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Rudi Stohl ist 75 - Exklusiv-Interview
Foto: Archiv Peter Klein

Rudi Stohl 75 - Jubiläums-Interview Teil 2

Teil 2 des Interviews mit Rudi Stohl: Über Leider nicht-Rallye-Weltmeisterin Sabine Stohl. Über die Zukunft des Rallyesports, wo er den Hebel für mehr Marken-Vielfalt und auch mehr Chancengleichheit ansetzen würde und vieles mehr...

Noir Trawniczek

Den ersten Teil des Geburtstags-Interviews mit Rudi Stohl, der am 21. April dieses Jahres 75 Jahre alt wurde, finden Sie hin der Navigation rechts oder hier.

Dass dein Sohn Manfred Stohl außerordentlich erfolgreich war und ist, und das nicht nur im Rallyesport, ist bekannt - doch Manfred war nicht das einzige Kind - hatte deine Tochter Sabine auch motorsportliche Avancen?

Sabine ist drei Jahre älter als Manfred und ich denke schon, dass sie auch Motorsport machen wollte. Sie war ja auch eine gute Autofahrerin, denn es mussten beide Kinder nicht nur den normalen Führerschein machen, sondern auch einen für Lastkraftwagen mit Anhänger. Denn das kann man immer brauchen und in unserem Fall war da vielleicht auch ein gewisser Hintergedanke dabei, da nicht alle Mechaniker so einen Schein besaßen.

Damals wollte Rudi Carell (holländischer TV-Showmaster im deutschsprachigen Bereich, Anmerkung) einem Mädchen ein Rallyeauto zur Verfügung stellen, meine Freunde Rolf Schmidt und Hans Geist waren involviert, haben geholfen - jedenfalls wurde ein Mädchen gecastet, das man für ein paar Läufe in einen Lancia gesetzt hatte. Und da kam plötzliuch Sabine auf mich zu und meinte: ‚Vater, reiß ausse einen Quattro - ich zeig euch, wie man Rallye fährt!‘ Aber das habe ich verhindert. Sie ist wie gesagt super autogefahren und ich hätte ihr durchaus Erfolge im Rallyesport zugetraut - aber wenn du dir schon einen Fahrer nicht leisten kannst...

Zurzeit beherrscht der russische Angriffskrieg auf die Ukraine die Nachrichten - ein weltweiter Friede wäre eine schöne Vision, doch in Wahrheit gab es seit dem zweiten Weltkrieg immer auch regionale bewaffnete Auseinandersetzungen - die Rallye-WM ist da auch schon in etwas hineingeraten und du warst live dabei...

Wir sind sogar zweimal in einen Putsch hineingeraten. Bei einem waren die Griechenland- und die Portugal-Rallye davon betroffen - doch eigentlich nur auf dem Papier, denn die gegen die damals noch weit verbreiteten Diktatoren kämpfenden Kräfte haben sich uns gegenüber wie Gentlemen verhalten und auch die Diktatoren selbst haben geschaut, dass die Rallyeteilnehmer von den Unruhen nichts mitbekommen. Rallye war damals wie ein Heiligtum und die Rallye-Veranstalter hatten natürlich auch ihre Verbindungen.

Kurz vor der ersten Himalaya Rallye kam es in Indien zu einem Aufstand gegen Indira Ghandi - die Opposition hat gesehen, dass bei der ersten Himalaya Rallye westliche Journalisten ins Land kommen und wollte auf ihre Anliegen aufmerksam machen. Die Rallye musste kurzzeitig gestoppt werden weil einige der Aufständischen Ziegelsteine auf die Rallyeautos geschossen haben. Ich hatte insofern Glück, da es in Indien ja nur rechtsgelenkte Autos gibt und somit saß nur der Beifahrer in den Scherben. Ghandi hat die Rallye dann sogar extra vom Heer beschützen lassen...

Blicken wir in die Zukunft - wie sieht die Zukunft des Rallyesports aus? Zum Beispiel in 20 Jahren...

Schwierige Frage...

Warum?

Damals hat jeder Hersteller ein Auto homologiert, um damit auch Rallyes fahren zu können - es hatte also auch der Kunde die Möglichkeit, Rallyes zu fahren. Diese Homologationen sind heute um so viel teurer geworden - da zieht es dir die Schuhe aus, viele Hersteller tun sich das gar nicht mehr an. Damals war das noch eine Image-Sache, da wollte man das unbedingt. Doch die FIA (Oberste Sportbehörde, Anmerkung) erstellt heutzutage das Reglement nur noch so, wie es für sie am besten ist. Nämlich so, dass sie am meisten abkassieren können...

