Streit um Katar-GP spitzt sich zu | 29.10.2026
Wie viel Macht haben die MotoGP-Fahrer?
Der Katar-Grand-Prix soll trotz Sicherheitsbedenken stattfinden - Wie geschlossen ist das Fahrerfeld und welchen Einfluss haben die Piloten auf die Entscheidung?
Knapp eine Woche vor dem geplanten Grand Prix auf dem Lusail International Circuit hält die MotoGP-Spitze an der Austragung des Rennens fest. Bei einem Treffen am Donnerstag in Sepang bekräftigte Carmelo Ezpeleta die bisherige Position.
Laut Informationen von Motorsport.com, einer Partnerseite von Motorsport-Total.com, sehen die Verantwortlichen in der aktuellen Instabilität in der Golfregion keinen ausreichenden Grund, das Rennen abzusagen. Damit endete auch die jüngste Gesprächsrunde ohne eine für die Fahrer erkennbare Kursänderung.
Bereits am Mittwoch hatten sich die Piloten und zahlreiche Teamverantwortliche auf dem Sepang International Circuit mit der Katar-Frage beschäftigt. Am Donnerstag nahm sich Ezpeleta persönlich Zeit für die Anliegen der Fahrer. Nach dem Treffen blieb bei den Beteiligten offenbar der Eindruck zurück, dass der Grand Prix unabhängig davon stattfinden soll, ob einzelne Fahrer die Reise antreten wollen.
Die Situation ist heikel. Der Konflikt hat die Sicherheitslage im gesamten Golfraum belastet. Die Intensität ist zwar gegenüber den ersten Kriegsmonaten zurückgegangen, eine dauerhafte Entspannung ist bislang aber nicht in Sicht. Viele MotoGP-Fahrer haben deshalb Vorbehalte gegen eine Reise nach Katar geäußert.
Nach Informationen von Motorsport.com spricht sich mehr als drei Viertel des Fahrerfeldes gegen eine dortige Rennveranstaltungen unter den derzeitigen Bedingungen aus.
MGPSEG hält dagegen und verweist auf die Sicherheitszusagen der katarischen Regierung. Aus ihrer Sicht reichen diese Garantien aus, um den Grand Prix auszutragen. Für die Fahrer ist damit allerdings noch nicht jede Frage beantwortet.
Fahrer verlangen konkrete Zusagen für den Ernstfall
Sie fordern vor allem schriftliche Garantien für den Fall, dass sich die Sicherheitslage während des Rennwochenendes weiter verschlechtert. Bereits am Rande des Australien-Grand-Prix hatten die Fahrer die Verantwortlichen aufgefordert, verbindliche Vorkehrungen für sich und den gesamten MotoGP-Tross vorzulegen.
Dabei geht es insbesondere um einen Evakuierungsplan, die Übernahme zusätzlicher Kosten bei einer möglichen Sperrung des katarischen Luftraums und eine Absicherung für die Rückführung des Personals in einem extremen Krisenszenario.
Die MGPSEG sieht die Verantwortung für entsprechende Sicherheitsmaßnahmen allerdings bei der katarischen Regierung. Zwar soll das Land ein Dokument vorgelegt haben, in dem es sich verpflichtet, im Notfall zu reagieren. Den Fahrern reichen die bisherigen Angaben aber offenbar noch nicht aus. Sie fordern konkretere Zusicherungen.
Carlos Ezpeleta, Co-Geschäftsführer der MGPSEG, soll deshalb die angebotenen Garantien näher erläutern. Er war am Mittwoch in Doha und wird in Malaysia zurückerwartet.
Wie unterschiedlich die Positionen innerhalb des Fahrerlagers ausfallen, zeigen die Aussagen der Piloten in Sepang. Viele halten sich mit konkreten Informationen über die Gespräche zurück. Andere machen deutlich, dass sie vor allem Klarheit benötigen, bevor sie die Reise nach Katar nächste Wochen antreten.
