Mick Schumacher im Interview | 16.04.2026
Mick Schumacher im Interview: "Großartige Dinge am Horizont"
Nach den ersten vier Rennwochenenden seiner ersten IndyCar-Saison spricht Mick Schumacher über Herausforderungen, Hoffnungen, Pläne und die Formel 1
Mick Schumacher hat die ersten vier Rennen seiner Rookie-Saison in der IndyCar-Serie hinter sich. Mittlerweile hat er auf allen Streckentypen - Oval, Rundstrecke, Stadtkurs - mindestens ein Rennwochenende bestritten.
Einzig der Indianapolis Motor Speedway als großes Oval (Superspeedway) wartet auf Mick Schumacher noch. Ende April gibt es dort den offiziellen Vortest zum Indy 500. Die Freien Trainings zum Indy 500 steigen in der zweiten Mai-Woche.
Im Interview mit Motorsport-Total.com spricht Mick Schumacher darüber, wie er sich in der IndyCar-Serie als Fahrer eingelebt hat, was an den Rennwochenenden derzeit noch die größte Herausforderung für ihn ist, inwiefern sich die IndyCar-Serie von der Formel 1 unterscheidet, welche Hoffnungen und Pläne er für den Rest der Saison hat, und darüber, wie er über die aktuelle Formel 1 denkt.
Frage: "Mick, ich fange mal mit einer einfachen Frage an. Du hast mittlerweile ein paar IndyCar-Rennen hinter dir. Wie war es für dich, wieder in einem Auto zu sitzen, in dem du der einzige Fahrer bist? Du musst den Sitz nicht mehr mit jemandem teilen, wie es in der WEC der Fall war. Wie war es für dich, wieder in diese gewohnte Situation zurückzukehren?"
Mick Schumacher: "Wirklich gut, ich genieße es sehr. Weißt du, einfach nur zu arbeiten und keine Kompromisse eingehen zu müssen, ich glaube, so lässt sich das am einfachsten erklären. Es hat natürlich ein paar personelle Veränderungen gegeben, was nicht einfach war, weil man sich immer wieder neu einstellen muss."
"Aber die Zusammenarbeit mit Eddie (Schumachers neuer Renningenieur Eddie Jones; Anm. d. Red.) am Barber-Wochenende hat ziemlich viel Spaß gemacht. Ich freue mich schon sehr darauf, nach Long Beach zu fahren und mich dort mit ihm zu unterhalten."
Frage: "Ich will hier keine Vorurteile hegen, will mir keine einseitige Meinung bilden. Ich überlasse das in dieser Frage einfach dir. Aber was war für dich bisher die wichtigste Erkenntnis seit deinem Wechsel in die IndyCar-Serie?"
Schumacher: "Nun, es ist offensichtlich etwas anders, was den Ablauf des Wochenendes angeht. Das ist ganz anders als bei allem, was ich bisher gefahren bin. Hier fährt man am Freitag nur ein Training, dann hat man quasi frei und geht in den nächsten Tag. Und am Samstag geht es dann wirklich Schlag auf Schlag."
"Was auch immer man also nach dem ersten Freien Training hat und sich vornimmt, normalerweise bleibt nicht viel Zeit, das für das Qualifying zu ändern. Man muss also ziemlich genau wissen, welche Set-up-Änderungen man von Freitag auf Samstag vornehmen will. Und das gilt im Grunde auch für den Sonntag."
"Deshalb habe ich das Gefühl, dass man im FT1 im Grunde mehr Zeit hat, alles perfekt oder so perfekt wie möglich hinzubekommen, um dann das ganze Wochenende daran festzuhalten. Das ist, glaube ich, die wichtigste Erkenntnis, die ich gewonnen habe."
"Ich habe einfach versucht, das wirklich zu verstehen. Die Herangehensweisen, die Änderungen, die wir vornehmen können, die Optionen, die ich habe, und dann das Timing des Wochenendes wirklich zu verstehen. Ich glaube, das war der schwierigste Teil."
