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Billig-Harley

Im Herbst startet mit der Street 750 die bislang kleinste und mit einem Preis ab etwa 8.000 Euro günstigste Maschine von Harley-Davidson.

Norbert Meiszies/mid

Bei Harley-Davidson gelten die Big-Bore-Bikes als das Maß aller Dinge. Die Electra Glide, Street Glide, Heritage- und Road-King-Modelle mit ihren 1,6 Liter und 1,7 Liter großen V2-Kraftpaketen sind echte Männer-Motorräder.

Die bisher kleinste Harley, die Sportster XL 883 Iron, ist in den Augen gestandener Biker eher etwas für die selbst fahrende Gattin. Und nun bricht die Marke mit allen Tradition und präsentiert mit der Street 750 eine Mini-Harley im Stil der großen Twins, die vor allem die "jungen Erwachsenen zwischen 18 Jahren und 30 Jahren" erreichen soll.

Um jener urbanen Generation in Europa und Asien den Traum von einer Harley zu ermöglichen, geht das Unternehmen ganz neue Wege. Dazu zählt auch der Produktions-Standort in Bawal in Indien.

Dort wird die Street 750 für den europäischen und den asiatischen Markt gefertigt, während in Kansas in den Vereinigten Staaten ausschließlich die Modelle für die nordamerikanische Kundschaft vom Band laufen. Darunter übrigens auch eine noch kleinere Street 500, die laut Harley vor allem für die amerikanischen Driving Schools gebaut wird.

Die Street 750, die jetzt erstmals im serienreifen Zustand in Madrid präsentiert worden ist, besitzt einen völlig neuen V-Twin-Motor, der den Namen "Revolution X" trägt. Der Name erinnert zwar an den 2003 von Porsche für die 1200er-V-Rod entwickelten Revolution-Antrieb, hat damit aber nichts gemein. Er wurde im Harley-Davidson Product Development Center in Milwaukee entwickelt.

Im Vergleich zu den klassischen 45°-V2 aus Milwaukee besitzt der Baby-Revolution-Motor eine Wasserkühlung und einen Winkel von 60 Grad, der einen tiefen Schwerpunkt und eine mit 709 mm sehr niedrige Sitzhöhe ermöglicht. Respektable 41 kW/56 PS haben die Techniker aus dem neuen Antrieb herausgeholt, der durch spontane Gasannahme, gleichmäßige Kraftentfaltung und vibrationsfreien Motorlauf überzeugt.

Zusammen mit dem leicht zu schaltenden Sechs-Gang-Getriebe, bei dem lediglich die Suche nach dem Leerlauf stört, erinnert die Street so gar nicht an die ruppigen, schwerfälligen luftgekühlten Harley-Klassiker.

Um die 750er vor allem für Einsteiger und Harley-Newcomer leicht beherrschbar zu machen, widmeten sich die Ingenieure ausgiebig dem Handling der Street. Ist der Fahrer von einer Sportster 883 Iron eine gewisse Schwerfälligkeit gewöhnt, so wirkt die Street mit ihren knapp 40 Kilo weniger Gewicht - 222 Kilo gegenüber 260 Kilo bei der Sportster - fast wie eine Ballerina.

Bei langsamer Fahrweise reagiert das Motorrad schon fast überhandlich, was das Durchschlängeln im Stadtverkehr erleichtert, aber auch eine gewisse Kippeligkeit nicht verleugnen kann. Geht es flotter voran, dann präsentiert sich das Fahrwerk stabil mit einem ausgezeichneten Geradeauslauf.

Bei der Abstimmung haben die Techniker ein gutes Händchen bewiesen und einen gelungenen Kompromiss aus Komfort und Sportlichkeit gefunden. Die beiden hinteren Federbeine schlucken Unebenheiten locker weg und sorgen für einen relaxten Ausritt sowohl in der Stadt wie auf der Landstraße. Nur die recht geringe Schräglagenfreiheit verhindert allzu sportliche Fortbewegung.

Und worauf muss der Interessierte bei einem in Indien produzierten Kult-Motorrad verzichten? Eigentlich auf nichts, was eine echte Harley ausmacht: Sie besitzt die typischen Gene wie den kräftigen Sound aus einem imposanten Endtopf, den markanten Tank mit dem Harley-Logo, den Minimalismus im Cockpit und das Gefühl, Heavy Metal und keinen Plastikbomber unter dem Hintern zu haben.

Es gibt aber auch Details, die offensichtlich dem Kostendruck geschuldet sind. Dazu zählen einige frei dem Regen ausgesetzte Kabelverbindungen, die deplatzierte Hupe, die Plastikverkleidung über dem Riemenantrieb und die einklappbare Fahrer-Fußraste.

Mit der gerät das Schienbein beim Anhalten ständig in Konflikt, kehrt nicht selbständig in ihre ursprüngliche Lage zurück und lässt den Fahrer ins Leere treten. Eine einfache Rückstellfeder würde Abhilfe schaffen. Ein weiteres Manko ist der vorläufige Verzicht auf ein ABS, das erst mit dem 2016er-Modell eingeführt wird.

Mit vermutlich etwas mehr als 8.000 Euro ist die Street 750 zwar die günstigste Harley-Davidson im Programm, aber für die angepeilte Zielgruppe der jungen Erwachsenen ist das immer noch ein stolzes Sümmchen. Bis September hat der Harley-Fan noch Zeit zu überlegen, erst dann soll die Mini-Revolution nach Europa kommen, dank Drossel-Kit auch in einer 48-PS-Version für den Führerschein A2.

Technische Daten Harley-Davidson Street 750

Motor: flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder 60°-V-Motor; 4 Ventile pro Zylinder, 749 ccm, Bohrung x Hub: 85 mm x 66 mm, elektronische Benzineinspritzung; 41 kW/56 PS bei 8.000/min (35 kW/48 PS bei 6 500/min), max Drehmoment: 60 Nm bei 4.000/min, 6-Gang-Getriebe über Zahnriemen. Fahrwerk: Stahlrohrrahmen, Telegabel vorne; Stahl-Zweirarmschwinge mit zwei Federbeinen hinten, Federweg vorne: 195 mm, hinten: 110 mm; Reifen vorne: 100/80 R17, hinten: 140/75 R15 ; Bremsen vorne: eine Scheibe, hinten: eine Scheibe. Länge/Höhe/Breite/Radstand in Metern: 2,23/1,06/0,82/1,53; Sitzhöhe: 709 mm; Tankinhalt: 13,1 l; Gewicht vollgetankt: 222 kg. Preis: ca. 8.000 Euro.

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