau untersucht werden.

Die meisten Experten sind sich einig, dass der Topfavorit weiterhin Mercedes heißt, obwohl der "Silberpfeil" bei den Qualifyingsimulationen im Rahmen der zwei Wintertestwochen in Barcelona im Vergleich zu Ferrari den Kürzeren zog. Die Deutschen dürften das ganze Potenzial des W08 noch nicht gezeigt – sprich: absichtlich gebummelt – haben, um die Konkurrenz im Dunkeln tappen zu lassen, doch anhand der überragenden Topspeedwerte wurde klar: Mercedes hat weiterhin den leistungsstärksten V6-Hybridantrieb im Heck.

Auch die Zuverlässigkeit, 2016 einziges Manko, wurde im Winter verbessert. Kein Team spulte in Katalonien mehr Kilometer ab, in keiner Box musste weniger repariert werden, während der Ferrari SF70H mit einigen Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte. Doch wird Neuzugang Bottas in der Lage sein, das Tempo von Lewis Hamilton mitzugehen? "Was ich bis jetzt gesehen habe, ist Valtteri bis auf zwei Zehntel an Lewis' Qualifyingperformance herangekommen", sagte Teamaufsichtsrat Niki Lauda gegenüber seinem Teilzeitarbeitgeber RTL. Umkehrschluss: Bottas fährt im Normalfall nicht um Pole Positions und Rennsiege mit.

Mercedes und Ferrari schieben einander Favoritenrolle zu

Ferrari hat Lauda hingegen auf der Rechnung; nur naive Menschen glaubten, dass Mercedes wieder spielerisch siegen würde, mahnte der Österreicher. Auch Hamilton rechnet mit wehrhaften Italienern: "Sie sind sehr nahe dran, wenn nicht sogar schneller." Selbst bei Kimi Räikkönens Bestzeit in Barcelona soll der SF70H mit Spritreserven im Tank und härteren Reifen nicht alles gezeigt haben. Sebastian Vettel weißt die Favoritenrolle von sich: "Mercedes ist das Team, das es zu schlagen gilt."

Erste Aufklärung muss der Albert Park in Melbourne liefern: Der 5,3 Kilometer lange Kurs wird durch zwei schnelle Geraden, harte Bremspunkte und langsame Kurven bestimmt, in denen mechanischer Grip zählt. Sie machen dem Ferrari laut Vettel noch Probleme und lagen in den vergangenen Jahren eindeutig Mercedes besser, das in Australien seit 2014 ungeschlagen ist. In Sachen Reifen- und Bremsenverschleiß gilt die Strecke in einem Naherholungsgebiet im Süden der Metropole als moderat, womit es noch mehr auf die echte Leistungsfähigkeit der Boliden ankommen dürfte.

Alles läuft also auf ein Duell zwischen Mercedes und Ferrari hinaus, Red Bull Racing dürfte derzeit bestenfalls Nummer drei sein. Den Aggregaten von Renault mangele es an Leistung und Zuverlässigkeit, monierte wieder einmal Motorsportberater Helmut Marko im Gespräch mit der offiziellen F1-Website, wollte aber in Adrian Neweys RB13 ein aerodynamisches Aushängeschild erkennen, das wegen seiner simplen Bauweise weniger anfällig für Luftverwirbelungen sei und besser überholen könne als seine Konkurrenten.

Stimmt das, könnte das schon in Barcelona auf 'Long Runs' starke Team Defizite im Qualifying möglicherweise in den Rennen kompensieren. Ein ERS-Update von Renault soll Besserung bringen, damit es Daniel Ricciardo beim Heimspiel im sechsten Anlauf zum ersten Mal aufs Podium schafft. "Die Leute sagen: 'Vielleicht bist du der erste Australier, der dort gewinnt.' Das setzt einen schon ein wenig unter Druck", erzählt der Rennfahrer aus Perth. Hohe Erwartungshaltungen kennt Max Verstappen nur allzu gut; es bleibt abzuwarten, ob der 19jährige in seiner ersten vollen Saison für das Team wieder so unbekümmert aggressiv auftritt.

Aufhängungen ein Fall für die technischen Kommissare?

RB Racing könnte jedoch von der Konkurrenz vor die Sportkommissare gezerrt werden, weil es genau wie Mercedes auf eine angebliche "Wunderaufhängung" setzt, die seine Autos aerodynamisch beeinflussen soll, was verboten wäre. Ein namentlich nicht genannter Rennstall (laut Autosport aber das Renault-Werksteam) musste deshalb bereits zurückrüsten; gut möglich, dass z.B. Ferrari protestiert und damit eine allgemeingültige Entscheidung heraufbeschwört.