IndyCar vs. Formel 1: Wo die Unterschiede liegen
Frage: "Ich finde das irgendwie interessant, denn ich hatte die Gelegenheit, über eine Handvoll Formel-1-Rennen zu berichten, und natürlich habe ich die meiste Zeit in der IndyCar-Serie verbracht. Es gibt eine solche Kluft zwischen der einen und der anderen Seite der Welt, was die Sichtweisen angeht. Ich will nicht von Überlegenheit sprechen, aber in Bezug auf das, was sie an Talent zu bieten haben, bin ich einfach neugierig. Siehst du mehr Gemeinsamkeiten zwischen der Formel 1 und der IndyCar-Serie als sie viele Leute vielleicht tatsächlich erkennen können? Oder sind die beiden Rennserien so extrem unterschiedlich, dass es Sinn ergibt, dass es eine so große Kluft gibt?"
Schumacher: "Du hast in dieser Frage etwas ausgelassen, aber insgesamt würde ich sagen, dass es hier und da sicherlich Gemeinsamkeiten gibt. Ich glaube, dass sie sich sehr unterscheiden, was zum Beispiel die Beziehung zwischen Fahrer und Auto angeht."
"In der IndyCar-Serie wird meistens versucht, alles zu tun, um das Auto so gut wie möglich an den Fahrstil anzupassen. In der Formel 1 gab es diesbezüglich schon immer eine eigene Philosophie, sie orientieren sich dort sehr stark an Daten."
Frage: "Das klingt beinahe so, als sei es deiner Meinung nach direkter, dass man sich an der Philosophie eines Fahrers orientieren kann, anstatt sich immer der Philosophie eines Ingenieurs unterordnen zu müssen. Es klingt beinahe so als würde sich ein Ingenieur deinem Stil anpassen. Ist das richtig?"
Schumacher: "Ja, das ist richtig. In Europa war ich zum Beispiel generell sehr gut darin, mich an Neues anzupassen und mich darauf einzustellen. Ich glaube, das ist wahrscheinlich etwas kontraintuitiv, aber hier hilft es mir nicht wirklich weiter. Denn egal, was wir am Auto ändern, ich passe mich immer noch an das vorherige Auto an."
"Es geht also immer darum, das richtige Gefühl und die richtige Philosophie zwischen mir und dem Auto zu finden, damit ich nicht anfange, etwas zu ändern, anzupassen oder mich an etwas anzupassen, das ich früher hatte Es geht darum, dass ich tatsächlich konstanter bleibe, damit wir das Auto so einstellen können, dass es für mich funktioniert."
Womit Mick Schumacher als IndyCar-Rookie zu kämpfen hat
Frage: "In der Formel 3 und der Formel 2 hast du etwa zwei Jahre gebraucht, um dich vom Eingewöhnen bis hin zur Chance, ganz vorne mitzufahren, zu entwickeln. Siehst du das hier als einen ähnlichen Zeitrahmen? Auch wenn du dich selbst nicht als Rookie betrachtest, wenngleich es das Etikett ist, das dir die IndyCar-Serie geben will, aber in dem Wissen, was du über diese Rennserie und die Vielfalt an unterschiedlichen Streckentypen lernen musst, siehst du es o, dass du gut zwei Jahre brauchen wirst, um alles richtig hinzukommen und regelmäßig vorne mitzufahren, so wie du es in der Formel 3 und Formel 2 getan hast?"
Schumacher: "Ja, vielleicht. Ich denke, in der Formel 3 und der Formel 2 gab es natürlich andere Umstände, die es so darstellten oder so erscheinen ließen. Ich glaube, hier bei IndyCar hängt vieles einfach damit zusammen, dass ich die Strecken nicht kenne. In den meisten Fällen habe ich vor den Rennwochenenden keine Ahnung, was mich erwartet."
"Im Grunde genommen nutzen einige der anderen Fahrer, oder die meisten anderen Fahrer, ich glaube sogar alle, ihre Freie Trainingszeit, um tatsächlich am Auto zu arbeiten, um an den Dingen zu arbeiten, an denen sie arbeiten müssen."
