Achim Mörtl im Interview | 16.03.2026
„Lengauer hat die Chance nicht genützt“
Die interessante. spannende Rebenland Rallye hat einige Fragen zum sportlichen Geschehen aufgeworfen - wir haben bei unserem Kolumnisten Achim Mörtl nachgefragt…
Noir Trawniczek
motorline.cc-Kolumnist Achim Mörtl hat als früherer WM- und Werkspilot sowie als mehrfacher Österreichischer Rallye Staatsmeister ein gutes, aber auch strenges Auge für Talente im Leistungssport. Als ausgebildeter Sporttrainer spricht er mitunter auch unangenehme Dinge aus…
Achim, was sagst du zur Rebenland Rallye, zum Sieg von Simon Wagner? Ist die TEC7 ORM damit bereits entschieden oder kann Michael Lengauer noch einmal das Blatt wenden?
Grundsätzlich wird es sehr schwierig werden, Simon Wagner die Meisterschaft heuer noch abzunehmen. Wenn Simon gesund ist, hat er im Moment einfach das beste Gesamtpaket. Mit dem Hyundai, mit seiner perfekt eingespielten Beifahrerin und mit seiner gesamten Struktur rund um das Team.
Vielmehr entscheidend ist aber ein anderer Punkt: Simon agiert im Grunde als einziger österreichischer Fahrer wie ein echter Spitzensportler.
Er lebt diesen Sport, beschäftigt sich intensiv mit Abstimmung, mit dem Sport, Training, Vorbereitung und Analyse und genau das macht am Ende den Unterschied aus. Zwischen Sieger und Verlierer, zwischen Profi und Hobbyfahrer. Ist aber in jeder Sportart so.
Die Rebenland Rallye hat aber auch gezeigt, dass man Chancen, die man serviert bekommt auch nützen muss! Michael Lengauer war über weite Strecken sehr schnell und hat die Rallye eigentlich kontrolliert, am Ende aber seine Chance nicht genützt und einen Fehler gemacht. Die Chance, die dadurch aber Simon bekommen hat, wurde eben zu 100 Prozent exekutiert. Wenn sich eine Chance ergibt, musst du sie sofort nutzen – und genau das hat Simon getan. Als der Fehler passiert ist, war er sofort da und hat zugeschlagen.
Ob die Meisterschaft damit entschieden ist, ist schwer zu sagen – im Rallyesport kann immer etwas passieren. Ein oder zwei technische Probleme - und schon sieht es anders aus. Aber über eine ganze Saison hinweg sehe ich derzeit keinen Fahrer, der Simon konstant unter Druck setzen kann.
Michael Lengauer konnte den nach seiner OP angeschlagenen fünffachen Staatsmeister Simon Wagner die gesamte Rallye über hinter sich halten - doch dann passierte ihm ein Fehler, den Wagner eiskalt nützte. Hat Lengauer hier einen „aufgelegten Elfer“ verpasst?
Im Grunde habe ich das vorher schon ein wenig angesprochen. Michael Lengauer ist eine sehr starke Rallye gefahren und war über weite Strecken sogar der schnellere Mann. Aber die Chance, die Lengauer gehabt hat, hat er am Ende nicht genutzt.
Simon Wagner hingegen hat genau diese Gelegenheit eiskalt ausgenützt. Als sich durch den Fehler von Lengauer die Tür geöffnet hat, hat er auf der letzten Prüfung einfach exekutiert und die Rallye gewonnen.
Wenn du im Spitzensport erfolgreich sein willst, musst du solche Chancen auch nutzen – denn eine zweite Chance bekommst du in der Form dann oft nicht mehr.
Und genau dort liegt halt auch ein Teil des Unterschieds. Ein Profi lebt diesen Sport, beschäftigt sich permanent damit und will diese Situation unbedingt für sich entscheiden. Diese mentale Stärke macht auf hohem Niveau dann halt in den meisten Fällen oft den entscheidenden Unterschied aus.
Maximilian Lichtenegger und Marcel Neulinger gelten als die größten heimischen Nachwuchshoffnungen - jetzt ist Lichtenegger im Kampf gegen Günther Knobloch unterlegen, der weniger oft fährt und auch nicht mehr zu den Nachwuchstalenten zählt. War das, wie man so schön sagt, „charakterbildend“ für Lichteneggers weiteren Aufstieg?
