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Land of Joy

Ducati wird mit Italien, Hochleistung und der Farbe Rot assoziiert. Doch mit der neuen Scrambler gehen die Bologneser einen völlig anderen Weg.

Thilo Kozik/mid

Mit der neuen Scrambler geht Ducati optisch zurück in die Siebziger Jahre - von den Italienern selbst als "Land of Joy" bezeichnet. Hier herrschen andere Werte: statt des aggressiven Rot dominiert die entspannte Farbe Gelb, statt Hightech und Performance steht genussvolles Motorradfahren ohne Stressfaktor im Mittelpunkt - als Erlebnis und nicht als Wettbewerb.

Dazu passt die optische Rückbesinnung mit klassischem Rundscheinwerfer, breitem Lenker, Stollenreifen und der traditionellen Silhouette des gleichnamigen Vorläufers, den Ducati von 1968 bis Mitte der Siebziger produziert hat.

Und auch die Haltung, die der Scrambler-Pilot einnimmt, ist in bestem Sinne klassisch-aufrecht. Doch ist die Neue viel mehr als ein Abklatsch des historischen Vorbilds: Feine Zugaben bei den typischen Stilelementen wie das kreisrunde LED-Tagfahrlicht im hübsch gestalteten Rundscheinwerfer, die hochwertige Metall-Tankklappe und der rechtsseitige Stummelauspuff sorgen für eine moderne Interpretation des historischen Vorbilds.

Und die hübsche Leichtmetall-Gussschwinge samt linksseitig schräg platziertem Federbein dokumentiert die zeitgenössische Machart.

Up to date präsentiert sich natürlich auch die Antriebsquelle, auch wenn Nostalgiker lieber den luftgekühlten Einzylinder des Original-Scramblers mit dem legendären Königswellenantrieb gesehen hätten. Moderne Geister erfreut indes der 803 Kubikzentimeter große 90-Grad-V-Motor aus der Monster 796 mit kultiviertem Lauf, zeitgemäßen Manieren und einem durchaus kräftigen Anfahrdrehmoment für einen flotten Antritt.

Geänderte Nockenwellen und Drosselklappen lassen die maximal 75 Pferdchen des luft-ölgekühlten Zweiventilers sehr harmonisch galoppieren. Dieser berechenbare Charakter sorgt für viel Vertrauen auch bei weniger versierten Motorradfahrern. Einzig das bei einigen Testexemplaren knochig wirkende Sechsganggetriebe stört den ansonsten tadellosen Eindruck des Bikes.

Hohe Geschwindigkeiten spielen beim unverkleideten Scrambler-Konzept naturgemäß keine Rolle, hier kommt es vielmehr auf leichte Beherrsch- und Erreichbarkeit an. Letzteres schafft die Ducati durch die geringe Höhe der fast geraden, abgesteppten Sitzbank. Diese bietet der Besatzung ein kommodes Plätzchen mit festem Stand auf beiden Beinen.

Dank des breiten Lenkers und maßvoller Dimensionen der aus Optikgründen grobstollig profilierten Pirelli-Pneus lässt sich die nur 186 Kilo leichte Scrambler mühelos und zuverlässig einlenken, ohne bei der Stabilität Einbußen hinnehmen zu müssen. Allzu komfortabel sind die Federelemente allerdings nicht ausgelegt, und am Heck trampelt das Federbein manchmal ein wenig ins Rückgrat. Auf längeren Touren sind die Fußrasten für lange Beine etwas zu hoch angebracht. Angesichts des unkomplizierten Charakters der Scrambler relativiert sich diese Kritik jedoch schnell.

Der "back-to-the-roots"-Philosophie folgend, verzichtet Ducati auf elektronische Fahrassistenz-Systeme. Auf der Scrambler braucht nichts eingestellt zu werden, hier lautet die puristische Devise: aufsteigen, starten, fahren. Einziges sicherheitsrelevantes Merkmal ist das ABS. Dabei sehen die radialen Festsattelzangen der 330er-Einscheibenbremse im Vorderrad giftiger aus, als sie sind. Einer effektiven Verzögerung steht das aber nicht im Wege.

Auf der gleichen Technikbasis hat Ducati übrigens nicht einen, sondern gleich vier Scrambler aufgelegt und damit dem Wunsch der angesprochenen Lifestyle-Klientel nach Individualisierung und eigenständigem Auftritt entsprochen.

Obwohl die Unterschiede scheinbar nicht sonderlich groß ausfallen, zeigt jede Version einen eigenen Charakter: Das Einstiegsmodell in die Baureihe ist die "Icon"-Version mit Leichtmetall-Gussrädern und Kunststoff-Kotflügeln zum Österreich-Preis von 9.595 Euro (Deutschland: 8.390 Euro).

Mit Speichenrädern, Metall-Kotflügeln und gesteppter Vintage-Sitzbank kommt die "Classic" um 10.595 Euro (Deutschland: 9.790 Euro). Die "Full Throttle" mit Gussrädern ist zum gleichen Preis durch einen knackigen Termignoni-Sportauspuff gekennzeichnet, und die "Urban Enduro" (ebenfalls gleicher Preis) kommt mit hochgelegtem Front-Kotflügel, Offroad-Lenkerstrebe und Lampengitter daher.

Darüber hinaus stehen dem umbauwilligen Scrambler-Besitzer unzählige Original-Zubehörteile zur Verfügung, mit denen ein wirklich individuelles Modell geschaffen werden kann.

Mit ihrer puristischen Aussage, dem natürlichen Handling und dem bezahlbaren Preis trifft die Scrambler genauso ins Herz altgedienter Windgesichter wie nachwachsender Hipster-Biker. Und Ducati könnte das einen neuen Typ Kunden bescheren, der sich trotz Nonkonformismus willig ihrem Dresscode unterwerfen wird: Alles andere als eine Lederjacke, Jeans und Halbschuhe, auf dem Kopf einen Jethelm und eine Sonnenbrille darunter ist nicht vorstellbar - wie in den Siebzigern eben.

Technische Daten Ducati Scrambler

Straßenmotorrad mit luftgekühltem 90-Grad-Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, zwei Ventile je Zylinder, eine obenliegende Nockenwelle, Hubraum: 803 ccm, Bohrung x Hub: 88 x 66 mm, Leistung: 55 kW/75 PS bei 8 250/min, max. Drehmoment: 68 Nm bei 5 750/min, elektronische Kraftstoffeinspritzung, G-Kat (Euro 3), Sechsganggetriebe, Kettenantrieb, Gitterrohr-Stahlrahmen, Upside-Down-Telegabel, Aluminium-Zweiarmschwinge mit einem Federbein, je eine Scheibenbremse vorn und hinten, ABS, Reifen vorne: 110/80 R18, hinten: 180/55 R17; Sitzhöhe: 790 mm, Leergewicht: 186 kg, zul. Gesamtgewicht: 390 kg, Tankinhalt: 13,5 Liter, Preis: ab 9.595 Euro (Deutschland: ab 8.390 Euro).

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