MOTORSPORT

  • Motorline auf Facebook
  • Motorline auf Twitter

Massa kämpft um seine Ferrari-Zukunft

Felipe Massa ging nach dem Montréal-Crash mit Unterstützung von Ferrari auf Karthikeyan los, doch wie lang hält man ihm in Maranello noch die Treue?

Der Ferrari-Kessel steht wieder einmal unter Hochdruck. Erfolgszwang, fehlende Resultate, und Personalrochaden machen das Leben in Maranello derzeit etwas ungemütlich. Das spürt auch Felipe Massa, der Brasilianer kämpft derzeit an der Seite des übermächtigen Fernando Alonso um seine Karriere – da schmerzen ausgelassene Chancen wie in Montréal ganz besonders.

Endlich war Massa nach einigen enttäuschenden Leistungen wieder einmal gut in ein Wochenende gestartet – mit seiner geliebten weichen Reifenmischung stellte er seinen Boliden auf den dritten Startplatz. Auch im Rennen lief es vielversprechend, ehe er beim Überrunden von Narain Karthikeyan in die Mauer donnerte. Mit einer neuen Nase war trotz eines tollen Manövers gegen Kamui Kobayashi auf den letzten Metern nicht mehr als Platz sechs drinnen – zu wenig für die hohen Ansprüche von Ferrari.

Was war in der entscheidenden Szene passiert? Als der zu diesem Zeitpunkt drittplatzierte Massa am Hispania-Boliden vorbeigehen wollte, war bloß die Ideallinie trocken – der Ferrari-Pilot scherte rechts aus dem Windschatten aus, kam auf den feuchten Asphalt, das linke Hinterrad hatte plötzlich mehr Grip als das rechte, der Bolide brach nach rechts aus und traf die Mauer.

Anschuldigungen gegen Karthikeyan

Doch Massa sieht die Situation anders und gibt Karthikeyan die Schuld am Zwischenfall: "Meine Chancen, es auf das Podest zu schaffen und um den Sieg zu kämpfen, lösten sich in Luft auf, als ich Karthikeyan überholte. Er fuhr sehr langsam auf der trockenen Spur, aber als ich ihn auf der nassen Seite überholte, stieg er aufs Gas. Ich verlor die Kontrolle über mein Auto und landete in der Mauer. Ich bin wütend. Es gibt keinen Grund, das zu verleugnen." Glaubt man der brasilianischen Zeitung O Estado de S.Paulo war das noch die harmloseste Schilderung Massas – einige seiner Ausführungen sollen für den Abdruck untauglich gewesen sein ...

Auch für Ferrari ist Karthikeyan der klare Sündenbock des Wochenendes. In einem offiziellen Text auf Ferraris Medien-Website fackelt man nicht lange herum: "Dass der zweite Ferrari aus dem Kampf um die Spitzenplätze gerissen wurde, war das Werk eines Nachzüglers, Karthikeyan, der sich langsam fahrend auf der trockenen Linie entschieden hatte, gleichzeitig mit Felipe zu beschleunigen. (...) Dadurch verlor der Brasilianer, der bis dahin ein großartiges Rennen gefahren war, die Kontrolle über sein Auto und berührte die Begrenzung."

Montezemolo nützte die Lage gar aus, um wieder einmal auf die kleinen Teams zu schießen und um Werbung für sein Lebensthema – ein drittes Auto pro etabliertem Rennstall – zu machen. "Das ist der Nachteil von langsamen Autos und erfahrenen Fahrern", interpretierte er den Unfall gegenüber Sky Sports 24 als endgültige Bestätigung, dass ein drittes Auto pro Team die Nachzügler-Rennställe Lotus, Marussia-Virgin und Hispania ersetzen sollte.

Karthikeyan wehrt sich gegen Ferrari-Attacke

Doch Karthikeyan lässt all das nicht auf sich sitzen. "Mit den Anschuldigen geht es immer los, wenn ein Sitz in Gefahr ist", kontert er Massas umstrittene Schuldzuweisung gegenüber ESPN F1 und gibt damit den Gerüchten Nahrung, dass das Cockpit des Brasilianers in Gefahr sei. Doch wie sah der indische Hispania-Pilot selbst die Situation? "Ich habe überhaupt nicht verlangsamt", setzt er sich zur Wehr. "Er kam sehr schnell näher, wechselte dann die Linie, kam auf die feuchte Stelle und drehte sich."

Mit seiner Anspielung, dass Massas Sitz in Maranello wackelt, könnte Karthikeyan einen wunden Punkt getroffen haben. Bereits im Vorjahr war der Brasilianer von Ferrari-Boss di Montezemolo verhöhnt worden, als er sich von Teamkollegen Alonso nach der Stallorder von Hockenheim Rennen für Rennen demütigen ließ. Das sei nicht Massa, das sei nur sein Bruder, hieß es in typischer Montezemolo-Polemik.

Die Dramen des Felipe Massa

Dabei musste der Brasilianer in den vergangenen Jahren ohnehin genug einstecken: Nach seinem bittersten Sieg, als er den Titel beim Saisonfinale 2008 mit einem Triumph beim Heimrennen erst nach der Zieldurchfahrt gegen Lewis Hamilton verlor, stand er nie mehr ganz oben auf dem Siegespodest. 2009 dann der nächste Schlag: Eine Feder von Barrichellos Brawn-Boliden traf Massa beim Qualifying zum Grand Prix von Ungarn so unglücklich am Helm, dass seine Karriere in Gefahr war.

