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Rallye: Kommentar
Foto: FIA

„Mohammed bin Sulayem nicht mein Präsident“

FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem möchte die weltbesten Piloten zu besserem Benehmen erziehen. Ist das der richtige Ansatz?

Kommentar von Noir Trawniczek

Nicht falsch verstehen - und schon klar: Was jemand vor 23 Jahren auf seiner persönlichen Website geschrieben hat, kann man ihm nicht ewig vorwerfen. Aber: Wenn dieser „Jemand“ der gegenwärtige FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem ist und die betreffende Aussage lautet, er möge „Frauen nicht, die glauben schlauer als Männer zu sein“, dann wirft das Fragen auf. Vor allem, wenn der Präsident schnippisch den Medien die Schuld gibt und meint, man habe seine damalige Aussage „falsch verstanden“. Was genau kann man daran falsch verstehen? Und: Wenn dann auch noch ein Brief einer ehemaligen Generalsekretärin für Motorsport in der FIA auftaucht, in dem diese Mohammed bin Sulayem Sexismus vorwirft - auch wenn er deshalb gerichtlich nicht belangt wurde, er also rechtlich unschuldig ist, so spricht das auch nicht unbedingt dafür, dass dieser Präsident Moral und Anstand für sich gepachtet hat….

Auch seine Kritikfähigkeit scheint wenig ausgeprägt zu sein. Auf die Frage der Formel 1-Piloten respektive der Grand Prix Drivers Association im Dezember des Vorjahres, wieso man Niels Wittich als Rennleiter gekündigt, wieso man Tim Mayer nach 15 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit als Rennkommissar ohne persönliches Gespräch gefeuert habe, antwortete der Präsident, der diese Kündigungen persönlich gepusht haben soll nur lapidar: „Das geht die Fahrer nichts an!“ Als die F1-Piloten Kritik an dieser mangelhaften Transparenz äußerten, meinte der Präsident nur, die Fahrer sollten sich darauf konzentrieren, was sie am Besten können: Fahren! Das gleiche „Argument“ brachte Bin Sulayem bereits 2022, am Beginn seiner Amtszeit vor, als er spöttisch meinte: „Vettel fährt ein Regenbogenfahrrad, Lewis begeistert sich für Menschenrechte und Norris adressiert mentale Gesundheit.“ Freilich habe „jeder das Recht, zu denken“, doch früher habe es das nicht gegeben. Da hätte man sich nur für das Fahren interessiert. Als die Medien seine Spöttelei thematisierten, waren es - Bingo! - die Medien, die ihn wieder einmal „falsch verstanden“ hätten…

Der solchermaßen umstrittene, in seinem Benehmen selbstherrlich spöttelnde Präsident hat Anfang des Jahres beschlossen, die weltbesten Automobillenker zu mehr Anstand und gutem Benehmen zu „erziehen“. Und zwar nicht nur in der Formel 1, sondern in allen Kategorien. Es dürfe nicht sein, dass aktive Motorsportler öffentlich fluchen. Unterbinden will Bin Sulayem das nicht nur mit empfindlichen Geldstrafen, sondern auch mit sportlichen Strafen bis hin zur Rennsperre. Maßnahmen also, welche direkt auf Ergebnisse Einfluss nehmen können. Will man wirklich haben, dass irgendwann eine Weltmeisterschaft wegen Fluchen verloren wird?

Als dann bei der Schweden-Rallye Adrien Fourmaux zu satten 10.000 Euro Geldstrafe sowie weiteren 20.000 Euro auf Bewährung verdonnert wurde, weil er in einem Stage End-Interview sagte „Yesterday we fucked up“, hat das nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Sämtliche WRC-Piloten haben ein gemeinsames Statement veröffentlicht. Ein Statement, ein Aufbegehren, das man nur unterstützen kann. Die WRC-Fahrer bringen gute Argumente. Sie sind in diesem Artikel feinsäuberlich aufgeführt. Zum einen war die Aussage von Fourmaux auf ihn selbst bezogen, zum anderen gehören solche Aussagen heute zur Umgangssprache. Muss man nicht mögen. Aber in Zeiten, in welchen Teenager in der Musik, im Rap noch ganz andere Begriffe zu hören bekommen, ist so eine „Erziehungsmaßnahme“ einfach nur lächerlich. Und was die Piloten richtigerweise sagen: Es geht in diesem Sport eben auch um Emotionen - und da sind manchmal Kraftausdrücke unumgänglich. Gerade in Zeiten, in welchen wir Charakterköpfen wie einem Walter Röhrl nachweinen und in welchen viele Pilotenaussagen ohnehin von PR-Agenten glattgebürstet werden, ist so eine „Anstandsregel“ im sportlichen Reglement in vollem Maße destruktiv.

Zusätzlich sei noch gesagt: Gerade im Bereich Rallye hat sich die FIA in den letzten Jahren nicht mit Ruhm bekleckert. Ganz im Gegenteil. Ständiges kosmetisches Umbenennen von Kategorien führte dazu, dass sich immer weniger Menschen auskennen. Die Weltmeisterschaft besteht aus nur 2,5 Herstellern - und obwohl Werke wie Lancia ein Interesse an der höchsten Kategorie angedeutet haben, bleibt man stur auf Kurs. Die sündteuren Rally1-Autos fahren heuer ohne Hybrid - viele hätten sich ein Rally2-Upgrade-Kit gewünscht. Mit einem Schlag wäre man aus der peinlich einstelligen Starterzahl in der Top-Kategorie herausgekommen. Es wären sofort mindestens fünf weitere Marken vertreten gewesen und ja, es hätten sogar Privatiers in der neuen Top-Kategorie teilnehmen können…

Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollte sich ein FIA-Präsident darum Gedanken machen, wie der Motorsport abseits der Cash-Cow Formel 1 überleben kann. Im Bereich Rallye ist davon aber wenig bis gar nichts zu spüren. Stattdessen entsteht der wenig prickelnde Eindruck eines selbstherrlichen Menschen mit einem möglicherweise rückschrittlichen Weltbild. Daher sei mir der folgende Satz erlaubt: „Sorry, aber Mohammed bin Sulayem ist nicht mein Präsident.“

Ein Kommentar bringt die persönliche Meinung des Autors zum Ausdruck und spiegelt nicht die Ansicht des Verlags wieder.

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