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Die neue Form der Raumfahrt

Der Personentransport war noch nie so vielfältig wie heute. Die Zeit der klassischen Kastenformen scheint vorbei zu sein, wenn man sich den Hyundai Staria und den neuen VW Multivan ansieht. Doch sind klassische Werte, wie sie die V-Klasse von Mercedes vertritt, für diesen Job nicht doch besser geeignet?

Roland Scharf

Hätten Sie' s gewusst? Der Linienbus, der im Jänner 1976 mit der Wiener Reichsbrücke in die Tiefe und damit in die kalten Fluten der Donau gestürzt ist, existiert nicht nur nach wie vor. Er verrichtete nach einer größeren Reparatur auch noch annähernd 20 Jahre seinen Dienst in der Bundeshauptstadt, ehe er nicht verschrottet, sondern sicherheitshalber zur Seite gestellt wurde. Und zwar in einer Remise, die zum Museum der Wiener Linien umfunktioniert wurde und dieses Mal als passende Kulisse für unseren Vergleichstest dient. Denn auch wir beschäftigen uns mit dem Thema Personentransport,wenn auch nicht auf drei Achsen, mit Schwenkaufbau und Klapptüren. Unsere drei Probanden vertreten die klassische Linie der Siebensitzer, die aus alter Tradition als Grundform die Kastenwagen der jeweiligen Hersteller nahm und diese mit der Zeit immer luxuriöser ausstaffierte. Das ging so weit, dass es bald schon zwei Schienen gab: die Nutzfahrzeugversion mit drei Sitzreihen und eher nüchterner Ausstattung und dann noch einen Pkw-haften Ableger inklusive Ledersitzen, Drei-Zonen-Klima, dunkler Scheiben und Multimedia-Girlanden. Um genau diese All-inclusive-Business-Gleiter geht es heute.

Krieg der Welten
Denn die traditionelle Herangehensweise, einfach einen Kastenwagen umzustricken, löst sich immer mehr auf. Das zeigt sich vor allem beim neuen Vertreter aus Hannover. VW legte den Multivan neu auf, und zwar nur den. Die Transporter inklusive der dreireihigen Caravelle-Modelle basieren nämlich weiterhin auf dem mittlerweile 19 Jahre alten T6.1 (wenn man von der grundsätzlichen Basis ausgeht). Der Multivan hingegen darf sich Pkw-hafter und luxuriöser zeigen denn je, verwendet er schließlich nun auch den modularen Querbaukasten als Grundgerüst. Ähnlich spacig geht Hyundai das Thema Raumwunder an. Der erst letztes Jahr lancierte Staria möchte so gar nichts mit dem Design eines Nutzfahrzeugs zu tun haben, wobei die Herangehensweise sich nicht nur auf die Außenoptik beschränkt. Auch innen tat sich einiges, vor allem was den Komfort in den hinteren Reihen anlangt. Dagegen wirkt die V-Klasse aus dem Hause Daimler fast schon konservativ. Natürlich ist sie die Älteste in diesem Trio, was sich bis auf die grundsätzliche Bauweise und klassischere Form auswirkt. Aber ist das ein Nachteil in einer derart pragmatischen Fahrzeugklasse? Genau das gilt es herauszufinden, zumal es ja nicht einfach nur eine V-Klasse gibt.

Platzvielfalt
Beim Mercedes ist das entscheidendste Maß die Höhe mit maximal 1,96 Metern (inklusive Dachreling), man kommt damit also noch in praktisch jede Tiefgarage, wo fast schon traditionell zwei Meter als Limit gelten. Wie viel Kofferraum und Platz im Fond zur Verfügung stehen, hängt von der Variante ab, die man sich krallt. Es gibt den großen V in drei Längen und mit zwei Radständen, das Ladevolumen variiert also von 610 bis 1.410 Liter. Auch kann man sich aussuchen, ob man in den hinteren Reihen Sitzbänke oder Einzelsitze haben möchte – alles nur eine Frage des Preises. Generell ist das Verschieben und Ausbauen der Sitze und Bänke nicht ganz so easy und gerade für die Bank sollte man lieber zu zweit sein.

