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Grand Prix von Australien

Aus der Sinnkrise aufs Siegerpodest

Sein harter Weg an die Spitze der Formel-1-WM: Drei Monate nach dem Tiefpunkt seiner Karriere gewinnt Valtteri Bottas den Grand Prix von Australien.

Viele hatten Valtteri Bottas schon abgeschrieben, und man konnte ihnen dafür noch nicht einmal einen Vorwurf machen. Ende 2018 hatte er von 21 Rennen kein einziges gewonnen, mit dem schnellsten Auto der Formel 1. Und während sein Teamkollege mit 408 Punkten souverän Weltmeister wurde, landete er selbst in der WM an fünfter Stelle. 161 Punkte dahinter.

Es waren nicht nur die Experten, die an Bottas zweifelten. Es war auch Bottas selbst. "Versetzt euch in meine Lage", sagt er nach dem bisher größten Triumph seiner Karriere beim Saisonauftakt in Melbourne. "Ich hatte große Ziele, und ich habe sie nicht erreicht. Du bist weit unter deinem Performance-Niveau. Das steckst du nicht so leicht weg."

Der Finne musste 2018 eine ganze Menge wegstecken. Den Reifenschaden beim vierten WM-Lauf in Baku, ohne den er das Rennen gewonnen und die WM-Führung übernommen hätte. Den Getriebeschaden in Spielberg. Die Stallorder in Sotschi, an die er, so behauptet er zumindest, bei der Triumphfahrt in Melbourne nicht gedacht hat.

Ende vergangenen Jahres ließ sich Bottas von all dem auffressen. Besonders Sotschi nagte an ihm. Obwohl er wegen einer Absprache vor dem Rennen glaubte, dass er gewinnen darf, wurde er von Teamchef Toto Wolff zurückgepfiffen. Ausgerechnet von jenem Toto Wolff, der ihn später als "Wing-Man" bezeichnen sollte. Bottas war, so schien es, die klare Nummer 2 bei Mercedes.

Sinnkrise im Winter endet erst mit Rallye-Gastspiel

Der enttäuschende fünfte WM-Platz hatte auch etwas Gutes: Der 29-Jährige musste nicht zur FIA-Gala in Sankt Petersburg, wo es ihm vermutlich wehgetan hätte, dabei zuschauen zu müssen, wie Lewis Hamilton seinen fünften WM-Pokal abholen darf. Aber auch zu Hause in Finnland, bei Ehefrau Emilia, konnte er sich aus dem psychologischen Tief nicht sofort befreien.

"Da zurückzuschlagen, hat gedauert, das muss ich ehrlich zugeben", sagt er heute. "Über Weihnachten und Neujahr fühlte ich mich noch gar nicht gut." Wolff erinnert sich: "Nach der Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr sagte er mir, dass er müde ist und eine Auszeit braucht. Denn er hatte gerade die schlechteste Saisonhälfte seiner Karriere hinter sich."

Also tauchte Bottas ab - und erst Ende Januar wieder auf, bei der Lappland-Rallye. Beim Höllenritt durch verschneite und vereiste Wälder "hat er die Freude am Fahren wiedergefunden", sagt Wolff. Ein Schlüsselerlebnis. "Anfang Januar", nickt Bottas, "habe ich mich zusammengerissen und meine innere Stärke wiedergefunden."

Er bereitete sich nun akribisch auf die bevorstehende Formel-1-Saison vor, trainierte härter als je zuvor, baute Muskelmasse auf. Und er ließ sich einen Bart wachsen. Was auf den ersten Blick wie ein banales Detail erscheinen mag, war auch ein Statement: Seht her, ich bin wieder da! Ein neuer Bottas. Härter, kompromissloser und besser als der alte Valtteri.

Am vorletzten Tag der Wintertests in Barcelona legte er einen Longrun hin, dem von den meisten Experten zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Der Silberpfeil sei "auf Augenhöhe" mit dem Ferrari, "wenn nicht sogar schneller", schrieben wir damals in unserem Live-Ticker. Und: "Ferrari hat noch keineswegs eine Hand am Pokal."

