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Ineos Grenadier – was wir bis jetzt wissen

Eine völlig neue Marke präsentiert ein völlig neues Geländeauto. Doch was steckt dahinter? Und wer? Die wichtigsten Fragen und Antworten über den Ineos Grenadier, der weit mehr ist als einfach nur ein weiterer Offroader – und zugleich ein ziemlich guter werden dürfte.

Roland Scharf

Ineos?
Zugegeben, die Firma an sich ist alles andere als neu. Ineos Automotive ist nur ein winziger Teilbereich der Ineos Holdings Ltd. mit Sitz in London, die 1998 nach einem Management-Buy-out von BP entstanden ist. Der Chef, Sir Jim Ratcliffe, setzte dabei stets auf Zukäufe unterschiedlichster Geschäftsbereiche, der größte Coup gelang den Briten aber mit einem Stoff, der in praktisch allen Kunststoffen auf dieser Welt enthalten ist und diesen stabiler und widerstandsfähiger macht. Ratcliffes Vermögen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Und wenn wir mehrere sagen, dann meinen wir: richtig viele.

Wie kommt man dann auf die Idee, ein Auto zu bauen?
Das Geheimnis eines cleveren Investors ist es, Begehrlichkeiten zu entdecken. So geschehen nach dem Ende der Produktion des alten Defender. Stimmen aus Solihull sagen, dass Ineos Automotive die alten Presswerkzeuge kaufen wollte, um den Defender einfach unter eigener Flagge weiterzubauen. Nur stellte sich dieser Plan zwar als heroisch aber nicht wirklich machbar heraus, da der hohe Handarbeitsanteil und die nicht mehr einzuhaltenden Crash- und Sicherheitsvorschriften Land Rover ja dazu gebracht haben, lieber ein völlig neues Modell zu entwickeln. Und genau das plante ab sofort Ineos auch, und zwar mit Magna.

Warum ging man dafür nicht zu einem britischen Anbieter?
Dafür gibt es viele einleuchtende Gründe, etwa: Haflinger, Pinzgauer, Panda 4x4, Puch G, Golf Syncro, Audi Allroad – nur um einmal die Wichtigsten zu nennen. Wer Allrad, Gelände und Auto in einen Topf wirft, landet automatisch bei Magna, die früher schon als Steyr Daimler Puch Fahrzeugtechnik die absoluten Profis waren, wenn es um Geländetauglichkeit ging. Der immense Erfahrungsschatz ist bei der Entwicklung eines neuen Modells natürlich Gold wert – natürlich auch, wenn es darum geht, Entwicklungskosten zu sparen.

Was genau macht Magna?
Nichts in Sachen Produktion, aber sonst mit fast allem, was die Technik betrifft. In Graz wird die gesamte Entwicklung durchgezogen, von den einfachsten Berechnungen der Schraubverbindungen bis zum Bau der Prototypenkarosserien. Dem nicht genug, übernehmen die Steirer dann auch die gesamte Erprobung, die sich über mehrere Millionen Kilometer (kein Schmäh) erstreckt, im Mehrschichtbetrieb auf Testgelände, Schöckl und Straße abläuft und eigentlich nur eines zum Ziel hat: Die Prototypen so effektiv wie möglich niederzureiten, um zu sehen, ob eh alles passt.

Schöckl?
Ja, einer der Hausberge von Graz. Magna hat vom Eigentümer exklusiv die Erlaubnis, auf den Forst- und Waldwegen Tests durchzuführen – nicht Mercedes. Daher kann diese Naturteststrecke auch für andere Entwicklungen herangezogen werden, wobei der Name gerade in Bezug auf die G-Klasse zu einem ultimativen Gütesiegel für Geländetauglichkeit mutiert ist. Und wer es einmal miterlebt hat, wie die Magna-Jungs dort angasen, und wie unbeeindruckt die G-Wagons davon sind, bekommt automatisch eine Ahnung, wie hoch der Entwicklungsaufwand gewesen sein muss. Natürlich finden auch Vergleichsfahrten mit potenziellen Mitbewerbern statt, die manchmal zu erstaunlichen Erkenntnissen führen, wie ein leitender Entwickler vor Jahren einmal feststellen musste: “Es ist erstaunlich, welche Teile ein Auto alle verlieren kann.”

