GP von Kanada: Bericht | 25.05.2026
Russell tragische Figur - Antonelli gewinnt
Grand Prix von Kanada: 29 Runden lang ein Herzschlag-Thriller, dann entscheidet die Mercedes-Technik - McLaren verzockt sich am Start mit falscher Reifenwahl
Kimi Antonelli hat den Grand Prix von Kanada gewonnen und damit seinen Vorsprung in der Formel-1-WM 2026 ausgebaut. Dem Sieg vorangegangen war allerdings erneut - wie schon im F1-Sprint am Samstag - ein beinhartes Rad-an-Rad-Duell zwischen den beiden Mercedes-Fahrern, das die Nerven von Teamchef Toto Wolff mitunter mächtig auf die Probe stellte.
Es war dann ein technischer Defekt, der für die Entscheidung in Montreal sorgte, als Russells Mercedes-Batterie noch vor Halbzeit den Geist aufgab. Damit war der Weg frei für Antonelli. "So wollte ich nicht gewinnen", sagte er bei der Zieldurchfahrt am Boxenfunk. "Es war ein unterhaltsamer Kampf mit George. Wir sind beide ziemlich ans Limit gegangen. Schade, dass er so ausgeschieden ist. Es wäre ein cooler Kampf geworden."
Die beiden McLaren-Stars hatten sich schon am Start mit falscher Reifenwahl bei Nieselregen als Sieganwärter verabschiedet, und Lewis Hamilton (Ferrari) und Max Verstappen (Red Bull) hatten nicht die Pace, um Mercedes wirklich gefährlich zu werden. Die beiden Dauerkontrahenten beendeten das Rennen auf den Plätzen 2 und 3.
"Das erste Podium zu holen, ist positiv", sagt Verstappen. "Es war ein cooles Duell mit Lewis. Und es ist am Ende ein Ergebnis, das ich gern nehme nach einem Wochenende, an dem nicht alles rund gelaufen ist."
Vierter wurde Charles Leclerc, der diesmal der langsamere Ferrari-Pilot war, vor Isack Hadjar (Red Bull), Überraschungsmann Franco Colapinto (Alpine), Liam Lawson (Racing Bulls), Pierre Gasly (Alpine), Carlos Sainz (Williams) und Oliver Bearman (Haas). Oscar Piastri (McLaren) fuhr als Elfter über die Ziellinie. Seine Chancen waren schon nach den drei Aufwärmrunden stark reduziert ("Es hat schlecht angefangen - und wurde danach nicht besser!")
Keine WM-Punkte gab es für Nico Hülkenberg. Audi setzte genau wie McLaren auf die Entscheidung, mit Intermediates zu starten. Damit war der Sonntagnachmittag für den einzigen Deutschen im Feld im Prinzip schon gelaufen. Letztendlich kam Hülkenberg als Zwölfter ins Ziel, unmittelbar vor Gabriel Bortoleto.
Zock mit Intermediates: "Sollten wir nicht an die Box?"
Die Anspannung war schon vor dem Start groß. Denn wie erwartet begann es vor dem Rennen zu regnen - zwar nicht stark, aber doch beständig. "Es wird sicher ein Chaosrennen werden", prophezeite ServusTV-Experte Christian Klien. Schließlich hatte es mit der neuen Fahrzeug-Generation der Formel 1 2026 davor noch keine einzige offizielle Regensession gegeben.
Bunt gemischt war das Feld dann auch bei der Wahl der Startreifen: Die beiden Mercedes in Reihe 1 setzten auf Soft, das McLaren-Duo in Reihe 2 ging auf Intermediates in die Aufwärmrunde, dahinter Ferrari und Red Bull auf Soft, und Audi (mit Regenspezialist Nico Hülkenberg) setzte ebenfalls auf Intermediates. Obwohl die Ideallinie einen ziemlich trockenen Eindruck machte.
"Ich habe jetzt schon das Gefühl, als würden die Reifen schmieren", meldete Piastri bereits in der Aufwärmrunde. Dann wurde der erste Start abgebrochen: Arvid Lindblad (Racing Bulls) bekam auf Startplatz 9 keinen Gang rein und signalisierte der Rennleitung, dass er ein Problem hat - sodass die Startsequenz nicht fortgesetzt werden konnte.