Eine Wahrheit, die von wenigen in der Szene wahrgenommen wurde. Toto Wolff selbst schrieb uns eine WhatsApp-Nachricht: "Der Longrun war nicht so super." Doch spätestens am Freitagabend in Melbourne war Bottas klar: Wenn er 2019 nicht um die WM fährt, dann liegt es an ihm selbst und nicht am F1 W10 EQ Power+. Eine Tatsache, die beflügeln kann.

Qualifying: In letzter Minute von Hamilton geschlagen

Im Qualifying lief zunächst alles nach Drehbuch. Bottas knallte in seiner ersten Q3-Runde eine Bestzeit von 1:20.598 Minuten hin, lag 0,457 Sekunden vor Hamilton. Doch am Ende stand wieder Hamilton vorne: Der Weltmeister zauberte eine Bestzeit von 1:20.486 Minuten auf den Asphalt - während Bottas im ersten Sektor Nerven zeigte und die Pole-Position verlor.

"Ich hätte schon schneller sein können", sagt er. "Nach der ersten Runde war mir klar, dass ich einige Kurven besser fahren kann. Aber letztendlich konnte ich nicht - und Lewis war schneller." Der nächste Nackenschlag: Endlich sah es mal so aus, als habe er gegen Hamilton eine Chance - aber am Ende war der vermeintlich übermächtige Gegner doch wieder besser.

"Bottas", sagte Jacques Villeneuve am Samstagabend bei 'Sky', "ist schon wieder geschlagen. Er hatte die Pole, eine halbe Sekunde vor Hamilton. Dann hat er dem Druck nicht standgehalten." Hamilton hingegen sei "beeindruckend" gewesen, konstatierte der Weltmeister von 1997: "Er stand auch unter Druck, und er war der einzige Fahrer, der am Ende noch zulegen konnte."

2018 begann für Bottas mit einem Qualifying-Crash in Melbourne. 2019, das hatte er sich geschworen, würde er sich nicht gleich vom ersten Rückschlag aus der Bahn werfen lassen. Das wäre dem alten Valtteri vielleicht passiert. Aber nicht dem neuen Bottas.

"Du lernst jedes Jahr etwas über dich selbst dazu, was für dich funktioniert, was für dich nicht funktioniert, in der Vorbereitung und in allem, was dazugehört", sagt er. "Wie du dich am besten erholst, wie du am besten deine Freizeit verbringst. Wie du am besten trainierst, was du trainierst. Wie du optimal reist - all diese Dinge. Ich habe versucht, für dieses Jahr alles zu optimieren."

Das weckt Erinnerungen an Nico Rosberg, der Ende 2015 in einer vergleichbaren Situation war. Aber anstatt aufzugeben, steigerte sich Rosberg in eine fast wahnhaft anmutende Perfektion, bis hin zur Optimierung seiner Rennhandschuhe. Ende 2016 war er Weltmeister. Bottas scheint gerade eine ähnliche Strategie zu verfolgen. Ob er sich bei Rosberg Tipps geholt hat, ist nicht bekannt.

"Es ist schwierig zu erklären, was vergangenen Winter in meinem Kopf passiert ist", sagt er. "Es hat sich definitiv etwas verändert. Ich werde dieses Jahr 30. Ich sehe viele Dinge im Leben und im Motorsport anders. Das spielt sich alles im Kopf ab." Er habe sich auch nach dem Qualifying gut gefühlt. "Und nur das zählt." Man könnte auch sagen: Er hat den Schalter umgelegt.

Qualifying-Niederlage beim Frühstück verdaut

Bottas ließ sich am Sonntagmorgen nicht von Sorgen zerfressen, sondern er aß einfach sein Porridge. Aber "es ist nicht nur das Frühstück", lacht er. "Es sind die ganzen vergangenen Jahre in der Formel 1, die harte Arbeit über den Winter, seit vergangenem Jahr. Es war mein bestes Rennen überhaupt, und ich habe es sehr genossen." Freude am Fahren. Das geht auch mit einem Mercedes.

