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Seit Kindheitstagen mit dem Rennvirus infiziert

Der langjährige Motorsport-Journalist Helmut Zwickl (Kurier, Motorsport Aktuell,..) im Gespräch mit motorline.cc. Teil 1: Die wilden Anfangsjahre...

Michael Noir Trawniczek (MNT)
& Stefan Schmudermaier (STS)

Wer sich in Österreich oder auch in Deutschland für den Motorsport interessiert, kommt an Helmut Zwickl nicht vorbei. Seit vierzig Jahren berichtet Zwickl für den Kurier über die Vorkommnisse in der Formel 1. Auch in der Wochenzeitung Motorsport Aktuell oder auch in der Autorevue findet man seine Berichte und Analysen.

In seinen Kommentaren ist Helmut Zwickl alles andere als zimperlich. Seit dem Tod seines Freundes Jochen Rindt hat sich der heute 64jährige eine distanzierte Betrachtungsweise bewahrt, er möchte sich, wie er sagt, „nicht von der Formel 1 vereinnahmen lassen“. Zwickl hat die wilden Sechziger- und Siebzigerjahre in der Königsklasse erlebt. Die gegenwärtige Formel 1 betrachtet Zwickl mit einem kritischen Auge. Zwickl prangert die zunehmende Sterilität der obersten Rennsportklasse an...

Helmut Zwickl ist ein Racer. Schon als Teenager machte er die Wiener Vorstadtbezirke mit einer selbst gebastelten Rennmaschine unsicher. Heute organisiert er gemeinsam mit dem Fotografen Michael Glöckner die Ennstal-Classic - ein Kult-Event, der seit elf Jahren illustre Teilnehmer wie Stirling Moss, John Surtees oder Adrian Newey in die Dachstein-Region lockt, um dort mit den legendären Autos der Motorsport-Geschichte anzutreten. Mehr dazu erfahren Sie auf www.ennstal-classic.at.

Das Gespräch mit Helmut Zwickl wurde vor der Verpflichtung Christian Kliens bei Jaguar geführt. Als wir Zwickl kurze Zeit später bei der Pressekonferenz des Vorarlbergers im Wiener Palais Schwarzenberg treffen, sagt er: „Wir dürfen dem Christian nicht zu viel Druck machen. Er braucht jetzt Zeit und Ruhe, um in der Formel 1 Fuß fassen zu können. Geduld ist angesagt.“

Im ersten Teil des vierteiligen Gesprächs erzählt Helmut Zwickl über seine abenteuerlichen Anfangsjahre in der Welt des Motorsports, seine Freundschaft zu Formel 1-Legende Jochen Rindt und den schmerzhaften Verlust von den Freunden - in einer Zeit, in welcher die Leidenschaft Motorsport noch vielen zum Verhängnis wurde...

MNT: Helmut, ich habe vorhin im Internet recherchiert. Man findet zwar Unmengen an Dingen, an denen du gearbeitet hast, aber eine Biografie oder ein Portrait von dir oder ein Interview, welches du nicht geführt, sondern gegeben hast, habe ich nicht gefunden.

Helmut Zwickl: Nach diesem Gespräch wird es dann ja so etwas geben.

MNT: Okay, dann fangen wir gleich mal an. Ich habe mir da ein paar Stichworte aufgeschrieben. Das erste Wort heißt Infektion. Und zwar die Infektion mit dem Motorsport- oder Rennvirus. Gibt es da bei dir einen Schlüsselmoment in deinem Leben, wo du dich infiziert hast?

Helmut Zwickl: Naja, ich bin infiziert, eigentlich seit Kindheitstagen. Mein erstes Rennen war ein Motorrad-Straßenrennen in Bruck an der Leitha. 1954, da bin ich mit dem Fahrrad von Simmering runter gefahren. Ich war mit einem Freund dort und wir waren fasziniert. Da ist der Leonhard Fassl gefahren und der Doktor Krakowitzer. Das hat uns so beeindruckt, dass wir wenige Wochen später eine alte defekte DKW, die wir um 50 Schilling gekauft haben, wieder zum Laufen brachten und daraus eine Rennmaschine gebaut haben.

