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Nutzfahrzeugikonen von früher

Im September 2013 besuchte ich erstmals die Leobener Nutzfahrzeugtage. Ich wollte die alten Gesellen, die mein Leben schon in Kindertagen bereicherten, wieder einmal sehen, hören und riechen.

Thomas Villinger

Wie imposant war doch der wöchentliche Auftritt der Müllabfuhr in unserer Siedlung mit dem Steyr 380. Die hörbare Mühe des 4-Zylinder-Diesels, die ihm unsere Auffahrt kostete und die zwei Müllmänner, die abenteuerlich auf den Trittbrettern mitfuhren, sind mir im Gedächtnis geblieben. Ebenso die alten Gräf & Stift-Busse der IVB (Innsbrucker Verkehrsbetriebe), die bei uns auf der Dörferstraße, vollbesetzt, um 6.00 Uhr früh schon vorbei gedonnert sind oder die nagelneuen Büssing BS 110 V-Stadtbusse 1972, die meinen Schulweg kannten.

Den alten Steyr 380 habe ich das letzte Mal Anfang der 90er-Jahre im Waldviertel von der Litschauer Gemeinde beim Arbeiten gesehen. Die alten Steyrer als gefühlte Urmeter der österreichischen LKW-Landschaft wecken mit ihrem freundlichen G’schau so heimatliche Gefühle, wie Mannerschnitten, Postler-Puch oder Kottan.

Am Samstag, den 31. August 2013 war ich schon um 7.30 Uhr am Ort des Geschehens.Leoben war wieder ein Wochenende lang der Nabel der Oldtimer-Nutzfahrzeugwelt in Österreich. Auf einem Firmengelände am nahen Stadtrand standen sie da in Reih und Glied, die Helden vergangener Tage, sie kamen toprestauriert bis patiniert aus ganz Österreich und den benachbarten Ländern. Ein heulender luftgekühlter Magirus neben dem immer noch verdammt gutaussehenden Volvo F88, eine Augenweide und ein Hörgenuss allererster Güte.

Die Motoren wurden gestartet, die Luftbehälter gefüllt und nach dem Erreichen des nötigen Betriebsdruckes der Bremse setzte sich der Konvoi langsam in Bewegung. Es ging über Vordernberg, Präbichl zum Erzberg. Ich durfte bei einem Schweizer FBW-Bus mitfahren. Ein sehr bequemer und schneller Omnibus aus dem Jahre 1949, mit einem Cabriodach ausgestattet. Bei der Rückkehr nach Leoben wurde im Zentrum noch paradeaufgestellt, zur Freude der Stadtbevölkerung und den angereisten Fans.

Mein Naheverhältnis zu den Nutzfahrzeugen kommt nicht von ungefähr. Mitte der 80er-Jahre habe ich den Führerschein C und E nachgemacht, um im Sommer ferial fernzufahren. Wie so oft kommt es anders und so bin ich leider nur sehr wenig LKW-gefahren und das auch nicht in die Ferne. Trotzdem erneuere ich alle paar Jahre den Führerschein, vielleicht brauch’ ich ihn ja noch einmal.

Dank Corona ist mir das Thema meiner heurigen sechsten Weihnachtsgeschichte in Austro Classic, nämlich das 125-Jahre-Omnibus-Jubiläum in Siegen und Nephten Deutschland, abhanden gekommen. Thematisch wollte ich mich nicht zu weit weg begeben und so habe ich beschlossen, den Veranstalter der Nutzfahrzeug-tage in Leoben Herrn Zottler zu besuchen. Zum Einstimmen auf das Interview bin ich mit meinem Puch 650T nach Niklasdorf naheLeoben gefahren.

Herr Zottler ist ein sehr liebenswürdiger Mensch und ein Mann der Tat. Seine Lebensgeschichte ist beeindruckend und sein Schaffen schier übermenschlich. Neben dem florierenden Fuhrunternehmen, welches seit kurzem sein Sohn führt, hat er seit 1987 ungefähr 20 Stück sofort startbereite Lastwagen und Busse restauriert. An die fünf Restaurationsprojekte hat der Diesel Max zurzeit am Laufen und zwei weitere Projekte sind in der Warteschleife. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass das Ganze nicht ohne seine liebe und unerschrockene Frau und seinem treuen Freund möglich gewesen wäre.

