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BMW C evolution - Elektro-Scooter im Test BMW C evolution 2018

Flirt mit Folgen

Der rein elektrische Scooter BMW C evolution ist außergewöhnlich und mit 14.000 Euro noch nicht einmal so teuer, wie es zunächst klingt.

Ralf Schütze/mid

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Überraschung pur herrscht meist beim Erstkontakt mit dem Elektro-Scooter BMW C evolution. Seit 2014 nutzt die Marke ihr Know-how aus dem Elektro-Auto i3 auch im Großroller, der fast lautlos meist über städtische Straßen zischt.

Große Aha-Effekte sind vor allem dann fällig, wenn jemand als Beifahrer erstmals miterlebt, wie gewaltig der C evolution auf jeden noch so kleinen Dreh am Stromgriff reagiert. Der 275 kg schwere Elektro-Roller katapultiert Fahrer und Sozius unglaublich vehement voran. Vor allem dies trägt stark dazu bei, dass aus einem vermeintlich flüchtigen Flirt durchaus eine Dauerbeziehung werden kann. Wir prüften monatelang, ob der BMW C evolution sogar zum Ganzjahresfahrzeug taugt.

Hinter der unglaublichen Spurtstärke des Strom-Rollers steckt ein grundlegendes Phänomen der Elektro-Mobilität: 11 kW "Nennleistung" klingen recht harmlos. Aber: Der tatsächliche Maximalwert liegt bei 35 kW oder 47,5 PS. Aber noch mehr als die Pferdestärken sind für den vehementen Antritt satte 72 Newtonmeter Drehmoment verantwortlich. Wie bei allen Elektromotoren liegt diese ohnehin stolze Schubkraft sofort komplett an, sobald das Aggregat aktiv wird. Das Drehmoment muss sich also nicht erst allmählich über die Drehzahl aufbauen, wie bei Verbrennungsmotoren üblich.

Resultat beim BMW C evolution: Auf den ersten rund 20 Metern nach Start lässt er so manches Supersport-Motorrad hinter sich. Der ungewöhnliche Wert für den Spurt von 0 auf 50 km/h: 2,8 Sekunden. Das ständig abrufbare Beschleunigungs-Potenzial verwöhnt den Piloten des Elektro-Scooters derart, dass ein plötzlicher Wechsel auf einen konventionellen Großroller mit rund 60 Benzin-PS erstmal Langeweile erzeugt.

Die Lithium-Ionen-Akkus des C evolution stammen ebenso wie Antriebseinheit und Steuerung aus dem BMW i3. Unser Langzeittest hat ergeben: Auch im Winter bei eisig kalten Temperaturen halten sie die Energie erstaunlich gut. Nach rund fünf Wochen in der Garage bei teils erheblichen Minusgraden beträgt die Reichweite unseres Test-Scooters nach wie vor exakt jene 79 Kilometer, mit denen wir ihn abgestellt hatten.

Fährt man bei niedrigen Plusgraden, dann steigt der Stromverbrauch im Vergleich zu sommerlichen Graden zwar spürbar an, aber nicht etwa extrem. Unsere Reichweite im eiskalten Frühjahr 2018 sinkt von normalerweise 110 lediglich auf knapp unter 90 Kilometer im leistungsstarken Dynamic-Modus.

Aus vier Fahrmodi kann man beim Elektro-Scooter wählen: "Road" bietet normale Performance und Reichweite. "Eco-Pro" bietet weniger Kraft, dafür aber bis zu 20 Prozent höhere Reichweite. "Sail" bringt entspanntes Dahingleiten ohne Rekuperation. Unser Favorit heißt eindeutig "Dynamic": Volle Leistung und deutliche Rekuperation, dabei immer noch praxisgerechte Reichweite für die typischen Stadtfahrten mit einem Roller.

Rekuperation heißt konkret: Beim Zurückdrehen des Stromgriffs entsteht genug Verzögerung, um bis in den Stillstand zu kommen. Lediglich für sehr starke oder gar Not-Bremsungen reicht dies nicht. Strom fließt in die Akkus zurück, weil der Motor dabei im Stile eines Fahrraddynamos als Generator fungiert und Bremsenergie in Strom umwandelt. Bei Elektrofahrzeugen ist dies sehr deutlich spürbar, und wer sich daran gewöhnt, kann aufs eigentliche Bremsen fast ganz verzichten.

