GP der Niederlande: Bericht | 23.08.2026
Norris gewinnt Rennen in Zandvoort
Lando Norris feiert den zweiten Sieg hintereinander, vor Kimi Antonelli und George Russell - Gesprächsstoff wegen Stallorder bei Ferrari und Mercedes
Der letzte Grand Prix der Niederlande in Zandvoort hatte es in sich: Crash von Max Verstappen (Red Bull), ein packendes Duell um den Sieg - und Kontroversen am Boxenfunk bei Ferrari und Mercedes. Den Sieg sicherte sich nach 72 actionreichen und unterhaltsamen Runden Lando Norris (McLaren), der zuletzt schon auf dem Hungaroring gewonnen hatte.
Norris, von Poleposition gestartet, lieferte sich über weite Strecken ein Fernduell mit Kimi Antonelli (Mercedes), der zwischendurch die besseren Karten zu haben schien. Aber im letzten Renndrittel kippte der Grand Prix, und Norris sorgte mit einem sehenswerten Überholmanöver in Kurve 1 für die Vorentscheidung.
Von Andrea Stella gibt's für den zweiten Sieg hintereinander ein Sonderlob: "Wir wissen, dass Lando immer dann, wenn die Reifen nicht so viel Grip hat, sein Talent im Vergleich zu anderen Fahrern am besten Zeigen kann", sagt der McLaren-Teamchef. "Wir haben bei Antonelli, und im zweiten Stint von Oscar auch, gesehen, wie schwierig es war, die Reifen aufzudrehen. Aber wenn es mit harten Reifen rutschig ist, fühlt sich Lando zu Hause. Da schöpft er sein Talent voll aus."
Antonelli, der offensichtlich mit den Reifen und der Balance zu kämpfen hatte, wechselte dann unter VSC-Gelb noch einmal Reifen, fiel zwischenzeitlich hinter Teamkollege George Russell zurück - und wurde dann via Stallorder vorbeigewunken. Eine Entscheidung des Mercedes-Managements, die im Nachhinein für Diskussionen sorgen könnte.
Russell verteidigte sich in den letzten Runden tapfer gegen die mit frischeren Reifen ausgestatteten Ferraris und kam als Dritter ins Ziel - unterstützt durch eine späte VSC-Phase und ein Last-Minute-Duell der beiden Ferrari-Stars. Die hatten ihren ganz eigenen Stallorder-Zoff in Zandvoort. Letztendlich wurde Lewis Hamilton Vierter und Charles Leclerc Fünfter.
Platz 6 ging an Oscar Piastri (McLaren), vor Liam Lawson (Red Bull), Nico Hülkenberg (Audi), Fernando Alonso (Aston Martin) und Pierre Gasly (Alpine).
Lokalmatador Verstappen hatte indes einen kurzen Arbeitstag: Auf zunächst noch stellenweise nasser Strecke unterlief ihm am Ende der ersten Runde einer seiner seltenen Fahrfehler, der mit einem spektakulären Crash endete.
Regen vor dem Start: Wie liefen die erste Runde?
Das Rennen in Zandvoort begann nach Regenschauern auf weitgehend trockener Strecke. McLaren und Mercedes starteten auf Medium-, Ferrari und Red Bull auf Softreifen. Und es gab ein abweichendes Startprozedere: Weil um 15:00 Uhr noch ein paar nasse Flecken vorhanden waren, wurde aus Sicherheitsgründen die Aufwärmrunde hinter dem Safety-Car gefahren - und dann stehend gestartet.
Den Start gewann Polesetter Norris souverän. Russell, der neben ihm in der ersten Reihe stand, kam hingegen schlecht weg, musste seine Linie gegen Piastri verteidigen - und machte dadurch die linke Fahrbahnseite auf, auf der Antonelli vorbeiging und Platz 2 eroberte.
Dahinter gewann Leclerc zwei Positionen und kam als Vierter aus der ersten Runde zurück, vor Piastri (dessen eigentlich guter Start von Russell abgestochen wurde) und Hamilton. Der hatte übrigens gleich auf den ersten Metern ein Scharmützel mit Verstappen, den er nach links auf die Wiese abdrängte.