Jedenfalls: Mit maximal 5.010 Liter liegt der Stern deutlich vor seinen Kollegen. VW kommt auf 763, der Hyundai überhaupt nur auf 431 Liter, was bei Letzterem aber an der wenig flexiblen Bestückung liegt. Sowohl die zwei Einzelsitze in der zweiten Reihe als auch die Rückbank dahinter sind zwar verschieb- und klappbar, können aber nicht so ohne Weiteres ausgebaut werden. Dafür reicht die Fülle an Funktionen der Sessel bis zu einer fixen Verkabelung der Sitzgelegenheiten. Wer sich einen siebensitzigen Staria nimmt, sollte ihn also auch wirklich benötigen.
Dann jedoch kann der Hyundai kleine Wunder vollbringen. Die Einzelsitze sind nicht nur wohlig dimensioniert, sondern auch vielfach elektrisch verstellbar. Sogar seitwärts kann man sie zumindest wenige Zentimeter verschieben und bis zur Liegeposition absenken, inklusive Fußauflagen. Und da sie um 180 Grad drehbar sind, kann man den Staria ganz leicht und schnell zu einem Konferenzraum umgestalten. Ein echter Business-Gleiter also, allerdings ohne viel Spielmöglichkeiten.

Und der VW? Es gibt ihn in zwei Versionen mit kurzem oder langem Überhang (plus 1.500 Euro) bei gleichbleibendem Radstand. Grundsätzlich hat man das Gefühl, dass VW Nutzfahrzeuge alle Register ziehen wollte, die es irgendwie gab. Alle Einzelsitze der hinteren Reihen sind auf den Schienen fast nach Belieben verschiebbar. Das Ausbauen und Zusammenfalten gelingt instinktiv, zudem sind die einzelnen Stühle so leicht, dass das alles problemlos allein zu bewältigen ist. Und weil die Schienen unter Strom stehen, konnte sogar eine Sitzheizung im Fond realisiert werden. Ähnlich kreativ gestaltete VW die Mittelkonsole. Sie gleitet natürlich auch auf den Schienen und kann ausgeklappt zu einem Tisch für die Mitfahrer werden. Oder, wenn man den Platz benötigt, auch ausgebaut werden. Bei einem so cleveren Schienensystem bleibt also abzuwarten, wie lang die Kundschaft dem vergleichsweise unflexiblen T6.1 noch eine Träne nachweinen wird. Und zudem schwenkt die Heckklappe des VW deutlich weiter auf als die der Mitbewerber, was für Großgewachsene von Vorteil ist, für Tiefgaragennutzer obgleich nicht immer.

Arbeitsplätze
Bei den Cockpits zeigen sich ebenso große Unterschiede. Die V-Klasse gibt sich klassisch: Ein solides Armaturenbrett mit Rundinstrumenten, vielen Dreh- und Drückreglern und ein kleines Display in der Mitte. Alles ist übersichtlich und ergonomisch, fast schon Pkw-haft, und nüchtern betrachtet, kann man hier absolut nichts aussetzen. Sogar die Übersicht ist hervorragend. Und dennoch: Im Vergleich zu Hyundai und VW wirkt der Mercedes ein wenig altbacken. Vor allem der Staria glänzt mit futuristischer Einrichtung, alles ist digital und die Displays sind wahrlich riesig. Das hat bei der Bedienung während der Fahrt aber nicht nur Vorzüge. Dennoch gibt es kaum ein Detail, das unüberlegt wirkt und die Übersicht ist dank der riesigen Fensterflächen tadellos. Man hat sogar ein wenig das Gefühl, in einem Glashaus zu sitzen, weil die Gürtellinie sehr weit unten ist.