Alex Rins wollte am Donnerstag keine Einzelheiten zu den Forderungen preisgeben. Für ihn steht jedoch fest, dass sich die Fahrer in dieser Angelegenheit so geschlossen wie selten zuvor zeigen: "Wir sind wirklich vereint, alle Fahrer, mehr denn je.
Dass sich die Piloten auf Phillip Island und in Malaysia gemeinsam mit ihren Teammanagern und Ezpeleta an einen Tisch gesetzt hätten, bezeichnet er als positiv. "Es ist großartig, glaubt mir." Auf die Frage, ob die Fahrer tatsächlich Einfluss auf die Entscheidung über ihre Teilnahme hätten, blieb Rins zurückhaltend.
Yamaha sei bis zuletzt noch unsicher gewesen, ob wirklich das gesamte Team nach Katar reisen werde. Ob sich daran nicht etwas ändern werde, konnte er zunächst nicht sagen.
Auch Tech3-Fahrer Maverick Vinales wollte die Inhalte der Gespräche nicht öffentlich machen. Auf die Frage nach den geforderten Zusicherungen antwortete der KTM-Pilot lediglich: "Das ist vertraulich. Aber ich denke, es geht um ganz normale Dinge, die man als Mensch erwartet. Nichts Außergewöhnliches."
Die Zurückhaltung hat einen nachvollziehbaren Hintergrund: Die Fahrer verhandeln über ihre persönliche Sicherheit, gleichzeitig sind sie vertraglich an ihre Teams und die Meisterschaft gebunden. Carmelo Ezpeleta soll die Piloten in Sepang daran erinnert haben, dass ihre Verträge weiterhin gelten. Mögliche Sanktionen bei Nichterfüllung würden demnach zunächst die jeweiligen Teams treffen.
Zwischen Pflichterfüllung und persönlichen Bedenken
Nicht alle Fahrer stellen die Teilnahme grundsätzlich infrage. Brad Binder signalisiert Bereitschaft, nach Katar zu reisen, sofern die Sicherheit gewährleistet ist. "Solange es sicher ist, bin ich gerne dabei. Ich denke, alles wird gutgehen", sagt der KTM-Pilot.
Pedro Acosta verweist auf seine Aufgabe: "Letztlich muss ich mich an meine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber KTM und auch gegenüber der Meisterschaft halten." Wenn die Verantwortlichen entschieden, dass das Rennen stattfinde, gehe er davon aus, dass sie die Lage für ausreichend sicher hielten oder die notwendigen Vorkehrungen getroffen hätten. In den kommenden Tagen müsse Klarheit entstehen.
Ähnlich äußert sich Marco Bezzecchi. "Letztlich vertraue ich den Verantwortlichen. Ihre Entscheidung wird sicher auf vielen verschiedenen Aspekten beruhen", sagt der Aprilia-Pilot in Malaysia. Die Diskussion sei aus seiner Sicht keine Angelegenheit, die von den Fahrern in der Öffentlichkeit ausgetragen werden müsse.
Andere Stimmen zeigen deutlich mehr Vorbehalte. Augusto Fernandez etwa betont dass es bei der Entscheidung nicht allein um die Rennfahrer gehe, sondern auch zahlreiche Mechaniker, Ingenieure, Teammitarbeiter und Medienvertreter.
"Es ist eine schwierige Situation, wie jeder weiß. Da geht es um viele Menschen, nicht nur um die Fahrer", erklärt Fernandez. Zwar würde er antreten, wenn das Rennen stattfindet. Die Entscheidung dürfe aber nicht allein aus sportlicher Sicht betrachtet werden. "Ich bin Rennfahrer. Aber es gibt auch ein Leben danach."
Für Fernandez ist die Abwägung deshalb kompliziert. Einerseits gebe es Verträge, die eingehalten werden müssten. Andererseits müsse jeder Beteiligte die möglichen Konsequenzen einer Reise in eine Konfliktregion für sich persönlich bedenken.
