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Rudi Stohl im Geburtstags-Interview: „Das letzte Hemd hat keine Säcke“
Fotos Ennstal-Classic/Peter Meierhofer

Rudi Stohl im Geburtstags-Interview: „Das letzte Hemd hat keine Säcke“

Rudi Stohl „feiert“ seinen 73. Geburtstag in seiner Garage - im Motorline-Talk liefert er neben gewohnt würzigen „Sagern“ auch wertvolle Erkenntnisse...

Noir Trawniczek

Anruf bei Rudi Stohl - jener Mann, der den Rallyesport mit seinen legendären Abenteuern vom Himalaya bis zur Safari-Rallye in Verbindung mit den großartigen ORF-Beiträgen der Sendung „Sport am Montag“ in Österreichs Wohnzimmer brachte, verbringt seinen 73. Geburtstag wo? Richtig: in seiner Garage! Stohl erklärt: „Ich muss die Garage ausräumen, hier schaut es aus...- mir ist der Holzboden verfault, jetzt muss ich alles ausräumen, heute habe ich mir bereits Rostschutzfarbe besorgt...“

Für ein kurzes, spontanes Geburtstags-Interview nimmt sich Rudi Stohl freilich Zeit - und liefert binnen zehn Minuten nicht nur legendäre „Sager“, auf die man bei manch internationalem Spitzenpiloten der Gegenwart wohl ein ganzes Leben lang warten wird, sondern auch Erkenntnisse, die .weit über den Motorsport hinaus echten Wert haben...

Rudi, alles Gute zum Geburtstag. Du hast so vieles erlebt in deiner Karriere, warst in so vielen zum Teil höchst exotischen und auch heiklen Ländern. Hast du je gedacht, einmal so etwas wie die Coronavirus-Pandemie zu erleben?

Nein, an so etwas habe ich nicht gedacht, ich habe an andere Dinge gedacht. Denn wo ich vor 40 Jahren gefahren bin - das würde man sich heute gar nicht mehr trauen. Wir haben einmal in der Elfenbeinküste im tiefsten Busch übernachtet - ist einer vorbeigekommen und sagte: ‚Gut, dass ihr im Auto schläft - denn da braucht ihr keine Angst haben, dass euch jemand umbringt...‘

Das heißt: Das Coronavirus lässt dich eher milde lächeln?

Nein, das nicht. Aber man weiß ja nicht einmal, ob die Corona-Toten wirklich alle an dem Virus gestorben sind. Man liest aufmerksam - doch ich habe den Eindruck, dass man sich noch nicht wirklich im Klaren ist, wie man dieses Virus einschätzen soll. Es gibt viele Tote - aber wir kennen die genaue Ursache nicht...

Es gab in den Siebzigerjahren die Ölkrise, 2008 kam die Finanzkrise - der Motorsport hat all das überstanden. Wie wird es diesmal weitergehen? Was wird sich ändern?

Es wird sich vieles ändern - viele Leute haben mit so etwas nicht gerechnet. Es wird sich vieles zum Schlechten aber auch zum Guten ändern.

Was könnte sich zum Guten ändern - was können wir aus dieser Krise lernen?

Ich hoffe, dass ein paar Leute mehr nachdenken werden. Dass sie erkennen werden, dass Geld nicht alles ist. Das letzte Hemd hat keine Säcke. Vieles, was jetzt kommen wird, habe ich für den Sport schon lange vor dieser Krise gesehen. In Bombay waren damals schon eine Million Menschen ständig obdachlos. Durch Religionen und Kasten werden diese Menschen ins Unglück gestürzt - dabei müsste eigentlich kein Mensch dort hungerleiden.

