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Grand Prix von Mexiko

"Unfahrbar": Piloten kritisieren Reifen

Die weichen Reifen sind der Belastung in Mexiko nicht gewachsen und lassen keinen echten Fahrbetrieb zu, klagen die Formel-1-Fahrer, Pirelli hält dagegen.

"So macht das keinen Spaß", sagte Pierre Gasly nach dem Freien Training zum Grand Prix von Mexiko in Mexiko-Stadt. Der Toro-Rosso-Pilot war einer von vielen Formel-1-Fahrern, die sich im Anschluss an die Probefahrten am Freitag lautstark über die Pirelli-Reifen beschwerten. Der Grund: Die weichste Mischung im Angebot, Hypersoft, war bereits nach nur wenigen Runden verschlissen und die Fahrzeuge rutschten danach nur noch um den Kurs. Wieder einmal bekam Formel-1-Lieferant Pirelli viel Kritik ab.

Neben Gasly ("Ich würde das nicht als Rennfahren bezeichnen") fand auch dessen Toro-Rosso-Teamkollege Brendon Hartley deutliche Worte für den Leistungsabfall der Pneus nach kurzer Distanz: "Im Longrun fahren wir um zehn Sekunden langsamer. Es fühlt sich an wie eine andere Rennklasse." Laut WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton von Mercedes sind die Reifen im Training regelrecht "dahingeschmolzen", bei Romain Grosjean und Haas seien sie schon in der zweiten Runde "auseinandergefallen".

Das Phänomen, das hier jeweils beschrieben wird, heißt Graining - das Körnen der Reifen, weil sie zu sehr belastet werden. Dabei entstehen Gummiflocken, die die Lauffläche des Reifens verkleben und so den Grip dramatisch verschlechtern. Einziges Gegenmittel: Langsamer fahren. Doch das will in der Formel 1 aus verständlichen Gründen niemand tun. Schon gar nicht, wenn nicht mal das entscheidend Abhilfe schafft, wie die Piloten im Freitagstraining festgestellt haben - und wenn Graining bereits nach nur wenigen Kilometern auftritt.

Warum Mexiko einzigartig ist im Kalender

"Du fährst einfach nur herum und versuchst, auf der Strecke zu bleiben. Das ist kein Rennfahren", meint Grosjean. "Du probierst nämlich nur, die Runde irgendwie zu meistern. Es geht gar nicht darum, schnell zu fahren, denn du hast einfach keinen Grip. Du könntest genauso gut mit Regenreifen im Trockenen fahren."

Doch warum ist das so? Pirelli-Sportchef Mario Isola nennt mehrere Gründe und vor allem die besonderen Bedingungen in Mexiko, wo aufgrund der Höhenlage von 2.200 Metern über Meeresniveau ganz andere Spielregeln gelten als andernorts. Durch die dünnere Luft reduziert sich auch der Abtrieb, den die Fahrzeuge generieren, was wiederum Auswirkungen darauf hat, wie sehr die Reifen belastet werden. Und aufgrund des geringeren Sauerstoffgehalts der Luft in Mexiko-Stadt überhitzen sowieso alle Komponenten leichter.

Außerdem wäre da noch die Tatsache, dass das Autodromo Hermanos Rodriguez über das Jahr hinweg "nicht oft" befahren werde, sagt Isola. "Vor allem im ersten Training war die Strecke noch sehr grün. Und am Vormittag war es auch noch kühler." All dies habe das Auftreten von Graining begünstigt. In der zweiten Einheit am Nachmittag sei der Effekt zwar nicht verschwunden, aber zumindest nur noch in reduziertem Umfang aufgetreten. "Weil die Teams dann aber auch Volltanktests gefahren sind, trat Graining wieder leichter auf", erklärt Isola. Klingt wie ein Teufelskreis.

Ist der Reifen erstmal hinüber...

Praktisch - und ohne Shitstorm - stellte sich die Situation für die Fahrer dar, wie es Williams-Mann Sergei Sirotkin ganz nüchtern schildert: "Im Prinzip ist [die Hypersoft-Mischung] ein Reifen für nur eine Runde. Denn du kannst ihn kaum herunterkühlen, sonst fährst du nur im ersten Gang herum, also unheimlich langsam. Und selbst dann sinkt die Temperatur nicht." Was laut Gasly nur eine Konsequenz hat: "Wir cruisen nur durch die Gegend, um die Reifen zu schonen. Du kannst weder bremsen noch ordentlich einlenken oder Gas geben."

All dies macht sich vor allem auf der Stoppuhr bemerkbar. "Schon in der zweiten Runde verlierst du zwei Sekunden, am Ende bist du acht Sekunden langsamer", meint Grosjean und liegt damit nicht weit neben der Einschätzung der Toro-Rosso-Fahrer, die von einem Einbruch um zehn Sekunden gesprochen hatten. Pirelli-Sportchef Isola aber hält den Zeitverlust für nicht so dramatisch. Zwei Sekunden nach nur 4,3 Kilometern, das sei "ein bisschen viel", wie er sagt. "Wenn du dein Tempo etwas kontrollierst, dann dürften es vielleicht 0,3 Sekunden sein."

