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Grand Prix von Ungarn

Mercedes: Drei Punkte, die weh tun können

Mercedes winkt Valtteri Bottas kurz vor Ende des Ungarn-Grand-Prix wieder an Lewis Hamilton vorbei: Fairer Sportsgeist, der sich am Ende rächen könnte.

Wenn die Formel-1-Saison 2017 Ende November in Abu Dhabi zu Ende geht, könnten möglicherweise viele Blicke zurück auf dem 30. Juli 2017 und den Großen Preis von Ungarn auf dem Hungaroring bei Budapest gerichtet werden. Und auf eine Entscheidung von Mercedes, mit dem das Team vielleicht manche Sympathie gewonnen hat, aber am Ende die Fahrer-Weltmeisterschaft verlieren könnte. Denn in der letzten Runde ließ sich Lewis Hamilton nach erfolgloser Jagd auf die Ferraris von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen wieder hinter Teamkollege Valtteri Bottas auf Platz vier zurückfallen und kassierte so nur 12 statt möglicher 15 WM-Punkte.

"Das war die schwierigste Entscheidungen, die wir in den vergangenen fünf Jahren treffen mussten", sagt Sportchef Toto Wolff über die Situation, die der Endpunkt eines für Mercedes sehr problematischen Rennens war. Von den Plätzen drei und vier waren Bottas und Hamilton am Start nicht nach vorne gekommen. Hamilton fiel im Gegenteil hinter Red-Bull-Pilot Max Verstappen zurück.

Während sich sich Vettel und Räikkönen an der Spitze absetzen, herrscht in der Mercedes-Box plötzlich helle Aufregung. Denn Ingenieure und Teamverantwortliche guckten im sprichwörtlichen Sinne in die Röhre. "Unser Datensystem ist zusammengebrochen. Wir hatten keinerlei Kommunikation auf unserer 'Fantasy Island'. So nennen wir die Mittelkonsole", erklärt Wolff. "Wir hatten keinen Funk, keine Daten, kein TV-Bild."

Blackout in der Mercedes-Box

Wie sich schließlich herausstellte, war ein Glasfaserkabel gebrochen und hatte die IT und mit ihr auch den Boxenfunk lahmgelegt. So konnte die Box zwar mit Hamilton sprechen, der Brite aber nicht mit seinem Renningenieur. "Wir haben mit Lewis über die Boxentafel Kontakt gehalten und versucht, zu kommunizieren in der Hoffnung, dass er es hört. Dann haben wir es wieder zum Laufen gebracht."

Das war aber erst nach dem einzigen planmäßigen Boxenstopp der Fall. Nachdem der Funk wieder lief, konnte Hamilton seiner Box mitteilen, dass der Reifenwechsel bei ihm noch lange nicht notwendig gewesen wäre. "Meine Reifen waren noch gut, ich hätte viel länger fahren können", funkte er. Und machte dem Team klar, dass er deutlich schneller als der vor ihm platzierte Bottas fahren kann: "Ich habe jede Menge Pace. Schaut, dass ich sie nutzen kann."

Das war umso entscheidender, da Vettel an der Spitze wegen eines schief stehenden Lenkrads zu diesem Zeitpunkt langsamer als die Mercedes-Piloten fuhr, Ferrari aber keine Veranlassung sah, den offensichtlich schnelleren Räikkönen an ihm vorbeizulassen. So konnten Bottas und Hamilton aufschließen, wobei Hamilton der Schnellere der beiden war.

Hamiltons vergebliche Jagd auf die Ferraris

In Runde 46 bekam Bottas dann die Anweisung, Hamilton vorbeizulassen, was der Finne am Ende der Start-Ziel-Geraden überdeutlich tat. "Er war der schnellere Mann zu dem Zeitpunkt", sagt Wolff über Hamilton. "Allerdings glaube ich, dass Valtteri seine Pace gemanagt hat, weil er gesehen hat, dass wenn er nahe an den Ferraris dran ist, es nicht vorbeigeht. Wir wussten es nicht. Lewis hat schneller ausgesehen, deshalb haben wir ihn vorbeigelassen."

Bottas bekam jedoch von der Box die beruhigende Versicherung: "Wenn Lewis nicht an Räikkönen vorbeikommt, lässt er dich wieder vorbei." Hamilton schloss zunächst zum Ferrari-Duo auf, fand aber keinen Weg an Räikkönen vorbei. Nach seiner Einschätzung auch deshalb, weil er zuvor seine Reifen bei der Fahrt hinter Bottas ein Stück weit ruiniert hatte. "Ich weiß nicht, wie viele Runden ich hinter ihm hing, aber das hat meinen Reifen nicht gut getan", sagt Hamilton.

