Verrücktes Regen-Qualifying | 07.11.2026
Russell tobt nach Pole von Norris
Lando Norris sichert sich die Poleposition in Sao Paulo, doch der große Aufreger des Regen-Qualifyings ist ein Funkspruch zwischen George Russell und Mercedes
George Russell ist der große Pechvogel eines actionreichen Regen-Qualifyings zum Grand Prix von Sao Paulo 2026. Der Mercedes-Pilot war bei extremen Wetterbedingungen über weite Strecken der dominant wirkende Fahrer des Tages, doch am Ende ging der erste Platz wegen eines taktischen Fehlers des Mercedes-Teams an Lando Norris (McLaren).
Russell hatte nach ein paar Minuten in Q3, als er gerade auf Alexander Albon (Williams) aufgelaufen war, Tempo rausgenommen, obwohl seine Zwischenzeiten bis dahin herausragend schnell waren. Doch dann wurde ihm offenbar mitgeteilt, die Runde abzubrechen und es nochmal zu versuchen - und just in dem Moment wurde der Regen stärker, sodass keine Zeitenverbesserungen mehr möglich waren.
"Kumpel, du hast mir gesagt, ich soll vom Gas gehen. Was zur Hölle", tobte Russell am Boxenfunk, frustriert von einer ganzen Saison 2026, die nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen war. Teamchef Toto Wolff höchstpersönlich meldete sich dann, um ihn zu beruhigen: "George, du bist P2." Aber Russell war nicht zu beruhigen: "P2? Ich will nicht P2 sein, ich will P1."
Später sagte Russell im ersten Interview: "Das wäre definitiv die Pole-Runde gewesen." Weil er wegen eines Motorwechsels in der Startaufstellung nach hinten rückt, hätte er den Grand Prix aber so oder so nicht vom ersten Platz aus in Angriff nehmen können.
Norris stellte inzwischen die Bestzeit von 1:27.470 Minuten auf, in der Ergebnisliste 0,204 Sekunden vor Russell. Der McLaren-Pilot profitierte in einer chaotischen Session von einem glücklichen Händchen für das richtige Timing - und von den technischen Updates (Frontflügel, Heckflügel, Unterboden), die McLaren als einziges Team nach Brasilien gebracht hatte.
Kimi Antonelli (Mercedes) wurde Dritter, vor Charles Leclerc (Ferrari), Liam Lawson (Racing Bulls) und Nico Hülkenberg (Audi) auf Platz 6. Hülkenberg fuhr in Q1 auf den Spuren seiner Williams-Pole von 2010 und rückt in der Startaufstellung wegen der Gridstrafen von Russell und Leclerc in die zweite Reihe auf.
Siebter wurde Isack Hadjar (Red Bull), Achter Oliver Bearman (Haas), Neunter Fernando Alonso (Aston Martin) und Zehnter Albon.
Die Superstars Lewis Hamilton (11./Ferrari) und Max Verstappen (16./Red Bull) waren bereits in Q2 ausgeschieden. Wegen ihrer Gridstrafen (Motorwechsel) spielte das aus ihrer Sicht aber keine Rolle. Verstappen hatte in Q2 gar nicht erst versucht, eine Rundenzeit zu setzen.
Q1, Teil 1: Heftiger Regenschauer sorgt für rote Flagge
Alle Freien Trainings waren trocken, aber pünktlich zum Beginn des Qualifyings setzte in Interlagos ein starker Regenschauer ein. "Ich habe jetzt schon Aquaplaning", funkte Antonelli auf seiner ersten Out-Lap, und Russell wurde von seinem Renningenieur informiert: "Wir glauben, wir brauchen den Extrem-Regenreifen." Denn zunächst waren viele noch mit den grün markierten Intermediates rausgefahren.
Der Spaß dauerte gerade mal 2:23 Minuten, dann zog der Rennleiter die Reißleine und brach die Session mit der roten Flagge ab. "Die Bedingungen sind extrem. Es ist sehr viel Wasser auf der Strecke", kommentierte Formel-1-Experte Mathias Lauda in der Live-Übertragung von ServusTV. Und Hadjar funkte, als er zurück in der trockenen Garage stand: "Um Gottes Willen, ich brauche einen neuen Sitz!" Weil seiner völlig durchnässt war.
