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Formel 1: Interview

Wolff sieht Hamilton zu 25% bei Ferrari

Lewis Hamilton sagt, es schade nicht, mit anderen Teams zu sprechen; Wolff: überraschender Abschied kann auch eine Chance sein.

Autoren: Adam Cooper, Christian Nimmervoll

Toto Wolff schließt nicht aus, dass Lewis Hamilton 2021 zu Ferrari wechseln könnte: "Ich gebe dem eine Chance von 25 Prozent", sagt der Mercedes-Teamchef, beim Saisonfinale in Abu Dhabi ganz konkret auf Hamiltons vielzitierte Treffen mit John Elkann, dem Vorstandsvorsitzenden von Ferrari, angesprochen.

Die Chance auf eine Vertragsverlängerung bei Mercedes bewertet Wolff folgerichtig mit "75 Prozent. Und ich nenne diese Zahl, weil auf rationaler Ebene alles dafür spricht, diese Beziehung fortzusetzen. Von beiden Seiten. Gleichzeitig gibt es aber eine 25-Prozent-Chance, die wir nicht kontrollieren können."

Tatsache ist: Hamilton hat sich 2019 zweimal mit Ferrari-Vertretern getroffen. Einen entsprechenden Bericht der 'Gazzetta dello Sport' hat bislang niemand dementiert. Auch Hamilton nicht: "Alles, was hinter geschlossenen Türen passiert, bleibt privat. Ganz egal, mit wem man sich trifft." Es tue aber nicht weh, seine Möglichkeiten zu sondieren, gießt Hamilton Öl ins Gerüchtefeuer.

"Ein Fahrer dieses Kalibers", sagt Wolff über den sechsmaligen Weltmeister, "weiß ganz genau, dass er bei jedem Team etwas bewirken kann. Als er damals von McLaren zu Mercedes kam, wurde das von vielen für einen Fehler gehalten. Aber es war die richtige Entscheidung. Ich möchte jetzt nicht den Fehler machen, Ferraris Potenzial zu unterschätzen."

Wie weit geht Mercedes bei einem Wettbieten mit?

Zumal Ferrari bekannt dafür ist, das (finanzielle) Füllhorn aufzumachen und extreme Gagen zu bezahlen, wenn die Chefetage einen Fahrer unbedingt haben möchte. Es spreche alles dafür, dass die Beziehung Hamilton-Mercedes weitergeht, sagt Wolff. Aber: "Es könnte andere Faktoren geben. Zum Beispiel ein tolles Angebot. Die muss man in die Rechnung einbeziehen."

Und Mercedes wird sich auf ein Wettbieten um Hamilton mutmaßlich nur bis zu einem gewissen Grad einlassen. Sollte Ferraris Gehaltsangebot an Hamilton astronomische Höhen erreichen, wären die Silberpfeile besser beraten, stattdessen Max Verstappen zu verpflichten. Der wäre bei der Aussicht auf ein WM-fähiges Auto wahrscheinlich billiger zu haben als Hamilton.

Obendrein ist Verstappen (22) um zwölf Jahre jünger als Hamilton und somit einer, um den herum man das Team der Zukunft aufbauen könnte. "Ein Sport-Team ist nie statisch, sondern eine dynamische Struktur. Es wird immer Veränderung stattfinden, und Veränderung kann auch Chance sein", erklärt Wolff.

"Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen philosophisch. Aber als Nico [Rosberg] aufgehört hat, war meine erste Reaktion, dass das eine Chance für uns sein könnte. Und im Nachhinein betrachtet hatte ich recht. Ich denke, dass wir mit Valtteri die richtige Entscheidung getroffen haben."

Dazu muss man wissen: Rosberg zu kompensieren, war zwar rein sportlich schwierig. Der Deutsche hatte Ende 2016 gerade den WM-Titel gewonnen und wurde im Paddock als echter Hamilton-Herausforderer gesehen. Gleichzeitig drohte das teaminterne Duell mit Hamilton zu eskalieren. Die Reißleine zu ziehen und für Harmonie im Team zu sorgen, entpuppte sich für Mercedes als positiv.

