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Formel-1-Rennen Silverstone: Carlos Sainz ignoriert Stallorder und gewinnt
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Irrer Thriller: Carlos Sainz ignoriert Stallorder und gewinnt in Silverstone!

Carlos Sainz gewinnt den völlig verrückten Grand Prix von Großbritannien vor Sergio Perez und Lewis Hamilton, doch nach dem Rennen wird's Diskussionen geben

Was für ein unglaublicher Grand Prix von Großbritannien! Polesetter Carlos Sainz (Ferrari) hat in seinem 150. Formel-1-Rennen den ersten Sieg gefeiert - und was für einen! Der Spanier hatte an einem turbulenten Nachmittag das beste Ende für sich, widersetzte sich einer Stallorder des Ferrari-Teams und überquerte so als Erster die Ziellinie.

Nach einem dramatischen Dreikampf um Platz 2 wurde Sergio Perez (Red Bull) Zweiter. Lewis Hamilton (Mercedes) wurde Dritter, gefolgt von Charles Leclerc (Ferrari), Fernando Alonso (Alpine) und Lando Norris (McLaren).

Max Verstappen (Red Bull) beendete das Rennen nach technischen Problemen an siebter Stelle. In der letzten Kurve musste er sich noch gegen Mick Schumacher (Haas) verteidigen, der als Achter die ersten WM-Punkte seiner Karriere sammelte.

Sebastian Vettel (Aston Martin) wurde Neunter, Kevin Magnussen (Haas) Zehnter.

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Wie fiel die Entscheidung im Kampf um den Sieg?

In Runde 39 rollte Esteban Ocon (Alpine) aus und löste wegen der Bergung seines Autos vor Copse eine Safety-Car-Phase aus. Zu dem Zeitpunkt führte Leclerc vor Sainz und Hamilton. Sainz und Hamilton nutzten die Gelegenheit und steckten für die letzten Runden auf frische Softs um. Leclerc hatte 14 Runden alte Hards.

Ihm dämmerte schon vor dem Neustart: "Das wird jetzt schwierig." Selbst an die Box zu kommen wäre aber mutmaßlich auch keine Option gewesen, denn dann wären Sainz und Hamilton draußen geblieben und wären an ihm vorbeigegangen. Ein klassischer "Box-opposite-Call".

In Runde 43 (von 52) wurde das Rennen neu gestartet. Ferrari hatte Sainz noch gebeten, er möge bitte beim Neustart die erlaubten zehn Längen Abstand auf Leclerc halten, um den Führenden mit den alten Reifen zu schützen. Sainz verweigerte aber den Befehl - und ging stattdessen dank der frischeren Reifen selbst in Führung!

Den besten Neustart erwischte Perez, der an Hamilton vorbeiging und somit dessen Traum vom Sieg beendete, weil sich Sainz vorn in aller Ruhe absetzen konnte, während sich das Verfolgertrio gegenseitig bekämpfte. Als Perez Leclerc überholte und die beiden neben die Strecke mussten, lag Hamilton kurzzeitig sogar auf Platz 2.

Letztendlich wurde Perez Zweiter, Hamilton Dritter und Leclerc Vierter. Vermeintlich unter Vorbehalt, denn als Perez an Leclerc vorbeiging, verließ er innen mit allen vier Rädern die Strecke. Die FIA sprach dafür aber keine Strafe aus.

Warum wurde Verstappen plötzlich langsam?

Der Red-Bull-Pilot lag nach dem Neustart zunächst hinter Sainz an zweiter Stelle, erhöhte aber nach und nach den Druck. In Runde 9 funkte Sainz: "Er ist ein bisschen schneller." Und in Runde 10, Sainz war im Becketts-Komplex neben die Strecke gekommen, war Verstappen dann auch schon vorbei.

Nur zwei Runden später wurde er plötzlich langsam und steuerte die Box an - Verdacht auf Reifenschaden hinten. Als Verstappen an sechster Stelle wieder rausfuhr, meldete er aber: "Es ist immer noch nicht gut. Hinten ist irgendwas gebrochen." Und wenig später: "Das Auto ist zu 100 Prozent gebrochen!"

Die Red-Bull-Box schaute sich das Auto daraufhin vom Kommandostand aus genauer an und stellte im hinteren Bereich einen Schaden der Aerodynamik fest. Verstappen wurde informiert: Kostet Performance, aber kein struktureller Schaden und somit auch kein Sicherheitsrisiko. Allerdings waren die Rundenzeiten in jener Phase um eine Sekunde langsamer als die der Spitze.

Wie ging's danach mit Verstappen weiter?

Nach einem weiteren Boxenstopp in Runde 25 - inzwischen hatte er sogar Vettel überholen lassen müssen - beschwerte sich Verstappen erneut am Funk: "Kein Grip." Und legte wenig später nach: "Warum habt ihr mir diese Reifen gegeben? Ich fahre hier wie auf Eis!"