Wenige Runden vor Rennende war dann allen, inklusive Mercedes und Hamilton selbst klar, dass Räikkönen nicht mehr zu knacken ist. Nun warteten alle Beobachter gespannt darauf, ob das Team und Hamilton die Zusage einhalten werden und Bottas wieder vorbeilassen. Das war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so einfach, denn der Finne lag gut sieben Sekunden hinter Hamilton zurück und bekam von hinten Druck.



Hamilton verzichtet auf das Podium

"Verstappen kam immer näher, und wir wollten auf keinen Fall den vierten Platz verlieren", sagt Wolff. Und auch Bottas selbst wusste, dass der große Abstand dem Team die Entscheidung nicht leichter machen würde. "Als die Lücke am Ende größer wurde, habe ich mir ein paar Sorgen gemacht", gibt er zu. Doch Mercedes fand eine Lösung: "Wir haben ihn (Hamilton; Anm. d. Red.) über die Abstände auf dem Laufenden gehalten und haben ihm gesagt, wo die richtigen Stellen wären. Wir sind dann übereingekommen, dass es in der letzten Runde in der letzten Kurve am besten ist, weil Verstappen dann die geringsten Chancen hatte", erklärt Wolff.

Und dort fuhr Hamilton dann in der letzten Runde tatsächlich zur Seite und ließ zur Überraschung vieler Beobachter seinen Teamkollegen vorbei auf Platz drei. "Ich stehe zu meinem Wort. Ich habe gesagt, dass ich ihn wieder vorbeilasse, wenn ich es nicht packe", sagt Hamilton. "Das war bei sieben Sekunden Vorsprung aber schwierig, ich hatte Angst, dass ich hinter Verstappen zurückfalle." Bei Bottas überwog am Ende die Erleichterung. "Danke an Lewis, dass er das Versprechen gehalten und mich vorbeigelassen hat", sagt er. "Ich glaube, das hätte nicht jeder Teamkollege gemacht."

Wolff wurde angesichts dieser sportlichen Entscheidung seines Teams nach dem Rennen geradezu pathetisch: "So etwas hat noch kein Team gemacht - speziell mit dem Mann, der in der Weltmeisterschaft vorne liegt. Aber das ist der Geist, den wir im Team haben. Mit diesem haben wir drei WM-Titel geholt und werden noch weitere holen", erklärt er feierlich.

Toto Wolff: Sportsgeist wichtiger als kurzfristige Erfolge

Allerdings passen diese Wort nicht zu den Bildern, die die TV-Kameras nach Rennende in der Mercedes-Box einfinden. Als Hamilton Bottas vorbeiließ, war Wolff nämlich alles andere als begeistert. Wütend schlug er mit der Hand auf den Tisch und diskutierte in heftigem Ton mit Niki Lauda. Ganz so einige schienen sich die beiden Mercedes-Granden bei der Abwägung von sportlichem Erfolg vs. Fair Play nicht gewesen zu sein.

Denn Wolff weiß nur zu gut, dass diese Entscheidung am Saisonende unter Umständen auf das Team zurückfallen kann. "Es können am Ende zwei oder drei Punkte abgehen und dann wird jeder sagen, dass diese Punkte in Budapest verloren gegangen sind, weil das Team eine vermeintlich sportliche Entscheidung getroffen hat", sagt er. "Dann werde ich der Erste sein, der zugibt, dass das ein Eigentor war. Aber dazu stehen wir."


Denn Mercedes, so der Sportchef, sei nicht nur alleine der sportlichen Erfolge wegen in der Formel 1 engagiert, sondern wolle dort auch gewisse Werte des Unternehmens vermitteln. "Wir fahren nicht im Kreis, weil es so viel Spaß macht, sondern weil wir damit unsere Marke promoten und Autos verkaufen wollen. Das ist ein langfristiges Projekt", sagt er.

"Wir haben gesehen, welche negativen Auswirkungen kaltherzige, rücksichtslose Entscheidungen auf das Image einer Marke haben können", meint er. "Man kann zwar sagen: Wenn wir am Ende die Meisterschaft gewinnen, interessiert das keinen mehr. Hauptsache wir stehen in den Geschichtsbüchern. Aber uns geht darum, auf die richtige Art und Weise zu gewinnen. Zu solchen Prinzipien zu stehen, kann manchmal verdammt hart sein. Und das war heute auf jeden Fall so."
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