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Rallye-WM: Neuseeland

Ein Gespräch mit Manfred Stohl – Teil 2

Teil 2 des großen Interviews mit Manfred Stohl: Die Chancen eines kompletten Comebacks, die WM-Krise, das Erdgas-Projekt und Andi Aigner…

Michael Noir Trawniczek
Fotos: Johann Vogl/www.motorsportphoto-hanse.at, Daniel Fessl/www.motorline.cc, Photo4

Teil 1 des Gesprächs mit Manfred Stohl finden Sie in der Navigation rechts oben.

Auf deinem Auto prangt das Logo der ‚Vienna International Medical Clinic‘ – was kannst du uns zu diesem Sponsor sagen? Gibt es da vielleicht Hoffnungen, dass man auch eine ganze Saison bestreiten kann?

Nein, das ist unrealistisch. Der Sponsor will die Privatklinik bewerben und er zahlt auch nicht den gesamten Einsatz, da ein Teil vom Brazil World Rally Team bezahlt wird. Es handelt sich um einen einmaligen Einsatz – ich bin sehr froh, dass mich dieser Sponsor unterstützt, aber es gibt derzeit keinen Plan für weitere Rallyes.

Auch nicht für nächstes Jahr?

Auch nicht für nächstes Jahr. Diese Privatklinik kennen noch wenige – es ist jetzt wichtig, diese Klinik einmal zu bewerben. Es kommen viele Ausländer in die Klinik und es ist wichtig, sie jetzt einmal international über die Medien zu bewerben.

Die Vorstellung, du würdest ein ganzes Jahr WM fahren…

…darüber brauchen wir nicht diskutieren, das ist eine schlechte Frage.

Das war ja auch erst der erste Teil der Frage: Wenn du dir vorstellst, du würdest ein ganzes Jahr fahren, wäre es dann möglich, wieder auf jenes Level zurückzukehren, auf dem du 2007 warst?

Also ich glaube, dass es ungefähr sechs Monate brauchen würde, um wieder mein Level zu erreichen. Ob mein Level heute schnell genug ist für das Level, das jetzt gefahren wird, kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie schnell gefahren wird. Mein optimales Level könnte ich nach sechs Monaten wieder abrufen – ob das dann genug ist, das ist eine andere Frage.

Dein Lieblingsauto war bislang das Peugeot 307 World Rally Car – hat das Ford Fiesta RS World Rally Car eine Chance, dein neues Lieblingsauto zu werden?

Nein, das kann gar nie die Chance haben. Das ist, als würdest du zuvor ein Auto mit einer Automatikschaltung haben und dann musst du selbst schalten – jemand, der eine Automatikschaltung liebt, wird nie im Leben sagen, dass eine Handschaltung besser ist.

Der Peugeot 307 hatte Schaltwippen, er hatte rundherum voll aktive Differenziale und wenn du willst hatte er sogar eine Klimaanlage für gewisse Rallyes. Das haben die Autos heute alle nicht mehr. Das war ein ganz anderer Stand. Die Autos heute sind schneller und besser – bessere Fahrwerke, bessere Reifen, alles ist besser geworden. Aber rein aus der Emotion heraus war es früher schon interessanter.

Weil man damals technisch am letzten Stand war?

Ja.

…und du es so richtig fliegen lassen konntest?

Das kannst du jetzt auch. Das hat damit nichts zu tun – das ist vergleichbar mit einem World Series Auto mit Schaltwippen und einem alten Formel 3-Auto mit Schalthebel. Am Lenkrad mit den Wippen zu schalten – das ist etwas ganz Besonderes. Da hast du mit dem kleinen Finger schalten können. Heute brauchst du einen Riesen-Ärmel dafür.

Wales 2006 – war das deiner Meinung nach der Höhepunkt deiner bisherigen WM-Karriere?

