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Motorsport-Proteste: "Klimakleber" im Unrecht? Klebe-Protest der "Letzten Generation" beim DTM-Rennen auf dem Norisring 2023
Andreas Beil

"Klimakleber" im Unrecht? Neue Studie zur Motorsport-Umweltbelastung

Die "Letzte Generation" hat im Jahr 2023 zwei Rennen auf deutschem Boden gestört - Der DMSB hat eine Studie veröffentlicht, wie groß die Auswirkungen wirklich sind

Dass der Motorsport früher oder später von "Klimaklebern" betroffen sein würde, war bereits erwartet worden, steht er doch in den Augen vieler für Ressourcenverschleuderung. 2023 war es dann so weit. Bei der Formel E in Berlin und der DTM auf dem Norisring kam es zu Störaktionen, bei denen sogar ein Sportwart verletzt ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Während die "Letzte Generation" ihre Aktionen in den sozialen Medien festhält, hat sich der Deutsche Motor Sport Bund (DMSB) bereits mit dem Thema beschäftigt und nach 2008 zum zweiten Mal eine Umweltstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse von der aquatil gGmbH jetzt veröffentlicht wurden. Und die zeigen: Der Motorsport ist das falsche Ziel.

Die Kernergebnisse lauten: Der Motorsport inklusive der Anreise von Zuschauern und Rennteams ist je nach Szenario für 0,006 bis 0,031 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich. Davon entfallen 78 bis 80 Prozent auf die An- und Abreise der Zuschauer. Nur fünf bis acht Prozent der Emissionen werden durch die Rennwagen und Motorräder selbst verursacht.

Um Verzerrungseffekte durch die COVID-19-Pandemie auszuschließen, wurden Daten aus dem Jahr 2019 verwendet. Damit sind aber auch Effekte wie neue Kraftstoffe, die im ADAC GT Masters oder in der DTM eingesetzt werden, ausgeschlossen. Die Ergebnisse bestätigen weitgehend die der Studie aus dem Jahr 2008 mit dem Bezugsjahr 2007.

"Der DMSB räumt dem Umweltschutz schon seit mehr als 20 Jahren eine große Bedeutung ein", erklärt DMSB-Präsident Wolfgang Wagner-Sachs. "Die nun vorgestellte Studie bestätigt uns einerseits in dem Bewusstsein, dass wir als Motorsportler keine überproportionalen Umweltauswirkungen verursachen."

"Gleichzeitig sind wir uns der Signalwirkung des Motorsports bewusst und wollen die in diesem Punkt erhöhte Sensibilität der Öffentlichkeit nutzen, um uns noch mehr und deutlicher als viele andere Sportarten für den Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen."

Fußball deutlich klimaschädlicher

Im Vergleich zu anderen Sportarten steht der Motorsport gar nicht so schlecht da. Verglichen mit der 1. Fußball-Bundesliga (also ohne alle anderen Fußballspiele) sogar recht gut. Da hier deutlich mehr Veranstaltungen stattfinden, gibt es auch mehr Mobilität - und damit Umweltbelastungen.

"Obwohl der Modal Split des Besucherverkehrs [Anteil der Fans in öffentlichen Verkehrsmitteln] bei Spielen der 1. Bundesliga mit 0,3 [30 Prozent der Zuschauer reisen mit dem ÖPNV an] höher ist als für Motorsportveranstaltungen, spricht eine Kurzstudie von ca. 7.500 t CO2 pro Bundesliga-Wochenende allein durch die Fans."

"Zweidrittel dieser Emissionen, d. h. 5.000 t, werden nach Aussage dieser Studie durch die Mobilität der Zuschauer und Zuschauerinnen verursacht. Der Vergleich mit der zuschauerstärksten Veranstaltung des DMSB im Jahr 2019, dem 24h-Rennen, zeigt, dass hier deutlich weniger Emissionen entstehen: Die An- und Abreise der Fans wurde hier auf 3.551,6 t CO2 berechnet."

Hochgerechnet auf eine Saison der 1. Bundesliga mit 34 Spieltagen ergäbe dies einen Gesamtausstoß von 255.000 Tonnen CO2. Zum Vergleich: Der gesamte Motorsport in Deutschland - also inklusive aller Ligen - kommt selbst im pessimistischsten Szenario (siehe unten) nur auf 160.664 Tonnen CO2 durch Fans, im deutlich realistischeren mittleren Szenario auf 84.072 Tonnen.

"Nach einer anderen Studie zum THG [Treibhausgas]-Beitrag durch den Besucherverkehr der 1. Fußball Bundesliga beläuft sich der CO2-Fußabdruck durch die Anreise eines durchschnittlichen Bundesliga-Fans auf 311,1 kg CO2e, wobei 70 % durch die Anreise mit dem Auto verursacht werden."