Nochmal ein paar Runden später funkte er: "Jetzt habe ich weder vorn noch hinten Grip. Ich weiß nicht, was mit dem Frontflügel los ist." Letztendlich war er chancenlos, weiter vorn mitzufahren, und rettete sich als Siebter ins Ziel.

Warum ging's am Ferrari-Boxenfunk so hitzig zu?

Danach entwickelte sich an der Spitze ein Duell zwischen den beiden Ferrari-Piloten. Leclerc fuhr näher an Sainz ran und fragte: "Was muss ich noch tun?" Ferrari reagierte und instruierte Sainz, das Tempo anzuziehen: "Du musst mehr pushen!" Denn von hinten kam in jener Phase der im Renntrimm überraschend schnelle Hamilton im Mercedes immer näher.

In Runde 20 wurde das Thema dann elegant gelöst, indem Ferrari Sainz zum Boxenstopp reinholte. Der Spanier wechselte für seinen geplant letzten Stint von Soft auf Medium und kam vor Norris an dritter Stelle wieder auf die Strecke.

Leclerc hatte jetzt freie Fahrt, allerdings mit lädiertem Frontflügel von der Kollision mit Perez beim Neustart. Nach seinem Boxenstopp kam er wieder hinter Sainz auf die Strecke - und das Spiel ging von vorn los: "Kämpfen wir oder nicht?", wollte Leclerc wissen - erhielt diesmal aber eine andere Antwort: "Frei zu kämpfen!"

Sainz wurde angefunkt: "Zielzeit 1:32.2, sonst drehen wir die Positionen um!" Worauf er bat: "Eine Runde noch, bitte!" In der fuhr Sainz dann 1:32.7. Leclerc war schon ungeduldig: "Das ist zu wenig. Wir verlieren Zeit auf Hamilton."

In Runde 31 kam dann der Funkbefehl: "Das ist nicht gut genug. Wir tauschen die Plätze." Sainz nahm's gelassen: "Copy." Leclerc war jetzt vorläufig Zweiter, 18,8 Sekunden hinter Hamilton, der einen Stopp weniger absolviert hatte.

Nach Hamiltons Stopp ging Leclerc in Führung. Und behielt diese, bis das Rennen durch die letzte Safety-Car-Phase die entscheidende Wendung nahm.

Konnte Hamilton vom Kampf bei Ferrari profitieren?

Der schnellste Mann des Rennens war vor dem Ferrari-Platztausch Hamilton - auch schneller als Sainz, trotz der weitaus älteren Reifen. "Ist schon stark, wie der Mercedes mit dem Reifen umgeht", staunte 'ServusTV-Experte Nico Hülkenberg. Das Publikum war ob dieser herausragenden Performance nicht mehr zu halten und feuerte den Lokalmatador frenetisch an.

In Runde 25 wechselte auch Leclerc von Medium auf Hard und Hamilton erbte die Führung. Der funkte an seine Mercedes-Crew: "Meine Reifen sind noch gut." Und konnte den Vorsprung auf Sainz zu dem Zeitpunkt weiter ausbauen.

Als Leclerc dann endlich an Sainz vorbei war, holte der Monegasse sukzessive auf. Der Rückstand betrug zunächst 18,8 Sekunden. In Runde 34 - der Abstand war inzwischen auf 17,7 Sekunden geschrumpft - kam Hamilton zu seinem einzigen Boxenstopp.

Der lief mit 4,3 Sekunden Standzeit aber nicht rund. Und so kam er als Dritter, fünf Sekunden hinter Leclerc und 3,7 Sekunden hinter Sainz, auf die Strecke zurück. Immerhin hatte er um acht Runden frischere Reifen als Leclerc und um 13 Runden frischere Reifen als Sainz für den letzten Stint.

Bis das Safety-Car kam und alles auf den Kopf stellte ...

Wer war schuld am Crash Leclerc-Perez beim Neustart?

Die FIA notierte zunächst eine Berührung zwischen Verstappen und Leclerc. Verstappen hatte den Neustart gegen Sainz nach hartem Duell verloren, tatsächlich war es aber Perez, der den Leclerc-Ferrari berührt hatte. Dabei flog sowohl bei Perez als auch bei Leclerc ein Teil des Frontflügels weg.

Leclerc fuhr weiter, Perez kam in Runde 5 zur Box, um die Nase zu wechseln. Dadurch fiel der Mexikaner auf P16 zurück. Strafe wurde keine ausgesprochen.

Warum stand Sainz beim Neustart wieder auf Pole?