Ich glaube schon. Da bin ich wirklich aus eigener Kraft heraus ganz vorne mitgefahren und ich habe so hart gefightet – so nah war ich nie mehr wieder an einem Sieg dran. Als sich der Grönholm am letzten Tag auf der ersten oder zweiten Prüfung nochmal rausgeworfen hat und er das Glück hatte, dass er weiterfahren konnte. Also das war sicher der Höhepunkt, ja.

Damals lag etwas in der Luft an diesem Sonntagvormittag in Wales…

Ja, das war schon eine arge Geschichte und vor allem ist es von Anfang an gut gelaufen, auf Sonderprüfung zwei oder drei bin ich Bestzeit gefahren. Das war schon eine großartige Rallye.

WRC 2012 – geht man da in die richtige Richtung mit diesen World Rally Cars?

Naja, es soll kostensparender sein.

Und ist es kostensparender?

Für die Werke sicher. Aber für den Privatfahrer ist es nicht günstiger geworden, im Gegenteil. Es wird alles immer teurer. Wir haben jetzt ein Auto, das keine aktiven Differenziale hat, keine Wippenschaltung und so weiter mehr hat – und es kostet trotzdem so viel wie die damaligen WRCs gekostet haben. Das ist für mich auch nicht ganz nachvollziehbar – das ist nicht nur im Rallyesport so, sondern überall: Es kommen Produkte auf den Markt, wo man günstigere Materialien verwendet und trotzdem ist es teurer. Das ist leider so.

Die Weltmeisterschaft an sich befindet sich gerade an einem Tiefpunkt – deine Meinung dazu?

Es ist immer sehr schwierig, den anderen gute Tipps zu geben, wenn man nicht selbst dafür verantwortlich ist. Aber ich denke, dass die Entscheidungen, die getroffen werden – hinsichtlich Fernsehrechte und so weiter – nicht wirklich Hand und Fuß haben. Es dauert alles sehr lange und es passiert währenddessen nichts und dann muss alles binnen zwei Minuten passieren.

Die Rallye-Weltmeisterschaft und die FIA - das erinnert mich an das EU-Parlament in Brüssel. Selbst spart im EU Parlament niemand, aber es wird jedem erklärt: ‚Ihr müsst mehr sparen, ihr müsst mehr Steuern zahlen!‘ Das kann nicht funktionieren.

Es gibt eine Regel, da steht drinnen: Das Auto darf nicht mehr als Summe X kosten. Diese Regel hat noch nie funktioniert, noch nie! Das bezieht sich nicht nur auf die Gegenwart, das hat die letzten fünf Jahre schon nicht funktioniert. Das ist lächerlich.

Wir sagen, wir sparen Kosten ein – und dann wird ein neuer Bremssattel homologiert und dann kannst du alle alten Bremssättel wegschmeißen. Der alte Bremssattel ist perfekt, doch weil die Homologation abgelaufen ist, kann ich ihn nicht mehr verwenden – was hat das mit Sparen zu tun?

Leider hat sich diese Spirale so entwickelt, dass jeder nur noch sagt: ‚Hauptsache ist, dass ich heute etwas verdiene – was morgen kommt, ist mir egal!‘ Das ist das große Problem. Du brauchst jemanden, der langfristig denkt und agiert.

Mit Stohl Racing bist du sowohl in der IRC als auch in der WRC vertreten – in beiden Serien kriselt es. Würde es etwas bringen, die beiden Serien zu mergen?

Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, diese beiden Serien zusammenzulegen. Und ich glaube auch, dass die IRC nicht auf dem richtigen Weg ist.

Aber es gibt auch Positives in der IRC – man hat dort gefunden, was man in der WM gesucht hat, nämlich dass in der IRC zehn Autos gewinnen können. Und nach zwei oder drei Tagen Rallye liegen die ersten fünf rund 20 bis 35 Sekunden auseinander. Das läuft in der IRC wirklich gut.