"Ich hingegeben brauche wahrscheinlich 10 bis 15 Runden nur dafür, mich mit der Strecke vertraut zu machen. Das sind 15 wertvolle Runden, die ich mir im Moment eigentlich nicht leisten kann, die ich aber trotzdem brauche, um mich erst einmal einzugewöhnen."
"Also ja, vielleicht dauert es etwas länger, aber ich denke, es ist auch eine Frage davon, dass dieses Feld in gewisser Weise sehr spezialisiert ist. Ich habe das Gefühl, dass viele der Jungs hier schon so viele Jahre dieses Auto fahren, dass sie die Fahrweise einfach perfektioniert haben."
"Auch wenn das Auto in letzter Zeit, mit dem Hybrid und so weiter, immer wieder ein bisschen angepasst wurde, so ist es immer noch ein Auto, das es von der Basis her nun schon seit, wie lange, 16 Jahren gibt?"
"Das ist eine lange Zeit. In der Formel 1 oder in jeder anderen Rennserie, in der ich bisher gefahren bin, bleibt nichts länger als vier Jahre. Also ja, das ist definitiv etwas, das etwas Zeit brauchen könnte. Ich glaube aber auch, dass ich einfach mal ein gutes Wochenende brauche. Das ist es, was wir brauchen."
"Nur eine Frage der Zeit, bis wir alles auf die Reihe bekommen"
"Die Sache ist die: Wir hatten an den zurückliegenden Wochenenden eine kleine Pechsträhne. Ich denke, das Wesentliche ist, dass es auf dem Oval [in Phoenix] in der Qualifikationsrunde super lief. Aber dann war es natürlich nicht gerade einfach, zum ersten Mal auf einem Oval zu fahren und gleich ganz vorne ins kalte Wasser geworfen zu werden."
"Und dann hat der Ausfall des Schlagschraubers auch nicht gerade dazu beigetragen, die Ergebnisse zu festigen, die wir meiner Meinung nach hätten erzielen können. Denn das Tempo an allen bisherigen Wochenenden war ehrlich gesagt auf Augenhöhe mit den Jungs, die in den Top 10 fahren."
"Dann kam Barber und das war so ziemlich das, was die Top-Fahrer geleistet haben, sobald mal alles im Griff war. Also, es zeichnen sich wirklich großartige Dinge am Horizont ab. Meiner Meinung nach ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir alles auf die Reihe bekommen, damit wir dann auch die Ergebnisse erzielen können, die uns zustehen."
Frage: "Wenn ich mit Graham [Rahal] und ein paar anderen Leuten spreche, fällt auf, wie du dich gibst. Du bist ein absoluter Profi, was deine Gewohnheiten betrifft, dein Lernen, den Umfang davon, was du in diese Sache investierst, und den Aufwand, den du dafür aufbringst. Es klingt fast so, als würdest du - ich möchte es nicht als zu großen Druck bezeichnen - aber ich bin neugierig: Wie viel Druck übst du auf dich selber aus? Und gibt es da einen Punkt, an dem du dich fast ein wenig zurückhalten und daran denken musst, Spaß zu haben?"
Schumacher: "Nun, ich glaube, da gibt es zwei Aspekte. Der Rennsport in Europa ist ganz anders. Es ist ein sehr hartes Umfeld. Es ist ein Umfeld, in dem man lernen muss, zu überleben. Und im Grunde genommen habe ich früher meist dadurch überlebt, dass ich härter gearbeitet habe als alle anderen. Oder zumindest habe ich es versucht."
"Ich kann natürlich nie beurteilen, wie hart andere Leute arbeiten, aber ich werde auf jeden Fall versuchen, unter allen Umständen, in jeder Situation, so hart zu arbeiten wie ich kann. Jetzt, wo ich hierhergekommen bin, ist meine Einstellung, das nicht zu ändern. Denn wenn ich das ändere und mich entspanne und Spaß habe und so, dann habe ich das Gefühl, dass ich einfach nicht so gut abschneiden werde."
"Denn dann übst du nicht den nötigen Druck auf dich selber aus. Es ist schließlich immer noch mein Job. Es ist immer noch meine Aufgabe, mein Bestes zu geben. Und dafür muss ich wirklich hart arbeiten. Denn, noch einmal, ich bin jemand, der diese Strecken noch nie gesehen hat. Also muss ich doppelt so hart arbeiten, um in der Lage zu sein, mit den Top-Fahrern mitzuhalten."