Enea Bastianini formuliert seine Bedenken ebenfalls deutlich. "Wir brauchen Garantien, dass es sicher ist. Die Situation könnte alles andere als normal sein. Wir müssen ehrlich sein: Es ist nicht wie in anderen Teilen der Welt", sagt der Italiener.
Eine Klärung noch vor dem Ende des aktuellen Rennwochenendes in Malaysia sei jedoch notwendig, schließlich stehe die Reise nach Katar unmittelbar bevor.
Francesco Bagnaia und Fabio Quartararo wollten sich am Donnerstag nicht zu den laufenden Verhandlungen äußern. Bagnaia antwortete auf Fragen zu den Sicherheitszusagen wiederholt mit "Kein Kommentar". Quartararo erklärte, er werde weder seine Meinung zur Katar-Frage noch Einzelheiten über die Gespräche preisgeben. Auch Marc Marquez hielt sich bedeckt: "Wir können nichts dazu sagen."
Alex Marquez sieht Chance für stärkere Fahrervertretung
Neben der unmittelbaren Sicherheitsfrage rückt ein weiteres Thema in den Vordergrund: die politische und organisatorische Stellung der Fahrer. Alex Marquez sieht in der gemeinsamen Haltung zur Katar-Reise einen möglichen Ausgangspunkt für eine dauerhafte Interessenvertretung, die in der MotoGP bisher noch fehlt.
"Vielleicht sind nicht alle 22 Fahrer einer Meinung, aber viele von uns denken gleich", erklärt der Gresini-Pilot. Dass sich das Feld in der aktuellen Situation stärker geschlossen zeige als bei früheren Auseinandersetzungen, ist aus seiner Sicht ein positives Signal für die Zukunft des Sports und die Stellung seiner Fahrer.
Die Idee einer Fahrervereinigung ist nicht neu. Bereits 2023 gab es einen Anlauf, eine solche Organisation aufzubauen. Damals blieb es jedoch bei ersten Gesprächen. Nun könnte der Streit um Katar den Anstoß für einen erneuten Versuch liefern.
Alex Marquez glaubt, dass eine gemeinsame Organisation den Fahrern künftig mehr Gehör verschaffen könnte: "Ich denke, die Zukunft besteht darin, eine solche Vereinigung zu gründen. "Er selbst werde davon möglicherweise nicht mehr lange profitieren. Für die jüngeren Fahrer sei eine solche Vertretung jedoch wichtig.
Gleichzeitig räumt er ein, dass die Piloten derzeit nur begrenzte Möglichkeiten hätten, die Entscheidung über Katar zu beeinflussen. Auf die Frage, ob sie tatsächlich Macht besäßen, antwortet er knapp: "Im Moment haben wir keine."
Teams reduzieren Personal, TV-Sender verzichten auf Reise
Die Vorbehalte gegenüber einer Durchführung des Grands Prix beschränken sich nicht nur auf die Fahrer. Auch innerhalb der Teams gibt es erhebliche Bedenken. Die Haltung variiert zwar von Person zu Person, doch mehrere Mannschaften versuchen offenbar, das Risiko für ihre Mitarbeiter zumindest zu begrenzen.
Yamaha plant nach den vorliegenden Informationen, mit einer möglichst kleinen Mannschaft nach Katar zu reisen. Honda erwägt ein ähnliches Vorgehen. Damit würde die Zahl der Personen vor Ort reduziert, ohne die Teilnahme grundsätzlich infrage zu stellen.
Noch deutlicher fällt die Reaktion bei einigen Fernsehsendern aus, die Übertragungsrechte an der MotoGP halten. Mehrere Broadcaster haben demnach bereits signalisiert, dass sie kein eigenes Personal nach Lusail entsenden wollen. Welche Auswirkungen das auf die Berichterstattung vor Ort haben wird, ist bislang offen.
