"Hochgerechnet auf die gesamte Bundesliga Saison 2018/2019 entspricht dies einer Emission von 369.765,2 t CO2e. Im hier berechneten maximalen Szenario, verursacht der Besucherverkehr aller DMSB-Veranstaltungen im Jahr 2019 zusammen nur 159.985 t CO2 (hier keine CO2-Äquivalente), das ist weniger als die Hälfte der entsprechenden Emissionen der Bundesliga Saison."

Selbst Laufen ist nicht klimafreundlicher

Ein Vergleich wurde auch mit einer Sportart gezogen, die eigentlich niemand auf dem Schirm hat, wenn es um Treibhausgasemissionen geht: Laufen. Doch auch Laufwettbewerbe sind aufgrund ihrer enormen Beliebtheit im Breitensport klimaschädlicher als auf den ersten Blick angenommen. So gab es im Jahr 2015 rund 3.500 Laufveranstaltungen mit mehr als zwei Millionen Teilnehmern und mehreren hunderttausend Zuschauern.

"Berücksichtigt man den hohen Anteil des An- und Abreiseverkehrs an der Gesamt-CO2-Bilanz, so liegen die dadurch verursachten Emissionen bei den beiden Sportarten vermutlich in einem ähnlichen Größenbereich."

Genaue Annahmen sind nicht möglich, da für den Laufsport zu wenig Daten vorliegen, z.B. über die durchschnittliche Anreiseentfernung. Diese macht bekanntlich große Unterschiede aus.

"Interessant ist außerdem, dass neben der Mobilität (35 %) die verwendeten Finishershirts (28 %) bei den Laufveranstaltungen fast ein Drittel der CO2-Belastung ausmachen." Das steht im starken Kontrast zu den nur fünf bis acht Prozent durch die Sportgeräte bei Motorsportveranstaltungen.

So wurde berechnet

Untersucht wurden Veranstaltungen im Automobil- und Motorradsport vom Kartsport und Motorrad-Trial über Slalom, Drag Racing und Enduro bis hin zu Elite-Veranstaltungen wie dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, dem Formel-1-Rennen auf dem Hockenheimring, der Rallye Deutschland und dem MotoGP-Rennen auf dem Sachsenring.

Dabei wurde in die Kategorien Besucherverkehr, Fuhrpark (LKW, Anhänger, Anreise-PKW, Team- und Fahrer-Wohnmobile) und Rennfahrzeuge unterteilt.

Von den 450 Motorsportveranstaltungen konnte nur ein Bruchteil von 42 Rennen explizit berechnet werden, da hier offizielle Zahlen auf allen drei Ebenen vorlagen. Darunter befinden sich - wenig überraschend - die ganz großen Veranstaltungen, aber auch kleinere Rennen wie Autocross, Bergrennen, Rundstreckenrennen, Motocross und Trial. Driftevents und Autoball wurden aufgrund fehlender Daten nicht berücksichtigt.

Für die übrigen Veranstaltungen musste auf Hochrechnungen zurückgegriffen werden. Es wurden drei Szenarien berechnet: minimal, mittel und maximal. "Das maximale Szenario stellt hierbei eine Obergrenze der Emissionsbilanz für das Jahr 2019 dar, welche nicht überschritten wird, das minimale Szenario kann als untere Grenze verstanden werden, die nicht oder nur unter anderen Umständen als im Jahr 2019 unterschritten wird", heißt es in der Studie.

Im Vergleich zu 2007 gab es deutlich weniger Motorsportveranstaltungen (damals 791). Die durchschnittliche Reisedistanz der Fans wurde mit 188 Kilometern angegeben. Dieser Wert basiert auf einer Fanbefragung beim ADAC GT Masters und wurde von Expertengremien als realistisch eingestuft.

Auch dabei handelt es sich um einen Durchschnittswert, denn: "Für Großveranstaltungen, welche einmalig im Jahr stattfinden, wie beispielsweise das 24h-Rennen oder der Oldtimer Grand Prix, wurde eine durchschnittliche Anreiseentfernung von 250 km festgelegt (vergleichbar mit der Studie von 2008)."

"Eine Ausnahme hierbei ist die Rallye Deutschland, bei der ein Streckenzuschlag von 20% angenommen wurde, daraus ergibt sich ein Einzugsradius von 300 km. Dieser Zuschlag ergibt sich aus den zusätzlichen Fahrten, die die Besucher und Besucherinnen zwischen den Orten der einzelnen Wertungsprüfungen zurücklegen müssen."

Beim Fuhrpark der Teams wurde zwischen PKW, leichten und schweren Nutzfahrzeugen unterschieden. Bei professionellen Veranstaltungen wie dem ADAC GT Masters konnten sehr genaue Angaben gemacht werden, da die Teams, der Fuhrpark und die Entfernung zu den jeweiligen Veranstaltungsorten bekannt waren.