Wie Mick Schumacher seine Europa-Erfahrung einbringen will
Frage: "Vielleicht ist das eine schreckliche Anschlussfrage, aber wie viel Spaß macht es dir, den IndyCar-Boliden zu fahren, im Vergleich zu anderen Fahrzeugen, mit denen du bereits gefahren bist und die du ein paar Mal getestet hast? Ich bin gespannt darauf zu erfahren, was dein Fazit ist, wenn das IndyCar mit anderen Fahrzeugen vergleichst, die du gefahren hast?"
Schumacher: "Ich liebe den Rennsport. Und genau das macht den Spaß aus. Auch wenn ich vorhin das gesagt habe, was ich gesagt habe, heißt das nicht, dass ich keinen Spaß habe. Denn es ist das, was ich am meisten liebe."
"Einen IndyCar-Boliden zu fahren, macht extrem viel Spaß. Es ist normalerweise das, wo der Wettbewerb am größten ist. Und es sind normalerweise die Momente, in denen ich, sagen wir mal, die größte Zufriedenheit empfinde, wenn es gut läuft."
"Ich bin total begeistert von dieser Saison und freue mich riesig auf den Rest davon. Wir haben noch so viele wunderschöne Rennstrecken vor uns. Ja, manchmal gibt es immer noch einen kleinen Kulturschock, wenn ich an Orte wie zum Beispiel Arlington komme. Es ist dort einfach höllisch holprig, es ist so anders. Aber trotzdem ist es immer noch etwas, das zum IndyCar-Racing gehört, und es ist etwas, das zum Spaß und zum Flair dazugehört."
"Ich glaube natürlich schon, dass es in Zukunft Potenzial gibt, das zu verbessern. Auf jeden Fall! Aber es ist immer noch etwas, das ich genießen und an dem ich arbeiten kann. Und ja, ich sehe mich irgendwie in einer Position, in der ich vielleicht in Sachen Sicherheit helfen kann und dabei, was wir tun können, um alles zu verbessern."
"Denn ich habe all die Erfahrungen aus dem europäischen Rennsport, sei es im Formelauto, aber auch im Sportwagen. Ich weiß, was dort gut und was dort schlecht war, damit wir hoffentlich alle zusammenarbeiten können, um es hier großartig zu machen."
Wie Mick Schumacher über die aktuelle Formel 1 denkt
Frage: "Letzte Frage: Derzeit gibt es viel harte Kritik an der Art der Rennen in der Formel 1. Das haben wir alle irgendwie öffentlich mitbekommen. Was hältst du davon? Findest du die Rennen, wie sie in der Formel 1 im Moment ablaufen, überhaupt interessant?"
Schumacher: "Ich glaube, die Sache mit der Formel 1 ist, dass sie sich ständig weiterentwickelt. Sie werden immer hart daran arbeiten, jedes Problem, mit dem sie konfrontiert sind, zu lösen und zu verbessern. Manchmal dauert es etwas länger. Manchmal geht es schneller, geht gewissermaßen über Nacht."
"Ich glaube, dass sie eine Lösung für das finden werden, womit sie gerade zu tun haben - egal, welches Problem sie gerade haben. Die Formel 1 war und wird sicher noch sehr lange die Königsklasse des Motorsports sein, und das aus gutem Grund, einfach weil sie so gut darin sind, sich neu zu erfinden und zu versuchen, die Formel ihrer eigenen Meisterschaft ein wenig herauszufordern."
"Wenn wir auf 2022 zurückblicken, als die Autos so stark aufsetzten, haben sie bis zum Ende des Jahres Lösungen dafür gefunden. Aber darüber hinaus haben sie es innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre zu einem der schnellsten Autos überhaupt gemacht. Ich bezweifle also nicht, dass sie einen Weg finden werden, das, was sie haben, zu verbessern, um wieder Spaß zu haben."

