Folge: eine zweite Aufwärmrunde. Piastri sagte jetzt: "Ich habe das Gefühl, der Regen hat aufgehört. Es ist an der Zeit für Slicks. Sollten wir nicht einfach an die Box?" McLaren verneinte - und bekam noch mehr Bedenkzeit in Form einer dritten Aufwärmrunde, während das Lindblad-Auto vom Grid in die Box geschoben wurde.
Lohnten sich die Intermediates zumindest am Start?
Tatsächlich konnte dann zumindest ein McLaren den Vorteil der Intermediates auf den ersten Metern nutzen: Norris schoss wie eine Rakete von Platz 3 in Führung, vor Antonelli, Russell und Hamilton. Piastri kam zwar zunächst recht gut weg, verlor aber trotzdem eine Position gegen Hamilton, weil er ausgangs Senna-S auf der falschen Fahrbahnseite war. Am Ende der ersten Runde kam Piastri zum Stopp, wechselte auf Medium und fiel auf Platz 21 zurück.
Am Ende der zweiten Runde kam auch Norris zum unvermeidbaren Reifenwechsel, und so führte jetzt Antonelli vor Russell und Hamilton. Auch weiter hinten revidierten alle, die auf Intermediates gestartet waren, ihre Entscheidung. Norris war jetzt nur noch 14., 19 Sekunden hinter Antonelli und vier Sekunden vor Piastri.
Ab Runde 6: Mercedes-Duell eskaliert wieder!
In Runde 6 dann beinahe die Fortsetzung der Mercedes-Eskalation von Samstag: Russell saugte sich vor der Zielschikane an Antonelli heran, mit deutlichem Power-Überschuss - aber Antonelli bremste danach so spät, dass er seinem Teamkollegen beinahe hinten draufgefahren wäre. Der Italiener musste die Schikane abkürzen und reihte sich als Zweiter wieder ein. Auch, weil Hamilton auf P3 inzwischen 2,5 Sekunden Rückstand hatte.
In Runde 9 gab's den Positionswechsel weiter hinten: Verstappen bremste sich vor dem Senna-S an Hamilton vorbei. "Ich habe keine Power, Mann. Kommt schon, Jungs", meckerte Hamilton am Ferrari-Boxenfunk. In seinen Rundenzeiten machte sich jedoch kein Leistungseinbruch bemerkbar.
In Runde 12 spitzte sich das Mercedes-Duell erneut zu. Antonelli attackierte auf der Gegengerade, Russell konnte jedoch dagegenhalten und fuhr als Erster über Start und Ziel, und auch bei der erneuten Attacke im Senna-S setzte sich der Routinier im Team durch. Danach war es erstmal eine gelbe Flagge im letzten Sektor (Kollision Albon-Piastri, für die Piastri später zehn Sekunden Strafe kassierte), die Russell ein wenig Luft verschaffte.
Bis in Runde 17, als Russell und Antonelli nebeneinander und gleichzeitig in die Zielschikane bremsten, Antonelli sich aber überraschend diszipliniert einfädelte. Am Mercedes-Kommandostand wurde spätestens jetzt intensiv an den Fingernägeln gekaut.
Es dauerte weitere fünf Runden, bis Antonellis Druck zu groß wurde. Russell unterlief in der Haarnadel ein kleiner Fehler, den Antonelli nutzte, um auf der langen Gegengerade am Teamkollegen vorbeizufahren. Eine Runde später hatte er bei Start und Ziel schon 0,8 Sekunden Vorsprung - Tendenz steigend.
Bis auch Antonelli ein Fehler in der Haarnadel unterlief, den diesmal Russell für sich nutzen konnte. Mit Intervention von außen, denn Antonelli wurde aufgefordert, Russell die Führung zu überlassen, um keine Strafe zu riskieren. "Aber er hat mich abgedrängt", verstand der Italiener die Welt nicht mehr.
Noch vor Halbzeit: Wie fiel die Entscheidung?
