"Absoluter Wahnsinn, ein Tier" | 22.04.2026
Gen4-Auto der Formel E offiziell präsentiert
In Le Castellet ist die offizielle Präsentation der nächsten Auto-Generation für die Formel E erfolgt - Die Chefetage der Rennserie spart nicht mit Superlativen
Die Formel E hat am Dienstag auf dem Gelände des Circuit Paul Ricard in Le Castellet (Frankreich) offiziell das Gen4-Auto präsentiert, mit dem alle Teams der Elektrorennserie beginnend mit der Saison 2026/27 antreten werden.
Das Gen4-Auto ist der bislang schnellste Formel-E-Bolide. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 335 km/h, die Spitzenleistung im Qualifying oder im Attack-Mode liegt bei 804 PS. Das sind rund 70 Prozent mehr als beim Vorgängermodell, dem noch bis Ende der Saison 2025/26 eingesetzten Auto vom Typ Gen3 Evo. Es wird prognostiziert, dass das Gen4-Auto im Qualifying, je nach Strecke, bis zu zehn Sekunden schneller sein wird.
Das Gen4-Auto ist das einzige Formelauto mit permanentem Allradantrieb und zudem das erste, das zu einhundert Prozent recycelbar ist. Als Reifenlieferant der Formel E wird ab der Saison 2026/27 Bridgestone anstelle von Hankook antreten. Das Gen4-Auto soll vier Saisons lang, von Saison 13 bis Saison 16, eingesetzt werden. Am Dienstag absolvierte James Rossiter in Le Castellet den offiziellen Shakedown.
"Erstmals zu sehen, was das Gen4-Auto auf der Strecke leisten kann, da ist ein echter Meilenstein für die Formel E. Wir liefern nun Leistungsniveaus, die noch vor fünf Jahren für Elektrofahrzeuge als unmöglich galten", sagt Formel-E-CEO Jeff Dodds.
"Der Performance-Sprung ist sofort deutlich zu erkennen, von der Geschwindigkeit und Leistung bis hin zum Fahrverhalten auf der Strecke. Es herrschte echte Begeisterung bei allen, die dabei waren", so Dodds, der überzeugt ist: "Das ist ein äußerst spannender Moment für die Rennserie und ein klares Signal dafür, wohin wir uns bewegen."
So spricht der Formel-E-CEO anlässlich der offiziellen Gen4-Präsentation davon, dass dies "erst der Anfang ist, denn die Weiterentwicklung liegt nun in den Händen unserer Hersteller Porsche, Jaguar, Stellantis, Nissan, Lola und Mahindra, um die Entwicklung vor dem Renndebüt, das später in diesem Jahr erfolgen wird, auf ein noch höheres Niveau zu treiben".
Sechs Hersteller bei der Präsentation, aber nur drei auf der Strecke
Alle sechs genannten Hersteller waren am Dienstag in Le Castellet anwesend, doch lediglich Porsche, Jaguar und Stellantis (ab der Saison 2026/27 vertreten durch Opel) gingen tatsächlich für Runden auf die Strecke. Warum nur drei der sechs Hersteller fuhren? Weil der Termin bei den anderen Herstellern mit dem Entwicklungsplan kollidierte.
Das Gen4-Auto ist größer und schwerer als das aktuelle Auto vom Typ Gen3 Evo, wobei das Gewicht von 863 auf 950 Kilogramm gestiegen ist. Das Auto verfügt über ein breiteres Cockpit. Grund dafür sind die Einführung einer Servolenkung und mehr Freiraum für die Hände des Fahrers.
Und: Mit Beginn der Gen4-Ära werden in der Formel E erstmals Vollregenreifen verwendet. Von den derzeit noch eingesetzten Allwetter-Reifen wird man sich mit Ende der Gen3-Evo-Ära verabschieden.
Laut FIA-Präsident Mohammed Bin Sulayem markiert das brandneue Formel-E-Auto "einen bedeutenden Schritt nach vorne für den Elektro-Rennsport und setzt einen neuen globalen Maßstab für Leistung, Innovation und Nachhaltigkeit. Es ist nicht einfach nur ein schnelles Auto, es ist ein Bekenntnis zur Zukunft dieser Technologie. Ich bin stolz, dass die FIA und ihre Partner in der Formel E diese Vision anführen".