Ausschlaggebend für die Unterbrechung war vermutlich, dass selbst jene, die gleich die blauen Extreme-Wets aufgezogen hatten, auf ihren Out-Laps zu kämpfen hatten. Norris etwa rutschte im Infield neben die Strecke. Und Antonelli musste erleichtert lachen, als er wieder in der Box stand: "Wow, das war ein krasser Schauer! Ich bin komplett nass."
Die FIA-Rennkommissare nutzten die Pause, um eine Untersuchung gegen Oliver Bearman durchzuführen. Der Haas-Pilot war zu Beginn von Q1 schon mit Intermediates an der Boxenausfahrt gestanden, entschied sich dann aber kurzentschlossen dazu, auszuscheren und Extreme-Wets aufziehen zu lassen.
Untersucht wurde in diesem Zusammenhang ein Zurücksetzen in der Boxenstraße. Bearman ließ sich zwar am Ende der Boxenstraße von seinen Mechanikern abholen, hatte davor aber kurz den Rückwärtsgang eingelegt. Das ist in der Boxenstraße verboten. Letztendlich gab's dafür ohnehin keine Strafe, sondern eine Verwarnung ("Reprimand").
Gut eine Stunde nach Beginn der Rotphase stellte sich Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer den TV-Kameras. Er sagte: "Es ist unfahrbar, ganz einfach. Zu gefährlich. Stehendes Wasser, teilweise sogar auf den Geraden. Wir hatten nicht mit so viel Regen gerechnet. Aber das ist Interlagos. Da kann das auch schnell drehen."
Q1, Teil 2: Hülkenberg weckt Erinnerungen an 2010
Es dauerte bis 16:26 Uhr Ortszeit, also eine Stunde und 23 Minuten, bis Q1 fortgesetzt werden konnte. "Die Stärke des Regens sollte für die absehbare Zukunft stabil bleiben", teilte die FIA via WhatsApp an die Medien mit. Doch Hülkenberg funkte, als er in der Boxenausfahrt stand: "Sieht so aus, dass der Regen wieder an Intensität zunimmt." Und Oscar Piastri (McLaren) legte nach: "Der Regen ist ziemlich stark."
Valtteri Bottas (Cadillac) war der Erste, der eine Runde beendete. Zeit: 1:42.314 Minuten. Formel-1-Neuling Rafael Camara (Haas) rutschte in Kurve 3 kurz aus. Aber es waren alle Fahrer mit Extreme-Wets auf der Strecke, und so war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Ideallinie etwas mehr Grip entwickelt.
Es schlug die Stunde der Regenkönner: Verstappen legte 1:37.932 Minuten vor, 0,412 Sekunden vor Hamilton. Und dann kam Alonso im Aston Martin und setzte sich mit einer Sekunde Vorsprung auf Platz 1! Freilich nur eine Momentaufnahme, denn die Zeiten wurden jetzt mit jeder absolvierten Runde schneller. "Da geht's jetzt drunter und drüber", kommentierte Lauda bei ServusTV.
Acht Minuten vor dem Ende von Q1 rutschte Gabriel Bortoleto (Audi) in Kurve 12 von der Strecke. Wie durch ein Wunder konnte er sich jedoch aus eigener Kraft aus der klitschnassen Wiese befreien und weiterfahren. Die Führung hatte jetzt sein Teamkollege Hülkenberg übernommen. Da wurden bei älteren Formel-1-Fans Erinnerungen an seine Williams-Pole im Jahr 2010 wach.
1:40 Minuten vor dem Ende katapultierte sich Hülkenberg wieder von P13 auf P1, jetzt mit 0,392 Sekunden Vorsprung auf Lawson. Dritter war Arvid Lindblad (Racing Bulls), vor Russell und Norris. Doch dann kam Verstappen und löste Hülkenberg wieder um eine halbe Sekunde von der Spitze ab. Und die Strecke wurde immer noch schneller und schneller.
Ganz am Ende von Q1 stellte dann Norris in 1:30.939 Minuten eine neue Bestzeit auf, und Hülkenberg war auf P5 abgerutscht. Russell, Verstappen und Hamilton (allesamt mit Gridstrafe vorbelastet) belegten die Positionen 2 bis 4. Bei einem Abbruch der Session und einer Wertung des Q1-Ergebnisses für die Startaufstellung wäre Hülkenberg also neben Norris in der ersten Reihe gewesen.