Einige Oldtimer, vor allem die Busse werden in den warmen Monaten vermietet für Ausflugsfahrten, Hochzeiten, etc. Den Lastwagen in seiner Oldtimer-Garage geht es da nicht so gut. „Das viele Stehen der LKW macht Probleme. Der Biodiesel setzt die mechanischen Einspritzpumpen und deren Einspritzdüsen zu und bei den Druckluftleitungen der Bremsen stecken die Ventile, weil sie austrocknen. Die einzige Alternative ist das Fahren der Oldies.“

Gesagt, getan! Mein Interview wollte ich nicht ohne begleitenden Viertakter führen und so sind wir auf den im Firmengelände herumstehenden Steyr 380 gestiegen. Trotz halbjähriger Standzeit ist der alte Racker sofort angesprungen. „Der ist unrestauriert, ich hab’ ihm lediglich neue Zylinder-laufbüchsen und Kolben spendiert. Den hat die Straßenverwaltung der Salzburger Länderregierung bis 2012 gefahren“, erklärt Max den sensationellen Zustand. Der Laster nagelt so im Stand etwas dahin und bis die Kennzeichen montiert sind, ist auch die Bremse bereit, dank gefüllter Luftbehälter. Auf der Bundesstraße Richtung Bruck kommen wir langsam in Schwung bei eigentlich gemäßigter Geräuschkulisse; etwas lauter reden müssen wir schon. Im Winter soll der Steyr teilweise lausig kalt sein trotz der Zusatzheizung, hat mir ein Tiroler Frächter erzählt, der mit so einem 586er beim Bau der Europabrücke dabei war.

„Die Bremse steckt etwas, ich versuch’, ob ich sie durch die Fahrerei wieder frei bringe, sonst muss ich sie zerlegen“, kommentiert Max seine Pläne. Wie wir wieder zur Firma zurückkehren, kann ich es mir nicht verkneifen, vom Besitz meines LKW-Führerscheins zu erzählen und dass ich schon lange nicht mehr gefahren bin, und dass ich eigentlich gerne ein paar Meter fahren möchte. „Ja dann fahr“, sagt Max und lässt mich ans Steuer. So fahren wir wieder auf die Bundesstraße. „Du musst schnell die Kupplung auslassen, sonst hüpft er so“, erklärt Max. Ich wundere mich, wie PKW-ähnlich eigentlich der alte Lastwagen zu fahren ist. Mit dem Doppel-kuppeln bei den Gangwechseln und ein bisschen Gefühl bekommt man das hin. Der Tiroler Frächter Franz hat mir erzählt, dass er bei der richtigen Drehzahl die Gangwechsel, wenn der Laster weder auf Zug noch im Schiebebetrieb war, sogar ohne Kuppeln geschafft hat. Die häufigen Lenkkorrekturen erinnern mich an meinen Puch 650T, das war wohl in den 1960ern der Stand der Technik. Übersichtlich ist die Sitzposition und eigentlich gemütlich. Das Ganze kann sich bei beladenem Zustand aber sicher rasch ändern. Da müssen die Gangwechsel sitzen und der allfällige Schwung muss penibelst behütet und genutzt werden.

Wir fahren zu einer anderen Halle, die Max angemietet hat und wo noch weitere große Schätze stehen, vor allem LKW der Fa. Saurer. Denn das Herz von Max schlägt vornehmlich für die große, seit jeher innovative Marke aus der Schweiz. Die LKW wurden in Lizenz auch in Österreich hergestellt. Der Vater von Max hat mit einem Saurer sein Unternehmen aufgebaut. „Saurer hat in Zusammenarbeit mit Rudolf Diesel die Kugelbrenn-Einspritzung entwickelt, eine Di-rekt-einspritzung und sozusagen der Vorläufer des Common-Rail Diesels“, erklärt Max. „Die Saurer starten viel leichter als die sogenannten Vorkammer-Diesel, wie ihn z.B. der 380er Steyr eingebaut hat. In den 1990ern haben wir in unserer Flotte einige Steyr 1290 gehabt und auch Volvos. Die haben wir bei -20°?C häufig anschleppen müssen; der Saurer war nach der zweiten Umdrehung munter“, schildert Max die Vorzüge.

Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, mir eventuell einen kleinen LKW-Oldtimer, z.B. einen Steyr 380, o.ä. anzuschaffen. Zugegeben, ganz billig ist der Spaß nicht. Max rechnet mit Anschaffungskosten von EUR 3.000 bis 4.000 und ca. EUR 20.000 für Restaurierung. Die Erhaltung ist dann nicht mehr so teuer, speziell wenn der Laster historisch angemeldet wird. Die Die Versicherung kostet dann lediglich EUR 120,- pro Jahr. Zurzeit fehlt mir leider, Gott sei Dank, der Platz.

Freudig setze ich mich wieder hinters Lenkrad und schalte den Alten hoch. So entspannend ist es in einem 1960er-Jahre-Fahrzeug, wenn man Zeit hat. In der Firma angekommen, zeigt er mir noch seine Restaurationsobjekte, bevor wir bei einer köstlichen Jause noch über seine wirklich großen Leistungen sprechen, die Max für die Oldtimerszene im Allgemeinen geleistet hat und noch weiter fortführt.

Der Zottler Max ist ja gewissermaßen derMotor der Nutzfahrzeug-Oldtimer-Szene in Österreich, ohne ihn gäbe es schlichtweg keine. Er hat es auch vor ca. sechs Jahren bei der Bundes-regierung geschafft, die Oldtimer-Nutzfahrzeuge in den Stand – historisch wertvoll und schützenswert – zu erheben. Lediglich die Aufhebung des Sonntagsfahrverbotes (außer Tirol, hier darf man!) und die Mautumgehungsverordnung stehen noch aus. Das Sonntagsfahrverbot ist sehr störend, da Oldtimer-Treffen fast ausschließlich am Wochenende stattfinden. Die Mautumgehungsverordnung, die ja LKW-Fahrer auf die Autobahn zwingt, ist für Besitzer von LKW aus den 1950er- und 1960er-Jahren eine Zumutung. Diese Laster und Busse haben meist eine Höchstgeschwindigkeit deutlich unter100 km/h und stellen eine Gefahr für sich selbst und den Autobahnverkehr dar. Im übrigen Europa ist das Fahren für historische Nutzfahrzeuge auf der Landstraße nahezu überall erlaubt; also bitte, liebe Bundesregierung!

Die Nutzfahrzeug-Oldtimerszene in Österreich beschränkt sich auf ca. 60–70 Stück fahrbare Fahrzeuge. Häufig haben traditionsreiche Fuhrunternehmen den einen oder anderen alten Brummi in ihren Reihen. Jedoch auch Privatiers leisten sich ab und zu das Laster eines Lasters. Max sagt: „Es stehen noch viele unrestaurierte Fahrzeuge herum und die meisten von ihnen werden es leider vermutlich auch bleiben. Der Trend geht zu den leistungsstärkeren Fahrzeugen aus den 1970er- und 1980er-Jahren, wie Volvo F88, Scania, mit denen sich jüngere Leute besser identifizieren können.“

Ungeachtet der Vorlieben der etwas jüngeren LKW-Sammler ist es von wesentlicher Bedeutung, den Wert der Nutzfahrzeuge als Rückgrat der Warenversorgung, der Bauarbeiten und der gesamten Infrastruktur sowie des öffentlichen Verkehrs anzuerkennen. Als Tiroler kenne ich nur allzu sehr die Belastung des Nutzfahrzeug-Verkehrs. Jedoch ist es nicht fair, diese Unbill den Nutzfahrzeugen im Allgemeinen und dem LKW im Besonderen zuzuschieben. Da sind neben dem Förderungsdschungel für den LKW-Verkehr auch die Auftraggeber Schuld, und das sind wir alle. „Die LKW fahren ja nicht zum Spaß herum“, merkt Max an.

Die Oldtimer-LKW und -Busse dürfen, und das hoffentlich bald wieder bei Nutzfahrzeugtreffen, Spaß machen.

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