Das hat man in der WM, in der WRC leider falsch gemacht, indem man einem Francois Duval, einem Gigi Galli oder mir selbst nicht die gleichen Autos gab wie sie von den Werksteams eingesetzt wurden. Außer bei Peugeot, wo wir ja gesehen haben, dass wir gut dabei waren. Aber sonst hat man einfach nie vergleichbare Autos erhalten – weil immer darauf geachtet hat, dass die Werke gewinnen.

Es wäre damals bereits gut gewesen, wenn es unterschiedliche Sieger und auch siegreiche Privatiers gegeben hätte und der Sebastien Loeb auch von Privatiers besiegt worden wäre…

Ja, wobei ich den Loeb nicht alleine als das Problem sehe. Ob der Loeb jetzt 20 Mal gewinnt oder nicht, das macht aus meiner Sicht keinen großen Unterschied aus. Was du jedoch brauchst, sind lokale Heroes aus verschiedenen Ländern. Du brauchst einen Galli, du brauchst einen Duval, du brauchst diese Leute. Du brauchst die Lokalmatadore, damit die Fans in den jeweiligen Ländern zur Rallye kommen.

Dann hast du auch mehr lokale Medien, das lokale Fernsehen dort. Allein schon jene Medien, die damals mit mir mitgereist sind – das war ja schon beeindruckend. In Italien kannst du dir das verzehnfacht vorstellen, oder in Spanien. Ein Dani Sordo! Das nützt nichts, wenn der jetzt ein- oder zweimal mit dem Mini fährt, der muss die ganze Saison fahren. Das ist einfach wichtig – und das hat man schon damals, zu meiner Zeit verabsäumt.

Wenn wir zwischendurch nach Österreich respektive auf die ÖM schauen – nach deiner Fahrt mit dem World Rally Car, könnte dich da vielleicht ein Erdgas-WRC reizen?

Nein, das ist kein Thema.

Wie sieht es langfristig aus mit dem Erdgas-Projekt?

Der Vertrag läuft nach der Weiz-Rallye aus. Der Fachverband hat eine Option auf die restlichen zwei Läufe – ich gehe davon aus, dass er diese Option auch ziehen wird, da wir auf Platz zwei in der Meisterschaft liegen.

Was wäre, wenn die Option nicht gezogen wird?

Dann fahre ich nicht.

Du würdest dann so lange nicht mehr fahren, bis es wieder einen Sponsor gibt, der deine Einsätze finanziert?

Genau. Aber ich hoffe doch, dass sie bei diesem Stand der Meisterschaft die Option ziehen werden.

Du bist der letzte Österreicher, der in der WM, in der Königsklasse WRC gefahren ist, und auch wieder der erste – zugleich bist du auch ein Förderer jenes Österreichers, der langfristig der nächste in der WRC sein könnte: Andreas Aigner.

Es ist schmeichelnd, wenn man sagt, dass ich sein Förderer bin – aber ich würde es anders ausdrücken. Ich denke einfach, dass er das Potential hat, in dem Sport erfolgreich zu sein. Und ich erhoffe mir, dass es eine gewisse Änderung geben wird, siehe Volkswagen. Und vielleicht kommt wirklich Toyota mit einem Kundenauto? Vielleicht kommt wirklich Hyundai mit einem Kundenauto? Genau das nämlich bringt wieder einen gewissen Fahrermangel hervor. Was wir ja alle hoffen. Wenn es zu diesen Engagements von Toyota und Hyundai kommen sollte, würden die Chancen von Andi wieder deutlich steigen.

Dass meine Zeit als möglicher Werkspilot vorbei ist, darüber muss man nicht diskutieren – ich werde noch ein bisschen dort und da fahren können, einzelne Einsätze vielleicht, wie es jetzt der Fall ist, einfach eine schöne Geschichte. Aber das, was ich früher einmal geleistet habe, kann ich nicht mehr verbessern.

Altersbedingt oder warum?

Das Alter ist nicht das Problem – der Carlos Sainz war noch älter und ist schneller gefahren. Ich glaube einfach, dass die Sponsoren da nicht mehr so leicht zu finden sind.

