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Grand Prix von Österreich

Verstappen lässt Spielberg beben

Die Analyse des Rennens: Wie cool Max Verstappen am RB-Ring gewonnen hat und wie Mercedes den sicher scheinenden Sieg verlieren konnte.

Der "halbe Lokalmatador" Max Verstappen hat vor 70.000 Fans, davon knapp 20.000 in Orange gekleidet, den Grand Prix von Österreich auf dem RB-Ring in Spielberg gewonnen. Sebastian Vettel (Ferrari) belegte den dritten Platz, übernahm aber in der Weltmeisterschaft 2018 wegen des Ausfalls seines schärfsten Kontrahenten Lewis Hamilton (Mercedes) wieder die Führung.

Verstappen legte den Grundstein für den vierten und wahrscheinlich schönsten bisherigen Triumph seiner Karriere in der 15. Runde, als er während der virtuellen Safety-Car-Phase zum Reifenwechsel kam. Red Bull und Ferrari nutzten die Gelegenheit, die sich durch den Ausfall des zu jenem Zeitpunkt zweitplatzierten Valtteri Bottas (Mercedes) bot - Spitzenreiter Hamilton aber fuhr an der Box vorbei.

Ein folgenschwerer Fehler von Mercedes-Chefstratege James Vowles, der sich noch während des Rennens am Boxenfunk entschuldigte: "Das habe ich verpennt. Du musst es jetzt wieder richten!" Und tatsächlich sah es so aus, als habe Hamilton noch eine Chance, denn durch seinen Boxenstopp in Runde 25 fiel er zwar auf Platz vier hinter Verstappen, Daniel Ricciardo (Red Bull) und Kimi Räikkönen (Ferrari) zurück, sein Rückstand betrug - mit frischeren Reifen - aber nur 7,5 Sekunden.

Frühe Signale für Mercedes' schwarzen Sonntag

Doch es war noch nicht einmal Halbzeit im Grand Prix, da meldete Hamilton zum ersten Mal: "Ich habe das Gefühl, mir geht Power verloren." Auf der Stoppuhr merkte man davon zunächst nichts. Aber von da an wurde es nicht mehr besser: In Runde 39 quetschte sich Vettel am Mercedes vorbei, in Runde 52 erklärte Hamilton, dass seine Reifen nicht halten - worauf er noch einmal an die Box kam und hinter Ricciardo auf Platz fünf zurückfiel.

Endstation dann in Runde 63 vor der Schlossgold-Kurve: Benzindruck. Für Mercedes der zweite Doppelausfall in der Hybrid-Ära seit 2014, der erste seit der legendären Kollision in Barcelona 2016. "Ein wirklich schlimmer Tag für uns. Es ist alles falsch gelaufen, was nur falsch laufen kann", seufzt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Bereits in Runde 14 hatte er Polesetter Bottas mit einem Hydraulikschaden verloren.

Als klar war, dass Hamilton kein Gegner mehr ist, hatte Verstappen nur noch zwei. Erstens die beiden Ferraris - Räikkönen war zuvor an Ricciardo vorbeigegangen -, und zweitens die Reifen, die bei fast allen Piloten Blasen zogen. Was die Strategen - auch jene von Mercedes - nicht schnallten: Brendon Hartley (out/Toro Rosso) bewies mit einem 54-Runden-Stint auf Ultrasoft, wie lange die Pirellis haltbar waren - und das noch dazu mit konstanten Zeiten.

Im Finish wurde es noch einmal knapp ...

Hamilton & Co. waren damit beschäftigt, über ihre Reifen zu meckern, da funkte Verstappen ganz cool: "I'm feeling good, don't worry!" Papa Jos sagt: "Vorne fahren ist einfacher, als wenn man attackieren muss. Max hat das gut gemanagt." Räikkönen kam mit einer Rekordrunde (1:06.957 Minuten) am Ende zwar noch bis auf 1,5 Sekunden heran, letztendlich hatte Verstappen die Situation aber unter Kontrolle.

RB-Motorsportkonsulent Helmut Marko, am Samstagabend beim Schlossbergball in seiner Heimatstadt Graz noch als Ehrenbürger ausgezeichnet, war sichtlich gerührt, als die österreichische Bundeshymne erklang ("Der Heimsieg ist fast wie eine WM!"), und selbst "Oberbulle" Dietrich Mateschitz, sonst kein Freund öffentlicher Auftritte, ließ es sich nicht nehmen, Verstappen persönlich zu gratulieren. Für ein paar Minuten stand Spielberg völlig Kopf.

Aber der Sieg war schwieriger, als er nach außen aussah: "Es war extrem knifflig, die Reifen zu managen. Wir mussten da sehr danach schauen", sagt Verstappen. Aus dem RB-Doppelsieg, nach dem es zwischenzeitlich ausgesehen hatte, wurde aber nichts. Bei Ricciardo gab es ein Problem mit dem Auspuff, das ihn in der 54. Runde an vierter Stelle liegend aus dem Rennen beförderte.