Verstappen-Crash: Was waren die ersten Reaktionen?
Für den Lokalmatador war der vorerst letzte Heim-Grand-Prix schon nach nicht einmal einer Runde ganz beendet. Verstappen lag vor Lawson auf Platz 7, als er in der überhöhten Zielkurve weit innen ins Rutschen kam, stark gegenlenkte - und mit hoher Geschwindigkeit erst links und dann rechts einschlug. Der Red-Bull-Star hatte dabei noch großes Glück, nicht von einem hinterherfahrenden Auto gerammt zu werden.
"Es hat mich einfach erwischt", sagt Verstappen. "Es war in der Kurve noch ziemlich nass, und als ich sah, dass da ein trockener Fleck auf mich zukam, dachte ich mir: 'Okay, jetzt kannst du aufs Gas steigen.' Das hat eindeutig nicht funktioniert. Wahrscheinlich war ich zu früh am Gas. Es war ein harter Einschlag, aber ich hatte schon schlimmere."
Ein paar Meter weiter hinten spielte sich übrigens fast zeitgleich eine ganz ähnliche Szene ab, denn auch Gabriel Bortoleto (Audi) legte in der letzten Kurve einen spektakulären 360-Grad-Dreher hin. Bortoleto schlug aber nicht ein und konnte weiterfahren. Und Teamkollege Nico Hülkenberg hatte Riesenglück, dass er den Brasilianer nicht im völligen Blindflug des Reifenqualms seitlich aufspießte.
Im Tohuwabohu um Verstappen und Bortoleto spielten sich einige haarsträubende Szenen ab, die auch anders ausgehen hätten können. Alexander Albon (Williams) ärgerte sich zum Beispiel über Esteban Ocon (Haas): "Tut mir leid, aber was Esteban gemacht hat, ist verrückt. Der hat mitten im Crash überholt!"
Neustart: Wie fiel Russell auf Platz 4 zurück?
Weil während der Rotphase Reifen gewechselt werden durften, begann das Rennen zum Neustart mit neu gemischten Karten: Norris hatte auf Soft gewechselt, die Mercedes-Fahrer blieben auf Medium, Leclerc blieb auf Soft, Piastri wechselte sogar auf Hard, und Hamilton blieb ebenfalls auf Soft.
Der Neustart erfolgte stehend, aber erst nach einer zweiten Formationsrunde. Denn auf der ersten Formationsrunde blieb Oliver Bearman (Haas) mit Verdacht auf Motorschaden zwischen Kurve 10 und 11 stehen. Für den Briten war Zandvoort damit gelaufen.
Sieger des zweiten Starts war Antonelli, der gut von der Linie kam und Norris die Führung entreißen konnte. Dahinter kam Russell zunächst gut weg, geriet dann aber kurzzeitig in Not, musste erst Piastri durchlassen und sich dann auch gegen Leclerc verteidigen, ehe sich das Feld wieder sortierte.
Ein Positionsverlust, der für Russell alles andere als ideal war, denn mit den harten Reifen konnte Piastri das Tempo der beiden Führenden nicht mitgehen. In Runde 8 war zwischen Norris und Piastri schon eine drei Sekunden große Lücke aufgegangen. "Für Antonelli läuft jetzt alles perfekt", stellte Formel-1-Experte Mathias Lauda im Live-Kommentar bei ServusTV fest.
Nach 16 Runden gab Norris am Boxenfunk einen Zwischenstand durch: Er fahre "pace zero", also voll am Anschlag - vermutlich, weil seine weichen Reifen langsam abzubauen anfingen. Sein Rückstand auf Antonelli lag inzwischen bei 1,7 Sekunden. Also eigentlich noch in einem überschaubaren Rahmen, allerdings mit den vermeintlich schnelleren Reifen.
Ungefähr zur gleichen Zeit gab auch Piastri eine Wasserstandsmeldung durch: Sein harter Reifen sei "okay, aber auch nicht besser als der Medium". Wenngleich mit dem Vorteil, dass dieser zumindest der Papierform nach länger halten sollte.
Boxenstopps: Wie kam Norris wieder an Antonelli ran?