Hülkenberg und Wehrlein in neuen Teams Außenseiter

Im dichten Mittelfeld sollte Williams die Nase vorne haben. Dem aus dem Ruhestand zurückgeholten Felipe Massa liegt das neue Reglement, weil es noch mehr Grip bietet. Er wolle wieder um die Podestplätze kämpfen, bekannte der Brasilianer. Sein Teamkollege, Rookie Lance Stroll, hat sich nach anfänglichen Problemen etwas gefangen. Eine zu harte Nuss für Nico Hülkenberg in seinem ersten Rennen für Renault? Der Deutsche sieht die anderen vier bisher genannten Teams klar in Front, deshalb seien WM-Punkte für ihn schwierig.

Zur Wehr setzen müssen sich die Franzosen auch gegen Haas, Toro Rosso und Force India – vielleicht überdies gegen Sauber mit dem Neuzugang Pascal Wehrlein? Nach verkürzten Testfahrten ist die RoC-Rückenverletzung des Ex-DTM-Champions abgeklungen, der C36 erwies sich als zuverlässig. Jedoch fehlt es dem Vorjahresmotor von Ferrari an PS, was die Schweizer in Barcelona zum langsamsten Team werden ließ; dennoch sei der Deutsche beeindruckt, dass es so gut gelaufen sei. McLaren dürfte nach den Honda-Debakeln der letzten Wochen trotz der versprochenen Updates aus Japan nur darauf hoffen, überhaupt das Ziel zu erreichen.

Das Wetter gehört zu den großen Unbekannten in Melbourne – nicht nur, weil der australische Spätsommer launenhaft sein kann, sondern weil die Teams mit den breiteren Reifen noch keine Erfahrung bei höheren Temperaturen gesammelt haben. Ersten Prognosen zufolge soll die große Hitze ausbleiben und der Saisonauftakt bei sonnigen 25 Grad Celsius stattfinden; Regen wird nicht erwartet. Mit den weichsten Mischungen 'ultrasoft', 'supersoft' und 'soft' wurde eine offensive Auswahl getroffen.

Die Reifen haltbarer, der Benzinverbrauch höher?

Bewahrheiten sich die Eindrücke der Testfahrten, könnten Strategien mit nur einem Boxenstopp dennoch möglich sein. Wenn die langlebigeren Reifen die Piloten nicht einbremsen, dann vielleicht erhöhter Spritverbrauch? Breitere Reifen, mehr Luftwiderstand und mehr Vollgas auf der Runde deuten darauf hin, dass die Fahrer trotz des neuen 105-Kilogramm-Benzinlimits vom Gas gehen werden müssen, zumal Melbourne als verbrauchsintensive Strecke gilt. In puncto Einsparungspotential war Mercedes dank der Dominanz der eigenen Triebwerke in den vergangenen Jahren federführend und könnte somit einen ungeahnten Joker zücken.

Eine weitere Unbekannte ist die höhere physische Belastung für die Piloten. Zwar haben alle ihre Rennsimulationen im Rahmen der Testfahrten ohne körperliche Probleme absolviert und sollten sich über den Winter entsprechend vorbereitet haben, die erhöhten Fliehkräfte dank der durch mehr Abtrieb gesteigerten Kurvengeschwindigkeiten könnten etwa bei Hitze aber dennoch für Probleme im Cockpit sorgen. Ziel war es, auf dem Podium verschwitzte Fahrer präsentieren zu können, doch könnte Ermüdung auch Fahrfehler oder einbrechende Rundenzeiten bewirken?

Gemessen an dem, was auf dem Circuit de Catalunya zu beobachten war, dürften sie um gute drei Sekunden fallen. Fraglich ist, wie gut sich mit den überarbeiteten Autos überholen lässt: Sie sind etwas breiter und verursachen für den Hinterherfahrenden durch höheren Abtrieb mehr Luftverwirbelungen; somit könnte das DRS, die Überhol- bzw. Vorbeifahrhilfe der modernen Formel 1, sogar noch wichtiger werden. Eine weitere "Hürde" für die Piloten: Ein neues Startprozedere mit nur noch einem Kupplungshebel, der für mehr Schwierigkeiten beim Anfahren sorgen könnte.

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