Ich war damals Mechaniker in der Gebrauchtwagenabteilung. Mein Chef meinte: ‚Hören Sie doch auf mit dem Rallyesport - ich habe einen guten Job für Sie!‘ Ich habe ihn gefragt: ‚Was soll ich mit einem guten Job anfangen?‘ Und er: ‚Da können Sie aufsteigen, da können Sie sich beweisen! Und natürlich auch viel mehr Geld verdienen!‘ Und ich habe ihm gesagt: ‚Als ich das noch wollte, habt ihr die Protektionskinder genommen. Jetzt ist Geld keine Motivation mehr für mich..‘ Er wollte, dass ich Verkaufsleiter werde. Er sagte: ‚Das Rallyefahren - das kann es doch nicht sein...‘ Und ich sagte ihm: ‚Doch! Da hole ich mir die Kraft, um dieses Kasperltheater hier überhaupt auszuhalten!‘

Wenn du das alles gesehen hast in Indien und Afrika - dann wunderst du dich schon darüber, welche Probleme manche Leute heutzutage haben. Die sind krank. Die sagen, sie brauchen zu zweit unbedingt mindestens 70 bis 80 Quadratmeter - wir haben damals zu viert auf 30 bis 40 Quadratmetern gelebt, wo ist das Problem? Das Traurige ist, dass die Menschen maßlos werden - und irgendwie ist das auch ein Virus...

Da kann ich nur ehrfurchtsvoll zustimmen. Trotzdem gibt es auch das sogenannte ‚Motorsportvirus‘ und in deiner Garage steht auch die Lada, an der du immer noch arbeitest. Da war doch etwas geplant oder?

Ich hatte vor, die Historische Safari-Rallye damit zu fahren. Doch das hat sich gezogen - und es hat mittlerweile nicht mehr Priorität. Ich habe mir diese Veranstaltung vor ein paar Jahren genauer angeschaut, doch da ging es nur noch darum, immer mehr Geld abzuzocken.

Doch heuer wäre die Safari-Rallye als WM-Lauf zurückgekehrt - eigentlich wäre es der nächste Lauf im WM-Kalender. Doch ich habe mit Nairobi telefoniert und sie haben dort gerade von 19 Uhr abends bis 7 Uhr morgens Ausgangssperre.

Ich denke, dass dieser WM-Lauf ebenso nicht stattfinden wird, wie die Läufe, die davor geplant waren...

Wir hatten in Portugal oder Griechenland ganze Staatsstreiche erlebt und sind trotzdem gefahren, weil man den Sport damals rausgehalten hat. Wenn der richtige Mann das richtige Geld-Laderl öffnet, geht vieles in diesen Ländern. Aber vorstellen kann ich es mir nicht, dass da noch gefahren wird...

Doch 2021 wird die Safari-Rallye wohl wieder Teil des WM-Kalenders sein - du bevorzugst diese WRC-Safari-Rallye, weil sie im Gegensatz zur historischen Safari-Rallye so ist, wie es früher der Fall war?

So wie es früher war, so wird es sicher nie mehr sein. 2002 fuhr ich die Safari-Rallye mit Christoph Wikus...

...dem legendären, sehr beliebten und leider 2016 verstorbenen Sportchef der Kronen-Zeitung...

Christoph war ein Mensch, wie es nur wenige auf der Welt gibt. Welcher Chefredakteur setzt sich ins Auto und fährt Rallye mit dir? Er war auch Basketballer, er war ein Sportsmann durch und durch...

Er hat sich wohl ernsthaft auf den Einsatz mit dir vorbereitet?

Absolut! Es war ein wunderbares Erlebnis mit ihm und er hat stets versucht, sein Bestes zu geben, er hat den Einsatz wirklich ernst genommen. Natürlich war es schwer. Er trug Kontaktlinsen und dann hat es gleich einmal gestaubt und er sagte: ‚I siech nix mehr!‘ und ich antwortete: ‚Is eh wurscht, wir fahren eh auf Sicht!‘ Schau: Gegen die großen Geiger kannst eh nicht auftreten. Aber wir sind auf Platz elf ins Ziel gekommen - und es sind aber nur elf Autos überhaupt ins Ziel gekommen, wir landeten sogar auf Platz zwei der Gruppe N.