Der Multivan hat in neuester Auflage die hohe und etwas bockige Sitzposition konsequent abgelegt. Man fühlt sich nun eher wie in einem großen SUV und bemerkt sofort die Zugehörigkeit zum MQB-System. Die Displays funktionieren alle nach dem neuen VW-Prinzip, wobei man so schlau war, das Lenkrad nicht mit Touch-Flächen, sondern klassischen Knöpfen ausrüstete. Das erleichtert den Alltag schon ungemein. Zudem kann man das Cockpit dank der verschiebbaren Mittelkonsole auch vom Fond aus entern, zumindest theoretisch. Bei der Verarbeitung gibt sich keiner in diesem Trio eine echte Blöße. Alles in allem merkt man aber, dass Mercedes auf hochwertige Materialien doch ein wenig mehr Wert legt als die anderen beiden.

Fahrverhalten
Kein unwichtiges Kapitel bei Personentransportern – wie fahren sie sich eigentlich? Grundsätzlich: Bei keinem der drei kommt Nutzfahrzeug-Feeling auf. Geräuschdämmung und Stabilität sind durchwegs auf Pkw-Niveau und dass man von so hoher Position mehr vom Verkehr mitbekommt als die meisten anderen im Stau, macht diese Fahrzeugklasse für viele so reizvoll. Von den dreien ist der Hyundai definitiv der Cruiser. Lenkung und Fahrwerk sind auf der bequemeren Seite angesiedelt, alles wirkt gut gedämpft und nicht übertrieben sportlich, was gut zum generellen Wohlfühlanspruch des Staria passt. Beim Mercedes merkt man sofort am Fahrverhalten, dass hier ein Heckantrieb werkt. Das Attribut sportlich wäre zwar ein wenig übertrieben, dennoch wirkt der Stern am handlichsten, was sicher auch am angenehm knapp geschnittenen Cockpit liegt, das eine geborgene Atmosphäre aufkommen lässt. Der Multivan fährt so, wie man sich das von einem VW erwartet. Er lässt nichts anbrennen, Bremsen, Fahrwerk und Lenkung arbeiten unauffällig, er stellt einen guten Kompromiss beider Welten dar.

Antrieb
Beim Motorenkapitel gab es noch nie so große Unterschiede wie derzeit. Der Hyundai gibt sich strikt: Vierzylinder-Diesel mit 177 PS, das ist die einzig erhältliche Variante. Kombinierbar immerhin mit Schalt- oder Automatikgetriebe und Front-oder Allradantrieb. Der getestete Luxury Line ist indes nur mit Automatik und vier angetriebenen Rädern erhältlich. Beim Trend Line bewegt sich das Aufpreisniveau dieser beiden Features bei rund 3.500 Euro. Kraft bietet der Selbstzünder jedenfalls immer ausreichend, zeigt sich gut gedämmt und wirkt sehr passend für den Einsatzzweck als souveräner Antrieb für einen Business-Gleiter. Gleichwohl könnte er aufgrund der hohen PS-Zahl der Nutzversion des Staria ein wenig das Geschäft verhageln, Kastenwagen gibt es in unseren Breiten nur eher selten derart massiv motorisiert.

Bei Mercedes gibt es grundsätzlich auch nur vier Zylinder, jedoch längs eingebaut und in drei unterschiedlichen Leistungsstufen. Es geht los bei 163 PS und reicht bis 237, wir entschieden uns für die mittlere mit 190 Pferden. Dank des längs eingebauten Motors kann die famose Neungang-Automatik aus dem Hause Daimler serienmäßig verbaut werden und an deren Schaltkomfort kommen die anderen beiden definitiv nicht heran. Heckantrieb besitzt die V-Klasse serienmäßig, für 7.000 Euro extra werden zudem die Vorderräder angetrieben und wer doch 237 PS will, muss 6.000 Euro zusätzlich berappen. Alles in allem eine sehr ausgereifte Kombination, die nach wie vor ihre Qualitäten hat: Da kommen die jüngeren Kollegen nur schwer heran.

