"Verstehe nicht, was sie wollen" | 01.10.2026
Maverick Vinales rechnet mit KTM ab
Maverick Vinales ist zurück, doch vor seinem Comeback in Motegi beschäftigt ihn nicht nur seine verletzte Schulter, sondern vor allem das Zerwürfnis mit KTM
Maverick Vinales steigt wieder auf ein MotoGP-Motorrad. Beim Japan-Grand-Prix in Motegi bestreitet der Spanier sein erstes Rennwochenende nach einer monatelangen Verletzungspause. Fünf Grands Prix hat der Tech3-Pilot verpasst, nachdem anhaltende Schulterprobleme ihn wieder zurückwarfen.
Dass Vinales überhaupt in Japan antritt, war für ihn selbst vor wenigen Wochen keineswegs selbstverständlich. Im Gegenteil: Zwischenzeitlich hatte sich der 31-Jährige offenbar darauf eingestellt, in diesem Jahr überhaupt nicht mehr zu fahren.
"In meinem Kopf war es wirklich so: Ich werde nicht mehr zurückkommen", sagt Vinales in Motegi. "Dieses Gefühl hatte ich." Nun steht er trotzdem wieder im Fahrerlager, und ausgerechnet ein Anruf von KTM hat diese Entwicklung eingeleitet.
Einladung zum Montagstest kam überraschend
Was Vinales dabei besonders irritiert: Noch immer versteht er nach eigener Aussage nicht, weshalb KTM ihn zunächst aus der eigenen Zukunftsplanung ab 2027 gestrichen und anschließend überraschend wieder zu einem Test eingeladen hat.
"Ich dachte, ich würde dieses Jahr nicht mehr fahren. Ich war sehr überrascht, als sie mich angerufen haben, um den Test [am Montag in Spielberg] zu machen, und noch überraschter darüber, dass sie mich das Motorrad des nächsten Jahres ausprobieren ließen", macht Vinales seine Verwunderung über KTM deutlich.
Dann folgt der Satz, der den Konflikt mit seinem Arbeitgeber auf den Punkt bringt: "Die Wahrheit ist, dass ich KTM nicht verstehe. Ich verstehe einfach nicht, was KTM von mir will."
Er selbst habe in den vergangenen Monaten wiederholt versucht, eine nachvollziehbare Erklärung für die Vorgänge zu finden. Jedoch ohne Erfolg: "Ich habe viele Male versucht, eine Logik in all dem zu finden, was mir in den vergangenen vier Monaten passiert ist, und ich kann nirgendwo eine finden", so Vinales.
Damit beschreibt der Spanier einen Bruch, der weit über die sportliche Situation hinausgeht. Denn nach seiner Darstellung war seine Zukunft bei KTM zunächst relativ klar. Im Winter sei ihm signalisiert worden, dass für 2027 ein Platz im Werksumfeld vorgesehen sei. Im Verlauf der Saison änderte sich die Situation jedoch.
KTM-Achterbahn: Vom Zukunftsplan zum Aus
KTM rückte von dieser Planung ab und Vinales verlor nicht nur die Perspektive im Werksteam, sondern auch die Möglichkeit eines Platzes im Satellitenteam Tech3.
Besonders schwer wiegt für Vinales offenbar der Zeitpunkt der offiziellen Mitteilung. Demnach wurde ihm erst am 30. Juni mitgeteilt, dass KTM nicht mehr mit ihm plane. Da waren die noch verfügbaren Plätze für 2027 bereits weitgehend vergeben.
Die sportliche Erklärung für die Kehrtwende lag in den Leistungen des Spaniers und vor allem in dessen körperlichen Problemen. Vinales konnte seine Saison wegen der Schulterverletzung vom Sachsenring nicht konstant bestreiten. Bereits seit dem Vorjahr kämpft er mit Schäden an der Infraspinatus-Sehne der Schulter.
Für KTM änderte das die Bewertung der Situation. Aus einer zunächst geplanten Zukunft im Umfeld des Herstellers wurde eine Trennung. Vinales empfand die Entwicklung besonders problematisch, weil sie zu einem Zeitpunkt endgültig wurde, an dem er kaum noch Möglichkeiten hatte, auf dem Fahrermarkt zu reagieren.
Hinzu kam die gesundheitliche Situation. Nachdem Vinales am Samstag des Deutschland-Grand-Prix wegen der Beschwerden infolge eines Highsider nach Hause gereist war, begann für ihn eine Phase, in der er nicht nur mit dem Ende seiner Saison rechnete. Nicht einmal die Rückkehr auf das Motorrad war selbstverständlich.
Schulter bleibt angeschlagen, aber rennfähig
Die Verletzung ist auch vor Motegi noch nicht vollständig ausgeheilt. "Sie ist nicht wieder vollständig in Ordnung. Ich muss noch viel arbeiten", erklärt Vinales. Seine körperliche Verfassung habe sich zwar kontinuierlich verbessert. "Es gibt jeden Monat eine kleine Verbesserung", sagt er. "Aber es ist noch ein Weg zu gehen."