Bei den Homologationen müsste man also den Hebel ansetzen?

Ja. Man müsste zulassen, dass Privatteams homologieren können - in etwa so, wie es Malcolm Wilson (Teamchef des Privatteams M-Sport, Anmerkung) mit Ford-Unterstützung macht. Auf diese Art könnte man es auch bei vielen anderen machen. Doch viele Hersteller hüten sich heutzutage, gutes Material außer Haus zu geben - sie sehen Privatiers als interne Konkurrenz, schließlich kann ein Privatfahrer doch nicht schneller sein als ein Werkspilot...

Manche fürchten um das Format Rallye, wie wir es jetzt kennen - man fürchtet, dass man den Sport zurückdrängen wird, ihn gar auf Rennstrecken verbannen könnte. Wird sich das Format Rallye halten können?

Es wird weiterhin etwas geben, etwas Ähnliches. So, wie wir damals gefahren sind, wo wir Wahnnsinns-Schnitte auf der Verbindung, auf der normalen Straße hatten - so etwas ist ja auch nicht mehr zeitgemäß, das wird es ganz sicher nicht mehr geben. Man wird sich in kleineren Gebieten bewegen, in Wüsten, Sand-Geschichten, in diese Richtung, loser Untergrund mit zwei Fahrern...

Du hast schon vor Jahren eine Lada wiederaufgebaut - wann wird sie denn zu ihrem ersten Einsatz kommen?

Die steht immer noch in der Garage und ist fast fertig. Ich wollte damit ja die Historische Safari-Rallye fahren. Doch die verlangen mittlerweile satte 40.000 Dollar Nenngeld. Ich bin runtergeflogen und habe es mir angesehen - und weißt du, ich bin zwanzigmal die richtige Safari gefahren - und dann sehe ich, wie dort lauter ‚Gstopfte‘ fahren, die jeden Tag einen neuen blitzsauberen weißen Overall anziehen und wenn sie zu einem Schlammloch kamen, sind sie stehengeblieben und haben gewartet, bis die Prüfung neutralisiert wurde. Das muss ich nicht haben - da schaue ich lieber nur zu und treffe halt dann als Zuschauer meine alten Freunde.

Hast du schon eine Alternative auserkoren?

Es ist nichts Fixes eingeplant aber vielleicht etwas Historisches. Schnee und Eis wäre interessant - schließlich hatte ich bei der Jännerrallye meinen Durchbruch. Dann kam die erste Himalaya Rallye und da konnten wir die Wohnzimmer des Landes erobern - das hat sich wie von selbst ergeben aber auch nur deshalb, weil da einige gute Leute am Werk waren. Peter Klein hat jede Rallye-Reportage genützt, um das jeweilige Land vorzustellen, ja sogar auch Musik aus dem jeweiligen Land ins Spiel gebracht, Leute wie Teddy Podgorski oder auch Intendant Bacher waren begeistert, es hat perfekt in das Format ‚Sport am Montag‘* gepasst und kam bei den Zuschauern einfach gut an.

Die Fans lieben dich auch heute noch heiß...

Ich denke, dass man so etwas nicht automatisch bekommt, das muss man sich schon erarbeiten. Es haben ganz einfach viele auch heute noch eine Freude, wenn sie die alten Videos sehen von unseren Abenteuern. Ich gebe dir ein Beispiel dafür, was ich mit erarbeiten meine: Bei der Argentinien-Rallye haben sie im Stadion von Buenos Aires so kleine Schanzen gebaut - doch die Lancia sind da mit dem Ölkühler gelandet und Miki Biasion musste deshalb seinen Lancia schieben, doch ich habe ihn angeschoben. Toyota hat Protest eingelegt doch ich habe gesagt: ‚Ich muste ihn wegschieben, er war vor mir!‘. Freilich hatte ich ab diesem Tag bei Lancia einen Stein im Brett...

Und die Fans haben sicher begeistert applaudiert oder?

Ja, klar, das hat ihnen gut gefallen...

Der Sportsmann Rudi Stohl, wie er ein liegengebliebenes Werksauto durch die restlichen Kurven einer Showprüfung schiebt - das ist ein gutes Schlussbild für unser Interview. Rudi, ich bedanke mich sehr für das Gespräch.

Gerne.

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