Respekt, bei dieser Rallye war es mit Sicherheit schon eine grandiose Leistung, überhaupt ins Ziel zu kommen. Rudi, gibt es ein Erlebnis in deiner Karriere, das du als dein Schönstes bezeichnen würdest?

Ich habe so viele schöne Sachen erlebt durch diesen Sport, dass ich mir schwer tue, da eines herauszupicken. Sicher: Ein Schlüsselerlebnis war sicher die erste Himalaya-Rallye - darauf aufbauend kamen dann die ganzen weiteren Abenteuer. Jedes Land hat seine eigene Geschichte - von Argentinien bis Elfenbeinküste...

Mir gefällt dieser Zugang, dass man die Rallyes als Kennenlernen der jeweiligen Länder betrachtet - das wird man heute wohl nicht mehr in dieser Art und Weise tun...

Ja, aber damals hast du das einfach müssen. Wenn etwas kaputt ging, hast du wissen müssen, wo du Hilfe erwarten kannst. Wenn ich heute mit dir durch Griechenland fahre und wir haben ein technisches Problem, habe ich Tankstellen, wo ich weiß, dass sie uns dort helfen werden. Im Laufe der Jahre habe ich viele Freunde gewonnen - Freundschaften, die sich zum Teil bis heute bewährt haben.

Das heißt: Du hast in jedem Land, in dem du eine Rallye gefahren bist auch tatsächlich Freundschaften entwickelt?

In jedem Land wäre übertrieben - aber es haben sich viele Freundschaften angesammelt. Ein Freund aus Greichenland war damals 15 oder 16 Jahre alt, sein Bruder hat in Wien studiert. Der hat in Athen eine Wohnung für mich eingerichtet und gemeint: ‚Rudi, das ist deine Wohnung, da kannst du jederzeit nächtigen...‘ Das ist einfach nur schön - ich habe diese Freunde nie gezählt, doch mit vielen habe ich auch heute noch Kontakt.

Jetzt muss ich nochmal zurückschwenken zur Lada, die in deiner Garage steht und auf ihre Ausfahrt hofft - strebst du den Start bei der Safari 2021 an?

Nein, die Safari werde ich mir wahrscheinlich nicht mehr antun. Vielleicht irgendwas Historisches - man will sich auch nicht mehr weh tun in meinem Alter.

Bei der Rallye Weiz wäre ein Lauf zur Historischen Rallye-Europameisterschaft vorgesehen - doch auch diese Rallye ist, so vermute ich, eher ungewiss...

Ja, wobei auch diese Historische EM sich schon wieder nur um das liebe Geld dreht - das hat für mich nichts mehr mit den Autos und dem Geist von damals zu tun...

Wo könnte man dich also wieder antreffen in der nahen und fernen Zukunft? Die quattrolegende hofft glaube ich noch, ihren Event abhalten zu können - doch auch das ist, so denke ich, eher ungewiss...

Der Veranstalter ist zum Glück unabhängig und flexibel - er kann den Termin verschieben, wenn das nötig sein sollte. Bei der quattrolegende werde ich auf jeden Fall dabei sein - ich habe auch dem Eifel Rallye Festival fix zugesagt, doch dieser Event musste leider abgesagt werden. Ich habe den großen Vorteil, dass ich nicht unbedingt fahren muss...

Ich hoffe schon, dass du die Lada vollenden und auch ausführen wirst...

Vollendet wird sie auf jeden Fall. Und wenn sie hernach nur irgendwo ausgestellt wird. Aber ja, irgendwo werden wir schon noch umhergurken....

Darauf freuen wir uns - dann bis bald, danke für das Interview und noch einen schönen Geburtstag.

Danke auch. Aber aus Geburtstagen mache ich mir nichts - ich bin daran ja ‚unschuldig‘, habe dazu nichts beigetragen. Aber es freut mich, wenn ich dir mit dem Interview helfen konnte. Und jetzt kümmere ich mich wieder um die Garage...

Unser Kolumnist Peter Klein wird sich in den 'Erinnerungen eines Sportreporters' ab nächster Woche in einer Trilogie Rudi Stohl widmen

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