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Rallye: Reportage

Walter Scheucher: Besessen davon, uns mitzunehmen

Wie ein getriebener Stalker verfolgt die Kamera Hermann Neubauer – und lässt uns seinen Staatsmeistertraum auf völlig neue Art miterleben…

Michael Noir Trawniczek
Fotos: Walter Scheucher Emotion Pixtures

Eine Kamera verfolgt Hermann Neubauer aus einer stalkingartigen Perspektive, sie zeigt wie er seine Freundin herzt ehe er in das Cockpit seines Rallyeboliden steigt - die Bilder wirken dank der leichten Slowmotion surreal, der maschinenartige Sound könnte auch aus einem Marilyn Manson-Video stammen, wäre dieser nach seinem Born Villain-Experiment dem Kunst-Genre treu geblieben.

Als sich Neubauer im Cockpit sitzend die Kopfhörer aufsetzt, wird auch akustisch klar: Es ist ein Traum! Es ist Hermann Neubauers Traum vom Staatsmeistertitel. Dieser Kunstgriff, mit dem Aufsetzen der Kopfhörer den Sound abzuschwächen und uns damit in die Hermann Neubauer-Perspektive zu bringen, zeigt sehr deutlich, wie der Macher des Videos, Walter Scheucher an seine Arbeit herangeht.

Es ist ein eigenwilliger, ganz sicher ein neuartiger Zugang – Scheucher verfolgt Neubauer wie ein entfesselter Stalker, er verfolgt das Rallyeauto und zeigt es so nah und lebendig, wie man es selten oder eigentlich nie zu sehen bekommt. Es fällt ein Schuss – und die Zeit wird drastisch verlangsamt, als würde ein Täter mit diesen Aufnahmen sein Opfer ganz genau studieren wollen.

In seiner Bedrohlichkeit erinnert das Video auch an John Carpenter, der in seinem 1980 erschienenen Film „The Fog“ es zustande brachte, mit relativ wenig gezeigten Grausamkeiten das Bedrohliche im „Nebel des Grauens“ zu skizzieren. Im Originalschnitt, in dessen Folge die Produktionsfirma mehr Blut und Action einforderte, war dieser Effekt noch größer. Carpenter hat damit das eigene Kino, das Kino im Kopf angeregt. Das ist bei Scheucher nicht sehr viel anders – er macht keine Sportvideos, sondern einen Kinofilm. Ein Kino für den Kopf - eines, das einen den Traum von Hermann Neubauer mitträumen und dennoch so vieles offen lässt, dass da noch Platz ist im Kopf, für den eigenen Traum…

Der John Carpenter des Sportvideogenres

Der Vergleich mit John Carpenter wird noch legitimer, wenn man weiß, dass Carpenter bei „The Fog“ sämtliche Sounds mit analogen Synthesizern eingespielt hat und dass auch Walter Scheucher für sämtliche Sounds in seinem Video verantwortlich zeichnet. Im Chat mit motorline.cc verrät er: „Ich bin seit meinem achten Lebensjahr Drummer und komponiere alles selbst. Ich verwende auch keine Loops, es ist alles komplett selbst komponiert.“

Scheucher gibt ganz offen zu: „Leider bin ich Perfektionist – wenn die Musik nicht passt, komme ich ins Trudeln. Denn es gibt keine Regeln – einerseits schön, andererseits ein Horror!“ Dieses Loslösen von sämtlichen Regeln und Gesetzen, die sich auch TV- und Videomacher gerne selbst auferlegen, gibt Scheucher eine Freiheit, die ihn ganz weit weg vom gängigen „Sportvideo“ bringen.

“Stalker“ aus Leidenschaft

Man könnte glauben, er sei besessen davon, diesen Autos und diesem Sport so nahe wie nur irgendwie möglich zu kommen – ist er wirklich ein dermaßen Getriebener? Scheucher lacht: „Immer! Aber Safety first – deshalb verwende ich einen mobilen 4 Meter-Kran, der in 30 Sekunden aufgebaut ist.“

Mit dem Staatsmeistervideo von Hermann Neubauer gelingt es Walter Scheucher, ohne jedes gesprochene Wort die Strapazen und die Erlösung des Portraitierten, diesen Kampf am Limit, der für die meisten Betrachter jenseits des Vorstellbaren liegt, auf einer Gefühlsebene mitzuerleben, als wäre man eine Drohne, die darauf programmiert ist, die echten Gefühle des Hermann Neubauer aufzuzeichnen.

Einst waren es die „Sport am Montag“-Reportagen von Peter Klein, die den Rallyesport mit faszinierenden und neuartigen Bildern ins Wohnzimmer brachten. Heute ist Walter Scheucher, dieser „getriebene Täter“, dieser „Stalker aus Leidenschaft“, dem Genre um Lichtjahre voraus. Noch nie zuvor hat es im Bereich Motorsport eine derartige Verschmelzung von Avantgarde und Sport gegeben – Scheucher steht damit völlig alleine da. Bleibt nur zu hoffen, dass ihn jemand abholt und sein Werk ohne jede Einflussnahme in die Welt hinaus transportiert. Denn sie hat es verdient.

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