Eine Frage, die man der FIA stellen muss. Im Reglement heißt es unter Punkt 57.3: "In all cases the order will be taken at the last point at which it was possible to determine the position of all cars." Doch obwohl Verstappen zum Zeitpunkt des Abbruchs nach gewonnenem Start vor Sainz lag, wurde dem Ferrari-Fahrer die Poleposition zurückgegeben und die ursprüngliche Startaufstellung wiederhergestellt.

Auf Anfrage ließ die FIA ausrichten, dass zum Zeitpunkt des Abbruchs noch nicht alle Autos die zweite Safety-Car-Linie überquert hatten. Daher war die letzte verlässliche Reihenfolge, die auch digital dokumentierbar war, die Startaufstellung, argumentiert der Verband.

Während der Unterbrechung durfte aber an den Autos gearbeitet werden. Das nutzte Verstappen, der als einziger der ganz vorn klassierten Fahrer ursprünglich auf Soft gestartet war, für einen Wechsel auf den gelben Medium. Beim Neustart konnte er aber kein zweites Mal in Führung gehen.

Wer war schuld am Startcrash?

Das Rennen musste gleich in der ersten Runde unterbrochen werden. Guanyu Zhou (Alfa Romeo), Pierre Gasly (AlphaTauri) und George Russell (Mercedes) fuhren zu dritt nebeneinander. Dann ging ihnen die Straße aus, Gasly wurde in der Mitte eingeklemmt, traf Russell an dessen linkem Hinterrad und schob so den Mercedes in den Alfa Romeo ein. Bei dem Crash wurde Zhou in einen Überschlag verwickelt.

Die TV-Kameras zeigten minutenlang keine Wiederholungen von dem Zwischenfall, die daher auf Twitter die Runde machten. Russell stieg aus und lief zu Zhou, um sich zu versichern, dass es dem Chinesen gut geht. Später wollte er wieder einsteigen und an die Box fahren, um nach Ende der roten Flagge wieder mitzufahren.

Doch Jo Bauer, der Technische Delegierte der FIA, diskutierte mit Russell darüber, ob der beim Neustart wieder mitmachen darf. Durfte er nicht. Denn laut Reglement muss ein Fahrer aus eigener Kraft an die Box zurückfahren, um in so einer Situation weiterzufahren. Russell hatte aber den Motor abgestellt. Alle Diskussionen nützten nichts, und sein Arbeitstag war damit beendet.

Auch Zhou und Alexander Albon (Williams) mussten das Rennen beenden. Beide wurden zur Untersuchung ins Medical-Center gebracht, zogen sich aber keinerlei Knochenbrüche oder andere schwere Verletzungen zu. Die Unterbrechung dauerte so lang, weil Zhous Alfa beim Überschlag über die Reifenstapel hinweg segelte und von einem Zaun vor dem Publikum abgefangen wurde. Zu Schaden kam dabei niemand.

Durch den Dreiercrash bremsten einige der dahinterfahrenden Autos abrupt ab und es kam zu einer gefährlichen Kettenreaktion. Albon crashte, angeschubst von Vettel, in die Boxenmauer. Ocon rollte mit aufgeschlitztem Reifen an die Box zurück.

FIA-Rennleiter Niels Wittich notierte den Zwischenfall. Doch die FIA-Rennkommissare entschieden nach eingehendem Studium aller zur Verfügung stehenden Informationen, dass es sich dabei um einen Rennunfall ohne klaren Schuldigen handelte. Daher "no further Action".

Kam es eigentlich zur angekündigten Protestaktion?

Ja. Aktivisten stürmten im Chaos der ersten Runde die Strecke und setzten sich auf den Asphalt, die Autos fuhren an ihnen vorbei. Durch die rote Flagge und weil die Autos in langsamem Tempo unterwegs waren, war die Aktion in ihrem Gefahrenpotenzial entschärft. Die Personen wurden von Streckenpersonal unter Kontrolle gebracht, weggezerrt und der Polizei übergeben. Ein weiterer Grund, warum das Rennen so lang unterbrochen war.

Wer war schuld an der teaminternen Kollision bei AlphaTauri?

Die FIA-Rennkommissare urteilten: fünf Sekunden Strafe für Yuki Tsunoda. Für Hülkenberg war am 'ServusTV'-Mikrofon klar: "Tsunoda verliert die Hinterachse beim Reinfahren. Er hat sich in Gasly reingedreht."

Wie geht's jetzt weiter in der Formel 1 2022?

Im Juli geht es Schlag auf Schlag. Bereits in fünf Tagen wird für den Grand Prix von Österreich in Spielberg trainiert. Das Rennen auf dem Red-Bull-Ring findet nächste Woche statt. Am 17. Juli ist rennfrei, ehe es mit dem nächsten Back-to-Back in Frankreich (Le Castellet) und Ungarn (Budapest) weitergeht. Übrigens: Tickets für die Formel 1 gibt's unter motorsporttickets.com/de zu kaufen. (ANZEIGE)

Motorsport-Total.com

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