"Zusammenarbeit war bei der Entwicklung dieses Autos von zentraler Bedeutung und wird auch weiterhin im Mittelpunkt einer neuen Ära für die Rennserie stehen, die von höherer Leistung, Straßenrelevanz und Spannung geprägt ist. Gemeinsam mit einigen der weltweit größten Automobilhersteller definieren wir mithilfe des Labors Motorsport neu, was möglich ist", so Bin Sulayem.
Gen4-Auto soll "nicht weit von der Formel 1 entfernt" sein
Mit der Einführung des Gen4-Autogeneration bereitet sich die Formel E auf einen Sprung vor, der das Fahrzeug laut den Worten ihrer eigenen Chefetage nahe an die Königsklasse des Motorsports heranbringen wird. Alberto Longo, Mitbegründer und Boss der Formel E, spart nicht mit Superlativen, um zu beschreiben, was auf alle Beteiligten zukommt.
"Das Gen4-Auto wird eine Beschleunigung und Geschwindigkeit erzeugen, die ihresgleichen sucht. Es ist der absolute Wahnsinn, ein Tier, wie ich es gerne bezeichne. Für mich stellt es den größten Performance-Sprung dar, den es jemals von einer Auto-Generationen zur nächsten gegeben hat", sagt Longo.
"Wenn man Gen1, Gen2 und Gen3 mit Gen4 vergleicht, ist dies offensichtlich eine Entwicklung, die meiner Meinung nach weit über das hinausgeht, was wir zu Beginn erwartet hatten", so Longo, der hinzufügt: "In gewisser Weise bestätigt dies, dass die Formel immer leistungsstärker wird und dass wir die Heimat oder die Wiege von Performance und technologischer Innovation sind."
Einer der spannendsten Aspekte der Gen4-Ära wird ihre Position innerhalb des globalen Motorsport-Ökosystems. Laut Simulationen der FIA und der Zulieferer wird man mit dem vollelektrischen Formelauto nicht mehr nur im Rückspiegel auf Kategorien wie etwa die Formel 2 blicken. Stattdessen wird man sich aufgrund der Geschwindigkeit auf einem Niveau nahe der Formel 1 bewegen.
Longo äußert sich unverblümt über die Geschwindigkeit, die dieses neue "Tier" erreichen wird: "Schneller als die Formel 2, was bedeutet, dass wir [in Bezug auf FIA-Rennserien] nur hinter der Formel 1 liegen werden. Und ich wage zu sagen, nicht weit von der Formel 1 entfernt."
Das Ende der Ära der "engen" Rennstrecken
Der massive Leistungssprung, der mit dem Gen4-Auto einhergeht, wird in der Formel E nicht nur die Fahrdynamik verändern, sondern auch die Austragungsorte, an denen die Rennserie antreten kann.
Folglich muss man künftig Rennstrecken mit FIA-Zertifizierung Grade 2 (anstelle von Grade 3E) in Betracht ziehen. Das bedeutet, dass sich die Formel E beginnend mit der Saison 2026/27 mehr auf permanente Rennstrecken konzentrieren und sich allmählich von einigen Stadtkursen verabschieden muss.
"Wenn man von 450 Kilowatt Leistung im Rennen, 600 Kilowatt im Attack-Mode und 700 Kilowatt bei der Bremsenergie-Rückgewinnung spricht, dann spricht man bereits von einem Kraftpaket. Daher sind enge, kurvenreiche und kurze Rennstrecken nicht die Zukunft der Formel E. Sie werden praktisch Teil der Vergangenheit der Rennserie werden", erklärt Longo.
Diese Entwicklung wird eine Umstrukturierung des Rennkalenders erzwingen, bei der nach Strecken gesucht wird, auf denen das Potenzial des Gen4-Autos voll ausgeschöpft werden kann. "Es wird Rennstrecken geben, auf die wir leider nicht mehr hingehören. Dieses Auto, beziehungsweise die Technologie dieses Autos, ist so beeindruckend und fantastisch, dass es uns nicht mehr erlaubt, auf den engeren Rennstrecken zu fahren", so Longo.

