Am Ende der 17. Runde kam Russell zum Boxenstopp und wechselte von Medium auf Hard. Der Mercedes-Fahrer suchte wohl den Undercut und fiel auf Platz 9 zurück, zwischen Hülkenberg und Tsunoda, und damit mitten im Verkehr.
Eine Runde später wechselte - wegen des harten Reifens überraschend früh - Piastri von Hard auf Hard. Der McLaren-Pilot verlor aber den Undercut und die Position gegen Russell. "Wir wollten eigentlich bis zum Ende durchfahren", erklärt der Australier, "aber uns wurde relativ schnell klar, dass der Hard nicht so viel besser war. Wir haben es versucht, aber haben realisiert, dass das nicht klappt."
In Runde 22 waren gleichzeitig Antonelli (Medium auf Hard), Norris (Soft auf Hard), Leclerc (Soft auf Medium) und Lawson (Soft auf Medium) dran. Damit erbte zumindest vorübergehend Hamilton die Führung im Grand Prix, neun Sekunden vor Antonelli, der seinerseits jetzt mehr als drei Sekunden Puffer auf Norris hatte.
Hamilton war dann in Runde 25 dran. Er steckte von Soft auf Hard um und kam als Sechster hinter Leclerc auf die Strecke zurück. Sein Rückstand auf den Teamkollegen lag jetzt bei sieben Sekunden, dafür hatte er die um vier Runden frischeren Reifen.
Ganz vorne spitzte sich indes das Duell zwischen Antonelli und Norris zu. Aus drei Sekunden nach dem Boxenstopp waren in Runde 28 nur noch 0,9 geworden. Und das, obwohl die beiden die gleichen Reifen drauf hatten und diese auch noch gleich alt waren.
Norris reduzierte den Rückstand sogar auf eine halbe Sekunde, konnte aber nie eine ernsthafte Attacke reiten. Ab etwa Runde 35 wurde der Abstand wieder größer, und in Runde 36 war der amtierende Weltmeister sogar aus der ominösen Sekunde rausgefallen.
In Runde 34 fand etwas weiter hinten ein echtes Überholmanöver statt: Leclerc, mit zwölf Runden alten Mediums, ging vor der Steilkurve an Piastri, mit 15 Runden alten Hards, vorbei. Und von hinten hatte inzwischen auch Hamilton zu den beiden aufgeschlossen, der eine Runde später bei Start und Ziel an Piastri vorbeibeschleunigen konnte.
Zweite Serie Boxenstopps: Warum wurde Hamilton so sauer?
In Runde 41 zog Mercedes einen "Double-Stack": erst Antonelli, dann Russell an der Box. Beide nahmen harte Reifen für den letzten Stint. Und Norris übernahm zwischenzeitlich die Führung, 10,2 Sekunden vor Leclerc und 11,0 Sekunden vor Hamilton. Der funkte in der Phase: "Ich bin schneller als Charles. Meine Reifen sind besser."
Dann eine weitere Kontroverse: Ferrari beorderte Leclerc an die Box, um das Problem zu lösen - aber Leclerc blieb auf eigene Faust draußen, weil zuvor abgesprochen war, dass er zwei Runden nach Russell stoppen würde. Die bereitstehende Ferrari-Crew rollte den Reifensatz zunächst wieder rein. Hamilton war jetzt auf 180: "Wir verlieren einfach nur Zeit!"
Leclerc kam dann in Runde 43 rein und stand wegen eines nicht perfekten Boxenstopps 3,5 Sekunden. Hamilton tobte immer noch und konnte sich einen zynischen Funkspruch nicht verkneifen: "Großartige Art und Weise, Zeit zu verschenken. Gute Arbeit."
Antonellis vs. Norris: Wie verlief das Duell um den Sieg?
In Runde 47 dann der Führende an der Box: Norris fasste für den letzten Stint einen Satz harter Reifen aus, hatte durch den langen Stint jetzt aber mehr als fünf Sekunden Rückstand auf Antonelli - dafür jedoch die um sieben Runden frischeren Reifen drauf.
