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Lukas & Helmut Schindelegger
Fotos: Claudio Pocar, Rallyeteam Schindelegger

Historische: „Echte Autos mit Herz und Seele“

Bei der Historischen Rallye EM in Weiz werden die charismatischen Boliden der Rallye-Historie die Prüfungen eröffnen - wir baten die regierenden Historik-Staatsmeister zum Interview…

Noir Trawniczek

In Weiz steigt seit einigen Jahren ein internationales Highlight des Historischen Rallyesports: Die Historische Rallye-Europameisterschaft gastiert im Rahmen der ORM/ARC-Rallye Weiz, die legendären Boliden eröffnen die Sonderprüfungen— für die heimischen Vertreter der Historischen Rallye Staatsmeisterschaft sowie der Austrian Rallye Challenge Historic (ARCH) eine gute Gelegenheit, den Vergleich zu Europas Besten zu suchen.

30 Historische Boliden werden am 12. und 13. Juli am Start sein - Historische Rallye Events sind immer noch am Boomen, allen voran die weltbekannte Rallylegend San Marino. Oftmals kommen solche Events sogar ohne Zeitnahme aus, denn die Faszination geht von den charismatischen Fahrzeugen der goldenen Rallyejahre aus. Österreichs Historische Rallye Events wie quattrolegende oder Austrian Rallye Legends erfreuen sich enormen Zuspruchs - sowohl von den Aktiven als auch von den Fans. An den Strecken findet man immer öfter auch junge Leute, die sich von den aus den Seitenfenstern lachenden, dem Driftwinkel frönenden PilotInnen gerne verzaubern lassen.

Wer glaubt, dass in Historischen Rallyeautos lediglich sportlich ergraute Damen und Herren ihr Glück in der absoluten Fahrzeugbeherrschung suchen, irrt gewaltig: Immer öfter trifft man auch blutjunge Piloten und Pilotinnen in den Schmuckstücken vergangener Epochen. In der ARCH führt der 24-jährige Bernhard Hengl die Tabelle an - er fuhr im Murtal erst seine vierte Rallye - einen halben Punkt vor dem ebenso jungen Lukas Schindelegger, der mit seinem Vater Helmut 2021 die ARCH und in der Folge zweimal die Historische Staatsmeisterschaft gewinnen konnte. Heuer kämpft das Vater/Sohn-Duo um beide Meisterschaften - ARCH und HRM..

In Weiz können sich Schindelegger/Schindelegger aber auch mit internationalen Teams der Klasse 6.2 messen. „Das alles natürlich bei vollem Renntempo, denn wer glaubt, dass ‚die Historischen‘ ihr Auto schonen, wird beim Zusehen sofort vom Gegenteil überzeugt“, versprechen die beiden in ihrer Presseaussendung - ihr schneeweißer Ford Escort RS2000 wird vom renommierten Waldviertler Wurmbrand Racing Team eingesetzt. Wir baten Lukas und Helmut Schindelegger zum Interview.

Lukas, warum hast du dich als junger Pilot für ein historisches Auto entschieden?
 
Lukas: Unser Projekt hat genauso angefangen, wie wir es bis heute durchziehen, nämlich gemeinsam. Papa hatte vor jetzt schon fast 10 Jahren die Chance sein Motorrad gegen einen serienmäßigen Ford Escort einzutauschen. Daraus ist dann über 3 Jahre unser Rallyeauto entstanden. Zuerst war es als „Sonntagsauto“ gedacht, aber dann hat es mich persönlich doch zu sehr gereizt selbst einmal das Rallyefahren zu versuchen und so ist das Projekt entstanden und soweit eskaliert, dass wir mit unseren Sponsoren SanLucar, Eschelmüller Holz und Hengstberger um den dritten Staatsmeistertitel kämpfen. Helmut hat über 35 Jahre äußerst erfolgreich hinterm Lenkrad gesessen und ich war schon als kleiner Bub bei allen möglichen Rallyes mit dabei. Die Kirsche auf der Motorsport Torte ist auch, dass der Ford Escort damals Papas erstes „richtiges“ Rallyeauto war und ich jetzt auch den Spirit von damals nachempfinden darf.