Daniel Ricciardo: Fairer Verlierer

"Für RBR, das Team, Herrn Mateschitz und die orangene Armee ist es der perfekte Tag. Da stelle ich mich nicht her und rede drüber, wie arm ich an meinem Geburtstag bin. Ich wäre gern da oben gestanden, ganz ehrlich. Aber ich hatte Monaco. Ich hoffe, sie genießen es. Insgesamt war es bisher ein gutes Jahr für uns", zeigt sich Ricciardo als sportlich fairer Verlierer.

Dass im Jubel um sein Ex-Team fast untergeht, dass er - um einen Punkt - der neue WM-Leader ist, kann Sebastian Vettel verschmerzen. Auch, dass Ferrari auf eine Teamorder verzichtet hat ("Kimi, you are free to push!"). Denn nach der ersten Kurve im Rennen lag Vettel nur an neunter Position, und in der zweiten Kurve fuhr er gleich noch einmal neben die Strecke. Wenn ihm da jemand P3 angeboten hätte, hätte er wahrscheinlich zugeschlagen.

"Ich hatte keinen Platz mehr", sagt Vettel, "und in Kurve 2 das Gleiche nochmal in Grün. Also kämpfte ich plötzlich mit Renault und Haas und verlor in der Anfangsphase Boden. Beim Boxenstopp verloren wir noch einmal Zeit, aber danach war das Reifenmanagement sehr gut. Insgesamt ein positiver Tag, auch wenn es vielleicht ein bisschen besser hätte sein können."

Ferrari: Schwierige Anfangsphase

Zu Beginn sah es noch so aus, als würde Ferrari eine üble Klatsche kassieren, als Ricciardo in Runde 20 an Räikkönen vorbeiging. Bei fast 50 Grad Asphalttemperatur war es für Ferrari ein Nachteil, im ersten Stint die weicheren Reifen als Mercedes und RBR zu haben. Doch nach dem Boxenstopp wendete sich das Blatt - für viele unerwartet: "Kein Mensch hätte hier mit Blasen gerechnet", wundert sich ORF-Experte Alexander Wurz.

Dass drei der sechs Topautos ausschieden, eröffnete Chancen für Nachzügler. Und so kam das Haas-Team mit einer tadellosen Leistung zu einer späten Wiedergutmachung für den verpatzten Saisonauftakt in Australien: Romain Grosjean wurde Vierter, Kevin Magnussen Fünfter. Dass die beiden eine Runde Rückstand hatten und Magnussen den Boxenstopp genau wie Hamilton verschlief, tat der Freude keinen Abbruch.

Hinter den beiden Haas landeten die beiden Force Indias, Achter wurde - nach Start aus der Boxengasse - Fernando Alonso (McLaren), und Charles Leclerc und Marcus Ericsson (beide Sauber) fuhren auf P9/10 ins Ziel - mit Platztausch in der letzten Runde. Interessante Randnotiz: Zum ersten Mal in dieser Saison fuhren alle sechs Fahrzeuge mit Ferrari-Motor in die Punkteränge.

Nico Hülkenberg (Renault) hätte in diesem Rennen möglicherweise eine gute Rolle spielen können, denn er lag vor den Force Indias an neunter Position, als er bei Start und Ziel einen kapitalen Motorschaden verzeichnete. Die Kollision zwischen Pierre Gasly (11./Toro Rosso) und Stoffel Vandoorne (15./McLaren) blieb ungestraft. Und Carlos Sainz (Renault) kämpfte so sehr mit den Reifen, dass nicht mehr als Platz zwölf drin war.

Für die Fans war der Grand Prix von Österreich das bisher vielleicht beste Rennen der Formel-1-Saison 2018. Schon vor dem Start herrschte bei der österreichischen Bundeshymne Gänsehaut-Atmosphäre, und in der ersten Runde ging's gleich richtig zur Sache: Räikkönen hätte beinahe die Führung übernommen, wurde dann aber von Bottas und später Verstappen sehenswert ausgekontert. Es war nur der Anfang eines actionreichen Nachmittags.

In der Fahrer-WM spielt Spielberg-Sieger Verstappen trotzdem keine Rolle mehr: Nach neun von 21 Rennen hat er auf Leader Vettel 53 Punkte Rückstand. Vettel führt mit 146 Zählern vor Hamilton (145), Räikkönen (101) und Ricciardo (96). Bei den Konstrukteuren liegt nun Ferrari mit 247 Punkten vor Mercedes (237) und Red Bull (189).

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Rennbericht Rennbericht Stunk bei RBR: Ricciardo genervt Stunk bei RBR: Ricciardo genervt

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