Zwei Jahre sind wir bei uns auf der Gstätt’n damit gefahren. Wir sind Motocross gefahren, wir sind Speedway gefahren. Ich wurde immer frecher, bin damit auf die Simmeringer Haide gefahren. Das war die Zeit, als die ersten Funkstreifen aufkamen. Die Freunde sind vorausgefahren mit dem Fahrrad, haben die Gegend abgeriegelt und ich bin dann flach am Tank liegend mit irrsinnigem Geknatter zwischen den Gärtnereien hin und her gefahren.

MNT: Mit oder ohne Helm?

Helmut Zwickl: Ohne Helm natürlich. (lacht) Da hat’s ja nichts gegeben damals. Und mir ist dann eine Funkstreife entgegen gekommen und ich bin hinter einen Strohhaufen gefahren und habe mich dort geduckt hinter dem Haufen hingelegt. Der Auspuff hat natürlich noch geglüht und die Funkstreife ist von der Ferne immer näher gekommen, die ist ganz langsam gefahren und auf einmal hat schon der Strohhaufen zu Glühen begonnen, es hat zum Rauchen angefangen. Ich habe mir gedacht: Wenn die nicht bald vorbeifahren, brenn ich ab samt dem Strohhaufen und die entdecken mich. Also das waren die ersten Begegnungen mit dem Rennsport.

Ich habe dann einen Freund gehabt, der ist in den Jahren 55-58 Speedway-Rennen gefahren, der Kurt Schwingenschlögl. Mit dem bin ich zu den ersten Speedway- und Sandbahn-Rennen gefahren. Amstetten. Baden. Krieau. Wels. Ich habe ihm halt geholfen, ich trug eine Mechanikerschleife. Und ich bin ja gelernter Drogist, habe immer mit Chemie zu tun gehabt und ich habe dann ein Treibstoffgemisch gemixt.

Ich hatte da ein Rezept von den Vorkriegs-Silberpfeilen. Die haben ganz kleine Dosen von Amylnitrit dem Gemisch hinzugefügt, ein hochexplosiver Stoff. Das haben wir über ein Mädchen bekommen, die hat in einem Chemikaliengroßhandel gearbeitet und hatte dieses Amylnitrit in kleinen Phiolen aufbewahrt und uns gegeben. Dann war auf der Hohen Warte ein Speedway-Rennen. Er ist im Juniorenrennen gestartet und ist vom Start weg explosiv weggeschossen und hat das Rennen gewonnen. Einer hat dann protestiert gegen den Treibstoff und dann haben sie ihn disqualifiziert.

Das waren die ersten Anfänge. Ich war dann Chemiker in einer Farbenfabrik, die ich eigentlich hätte übernehmen sollen. Aber ich habe ab 1960 begonnen, über Motorsport zu schreiben, hab den Arthur Fenzlau getroffen, das war damals der legendäre Motorsportfotograf schon seit Jahrzehnten. Der hat gehabt einen Peugeot aber keinen Führerschein, der hat gesagt: „Herr Zwickl, bitte fahren Sie mit mir doch zu den Wertungsfahrten und zu den Rennen.“ Er hat die Fotos an die Zeitungen geliefert und ich habe begonnen, die Texte dazu zu machen. Motorsport hatte ja damals einen geringen Stellenwert in den Zeitungen.

MNT: Warst du von Anfang an beim Kurier?

Helmut Zwickl: Der Dr. Krakowitzer hat mir den Durchbruch verschafft beim „Sportfunk“, das war eine wöchentlich erscheinende Sportzeitung. Die haben ab 1961 erkannt, dass Motorsport ein Medienereignis sein soll. Und dann hat der Chefredakteur vom Kurier zum Krakowitzer gesagt: „Ich suche jemanden, der mir den Motorsportbereich macht“. Und er sagte: „Ich kenn’ da einen Jungen, den müssen Sie haben.“

Und ich habe ab August 61 beim Kurier geschrieben. Entscheidend war, dass ich zwei Jahre später den Curd Barri kennen gelernt habe, ein vermögender Wiener Reisebürobesitzer, der groß in die Formel Junior eingestiegen ist und der hat mich 1963 mitgenommen zur Londoner Racing Car-Show. Das war natürlich was, wenn du rauskommst aus Österreich und plötzlich triffst in London den John Cooper, den Peter Warr, den Colin Chapman und so weiter. Der Jochen Rindt hat sich gekauft den Formel Junior Cooper von 1962 und ich war damals dabei in Kottingbrunn, als der Jochen Rindt an einem kalten Märztag seine ersten Gehversuche in einem Rennwagen unternommen hat

MNT: Warst du mit dem Jochen Rindt von Anfang an befreundet?