Und das zeigte Wirkung: Antonelli war noch nicht einmal an Hamilton dran, da schloss Norris in Runde 52 (von 72) zum Mercedes auf. Antonelli wurde vom Kommandostand empfohlen, in Kurve 10 wie besprochen die weitere Linie zu wählen. Aber der Italiener funkte zurück: "Ich kann das nicht tun, ich habe keine Hinterreifen." Mercedes-Teamchef Toto Wolff analysierte später bei ServusTV: "Es ist uns auf dem harten Reifen einfach total die Pace ausgegangen."
Dann eine der Szenen des Rennens: Hamilton bog am Ende der 53. Runde wieder nicht an die Box ab, und inzwischen hatte sich ein Dreikampf entwickelt. Beim Anbremsen der ersten Kurve zuckte Antonelli nach innen, um Hamilton zu attackieren - und außen ging Norris am Mercedes vorbei, während sich Hamilton zunächst auf Platz 1 behaupten konnte.
Ein paar Kurven weiter waren dann aber sowohl Norris als auch Antonelli durch, und Hamilton hatte ein wenig Rennglück auf seiner Seite: Weil Esteban Ocon (Haas) ausrollte, aktivierte der Rennleiter das virtuelle Safety-Car (VSC) - und Hamilton bekam seinen Reifenwechsel quasi zum halben Preis. Interessant: Ferrari machte daraus einen "Double-Stack" und montierte auch bei Leclerc nochmal frische Reifen.
Eine Runde später, immer noch unter VSC, reagierte Mercedes auf Antonellis Beschwerden wegen seines Reifensatzes und holte den Italiener erneut rein. Dadurch schlüpfte Russell wieder auf Platz 2 durch, jetzt 6,2 Sekunden hinter Norris und 6,2 Sekunden vor Antonelli.
Antonelli schloss mit seinem Reifenvorteil rasch zu Russell auf, und es war nur noch ein Duell um Platz 2. Denn an der Spitze fuhr Norris trotz stärker gebrauchter Reifen ein solides Tempo, sodass er Antonelli im Fernduell nicht mehr fürchten musste.
In Runde 66 bestellte Mercedes dann am Boxenfunk den Positionstausch, den Russell auch ausführte. Allerdings nicht ohne nachzufragen: "Fährt Kimi um den Sieg?" Nicht ganz unberechtigt, wenn man bedenkt, dass Norris zu dem Zeitpunkt schon um mehr als elf Sekunden davongefahren war. Und Russell hatte seinerseits jetzt auch noch Hamilton mit frischeren Reifen ohne Sicherheitspuffer hinter sich.
Mathias Lauda wunderte sich in der ServusTV-Übertragung: "Wenn ich Russell wäre, wüsste ich auch nicht, wie ich damit umgehen würde. Ich glaube, viele Fahrer hätten da nicht Platz gemacht."
Russell nimmt den Platztausch im Nachhinein gelassen: "Kimi war sowieso vor mir. Er verdiente es, vor mir ins Ziel zu kommen. [...] Er hätte mich sowieso überholt, also war es die richtige Entscheidung." Worauf Antonelli so reagierte: "George war ein großartiger Teamplayer."
Wolff kann die Aufregung einiger Beobachter ohnehin nicht verstehen: "Wir hätten ja Kimi gar nicht wechseln müssen. Wir haben einen freien Stopp gehabt mit ihm, um das Gesamtergebnis zu verbessern. George war da, wo er sowieso war", sagt er im Interview mit ServusTV. "Das hört sich manchmal harsch an, aber genauso haben wir es in der Früh besprochen. [...] Und deswegen haben wir die Position wieder hergestellt, wie sie davor war."
In der Schlussphase rettete Russell wohl ein weiteres VSC (wegen Wrackteilen nach einer Berührung der Williams-Fahrer) den dritten Platz. Hamilton kam zwar noch ran, es reichte aber nicht mehr für ein Überholmanöver. Stattdessen schloss von hinten Leclerc auf, der in der letzten Runde sogar noch eine Attacke riskierte. Diese trug wenig dazu bei, die Stimmung bei Ferrari zu verbessern - blieb unterm Strich aber ohnehin ergebnislos.

