Der Schlüssel zum Sieg war der Start. Hätte er den nicht gegen Hamilton gewonnen, hätte es ein ganz anderes Rennen werden können. Während beim Teamkollegen die Räder durchdrehten, kam Bottas "mit dem Gripniveau, das mir auf der rechten Seite der Startaufstellung halt zur Verfügung stand, optimal" weg.

Von da an konnte ihn nichts und niemand mehr aufhalten. Bereits in der ersten Runde gelang es ihm, Hamilton aus der DRS-Sekunde abzuschütteln. Bei Hamiltons Boxenstopp in Runde 15 hatte er 4,3 Sekunden Vorsprung. Eine kritische Phase im Rennen, denn durch den früheren Reifenwechsel hatte Hamilton die Gelegenheit, nach dem Stopp Zeit gutzumachen. Zumindest in der Theorie.

Die Praxis sah anders aus: Obwohl Hamiltons Reifen in jener Phase weicher und frischer waren als jene von Bottas, baute der Finne seinen Vorsprung bis zu seinem eigenen Boxenstopp in Runde 23 von 28,3 auf 33,7 Sekunden aus - und stellte mit frischen Reifen gleich mal eine neue schnellste Rennrunde auf. Neuer Vorsprung: 12,3 Sekunden.

"Am Anfang ging es nur darum, das Rennen zu managen und einen Vorsprung aufzubauen", analysiert er. "Nach fünf, sechs, sieben Runden merkte ich, dass ich ein bisschen wegkomme. Das war ein schönes Gefühl. Und ich wusste, dass ich gewinnen kann - ich habe es ja auch früher schon geschafft."

Runde um Runde wurde sein Vorsprung immer größer, während Hamilton mit seinen Reifen kämpfte. "Wenn's läuft, fühlt sich alles ganz leicht an", sagt Bottas. "Es ist nie leicht. Aber der Kopf spielt dir einen Streich und versucht dir das einzureden! Es gibt so viele Dinge, die schiefgehen können. Aber heute waren das Auto und ich wirklich eins."

Hamilton und Co. so davonzuziehen, fühlte sich "merkwürdig" an, gesteht Bottas: "Ich hatte noch nie ein Rennen mit so einem großen Vorsprung." Doch das schien ihn nicht zu verunsichern, sondern nur weiter zu beflügeln. Toto Wolff spricht im Nachhinein von einer "brutalen Fahrt. Er hat das Rennen nach Belieben kontrolliert."

Wolff: Noch nie so ein Rennen von Bottas gesehen

"Ich habe schon viele Rennen von ihm gesehen, auch in den unteren Formelkategorien", sagt der Mercedes-Sportchef. "Das heute war das stärkste." Eine Einschätzung, die Bottas unterschreibt: "Es war das bisher beste Rennen meiner Karriere. Ich kann gar nicht erklären warum, aber es fühlte sich einfach erstaunlich an."

"Melbourne war noch nie mein bestes Rennen", weiß er. Im Williams wurde er in vier Jahren einmal Fünfter, einmal Achter und einmal 14. 2015 konnte er wegen eines Bandscheibenrisses nicht einmal an den Start gehen. Beim Mercedes-Debüt 2017 fuhr er als Dritter immerhin aufs Podium. 2018 landete er nach dem Crash im Qualifying auf Platz acht.

"Im Rennen", sagt Bottas, "war ich eigentlich all die Jahre schon schnell, aber in den Qualifyings tat ich mich schwer. Ich hatte noch nie ein wirklich sauberes Rennen. Vor jedem Wochenende denkst du: 'Diese Strecke liegt mir besser, diese schlechter.' Und du versuchst, das aus deinem Kopf zu löschen. Dieses Wochenende habe ich das geschafft. Nächstes Jahr wird's dann schon viel leichter!"