Was bei Hamiltons Zukunftsentscheidung auch eine Rolle spielt: "Ich weiß, dass sich Toto gerade Gedanken über seine Zukunft macht. Er weiß auch selbst am besten, was für ihn und seine Familie gut ist. Ich warte ab, wie er sich entscheidet." Bekanntlich gilt Wolff als Wunschkandidat von Liberty-Oberboss John Malone auf den Posten von Formel-1-Chef Chase Carey.

"Natürlich wollen wir auf der persönlichen Ebene wissen, was der andere macht", zeigt Wolff Verständnis für Hamiltons Aussage. "Es gibt aber so viele andere Teammitglieder, die für unsere Performance wichtig sind, und nicht nur Lewis und mich." Für Hamilton, glaubt er, sei in erster Linie wichtig, dass das Team wettbewerbsfähig bleibt. Und nicht, dass Toto Wolff Teamchef ist.

Teilweise wilde Gerüchte im Motorsport-Internet

Aussagen, die neue Spekulationen befeuern: Macht Hamilton einen Verbleib davon abhängig, ob Wolff bleibt? Wechseln womöglich gar beide im Paket zu Ferrari, wie Internet-Medien verbreiten? Oder haben sich die beiden vielleicht untereinander abgesprochen, um in den Verhandlungen mit Mercedes als Zweierpack möglichst gute Vertragsbedingungen auszuhandeln?

Es wird unweigerlich wild spekuliert, wenn so große Transferthemen zur Diskussion stehen. Und das wird über Weihnachten so weitergehen, denn bis dahin ist keine finale Entscheidung zu erwarten. "Wenn wir Ende Januar, Anfang Februar aus dem Urlaub zurückkommen, dann werden wir den Zeitplan definieren, wann wir über alles reden wollen", sagt Wolff.

Hamilton drängt nicht auf eine schnelle Entscheidung, "weil ich liebe, was ich tue". Es sei aber "smart", andere Möglichkeiten nicht kategorisch auszuschließen, denn: "Das wird die letzte Phase meiner Karriere sein. Und ich möchte weiterhin gewinnen und mich gegen die Jungen durchsetzen."

"Ich habe mir seit vielen, vielen Jahren keine Gedanken mehr über andere Optionen gemacht. Immer geradeaus auf unserem Weg und auf unserer Reise. Da hat es sehr wenig gegeben, was mich davon abbringen konnte. Es kann aber nicht schaden ..."

Vettel, den Hamilton mutmaßlich ersetzen würde, nimmt die derzeitigen Spekulationen mit Humor: "Er ist doch eh schon Ferrari-Fahrer", grinst er und lässt ratlose Journalisten zurück - nur um dann aufzuklären, dass er Hamiltons Privat-Garage meint: "Soweit ich weiß, ist er ein guter Ferrari-Kunde. Er besitzt mehr als einen."

Wolff hofft "sehr", dass seine Beziehung zu Hamilton fortgesetzt wird. Er sei nämlich "eine starke Säule" des Teams. Aber: "Es wird Komponenten geben wie finanzielle Anreize. Unterm Strich ergibt dann alles zusammen ein Paket, das sich der Fahrer durch den Kopf gehen lässt. Das ist ganz normal. Würden wir alle so machen."

Denn ein siegfähiges Auto bauen, eine gute Stimmung im Team, einen Botschaftervertrag auf Lebenszeit, ja sogar eine hochattraktive Gage - all das sind Dinge, die Mercedes und Daimler Hamilton anbieten können. Den Mythos Ferrari aber nicht. Und spezielle Raritäten-Sportwagen aus Maranello, für die Hamiltons Herz vielleicht schlägt, auch nicht.

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