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Kärnten – die Magie eines rallyeverrückten Bundeslandes

Die Rallye-Kolumne beleuchtet dieses Mal die Hintergründe der Rallye-Faszination in Kärnten und wagt einen Blick in die Geschichtsbücher.

Werner Schneider

Die erste Schlacht in Österreichs südlichstem Bundesland ist geschlagen und die Faszination der Rallyes dort ist ungebrochen. Was ist das Geheimnis der Veranstaltungen?

Kärnten hatte ja schon legendäre Schlachten anzubieten, als die Gruppe A noch nicht geboren war – ältere Semester erinnern sich noch an die Atrium-Sauna-Rallye, an die Lavanttaler Mitternachts-Rallye (von Samstag 13 Uhr bis Sonntag 6 Uhr über ähnliche Distanzen wie die heutige Pirelli – etliche Stars von heute würden angesichts einer solchen Rallye entsetzt aufheulen), später die Varta-Rallye, die meist südlich von Klagenfurt lief und 1986 den einzigen Sieg eines Damenteams brachte, den es bei einem ÖM-Lauf zu registrieren gab. Auch sie lange Zeit mit einer kompletten Nacht-Etappe bis Sonntag früh.

Motorsportlicher Tiefpunkt:
1988 legten sich Behörden und Politik quer, keiner wollte damals Rallyes haben

Die große Show endete 1988. Es gab Probleme mit den Behörden, der Gendarmerie, mit den Politikern, den damals aufkommenden Grünen sowieso – auf einmal wollte jedenfalls niemand mehr eine Rallye haben. Die Varta des CAR-Teams Ferlach starb überhaupt nach einer Exil-Version auf slowenischen SP-Pisten, die Lavanttal-Rallye ging für lange Jahre ins Exil auf den Österreichring und mit ihr verlor die ÖM endgültig massiv an Niveau, immer kürzere Veranstaltungen, immer weniger anspruchsvolle Prüfungen.

Es dauerte Jahre, um einen Umschwung zu ermöglichen und ab Mitte der 90er-Jahre begann der MSC Wolfsberg langsam an einem Comeback der Kärntner Veranstaltungen zu arbeiten. Nach zwei Jahren intensiver Vorbereitungen konnte man zuerst 1996 im Raum St. Veit a.d. Glan die Castrol-Rallye aus dem Boden stampfen, vier Jahre später gab’s das vielumjubelte Comeback im Lavanttal.

Aufschwung:
Politiker erkannten den wirtschaftlichen Stellenwert der Rallyes und zogen mit den Veranstaltern an einem Strang

Natürlich hatte das auch politische Gründe. Jene Partei, die zu dieser Zeit in Kärnten bei den Wählern am meisten Anklang fand, begriff sehr schnell, welche enormen Möglichkeiten eine Großveranstaltung wie ein Rallye-ÖM-Lauf bot:

Tourismuswerbung für das Land, zusätzliche Tourismus-Einnahmen, ein dynamisches Image usw. Dass die Lokalpolitiker so schnell nachzogen, war fast logisch. Das ging so weit, dass der Bürgermeister von Gurk sich über den Zuschauer-Ansturm bei der Castrol-Rallye so begeistert zeigte, dass er den MSC Wolfsberg ersuchte, noch eine weitere Veranstaltung in seiner Gemeinde durchzuführen. Dies war die Geburtsstunde des Berg-ÖM-Laufs Gurk-Pisweg.

Positiverweise ging die Unterstützung der Politiker, der Wirtschaft und sogar der Anrainer in Kärnten so weit, dass man heute auf Straßen Sonderprüfungen absolvieren kann, von denen man in anderen Bundesländern nur träumen kann, von der schieren Länge her ebenso wie vom Schwierigkeitsgrad, der jedem gestandenen WM-Piloten Respekt abnötigt.

Selektive Strecke:
Kärnten braucht sich selbst gegenüber EM und WM-Läufen nicht zu verstecken

Natürlich hat Kärnten das Glück, überhaupt über solche Straßen zu verfügen, andere rallyeverrückte Regionen in Österreich (a la Waldviertel) haben es da ungleich schwerer (woher nehmen und nicht stehlen?) und selbst 20er-EM-Läufe in unserer näheren Nachbarschaft können damit nicht aufwarten.

Bei beiden Rallyes gäbe es jedenfalls nicht die geringsten Probleme, noch einen dritten Tag mit zusätzlichen Prüfungen anzuhängen, womit man auf heutige WM-Distanzen käme. Aber das wäre nur mit erheblichem zusätzlichem finanziellem und personellem Aufwand möglich und für die ÖM selbst bei aller Begeisterung kontraproduktiv. Eine solche Länge wäre von den Fahrern nur bei Einführung eines Koeffizienten-Systems akzeptabel, was aber wiederum unfair gegenüber den anderen Veranstaltern wäre.

Aber ehe man in Zukunfts-Phantasien schwelgt, sollte man etwas zurückschalten: Seien wir einmal zufrieden, was wir an den Kärntner Rallyes haben. Ihr Vorbild hat in den letzten Jahren zu einer ungeahnt positiven Entwicklung für Österreichs Rallyes geführt und wer jemals in Kärnten gewonnen hat – egal, ob gesamt, eine Gruppe oder eine Klasse – kann von sich behaupten, Außergewöhnliches geleistet zu haben.

Auf die Castrol-Rallye im Juni können sich alles Fans jedenfalls bereits freuen – vielleicht spielt diesmal sogar einmal das Wetter mit, nicht nur in Kärnten immer ein Garant für spannende Veranstaltungen und so manche Überraschung.

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