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Das Klagelied des Doktors

Bei einem „Get together“ in Graz klagte Dr. Helmut Marko über unbeständige Reifen, unnötige SC-Phasen und überhaupt seien derzeit alle gegen RBR…

Michael Noir Trawniczek
Fotos: Red Bull/GEPA, motorline.cc

Im Grazer Pachleitner Headquarter lud die AC Styria Autocluster GmbH am Dienstag zu einem „Get together“ unter dem Motto „Steirisches Knowhow in der Formel 1“...

AC Styria-Geschäftsführer Franz Lückler begrüßt die Teilnehmer und führt durch den Abend. Neben Gerold Pankl und AVL-Simulationsexperte Dr. Peter Schöggl ist Red Bull-Motorsportkonsulent Dr. Helmut Marko der Stargast des Abends.

Der Grazer stellt sich auf der Bühne einem Interview mit Gerald Pototschnig , dem Sport-Chefredakteur der Kleinen Zeitung. Geladen waren neben Pressevertretern hauptsächlich Vertreter und Entscheidungsträger der 180 Partnerfirmen des Autoclusters.

Der Ärger über den Verlauf und Ausgang des Grand Prix von Europa, der am vergangenen Sonntag in Valencia abgehalten wurde, sei bereits verraucht, versichert Dr. Marko bei seiner Ankunft im Pachleitner Headquarter.

Auf der Bühne jedoch kann Marko nicht verbergen, dass es einiges gibt, was dem Red Bull-Motorsportbeauftragten an der aktuellen Formel 1 stört oder zumindest Kopfzerbrechen bereitet.

Dazu gehören die Reifen. Pirelli habe „den Auftrag erhalten, die Formel 1 spannender zu machen“ – doch diesen Auftrag habe der italienische Reifenhersteller „überzogen“, findet Marko.

Unberechenbare Reifen

Der Grazer verrät: „Wir stellen das Auto nicht mehr auf absoluten Speed ein, sondern so, dass wir schnell genug sind, um im Qualifying möglichst weit vorne zu stehen, wir aber von der Radgeometrie her so abgestimmt sind, dass der Reifen kalkulierbarer auf der Distanz hält.“

Denn: „Normalerweise baut ein Reifen kontinuierlich ab – doch bei den aktuellen Pirelli-Mischungen kommt das von einer Runde auf die andere und dann ist er weg. Das ist dann ein Zeitunterschied von einer halben bis zu einer vollen Sekunden und geht, wie man bei Alonso in Montreal gesehen hat, bis zu vier Sekunden pro Runde. Dazu kommt, dass der Reifen sehr empfindlich ist, was die Aufwärmung betrifft. Er hat erst dann Gripp, wenn er eine Temperatur erreicht hat, die in einem sehr kleinen Fenster liegt. Überhitzt man ihn einmal, dann erholt er sich kaum mehr. Ein Phänomen, das bei bisherigen Reifen nicht der Fall war. Alles in allem ein komplexes Thema, aber nachdem es für alle gleich ist, wird man besser damit umgehen.“

Wie unangenehm diese Unberechenbarkeit der Reifen für die Ingenieure sei, demonstriert Marko anhand eines Beispiels: „Ich glaube es war in Malaysia bei Mark Webber: Wir sind mit der harten Mischung gefahren, haben vorne am Frontflügel zwei Klick mehr gegeben, das ist ein marginaler Unterschied, und peng! – der fährt 1,2 Sekunden schneller. Wir dachten: ‚Bumm! Jetzt ist unser Auto super!‘ Wir gaben die weiche Mischung rauf und waren acht Zehntel langsamer.“

Gravierende Unterschiede bei den Reifensätzen

Der Schluss, den Marko aus dieser und wohl auch weiterer Erfahrungen zieht, ist im Grunde ein schwerer Vorwurf gegenüber dem alleinigen Reifenhersteller der Formel 1: „Für mich heißt das: Es gibt scheinbar in den einzelnen Reifensätzen gravierende Unterschiede.“

Dass es in der Saison 2012 in den ersten sieben Grand Prix sieben verschiedene Sieger gab, kann Marko leicht erklären: „Das liegt daran, dass Autos, die simpler in der Bauart sind, leichter in dieses Arbeitsfenster gekommen sind, in dem der Reifen optimal funktioniert. Und dass wir zum Teil, und nicht nur wir, unser kompliziertes und technologisch sicher eines der besten Autos gar nicht in den Bereich bringen konnten.“ Allerdings versicherte Marko, dass Pirelli bereits an einem überarbeiteten Reifen arbeite und dass er daran glauben würde, dass sich die Situation bald schon wieder normalisieren würde.