Helmut Zwickl: Ich habe den Rindt kennen gelernt in Aspern, wo er mit dem Alfa gefahren ist. Und an diesem kalten Märztag in Kottingbrunn auf dem Reifenprüfgelände von Semperit hat er diesen Cooper probiert. Das war ein denkwürdiger Tag weil der Rindt ist zum ersten Mal in einem Monoposto-Rennwagen gesessen und ist da ein, zwei Runden gefahren. Er kam zurück und sagte: „Das ist ein Schas. Ich seh nix. Und Rennwagen überhaupt, ein Blödsinn...“

Gut, der Barri und der Rindt haben eine Renngemeinschaft gegründet und der Rindt hat gleich das erste Rennen gewonnen. Der Barri das zweite Rennen in Vallelunga. Und dann sind wir im Reisebüro vom Barri gesessen und er sagte: „Du, der Rindt ist unglaublich. Wenn er es überlebt, wird der in ein paar Jahren Weltmeister.“ 1963 habe ich auch meinen ersten Grand Prix gesehen, in Monaco. Das war der Formel Junior Grand Prix, Barri und Rindt sind mitgefahren. Mit dem Mechaniker haben wir die Armbinden gefälscht und sind beim Formel 1-Rennen rein. Ich habe nachher den Kurier angerufen und der hat sogar ein paar Zeilen gebracht.

MNT: Da war noch kein Bernie Ecclestone da, der aufgepasst hat...

Helmut Zwickl: Nein, kein Ecclestone und auch keine elektronischen Drehkreuze. Ich bin gesessen einen Meter neben der Ideallinie mit der Kamera in einer Steinnische, bis mich die Wächter entdeckt haben. Und dann haben sie mich abgeschleppt.

MNT: Da kommen wir gleich zum nächsten Stichwort: Engel auf einer Wolke. Du hast ja in deiner langen Karriere als Motorsportjournalist viele Piloten kommen und gehen gesehen. Kommst du dir da manchmal vor wie so ein Engel, der da auf seiner Wolke sitzt und seine Schäfchen kommen und gehen sieht? Wie fühlst du dich dabei?

Helmut Zwickl: Im Laufe der Jahrzehnte lernst du die Rennfahrer kennen und du verlierst viele Freunde. Mit den Jahren kommst du zu dem Entschluss, dass du dich mit Rennfahrern nicht anfreunden sollst. Weil in den 60er, 70er-Jahren sind die Rennfahrer ja wie die Fliegen gestorben. Heute ist das ja Gott sei Dank nicht mehr so. Der Curd Barri ist verunglückt in Wien am helllichten Tag, wahrscheinlich ein Herzschlag auf öffentlicher Straße, er ist mit seinem Mercedes in einen parkenden Holzwagen reingefahren. Ich war dabei, wie der Jochen Rindt zum letzten Mal in ein Auto gestiegen ist. In Monza.

Wir hatten damals die Sendung „Motorama“ und er hat da noch eine Moderation gesprochen, war aber unkonzentriert, hat sich immer wieder geirrt und er hat zu uns gesagt: „Wir machen das, wenn ich wieder zurück bin.“ Er hat mir noch das Mikro in die Hand gedrückt, doch er ist nicht mehr zurück gekommen. Das sind schon Momente, wo du nachdenkst. Ich kann mich erinnern, nach dem Tod von Jochen Rindt habe ich mit dem Fliegen begonnen, habe sofort den Privatpilotenschein gemacht, weil ich gesagt habe, ich brauche jetzt irgend etwas anderes...

MNT: Also hast du durch den Tod der Freunde irgendwie auch eine distanziertere Haltung zum Motorsport eingenommen?

Helmut Zwickl: Ja.

>>> www.ennstal-classic.at

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