Grundsätzlich lernt man im Leistungssport vor allem aus Niederlagen. Siege bestätigen dich, aber Niederlagen zwingen dich zur Analyse. Ich habe in meiner eigenen Karriere eigentlich immer mehr aus Niederlagen gelernt als aus Erfolgen.
Genau deshalb können solche Situationen durchaus charakterbildend sein. Wenn du einmal verlierst, musst du dir die Frage stellen: Was kann ich besser machen? Wo kann ich mich weiterentwickeln?
Was mir bei jungen Fahrern manchmal ein wenig fehlt, ist der Umstand, dass sie ihren eigenen Weg finden müssen. Heute setzt sich ein junger Fahrer ins Auto, bekommt sehr schnell von außen das Etikett ‚großes Talent‘ und plötzlich hat er drei, vier oder fünf Leute rund um sich stehen, die alles besser wissen und die ihm erklären wollen, wie der Rallyesport funktioniert.
Das kann für junge Fahrer durchaus schwierig sein, weil sie dadurch anfangen, zu viel nachzudenken und ihren eigenen Weg vielleicht gar nicht mehr richtig finden. Und genau das ist im Spitzensport oft entscheidend.
Das ist übrigens kein reines Rallye-Thema. Ich habe das auch im Tennis, im Skisport oder in anderen Sportarten gesehen, mit denen ich mich als Trainer beschäftigt habe. Am Ende müssen junge Athleten ihren eigenen Weg finden – und manchmal helfen Niederlagen genau dabei.
Es wäre eigentlich sehr einfach - ist im Falle Lichtenegger anscheinend auch das nötige Kleingeld vorhanden: Geh nach Finnland auf Schotter, am Asphalt nach Frankreich oder Italien und setze Dich dort durch – da lernst du schnell zu reflektieren, was noch fehlt.
Marcel Neulinger konnte mit seinem klaren ORM3-Sieg die Erwartungen bravourös erfüllen - wie schätzt du seine Chancen in der JuniorERC ein?
Zunächst muss man einmal festhalten, dass Marcel Neulinger die Rallye mit der Konkurrenz, die dort war, absolut verdient gewonnen hat. Ich finde es auch richtig, dass er jetzt den Schritt in die ERC wagt. Dort bekommt er einen internationalen Vergleich und wird automatisch dazu gezwungen werden, sich selbst zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Grundsätzlich ist es im Rallyesport aber immer relativ, wenn man national eine Klasse gewinnt - es kommt am Ende darauf an, gegen wen man fährt. Das ist ein Bisschen vergleichbar mit einem Marathon: Ich kann einen Marathon in 2:30 Stunden gewinnen, wenn die Konkurrenz schwach ist, deshalb bin ich aber noch lange kein Weltklasse-Marathonläufer. Ich kann aber auch mit 2:04 Stunden nur Platz 13 belegen und wäre dennoch Weltklasse.
Genau deshalb ist der Schritt in die ERC aus meiner Sicht die einzig richtige Entscheidung für einen jungen Fahrer, wenn er die Möglichkeit hat, international zu fahren. Dort sieht man dann relativ schnell, wo man wirklich steht und woran man arbeiten muss.
Was sagst du zur Leistung von Raimund Baumschlager, der wie Simon Wagner unter Schmerzen fuhr und beinahe das Podium erobert hätte?
Ja, also ich muss sagen, mir taugt das schon. Dass er in seinem fortgeschrittenen Alter noch immer die Motivation findet, sich unter solchen Bedingungen ins Auto zu setzen und eine Rallye auf diesem Niveau zu fahren, finde ich wirklich beeindruckend da habe ich ehrlichen Respekt.
Man darf ja auch nicht vergessen: Rallyefahren ist ein gefährlicher Sport, da kann immer etwas passieren. Und trotzdem sitzt der Raimund nicht nur bei Rallyes im Auto, sondern auch ständig beim Testen und Arbeiten am Setup. Diese Hingabe zum Sport ist schon bemerkenswert.
Dass er sich diesen Aufwand nach so vielen Jahrzehnten noch immer antut und dabei in Österreich noch immer ums Stockerl fahren kann, davor ziehe ich wirklich den Hut. Und ich bin ehrlich gesagt gespannt, wie lange er noch fährt - aber so wie ich ihn kenne, könnte ich mir vorstellen, dass er selbst mit dem Rollator noch ins Rallyeauto steigen würde.

