Fürs Strom-Tanken genügen an Schnell-Ladestationen etwa drei Stunden, bis völlig leere Akkus wieder voll sind. Das ist natürlich keine Zeitspanne, die man abwarten möchte. Aber gezieltes Schnell-Laden etwa während des Arbeitstages ist somit kein Problem.

Sogar an üblichen Haushaltssteckdosen sollte man mit den Ladezeiten zurecht kommen. Konkretes Beispiel: Bei 48 Prozent Batterieladung und 61 Kilometer Restreichweite kommt der C evolution ans heimische Stromnetz. Knapp zweieinhalb Stunden später sind 96 Prozent Kapazität erreicht und 111 Kilometer Reichweite. Trotzdem zeigt unser Langzeittest: Hersteller von Elektrofahrzeugen müssten gemeinsam mit der Politik die Infrastruktur deutlich verbessern. Nicht jeder kann über ein Verlängerungskabel aus seiner Hochparterre-Wohnung den E-Scooter aufladen oder verfügt gar über eine eigene Garage. Wären mehr Steckdosen öffentlich erreichbar, könnte man platzsparende Roller problemlos aufladen, ohne jemanden zu behindern.

Wer vorausschauend mit seinem Strom-Vorrat umgeht, kommt sogar ganz gut ohne Schnell-Ladestationen aus. Nicht zuletzt deshalb hat unser Langzeittest zur Erkenntnis geführt: Nirgends hat Elektromobilität wohl so große Chancen sich bald durchzusetzen, wie bei flinken City-Scootern wie dem BMW C evolution.

Selbst der vermeintlich hohe Anschaffungspreis muss kein Hindernis sein. Zwar ist der C Evolution erst ab rund 14.000 Euro zu haben. Ein ähnlich leistungsstarker Großroller kostet im Falle des Yamaha TMAX SX Sport Edition auch kaum weniger, obwohl dessen Drehmoment von 53 Newtonmeter deutlich unter den 72 Nm des BMW liegt.

Bei den laufenden Kosten schlägt "Sprit" ebenfalls zugunsten des Elektrorollers zu Buche. Denn: Für rund 100 Kilometer Reichweite mit einer Akku-Ladung sind etwa zwei Euro fällig - deutlich weniger als fürs Füllen des Benzintanks beim Roller mit Verbrennungsmotor, denn beim Yamaha TMAX kosten 100 Kilometer Reichweite rund 7,50 Euro.

Das zunächst als Speed Dating gedachte Anbandeln mit dem Elektro-Roller kann sich also schnell zu einer dauerhaften Beziehung entwickeln. Zu handfesten Vorzügen des E-Scooters gesellt sich noch ein kommunikativer Aspekt: Man kommt schnell mit Menschen in Kontakt und erfährt sehr viel Hilfsbereitschaft, wenn tatsächlich mal unterwegs der Saft ausgeht. So haben zum Beispiel Biergarten-Betreiber in der Regel nichts dagegen, wenn man als Gast nebenbei sein Strom-Fahrzeug an einer Steckdose auflädt.

Elektro-Scooter mit Antriebstechnik aus dem Elektro-Kompaktwagen BMW i3, permanenterregter Synchronmotor, max. Leistung: 35 kW/47,5 PS bei 4.650 U/min, max. Drehmoment: 72 Nm bei 0 bis 4.650 U/min, Hybridfahrwerk mit tragendem Batteriegehäuse aus Aluminium-Druckguss, angeschraubter Lenkkopfträger und Heckrahmen aus Stahlrohr, Upside-down-Teleskopgabel mit 40 mm Durchmesser vorn, Einarmschwinge mit direkt angelenktem Federbein hinten (Federbasis manuell in sieben Stufen einstellbar).
Doppelscheibenbremse vorn 270 mm, Einscheibenbremse hinten 270 mm, BMW Motorrad ABS, Reifen vorn: 120/70 R15, hinten: 160/60 R15, Aluminium-Gussräder, Sitzhöhe: 765 mm, Batteriekapazität: 94 Ah, Radstand 1.594 mm, Gewicht fahrfertig 275 kg, Beschleunigung 0-50 km/h 2,8 s (0-100 km/h 7,0 s, Vmax 129 km/h, WMTC-Normverbrauch 8,5 kWh.
Österreich-Preis: 14.100 Euro (Deutschland: 13.950 Euro).

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