Es war dann ein technischer Defekt, der das elektrisierende Mercedes-Duell beendete. Russell rollte in Runde 30 aus, schmetterte zuerst seinen Cockpitschutz und dann seine Handschuhe zu Boden - und brüllte unter dem Helm sicherlich auch einige nicht ganz jugendfreie Flüche. Ganz anders als Antonelli, der unter virtuellem Safety-Car die Führung erbte. Auch im Hinblick auf die Entscheidung in der Fahrer-WM womöglich ein wichtiger Meilenstein.
Nach den VSC-Boxenstopps führte Antonelli 5,2 Sekunden vor Verstappen, 12,9 vor Hamilton, 16,2 vor Hadjar und 17,6 vor Leclerc. Norris, der nach der anfänglichen Reifen-Fehlentscheidung zwischenzeitlich die Pace der Spitze gehen konnte, lag mit über einer Minute Rückstand auf Rang 9. Bis er mit Verdacht auf kapitalen Getriebeschaden ausrollte.
"Plötzlich ist einfach alles ausgegangen", seufzt Russell. "Ich bin in die Kurve gefahren, der Motor war aus, keine Elektronik mehr, keine richtige Bremswirkung. Ehrlich gesagt fehlen mir gerade ein bisschen die Worte."
"Ich muss ehrlich sagen: Ich bin stolz auf mein Wochenende. Pole im Sprint, Sieg im Sprint, Pole im Qualifying. Ich habe geführt, als das Auto stehen geblieben ist, und hatte einen guten Kampf mit Kimi. Von meiner Seite aus habe ich nicht das Gefühl, dass ich an diesem Wochenende noch mehr hätte machen können. Deshalb gehe ich trotzdem zufrieden raus. Natürlich bin ich verdammt frustriert über das, was passiert ist. Aber ja, was hätte ich sonst noch tun können?"
Die letzten gut zehn Runden waren dann geprägt vom Duell Verstappen gegen Hamilton um Platz 2. Ab Runde 57 war Hamilton dran. "Ich brauche mehr Power, Kumpel", funkte er an seinen Renningenieur. Die fand er in Runde 62: Verstappen hatte sich schon wieder ein paar Wagenlängen Vorsprung verschafft, als Hamilton vor dem Senna-S plötzlich aufdrehte und mit einem Überraschungsangriff vorbeiging.
Ein Ergebnis, das sich für den siebenmaligen Weltmeister nach Durchbruch anfühlt: "Ich muss meinem Team hier ein riesiges Dankeschön aussprechen. Die Jungs haben mich mit offenen Armen empfangen, und das vergangene Jahr war ziemlich hart. Jetzt endlich unseren 'Sweetspot' gefunden zu haben und ein gutes Wochenende zu erleben, fühlt sich einfach großartig an."
"Vor allem, weil diese Jungs so schnell waren und ich tatsächlich mit Max kämpfen konnte, was richtig cool war. Ich denke, das macht definitiv Mut, denn wenn man sich dieses Wochenende anschaut: Mercedes hat ein großes Upgrade gebracht, viele Teams haben hier Upgrades gebracht. Wir haben unseres, das große Update, schon in Miami gebracht. Und das Team arbeitet in der Fabrik extrem hart. Hoffentlich kommen im Laufe der Zeit noch weitere Teile dazu."
"Wenn man bedenkt, dass das hier eine echte Highspeed-Strecke mit langen Geraden ist und wir trotzdem durchhalten und dieses Ergebnis holen konnten, dann gibt mir das definitiv große Hoffnung für das, was noch kommt", sagt Hamilton.
Hadjar handelte sich im Finish dann noch eine Strafe ein, wegen Spurwechsels auf der Bremse im Duell gegen Leclerc. Eine Strafe, die für ihn aber keine Auswirkungen hatte, weil der Vorsprung nach hinten (Colapinto auf P6) groß genug war.
Antonelli hatte zu dem Zeitpunkt schon längst abgestellt. Er geriet nach Russells Ausfall nie mehr in Gefahr und fuhr am Ende mit 10,8 Sekunden Vorsprung auf Hamilton über die Ziellinie. "Als ich alleine fahren konnte, schonte ich die Reifen, denn ich hatte ein bisschen Graining vorne links", erklärt Antonelli.
