Bereits in Valencia hat der dem Feld enteilende Red Bull Racing-Pilot Sebastian Vettel gezeigt, dass der österreichische Rennstall offenbar wieder zu seiner starken Form zurückgefunden hat. Doch eine Safety Car-Phase machte nicht nur den Vorsprung zunichte, sondern sorgte auch dafür, dass wenig später die Lichtmaschine am RB8 ihren Dienst quittierte, offenbar ein Lapsus der italienischen Zulieferfirma, denn auch Romain Grosjean musste seinen Lotus ebenfalls mit einem Defekt an der Lichtmaschine am Streckenrand abstellen. Profitiert hat von dem turbulenten Szenario der italienische Ferrari-Rennstall, Fernando Alonso konnte das Rennen gewinnen und auch gleich die WM-Führung übernehmen.

“Dann werden die wenigen Freunde noch weniger“

Lachend gibt Marko zu: „Als ich beim Vortrag des Herrn Dr. Schöggl einen Ferrari gesehen habe, war das noch einmal ein Stich ins Herz. Das tut wahnsinnig weh, wenn man so überlegen ist – man muss sich vorstellen: Es waren in Q2 glaube ich sieben Autos innerhalb einer Zehntelsekunde und dann knallt der Vettel eine Zeit hin, die vier zehntel vor dem nächsten ist. Im Rennen hatten wir bereits einen großen Vorsprung und wir mussten Vettel dreimal sagen: ‚Noch langsamer! Noch langsamer! Und jetzt noch langsamer!‘“

Mit einem bitteren Lächeln fügt Marko hinzu: „Weil wir wissen ja: Wenn du zu weit vorne wegfährst, dann werden die Freunde, die wir ohnehin nicht mehr haben, noch weniger und die FIA glaubt dann, sie muss sich irgendwas einfallen lassen. So etwas Souveränes hat es in der heurigen Saison noch nicht gegeben – und dann war es ein relativ banaler Schaden, der uns um die Früchte brachte.“

Eine österreichische Zulieferfirma würde jedoch keinesfalls die Schuld an dem Ausfall des Sebastian Vettel tragen, versichert Marko: „Das ist eine Zulieferfirma, die sitzt in Italien und sie bezieht keine Teile aus Österreich, soweit ich weiß.“

“Safety Car war sicher nicht notwendig“

Gleich nach dem Grand Prix haben sowohl Vettel als auch Marko Kritik am Einsatz des Safety Cars geübt, dieser ist in ihren Augen nicht nötig gewesen. Marko erklärt dazu: „Sebastian war ja der erste Fahrer, der an der Unfallstelle vorbeigekommen ist – und seiner Aussage nach sind nur Gummiteile herumgelegen. Der Pirelli-Reifen bildet so kleine Kugerln – und die fliegen dann halt sowieso weg. Manche sagen, es waren auch Metallteile von einer Felge auf der Strecke – die habe ich nicht gesehen. Die Rennspur war frei – und nach einer halben Distanz ist sowieso alles andere schon verschmutzt.“

Markos Schlussfolgerung: „Ich glaube, dass die Safety Car-Phase sicher nicht notwendig war und wenn es notwendig war, dann war es sicher nicht notwendig, dass es fünf Runden gedauert hat. Weil das zu entfernen, das hätte man in ein oder zwei Runden auch schaffen können.“

Gerald Pototschnig fragt: „Also vermutlich, wenn es ein anderes Auto in Führung gewesen wäre, ohne dem Bullen-Logo auf dem Auto, hätte man vielleicht ein bisschen anders entschieden?“

Marko antwortet: „Das sind Vermutungen – wir sind natürlich schon ein bisschen nervös oder sagen wir fast argwöhnisch weil wir natürlich wissen: Mit der derzeitigen Lichtmaschine brauchen wir hohe Drehzahlen, damit sie am Leben bleibt. Und das ist hinter dem Safety Car schwer.“

