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Ausgeliefert an die Bürokratie
Mag. Severin Karl

Strafverfügungen in Wien: Kafka lässt grüßen

Zettel in der Windschutzscheibe, Anonymverfügung, dann Strafverfügung. Und das „unschuldig“. Wer hier schon Stress bekommt, darf gar nicht erst an die bürokratischen Irrwege, die folgen, denken. Ein Kommentar.

Mag. Severin Karl

Wir fahren für unsere User quer durch das Land, um an Pressekonferenzen und Co teilzunehmen, damit wir sämtliche News und Stimmen aus der Branche in unsere Berichterstattung aufnehmen können. So auch geschehen Anfang Jänner bei den zahlreichen Jahresauftakt-Pressekonferenzen in Wien. Ein Importeur lädt in die Innenstadt und denkt auch daran, das nächstgelegene Parkhaus zu nennen. Es ist leider schon voll, wir gehen auf Parkplatzsuche und gleich ums Eck ist die perfekte Lücke frei, die restliche Führichstraße ist zugeparkt. Am Boden liegt Schnee, konkrete Linien sind nicht zu sehen. Wir achten auf den ersten Bereich der Straße, wo eine Ladezone beginnt und dann ebenso gut beschildert endet. Dann kann man danach wohl parken. Der – vermeintliche – Parkplatz ist auf gleicher Ebene wie die Straße, keine bauliche Trennung (Stichwort „Gehsteigkante“) stört.

23 Stunden Ersatzfreiheitsstrafe drohen

Nach der Pressekonferenz findet sich ein Zettel in der Windschutzscheibe. Wir hätten auf dem Gehsteig geparkt, „Anzeige folgt“. Was zuerst folgt, ist natürlich die Anonymverfügung, um den tatsächlichen Fahrer ausfindig zu machen. Dann flattert die Strafverfügung ins Haus: 98 Euro oder 23 Stunden Ersatzfreiheitsstrafe.
Wir rufen die ÖAMTC Rechtsberatung an, erklären den Sachverhalt und nennen unsere Einwände (keine bauliche Trennung, Schnee verdeckt fehlende Linien, Eindruck durch andere parkende Autos). Ja, man könne – mit Zusatzkosten – Einspruch erheben, aber „da gibt es Fälle mit gewichtigeren Einwänden, denen nicht stattgegeben wird.“

Dann also der Anruf direkt bei der auf der Strafverfügung angeführten MA67, um dort vorzufühlen. Aha, wir wurden gar nicht von der Parkraumüberwachung aufgeschrieben, sondern von einem Polizeiorgan, die MA67 treibt nur die Strafe ein. Nein, wie erfolgreich ein Einspruch ist, kann man nicht sagen, denn „wir bekommen ja kein Feedback, ob ein Einspruch durchgegangen ist.“ Auch die Führichgasse als typischer Tatort ist nicht bekannt. Tatsächlich? Sind wir die ersten, die dort eine Strafe bekommen? Das können wir uns nicht vorstellen. Und, klappt es zumindest mit einer Strafminderung in Anbetracht der Umstände und der „Erstbegehung“? Naja, könnte schon sein, aber das macht wiederum die MA6 und das geht erst, wenn man … So geht es weiter am Telefon, wo sich niemand wirklich zuständig fühlt und stets auf andere Stellen verwiesen wird.

Höchst kafkaesk, das „Ausgeliefertsein an anonyme und bürokratische Mächte“, wie das Lexikon den Begriff umschreibt. Undurchschaubare Situationen und ein Gefühl der Ausweglosigkeit bestimmen weiters die Werke des Schriftstellers Franz Kafka. Kommen Sie nach Wien, wenn Sie Kafka lieben!

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Der A&W-Verlag bildet ein breites Meinungsspektrum ab. Kommentare müssen nicht der Meinung des Verlages entsprechen.

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