Aber Sponsoren sind auch für einen Andi Aigner nicht so leicht zu finden.

Ja, aber der Andi Aigner kann es auch ohne diesen einen Sponsor schaffen. Ich muss heute mit einem Sponsor kommen, damit ich mich einkaufen kann, und dann kann ich wahrscheinlich oder hoffentlich auch wieder erfolgreich mitfahren. Ein Andi Aigner ist in einer Situation, wo das nicht so wichtig ist – denn er ist jung, er ist schnell, er ist verkaufbar. Das bringt ihn schon in eine bessere Situation.

Das beste Beispiel ist sein IRC-Engagement – auch wenn es sich nur um den Production Cup der IRC handelt. Aber die sagen auch, dass sie einen jungen schnellen Mann brauchen wie den Andreas Aigner. Die schauen ja in die Zukunft. Die fragen dann: ‚Was können wir mit dem Andi in Zukunft machen? Wie schaut unser langfristiger Plan aus?‘

Und für diese Möglichkeit bin ich um ein ‚Äutzerl‘ zu alt. Einzelne Einsätze können immer sein – aber es kommt garantiert kein Werk mehr zu mir und sagt: ‚Wir bauen dich jetzt auf!‘ Dafür gibt es die Latvalas und wie sie alle heißen.

Wenn ein Hersteller ein Fahrzeug entwickelt, wäre doch ein erfahrener Mann wie der Manfred Stohl eine Überlegung wert?

In der Entwicklung, okay, das kann durchaus sein, dass man einen erfahrenen Mann holt. Aber der fährt dann in der Regel keine Rallyes, der fährt dann die Tests. Um Rallyes zu bestreiten, setzt man Leute ein, auf die man langfristig bauen kann. Wo man sagt: ‚Den kann ich aufbauen, der hat das Potential!‘ Wie der Andi Aigner eben – er hat das Potential, dass er in einem Werk zum richtigen Zeitpunkt der richtige Mann ist. Diese Chance hat er – und das versuche ich zu fördern.

Ich habe einfach gesehen, wie die Finnen das gemacht haben – und nichts anderes mache ich auch: In jedem Gespräch, in jedem Meeting bringe ich den Namen Andreas Aigner ins Spiel. Und man muss dazu sagen: Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Leute noch wissen, welche Erfolge er bereits hatte. Und wie schwierig es ist, das wieder aufzufrischen bei den Leuten. Aber das versuche ich umzusetzen.

Ich mache das nicht, weil der Andi mein bester Freund ist oder weil er so lieb und nett ist – sondern weil ich im Andi Aigner das Potential sehe! Weil ich der Meinung bin, dass er in meinem Auto bessere Erfolge einfahren kann als es andere können. Und wie man auf Korsika gesehen hat, war das für meine Firma sehr wichtig und sehr gut, dass er dort so gut gefahren ist. Wenn er dort hinterhergefahren wäre, dann wäre ich bitter enttäuscht gewesen – dass immer etwas passieren kann, technisch oder ein Fahrfehler, das ist auch klar.

Am Neuseeland-Wochenende seid ihr ja beide im Einsatz, denn da findet zugleich die Ypern-Rallye statt.

Leider, denn das macht es für uns nicht unbedingt einfacher. Aber das haben wir am Jahresanfang bereits gewusst.

Raimund Baumschlager sagt ja, dass ihn diese Doppelbelastung als Teambesitzer und Fahrer schon auch belastet, weil die Firma ständig in seinem Kopf ist. Wie schaut das bei dir aus mit der Doppelbelastung?

Ich habe sicher im Vorfeld mehr Stress – aber im Moment des Tuns habe ich nicht das Gefühl, dass es mich im Cockpit beeinflusst. Aber das kann ein Psychologe vielleicht besser beantworten. Ich persönlich habe das Gefühl, dass es kein Problem ist.

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