Das sei "viel Verschleiß", betont Isola, und "mehr als sonst". Doch Pirelli habe ein solches Szenario prinzipiell erwartet. "Unsere Reifenwahl für Mexiko" - Supersoft, Ultrasoft und Hypersoft - "ist eine sehr aggressive. Das kam also nicht unerwartet, zumal wir bei Hypersoft um zwei Grade weicher sind als noch im vergangenen Jahr." Alles, um dem Formel-1-Rennen in Mexiko-Stadt ein bisschen Pfiff zu verleihen. Und das scheint mit Blick auf die möglichen Rennstrategien auch zu funktionieren: Statt auf eine Einstoppstrategie, wie sie inzwischen bei den meisten Grands Prix Usus ist, läuft es in Mexiko laut Isola wohl auf mindestens zwei Reifenwechsel hinaus. Schließlich ist der Hypersoft im Rennen kaum zu gebrauchen.

Einstoppstrategie möglich oder nicht?

Die große Frage wird am Sonntag also lauten: Wer kann den Wechsel auf eine härtere Mischung so lange hinauszögern, um doch nur einmal an die Box zu fahren? "Gehst du mit Hypersoft ins Rennen, dann kann man sich einen sehr kurzen ersten Stint vorstellen", sagt Isola. "Aber 60, vielleicht 65 Runden mit Supersoft wäre schon ein sehr langer zweiter Stint. Andererseits ist der Zeitverlust in der Boxengasse [mit gut 17 Sekunden exklusive Standzeit] einer der größten im Kalender. Deshalb wird man wahrscheinlich versuchen, mit nur einem Stopp durchzukommen."

Diese Aussicht könnte zu einem überaus unterhaltsamen Rennen führen, glaubt Hamilton. "Es wäre schon cool, wenn alle mit Hypersoft losfahren würden. Dann würden alle im ersten Stint Schwierigkeiten kriegen." Er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass die Reifenleistung bereits nach vier Runden dramatisch einbreche, Renault-Pilot Carlos Sainz hat die Lebensdauer von Hypersoft mit "fünf bis zehn Runden" beziffert - "je nach dem, wie viel Druck du machst oder wie sehr du dein Tempo reduzierst". Klingt ganz nach einem Eiertanz mit ungewissem Ausgang.

Dabei wird die Entscheidung über die Rennstrategie eigentlich schon im Qualifying getroffen, mit der Wahl der Reifen für die schnelle Runde in Q2. Die Pneus, mit denen sich ein Fahrer für Q3 qualifiziert, müssen bekanntlich beim Start auf dem Auto sein - und wären bereits dann hinüber, wie Hamilton andeutet: "Eine gezeitete Runde geht, dann vielleicht noch eine zweite." Sainz spricht sogar von einem "Risiko", im Qualifying die Hypersoft-Mischung zu nutzen. "Es könnte sich lohnen, in Q3 zu fahren, oder eben nicht." Ab Startplatz elf eröffnen sich mit freier Reifenwahl schließlich ganz neue Möglichkeiten.

Besser "nur" Ultrasoft in Q2

Was Pirelli darüber denkt? Isola legt den Teams den Ultrasoft-Reifen für Q2 nahe, als "eher konservative Wahl" für den Start ins Rennen. Er sieht die Situation aber wesentlich weniger dramatisch als viele Fahrer. Denn: "Am Sonntag fällt der Verschleiß üblicherweise um etwa 50 Prozent geringer aus als am Freitag." Natürlich nur, sofern es trocken bleibt und die Strecke immer mehr Gummiabrieb aufnimmt. "Es kommt aufs Wetter an", sagt Isola nicht ohne Grund - Regen ist sowohl für Samstag als auch für Sonntag prognostiziert. Und das könnte alle Planungen (und Sorgen) über den Haufen werfen.

Auch die Abstände der unterschiedlichen Mischungen könnten im Rennen ganz anders aussehen als im Training. Laut Isola liegen 0,7 Sekunden zwischen Hypersoft und Ultrasoft sowie 0,4 Sekunden zwischen Ultrasoft und Supersoft - jeweils pro Runde. "Das entspricht mehr oder weniger unseren Erwartungen", erklärt der Pirelli-Sportchef. "Warum die Abstände hier geringer sind? Das liegt an der kürzeren Strecke und an der langen Geraden, wo die Reifenmischung ohnehin keine Rolle spielt."

Und vielleicht gibt die Hypersoft-Mischung die Hauptrolle in Mexiko bis zum Sonntag noch ab. Valtteri Bottas etwa sieht die Lage ganz entspannt: "Wir sehen hier jedes Jahr, dass die Reifen am Freitag rapide abbauen. Am Samstag wird es meistens ein bisschen besser." Darauf wird Isola hoffen. Genau wie das Gros der Formel-1-Piloten.

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