Ganz hinten erwischte es die üblichen Verdächtigen: Franco Colapinto (Alpine) schaffte den Cut als 17. nicht, 0,177 Sekunden hinter Alexander Albon (Williams). 18. wurde Pierre Gasly (Alpine), vor Lance Stroll (Aston Martin), Bottas, Sergio Perez (Cadillac) und Bortoleto - der in seiner Heimat nach dem vermurksten Rennwochenende 2025 die nächste Enttäuschung erlebte.
Glück hatte übrigens Camara: Er legte einen heftigen Dreher mit Einschlag hin, konnte das Qualifying aber dennoch fortsetzen - und hatte sich für Q2 qualifiziert.
Q2: Verstappen gibt vorzeitig auf
Als Q2 anfing, war Verstappen nicht mehr mit von der Partie. Der viermalige Weltmeister, in der Startaufstellung wegen seiner Gridstrafe ohnehin hinten, hatte offenbar genug im Regen trainiert und stellte ab, statt in Q2 und Q3 noch unnötiges Risiko einzugehen, einen Blechschaden zu riskieren.
Russell funkte kurz vor seiner schnellen Runde: "Vom Wasser her sieht es nach Intermediate aus. Aber dieser Extreme-Wet scheint ziemlich gut zu funktionieren." Zu einem Zeitpunkt, als noch keiner den Mut hatte, vom blauen auf den grünen Schlechtwetter-Reifen umzustecken und alle noch auf Extreme-Wets unterwegs waren.
Das Spiel von Q1 setzte sich fort, die Bestzeit wechselte im Minutentakt: Erst legte Norris vor, dann kam Leclerc, und neun Minuten vor Schluss führte auf einmal Russell. Irgendwann rollte Lindblad bei Kurve 5 aus, stellte sein Auto aber hinter der Streckenbegrenzung ab, sodass keine Gelbphase nötig war. Die Bedingungen wurden jetzt auch sichtbar besser, und die Gischt, die in Q1 noch gefährlich gewirkt hatte, sah zumindest in den TV-Bildern halb so wild aus.
Fünfeinhalb Minuten vor Schluss steuerte Russell die Box an und wechselte als einer der Ersten auf einen Satz Intermediates. Die waren auf Anhieb schneller: Bearman, Lawson und dann wieder Russell gingen mit den grünen Reifen in Führung, und es war klar, dass die Bestzeit wahrscheinlich wieder ganz zum Schluss gefahren werden würde.
Russell hatte jetzt offenbar den besten Rhythmus, steigerte sich von Runde zu Runde und legte 1:26.745 Minuten vor, als 43 Sekunden vor dem Ende von Q2 wegen eines Crashs von Camara ausgangs Kurve 12 erneut abgebrochen werden musste. Der zweite Mercedes-Fahrer, Antonelli, war zu dem Zeitpunkt Zehnter und schaffte den Top-10-Cut mit 0,699 Sekunden Vorsprung auf Hamilton (11.).
Q2 wurde wegen der zu geringen Restzeit nicht mehr neu gestartet, und so schieden neben Hamilton auch Piastri, Camara, Lindblad, Carlos Sainz (Williams) und Verstappen (ohne Zeit) aus.
Welche Gridstrafen werden auf das Ergebnis addiert?
Bereits vor Beginn des Qualifyings war bekannt, dass vier absolute Topfahrer mit Startplatz-Strafen vorbelastet in den Grand Prix von Sao Paulo gehen. Russell (sechster Motor) muss um fünf Positionen nach hinten, die beiden Ferrari-Fahrer (zunächst) um zehn (fünfter Motor), und Verstappen gleich um 30 (fünfter Motor, Turbo, Auspuff). Dazu kommt noch eine weitere Plus-30-Strafe für Sergio Perez (Cadillac).
Doch bei Hamilton trat dann im dritten Freien Training mit dem neuen Motor erneut ein technisches Problem auf, sodass die Ingenieure entschieden, für das Qualifying die komplette Powerunit und weitere Teile zu wechseln. Statt der Rückversetzung um zehn Positionen muss Hamilton damit theoretisch um 65 Positionen nach hinten.

