Anders ist das natürlich zum Beispiel bei Slaloms: "Bei einigen Disziplinen und Veranstaltungen nahmen vorwiegend Privat- oder Einzelpersonen ohne Team teil, wodurch die Teamanzahl annähernd der Teilnehmerzahl entsprach. Dies wurde in der Festlegung über die Anzahl und Art des mitgeführten Fuhrparks berücksichtigt." Die mittlere Entfernung wurde dabei auf 250 Kilometer festgelegt.

Bei den Rennfahrzeugen war die Bestimmung der Emissionen der Benzinmotoren aufgrund der in den Ergebnislisten aufgeführten Fahrstrecken und der relativ bekannten Verbrauchswerte relativ einfach. Die einzigen Ausnahmen bilden der Zweiradbahnsport (Methanol) und die Top-Fuel-Klasse im Drag Racing (Nitromethan).

Konzentration auf Besucherverkehr am lohnendsten

In den drei Szenarien ergeben sich THG-Gesamtemissionen von 45.837 (Minimum), 104.749 (Mittel) und 205.363 Tonnen (Maximum) für alle Motorsportveranstaltungen in Deutschland ohne Testfahrten. Wie bereits erwähnt, entfallen fünf bis acht Prozent auf die eigentlichen Rennfahrzeuge, 78 bis 80 Prozent auf den Besucherverkehr und die restlichen zwölf bis 17 Prozent auf den Fuhrpark der Teams. Generell verursacht der Automobilsport deutlich mehr Treibhausgase als der Motorradsport.

Die Studie kommt zu dem Schluss: "Das größte CO2-Einsparpotential und demnach der sinnvollste Ansatzpunkt für zukünftige Maßnahmen ist die Mobilität des Besucherverkehrs. D. h. der Fokus sollte auf der Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs der Zuschauer und Zuschauerinnen bei deren An- und Abreise liegen."

Da dies bei Rennstrecken, die meist im Hinterland liegen, nicht immer einfach ist, empfiehlt die Studie einen verstärkten Buspendelverkehr zwischen den umliegenden Zentren und der Rennstrecke: "Bezogen auf den Besucherverkehr kann durch das Erreichen eines Modal Splits von beispielsweise 0,4 [40 Prozent Zuschauer i, ÖPNV] in dieser Berechnung eine CO2-Einsparung von ca. 34 % erreicht werden, bezogen auf die Gesamtbilanz sind es 27 %."

Auch die Auslastung der PKWs kann die Bilanz verbessern: "Teilen sich mehr Anreisende das gleiche Fahrzeug, reduziert sich die Anzahl der an- und abreisenden PKW und in direkter Folge dadurch auch proportional deren Emissionen. Die Variantenrechnung mit 2,5 Personen pro Fahrzeug ergibt eine um 19 % geringere Gesamt-CO2-Bilanz bezogen auf die Basisszenarien." Die Basisszenarien sehen 1,9 Personen im PKW.

Datenlage weiter zu verbessern

Zum Schluss schlägt die Studie vor, Daten über weitere Faktoren zu sammeln, insbesondere zu "Emissionen durch die Anreise der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Offiziellen, die Energieversorgung, den Ressourcenverbrauch im Allgemeinen, sei es für die Gas- und Kraftstoffversorgung oder die Herstellung verschiedener Produkte (Merchandise, Rennfahrzeuge, Veranstaltungsausrüstung etc.), Catering, Abfallentsorgung oder die Unterbringung der Personen vor Ort in Hotels."

Aber auch hier muss betont werden, dass die Datenlage im Motorsport im Vergleich zu anderen Sportarten noch sehr gut ist. Und dass im Motorsport ein Umweltbewusstsein vorhanden ist, das insbesondere im Profifußball gerade erst anläuft. Beim DMSB gibt es bereits seit der Jahrtausendwende konkrete Maßnahmen zur Verminderung des Fußabdrucks.

Und schließlich gibt es noch den Aspekt, der im Zuge der Einführung alternativer Kraftstoffe wieder an Bedeutung gewinnt: die technische Vorreiterrolle des Motorsports für die gesamte Automobilbranche.

"Gerade unser Sport erwies sich in der Vergangenheit immer wieder als ein ideales Test- und Entwicklungsfeld für neue Technologien", so der DMSB-Präsidialbeauftragte für Umweltfragen, Karl-Friedrich Ziegahn.

"Diese traditionelle Stärke wollen wir künftig auch nutzen, um aus unserem Sport heraus Impulse, Ideen und Technologien für eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft zu entwickeln."

Motorsport-Total.com

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