Haben die Runden hinter dem SC den Defekt ausgelöst? „Beim Grosjean hundertprozentig – bei uns ist die Temperatur schon zwei Runden vorher etwas hinauf gegangen, das hätten wir aber, glaube ich, meistern können. Aber das Safety Car hat dann der Lichtmaschine den Rest gegeben.“

Schumacher & das offene DRS: „Verwunderlich…“

Noch eine umstrittene Szene gab es bei dem Grand Pric am vergangenen Wochenende – Michael Schumacher musste um seinen dritten Platz bangen, denn er hatte unter gelber Flagge das DRS geöffnet. Marko dazu: „Vettel hat für dieses Vergehen in Barcelona eine Durchfahrtsstrafe bekommen – wir haben bei der FIA beziehungsweise bei den Kommissaren angefragt und haben gesagt: ‚Hallo, was ist da?‘ Wie reagiert man? Nachdem man meinte, da ist überhaupt nichts, war es dann doch verwunderlich, dass man über zweidreiviertel Stunden gebraucht hat, bis man diese Formulierung fand, dass Schumacher doch alles richtig machte. Da habe ich mit Mateschitz gesprochen und gefragt: ‚Sollen wir protestieren oder nicht?‘ Solche Dinge bespreche ich dann schon mit ihm.“

Ansonsten würde er an einem Grand Prix-Wochenende jeweils nach den Trainingssitzungen mit dem Red Bull-Besitzer telefonieren, erklärt Marko auf eine entsprechende Frage, wie sehr sich Mateschitz in die Entscheidungen an der Rennstrecke einbringen würde.

“Keiner gönnt dem anderen etwas“

Neid und Missgunst muss man sich bekanntlich erst erarbeiten – dem Red Bull Racing-Team ist das binnen kurzer Zeit gelungen. Nur fünf Jahre nach dem Kauf des früheren Jaguar-Rennstalls konnte das mit österreichischer Lizenz fahrende und im britischen Milton Keynes beheimatete Team beide Weltmeistertitel erringen, im Vorjahr wurde dieses Kunststück gleich noch einmal wiederholt.

RBR holte den Stardesigner Adrian Newey an Bord, seither werden in unregelmäßigen Abständen neue und revolutionäre Konzepte des Reißbrettverfechters von der FIA verboten. Aber auch sonst fühlt sich Dr. Marko politisch verfolgt, seiner Meinung nach passt die Erfolgswelle des früheren „Party-Teams“ einigen Formel 1-Protagonisten nicht ins Konzept…

Vor den Publikumsfragen wendet sich Marko an die Zuschauer und beginnt von sich aus zu erklären: „Wenn wir über den Ablauf eines Rennwochenendes sprechen, dann klingt alles so schön und so einfach, aber in Wirklichkeit ist es ganz anders. Da ist eine derart massive Politik involviert – und wenn der Martin Whitmarsh von McLaren mir einen schönen guten Tag wünscht, dann bin ich schon ganz nervös und frage mich: Was hat der jetzt schon wieder vor?“

Unter dem Gelächter der Zuschauer fügt Marko hinzu: „Das ist eine wirklich sehr, sehr leistungsorientierte Gesellschaft, wo keiner dem anderen etwas gönnt. Und in der momentanen Situation ist alles gegen Red Bull. Das hat die Gründe, dass wir erstens kein traditioneller Auto- oder Rennwagenhersteller sind und was noch viel mehr schmerzt, dass wir in der finanziellen Aufteilung zu Ferrari aufgeschlossen haben, mit einem Superdeal mit Bernie Ecclestone – und da ist nicht nur das Budget, sondern auch die Ehre getroffen. Und deshalb macht man uns das Leben derzeit auch wirklich schwer.“

Lesen Sie demnächst, welche Fragen das Publikum gestellt hat – über den Ablauf eines Rennwochenendes, das noch unzureichende DRS am RBR-Boliden, die Österreicher und die Briten im Red Bull Racing-Team, die Entwicklung der Scuderia Toro Rosso und die Chancen, dass auf dem Red Bull Ring wieder Formel 1 gefahren wird.

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