Gegenüber seinem Zustand nach dem Sachsenring hätten Kraftmessungen bereits eine Steigerung um etwa zehn bis 15 Prozent ergeben. "Das ist eine ganze Menge in so kurzer Zeit", findet Vinales. Ich habe auch ich eine andere Behandlung ausprobiert, mit plättchenreichem Plasma, kurz PRP. Und die wirkt ziemlich gut."
Eine vollständige Rückkehr zum Ursprungszustand erwartet der Spanier allerdings nicht: "Natürlich glaube ich, dass sie nicht genauso sein wird wie die gesunde Schulter." Für das Motorradfahren hält er die Einschränkung aber für verkraftbar.
"Wenn ich Tennisspieler oder Linkshänder wäre, wäre das nicht wirklich gut. Aber beim Motorradfahren, bei dem man sich in unterschiedlichen Winkeln bewegt, glaube ich, dass es okay sein wird", so Vinales' Urteil. Dabei spielt ihm die kommende MotoGP-Generation nach eigener Einschätzung sogar in die Karten.
Vinales durfte beim Test in Österreich bereits die nächstjährige Maschine ausprobieren und war von deren körperlicher Beherrschbarkeit angetan. "Ich habe elf Runden am Stück gefahren, als wäre es nichts", berichtet er. "Das Gefühl mit dem Motorrad ist so schön. Es ist wie eine Moto2-Maschine mit einem guten Motor."
Test als Probelauf für das Comeback in Motegi
Besonders bemerkenswert ist, wie es überhaupt zum Test in Österreich kam. Ein Anruf von Günther Steiner rund zehn Tage vor dem Japan-Grand-Prix gab den Ausschlag.
Der ehemalige Haas-Teamchef ist inzwischen die öffentliche Führungsperson der Investorengruppe hinter Tech3 und spielte damit eine zentrale Rolle bei der Kontaktaufnahme. "Nur eine Person trifft die Entscheidung", sagt Vinales mit Blick auf seine Rückkehr. "Ich war sehr überrascht, als sie mich angerufen haben."
Der Spanier hatte zunächst versucht, bereits beim Österreich-Grand-Prix wieder zu fahren. Dieser Wunsch sei jedoch abgelehnt worden, weil ein schwaches Ergebnis bei einem für KTM wichtigen Heimrennen intern als Risiko gesehen wurde.
Stattdessen erhielt Vinales später die Freigabe für den Test am Red Bull Ring. Er reiste am Sonntag nach Spielberg und absolvierte am Montag eine Sprintsimulation. Damit wurde aus einem Fahrer, de nicht mehr mit einem weiteren Renneinsatz in diesem Jahr gerechnet hatte, innerhalb weniger Tage wieder ein MotoGP-Starter.
In Motegi geht es für Vinales zunächst darum, das Wochenende vollständig zu bewältigen. "Ich habe keine Erwartungen. Meine Erwartung ist, das Rennen zu beenden. Das ist mein Ziel", sagt er, in dem Wissen, dass Japan körperlich eine andere Herausforderung darstellen wird als der Montagstest auf dem Red Bull Ring.
Der erste Schritt ist deshalb bewusst klein gehalten: jede Session absolvieren, die Schulter beobachten und am Sonntag die Zielflagge sehen. "Mein Hauptziel ist, mich zu erholen und wieder voll in Form zu kommen, um pushen zu können", sagt Vinales. Erst danach will er sich wieder mit den sportlichen Perspektiven beschäftigen.
Vinales gibt MotoGP-Karriere noch nicht auf
Einen regulären Platz für 2027 hat der Spanier nach derzeitigem Stand nicht. Aufgeben will er seine MotoGP-Karriere trotzdem nicht. Eine mögliche Rückkehr könnte zunächst über eine andere Rolle erfolgen, beispielsweise als Test- oder Ersatzfahrer.
"Ich glaube nicht, dass meine MotoGP-Geschichte vorbei ist. Ich bin nicht bereit aufzugeben. Ich muss einen Weg zurück finden", betont Vinales und macht dabei auch klar, dass er in keine andere Serie ausweichen möchte. "Ich würde lieber zu Hause bleiben und auf eine Gelegenheit warten, als in die WorldSBK zu gehen."
Die Rolle als Testfahrer könnte dabei zum möglichen Zwischenschritt werden. Das umfangreiche MotoGP-Programm mit 22 Grands Prix und den zusätzlichen Sprintrennen erhöht zudem die Wahrscheinlichkeit, als Ersatzfahrer einzuspringen.
Für Vinales wäre das zumindest eine Möglichkeit, in der MotoGP-Struktur präsent zu bleiben und eine neue Chance auf einen Stammplatz in der Zukunft abzuwarten.

















