Motorrad

BMW G 650 GS - im Test | 13.01.2012

Weniger ist mehr

Mit der G 650 GS hat BMW endlich wieder einen Einzylinder im Programm. Wie gewohnt, wird er natürlich in ein Enduro-Fahrgestell verbaut.

Martin Häußermann/mid

BMW-Modellbezeichnungen sind nicht schwer zu entschlüsseln: Mit "R" beginnen die Zweizylinder-Boxer, mit "K" die Modelle mit Reihenvierzylinder-Motoren, die Ziffern dahinter bezeichnen den Hubraum. Doch darunter wird es ein wenig kniffliger.

Gut, eine F 800 ist ein Reihenzweizylinder mit 800 Kubik, aber eine F 650 GS? Hier endet die Logik, denn dieses Motorrad ist im Grunde nichts anderes als eine abgespeckte F 800 GS, hat also auch 800 ccm Hubraum, war die Wachablösung für die Einzylinder-F 650 GS und bildete in den vergangenen drei Jahren den Einstieg in die Welt der BMW-Motorräder.

Doch deren Fans haben nach einem Einzylinder verlangt. So gibt es wieder eine echte 650er, die nun auf die Bezeichnung G 650 GS hört. Der Motor ist der wassergekühlte Eintopf, den einst BMW gemeinsam mit dem österreichischen Motorenbauer Rotax entwickelt hat und der nun in China gebaut wird.

Eine Augenweide ist das zerklüftete, schwarz lackierte Aggregat nicht gerade. Dafür hat der Eintopf ganz schön Pfeffer. Wir fuhren die offene Variante mit 48 PS, Anfänger bekommen auch eine auf 34 PS gedrosselte Variante.

Einzylindertypisch bollert der 650er los, deutlich vernehmbar, aber nicht aufdringlich. Tempo 100 ist nach gut fünf Sekunden erreicht. Zügig schalten wir hoch, was angesichts des tadellos arbeitenden Getriebes und der gut dosierbaren Kupplung, die nur sehr geringe Handkraft verlangt, eine Freude ist.

Leichte Vibrationen ab 5.000 Touren

Über 5.000 Touren sorgen leichte Vibrationen in den Lenkerenden für eine kostenlose Massage. Diese kleine Unart sehen wir dem Einzylinder aber nach, schließlich lässt er sich auf Wunsch auch schaltfaul fahren. Er läuft selbst bei 2.000 Umdrehungen noch rund und lässt sich ruckfrei aus dem Drehzahlkeller hochdrehen.

Die Höchstgeschwindigkeit erreicht er bei 170 km/h. Da das Windschild den Winddruck gegen den Körper nur leicht reduziert, pendelt sich auf der Autobahn die Geschwindigkeit irgendwo zwischen 140 und 150 km/h ein.

Ein sechster Gang, speziell für diese Überbrückungsetappen, kommt dennoch auf unseren Wunschzettel ebenso wie ein vernünftiger Drehzahlmesser, statt des digitalen Schätzeisens. Auch eine Tankuhr wäre angesagt , auf die BMW ganz verzichtet hat.

Nun leuchtet eine Warnleuchte auf, wenn wir mal wieder eine Tankstelle aufsuchen sollten. Etwas Sicherheit eingerechnet ist das etwa alle 200 Kilometer der Fall.

Auf schnellen Autobahnetappen vielleicht ein wenig eher, hier haben wir auch mal 5,9 Liter auf 100 Kilometer durch die Einspritzdüsen gejagt. Dagegen erreichten wir auf der Landstraße einen Verbrauch von 3,5 Litern - ohne zu bummeln.

Tatsächlich ist die Landstraße das natürliche Revier der kleinen GS. Je enger und kurviger die Strecke wird, desto besser. Hier halten wir problemlos auch mit Kollegen mit, die doppelt so viele PS unter dem Sattel haben.

Es ist wirklich erfreulich, was die BMW-Entwickler aus diesem durch und durch konventionell konstruierten Fahrwerk mit normaler Telegabel und Kastenschwinge herausholen.

Gleichermaßen agil wie stabil

Straff, aber nicht unkomfortabel, lädt es den Piloten zu fröhlichem Kurvenschwingen ein. Mit geringstem Kraftaufwand lässt sich die Fuhre in Schräglage befördern und zieht danach stoisch ihre Bahn. Dazu trägt die Kombination aus 19-Zoll-Vorderrad und 17-Zoll-Hinterrad ebenso bei wie die Metzeler Endurance EXP-Reifen unserer Testmaschine.

Die sind im Wesentlichen auf der Straße zu Hause, wo sie uns auf trockenem wie nassem Untergrund Sicherheit vermittelten - und doch haben sie gemäßigte Ausritte auf Schotteretappen auch klaglos mitgemacht.

Die kleine GS gehört zu den Motorrädern, die wir nach Testende nur ungern zurückgegeben haben. Zwar nervte der etwas seltsam angebrachte Blinkerschalter manchmal, weil wir beim Abbiegen versehentlich hupten, doch dafür freuen sich Fahrer wie Sozius über einen wirklich angenehmen Sitzplatz.

Der sorgte gemeinsam mit dem breiten, leicht gekröpften Lenker dafür, dass wir nach einem Tag intensiven Landstraßenräuberns vollkommen schmerzfrei abstiegen.

Auch der Preis geht in Ordnung. Nun sind 7.900 Euro sicher kein Schnäppchen und mit empfehlenswerten Extras wie ABS, Heizgriffe, Hauptständer und dem Koffersystem schießt der Preis locker über die 9.000er-Marke. Doch dafür ist die spritzige, wendige und komfortable G 650 GS ein Rundum-Sorglos-Paket auf zwei Rädern.

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