Und der VW? Den gab es vorerst mit Benzinmotoren mit 150 oder 200 PS. Das ist zwar ungewohnt, wenn man bedenkt, dass es den Multivan jetzt fast zehn Jahre nur als Selbstzünder gab (und davor auch nur in homöopathischen Dosen als TSI verabreicht worden ist), aber die Wahl fällt auf reine Benzinmotoren oder wie wir ihn nahmen als Plug-in-Hybrid mit 218 PS Systemleistung. Der Geräuschkomfort ist tadellos, die elektrische Reichweite ist in der Praxis zwischen 30 und 40 Kilometer anzusiedeln. Und sollte der Akku leer sein, wirkt der 1400er-Vierzylinder teils etwas angestrengt. Zumindest ist die Automatik serienmäßig, wobei es hier die Frage ist, ob es sich lohnt, noch auf den TDI mit 150 PS zu warten, der sogar 100 Euro günstiger ist als der eHybrid, ebenfalls über DSG verfügt und bereits bestellt werden kann.

Preis
Hyundai macht es einem leicht. Die Preisliste ist übersichtlich, neben nur einem Motor gibt es die Wahl zwischen Sechsgang-Schalter und Achtgang-Automatik (plus 2.000 Euro) bei den Transportermodellen und zwischen Sechsgang-Schalter und Achtgang-Automatik inklusive Allradantrieb (plus 4.500 Euro) bei der Bus-Version, wobei es den von uns gefahrenen Luxury Line als Topmodell nur mit der Maximalbestückung gibt. Der Preis von 69.490 Euro klingt zwar nach viel, dafür ist es ein echtes All-inclusive-Angebot, denn als einzige Option bleibt nur ein Optik-Paket für schlanke 200 Euro. Und zudem ist der Staria damit ein echtes Schnäppchen, denn die deutschen Kollegen sind bei knapp 70.000 noch lang nicht am Ende der Aufpreisliste angekommen – und mit den Hyundai-Features teilweise gar nicht erhältlich.

Der Mercedes zum Beispiel kostet in unserer Konfiguration, also mit 190 PS und Heckantrieb, mindestens 66.425 Euro. Wenn man ein wenig im Konfigurator gustiert und Navigation, Standheizung, Luftfederung, Zusatzheizung, das Assistenz-Paket, E-Schiebetüren und andere nette Spielereien dazunimmt, durchschlägt man aber ganz leicht die 100.000-Euro-Schallmauer. Dafür kann man sich praktisch punktgenau seine ganz persönliche V-Klasse zusammenstellen, denn so viele Extras bietet sonst kein anderer in diesem Trio. Hier macht sich natürlich die NoVA dann besonders bemerkbar. Bei unserem bei Weitem nicht voll bestückten Testfahrzeug betrug sie schon mehr als 15.000 Euro.

Und der VW? Ein Plugin-Hybrid-Multivan kostet mindestens 54.700 Euro inklusive, wobei wir hier von der relativ nackten Basisausstattung sprechen. Die zweifärbige Topversion "Style" schlägt schon mit knapp 65.000 Euro zu Buche. Die Langversion kostet noch einmal 1.500 Euro extra und wer ihn noch entsprechend ausstattet, kommt ganz leicht über die 70.000-Euro-Grenze. Andererseits: Das war schon bei den Vorgängern noch nie ein Problem.

Resümee
Wer meint, Siebensitzer sind nüchterne Transportmittel, den muss dieses Trio eines Besseren belehren. Drei Fahrzeuge, drei Charaktere – welchen man wählt, hängt also stark von den persönlichen Bedürfnissen ab. Der Hyundai ist der luftig gestaltete Raumgleiter für Business-Kunden mit Verwöhn-Features zum Kampfpreis, die Mercedes V-Klasse hingegen ein individuell konfigurierbarer Praktiker, den man ganz nach seinen persönlichen Wünschen ausstatten kann und der auch fahrdynamisch glänzen kann. Und der neue VW Multivan bringt mehr Pkw-Feeling und Elektronik in diese Klasse als je zuvor und glänzt mit einer hohen Form an Praktikabilität – auch, um sich von seinem Nutzkollegen T6.1 abgrenzen zu können. Der Rest unterliegt dem eigenen Geschmack.

Wir danken dem Verkehrsmuseum der Wiener Linien für die Foto-Location.

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