Auch Jenson Button ist bewusst, dass der Brasilianer schwere Zeiten durchgemacht hat. "Felipe musste mental einige schwere Schläge einstecken, nicht nur die WM-Niederlage damals. Man darf seinen Unfall in Ungarn 2009 nicht vergessen. Ich weiß nicht, wie es ihm dieses Jahr ergeht, weil man eigentlich nie im Detail auf andere Fahrer schaut. Alonso ist ein außerirdisch schneller Fahrer. Das macht sein Leben nicht einfacher.", so Button gegenüber dem Blick.

Reifen als größte Problemzone

Erst Anfang 2011 schien sich der Brasilianer langsam von den Rückschlägen erholt zu haben, war bei einigen Rennen auf Augenhöhe mit Alonso – doch ausgerechnet auf seiner Lieblingsstrecke in Istanbul riss das Zwischenhoch des 30jährigen, als er nicht einmal in die Punkte kam. "Warum er nicht so schnell fährt wie früher?", fragt Button. "Ich kann es nicht sagen. Vielleicht hat er Probleme, die Reifen optimal zu nutzen."

Tatsächlich steuern die Reifen die Fieberkurve von Massas Leistungen: Mit den weicheren Mischungen ist er konkurrenzfähig, die harten Reifen sind Gift für den Vizeweltmeister von 2008. Das weiß auch Teamchef Stefano Domenicali, der gegenüber der Welt klarstellt: "Fakt ist, dass sein sanfter Fahrstil mit den harten Reifen im Moment kein Vorteil ist." Ein Problem, das Massa schon im Vorjahr zu schaffen machte.

Doch wie lange hat Ferrari noch Geduld? Der Mann, der von Nicolas Todt gemanagt wird, ist seit 2003, als er dort als Testfahrer anheuerte, Teil der Ferrari-Familie. Sein Vertrag gilt noch bis 2012. Mit Nico Rosberg und Mark Webber werden zwei starke Piloten immer wieder mit der Scuderia in Verbindung gebracht. "Entscheidend für mich ist", so Domenicali, "dass Felipe weiß, dass er die totale Unterstützung des Teams hat und dass er, was uns betrifft, unter keinem überdimensionalen Druck steht."

Domenicali sieht 2011 als Entscheidungsjahr

Im gleichen Atemzug stellt er aber klar: "Das bedeutet auch, dass dieses Jahr für seine künftige Formel-1-Karriere ein entscheidendes Jahr sein wird, und zwar grundsätzlich als Formel-1-Rennfahrer und nicht unbedingt als Ferrari-Fahrer." Der Italiener glaubt: "Fernando ist zwar sehr schnell, aber Felipe kann unter bestimmten Vorraussetzungen genau so schnell, wenn nicht sogar schneller fahren. Ferrari ist immer loyal und vor allen Dingen geduldig, und ich bin sicher, diese Haltung wird sich in den nächsten Rennen zu seinen Gunsten auszahlen."

Massa gilt als Fahrer, der bei der Feinabstimmung seines Fahrzeuges im Rennen voll und ganz den Anweisungen seines Renningenieurs Rob Smedley folgt und selten selbst die Initiative ergreift. Nun fordert Domenicali von seinem langjährigen Piloten: "Er sollte mehr Selbstvertrauen aufbauen und wirklich alles aus seinen Fähigkeiten herausholen."

Ähnliche Themen:

News aus anderen Motorline-Channels:

Weitere Artikel:

Rallycross-ÖM, Greinbach: Bericht

Action und Spannung pur in Greinbach

Bei frühlingshaften Temperaturen wurde am vergangenen Wochenende ein Rallycross-ÖM Lauf im PS Racing Center Greinbach ausgetragen.

Der brandneue Audi Nuvolari teilt offenbar seine Basis mit dem Lamborghini Temerario: Genau daraus könnte das nächste GT3-Auto von Audi entstehen

"Will das Ding gewinnen!"

Klare Nürburgring-Ansage von Verstappen

Max Verstappen rockt die Nordschleife: Trotz Defekt-Pech schwärmt der Ex-Weltmeister von seinem 24h-Ausflug und will mehr - Kollegen begeistert

Tardozzi über Marquez' Ungarn-Coup

"Er überrascht uns immer noch"

Marc Marquez gewinnt in Ungarn und macht im Titelkampf Boden gut - Doch Davide Tardozzi warnt: Der Spanier sei noch weit von seiner Bestform entfernt

Keine umklappenden Flügel

FIA streicht für Monaco aktive Aerodynamik

Die FIA hat beim Formel-1-Rennen in Monaco keine Zonen für den Straightline-Modus vorgesehen, weshalb es in Monte Carlo keine umklappenden Flügel geben wird

Das gibt eine Ermahnung von Toto Wolff: George Russell und Kimi Antonelli haben im Kanada-Sprint Erinnerungen an Rosberg vs. Hamilton wach werden lassen