Melbourne 2019 sei erst der vierte Sieg seiner Formel-1-Karriere, "und nach einem sieglosen Jahr 2018 fühlt sich das noch besser an. Nach den schwierigen Wintertests waren wir hier schneller als erwartet. Aber solche Dinge passieren nicht einfach von selbst. Dahinter steckt harte Arbeit, ein schnelles Auto und ein tolles Team."

In der 51. von 58 Runden hatte Bottas sagenhafte 25,9 Sekunden Vorsprung. Genug, um noch einen Boxenstopp einzulegen, sich frische Reifen abzuholen und auf den Bonuspunkt für die schnellste Rennrunde loszugehen. Kurz wurde darüber nachgedacht, die Idee aber letztendlich verworfen. Beim ersten Rennen der Saison wollte man nicht wegen eines Punkts den Sieg aufs Spiel setzen.

Aber den Punkt wollte Bottas trotzdem. "Er hat auf diese typisch finnische Art gefragt: 'Was ist die schnellste Runde?' Und dann hat er eine rausgeschüttelt!", lacht Wolff. Bottas grinst mit der Coolness des Siegers: "Mit abgefahrenen Reifen noch einmal Tempo zu machen, ist ein bisschen riskant. Aber es war's wert. Und 26 Punkte sind besser als 25!"

Sogar Hamilton gratuliert: "Er hat alles richtig gemacht"

Eine Performance, vor der auch Hamilton Respekt zeigt: "Er hat heute einen großartigen Job gemacht. Er ist perfekt gefahren und hat alles richtig gemacht, was er richtig machen musste." Das "Ich freue mich für ihn" kommt Hamilton eher gequält über die Lippen. Er weiß, dass der Gegner im eigenen Team nun noch stärker werden könnte.

Für die Experten war klar: Wenn Hamilton Bottas 2019 von Anfang an im Griff hat, werden die Rollen als Nummer 1 und Nummer 2 womöglich noch schneller bezogen sein als 2018. Das wusste auch Bottas. Umso mehr Energie investierte er, es nicht so weit kommen zu lassen. "Das heute war sehr wichtig, definitiv", unterstreicht der Finne.

Er ist ein Sieger, mit dem sich fast alle freuen. Sogar Sebastian Vettel: "Valtteri ist ein gerader Kerl, aber er ist nach diesem Sieg auch nicht anders als vorher. Den Speed hatte er immer schon. Vergangenes Jahr ist es aus verschiedenen Gründen nicht so für ihn gelaufen. Aber ich war sehr glücklich, als man mir gesagt hat, dass er das Rennen gewonnen hat."

Am glücklichsten war aber ein anderer: Heikki Kulta, der finnische Kult-Journalist im Formel-1-Fahrerlager, der gar nicht erst versucht, die Begeisterung für seine Landsleute Bottas und Räikkönen unter dem Mantel journalistischer Objektivität zu verbergen.

"Zum ersten Mal seit sechs Jahren führt ein finnischer Fahrer die Weltmeisterschaft an", erinnert er Bottas im Rahmen der offiziellen FIA-Pressekonferenz. "Wie fühlt sich das an?" Worauf der Mercedes-Star schlagfertig antwortet: "Ich gratuliere auch dir!"

Als das Gelächter im Medienzentrum ob des sympathischen Wortwechsels ruhiger wird, sagt Bottas: "Ich glaube, ich habe noch nie die WM angeführt. Mir ist schon klar, dass es nur das erste Rennen ist. Mit der ganzen Statistik bin ich nicht so gut. Aber ich kann sagen, dass ich wirklich glücklich darüber bin, wie diese Saison begonnen hat."

"Zuallererst für uns als Team", weiß er, wem er den Triumph letztendlich zu verdanken hat. "Wir haben so ein starkes Paket. Ich hoffe, dass wir es jetzt weiterentwickeln können. Für mich selbst ist es traumhaft, nach einer Saison wie der letzten so in die neue Saison zu starten. Das ist sehr, sehr gut. Ich kann das nächste Rennen gar nicht erwarten!"

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