Wie fühlt sich das Fahren für dich an?

Lukas: Ich glaube es gibt nur wenige Dinge die sich mit Rallyefahren vergleichen lassen. Der Fokus, den man braucht um schnell zu sein ist immens. Wenn wir durch den Wald auf die Kurve zufliegen, mit Bäumen links und rechts, dann haben keine Gedanken mehr Platz, außer jene, die mit dem Fahren selbst zu tun haben. Das ist ein sehr eigenes Gefühl, alles dreht sich nur mehr um die nächste Kurve, es geht nur mehr um das Jetzt. Gleichzeitig darf man speziell bei den Historischen nicht das Hirn ausschalten. Wenn du mit einem Historischen zu hart in einen Cut fährst, springst oder ähnliches, kannst du nur verlieren. Jedes Schlagloch ist eine Gefahr, dass man es zu hart trifft. Somit muss man immer mitdenken und nicht nur die schnellste, sondern auch eine schonende Linie finden - denn entgegen der Modernen sind unsere noch echte Autos, die für den Rallyesport modifiziert wurden und keine reinen Rennmaschinen, die von der Sicherheitszelle weg auf kompromisslosen Umgang aufgebaut worden sind.

Welche Rolle spielt dein Papa, Helmut auf dem Beifahrersitz?

Lukas: Helmut spielt nicht nur auf dem Beifahrersitz eine große Rolle. Vielmehr ist er „nebenbei“ auch noch Teamchef, Chefmechaniker und Sponsorensucher. Ohne ihn wäre ich weder auf die Idee gekommen, dass es überhaupt möglich ist in den Rallyesport einzusteigen, noch würd ich mir den Sport leisten können. Er arbeitet täglich entweder am Auto oder an unserem Equipment. Abgesehen davon ist es eine unfassbar große Freude, den Sport mit seinem eigenen Vater zu teilen. Die vielen schönen Momente, Erfolge und Stunden im und unterm Auto sind so unendlich wertvoll gerade weil wir sie miteinander teilen dürfen. Dass er dann auch noch eine top Leistung beim Ansagen vollbringt - da kann man nur den Hut ziehen. Insgesamt ist er sicherlich der Grundstein, auf dem unser Erfolg ruht.

Helmut warum denkst du sind historische Veranstaltungen wie San Marino, Eifel Rallye Festival, quattrolegende und die Austrian Rallye Legends so erfolgreich?

Helmut: Eigentlich ganz einfach: Die Leute wollen zum einen echte Autos mit Herz und Seele sehen und nicht die gleichgeschalteten Rennmaschinen, die sich kaum voneinander unterscheiden. Jeder Zuschauer hört und sieht sofort den Unterschied bei den historischen Autos. Egal ob Fünfzylinder-, Boxer-, Heck-, Front- oder Allrad-Antrieb - jedes einzelne Auto hat seine Besonderheiten, die von außen gut zu erkennen sind. Und weil man einen historischen noch fahren können muss, bevor das etwas „gleichschaut“, fallen gute Fahrer viel schneller auf. Zum anderen wollen die Fans echte Menschen hinterm Lenkrad und nicht medientrainierte Profis, die sich im Service im Bus verstecken und sonst nur mit Protesten um sich werfen. Und natürlich haben auch die FIA und AMF große Schuld daran, dass „Showveranstaltungen“ besser besucht sind als echte Rallyes. Bei den Legends ist es egal wie alt die Sitze sind, was grade ein blödsinniges Handy im Auto anzeigt (Anmerkung: Flaggen-Signale per GPS), welche Reifengröße damals homologiert war oder welche Punkteverteilung nächstes Jahr eingeführt werden kann. Da geht’s um die Show und das wollen die Leute sehen. Wir versuchen mit großer Mühe und enormen Kosten die Show auch bei den echten Rallyes noch zu zeigen. Das ist der schwere Weg - aber der Erfolg und die Begeisterung bei den Zuschauern geben uns Recht.

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