Hat Mercedes da nichts dagegen?
Magna war noch nie nur auf einen Kunden allein exklusiv begrenzt. Sicher ist Mercedes mit der G-Klasse ein Sonderfall, und es gab auch Gerüchte, dass die Stuttgarter ein wenig verschnupft gewesen sein sollen, wie es geheißen hat, es käme noch ein Geländewagenauftrag nach Graz. Nur erstens wird dieser ja nicht vor Ort produziert. Und zweitens war Ineos strategisch schlau genug, es sich mit den Stuttgartern gut zu stellen, indem sie von Daimler Anteile am Formel-1-Team übernahmen und nun rund ein Drittel daran halten – und mittlerweile als deren Hauptsponsoren auftreten.

Warum wurden dann keine Mercedes-Motoren verwendet?
Aus vielen Gründen. Zum einen geht es natürlich ums Packaging, vor allem aber ist Ineos nur am Mercedes AMG F1-Team beteiligt, nicht aber am Autohersteller. Und die Sechszylinder von BMW (jeweils mit Turbo, Diesel und Benzin) sind laut der deftigen bayerischen Gerüchteküche im Einkauf einfach um ein Eck günstiger, oder sagen wir: nicht so überteuert. Ineos bekommt hierbei das gesamte Package von BMW inklusive den Achtgang-Automatikgetrieben von ZF, was auch ein gravierender Punkt war: Diese Schaltbox lässt sich nämlich leicht an andere Antriebsstränge anpassen. Und das war für den stämmigen Allrad der Grenadier mit seinen manuell einzulegenden Differenzialsperren natürlich ein absolutes Muss.

Die Prototypen sind als solche sehr leicht zu erkennen. Ist das schlau?
Das ist die Strategie der Marketingabteilung von Ineos. Anstatt das neue Auto so gut es geht zu verheimlichen, geht man lieber in die Offensive und vermarktet die sündteuren Einzelstücke lieber wirksam übers Internetz – und zwar gleich mehrfach. Jeder der Prototypen hat eine spezielle Folierung. Einer zum Beispiel trägt ein Design im Stile der Jackenfirma Belstaff – die rein zufällig auch zum Ineos-Konzern gehört.

Ist der Grenadier ein Defender-Nachbau?
Hier muss man unterscheiden zwischen Vorbild und Umsetzung. Es stimmt, dass die grundsätzliche Idee eines robusten, genial-simpel konstruierten Geländewagens beim Grenadier Pate stand, der zudem auch noch gerne so verwegen aussehen darf wie der Ur-Land Rover. Der Grenadier baut aber deutlich größer, ist viel breiter und länger, um zeitgemäßen Platzbedarf bieten zu können. Die Karosserie besteht nach wie vor aus Aluminium, wobei die bereits bei Magna gefertigten Prototypen eine deutlich höhere Qualität und Passgenauigkeit aufweisen als es die alten Defender je taten.

Und die Technik?
Auch hier gilt: Großes Vorbild, moderne Umsetzung. Der Grenadier vertraut vorne wie hinten auf Starrachsen, die jedoch mit modernen Fahrwerkskomponenten am Rahmen aufgehängt sind. Der Grund hierfür ist einleuchtend: Im Gelände gibt es nichts besseres, keine andere Achskonstruktion kann eine so hohe Verschränkung vorweisen. Dennoch müssen die Straßenfahreigenschaften einfach passen – und vermutlich werden auch nur die wenigsten Grenadiere jemals mehr als nur Schotter unter ihren Stollenreifen zu spüren bekommen.

Wo wird der Grenadier gebaut?
Nicht bei Magna, aber auch nicht in England. Das mag vielleicht an den Folgen des Brexit liegen. Wahrscheinlicher ist eher, dass das ehemalige Smart-Werk im französischen Hambach deswegen als Herstellungsort gewählt wurde, weil es von der Größe für die zu erwartenden Stückzahlen – pro Jahr an die 25.000 – einfach goldrichtig war. Aber auch aus einem anderen Grund: Ineos plant neben dem Station Wagon zudem eine Cargo-Variante auf den Markt zu bringen, in deren Laderaum eine Euro-Palette passt. Ein Pick-up mit Doppelkabine gilt ebenso als so gut wie fix, und angeblich ist auch ein kleineres Modell im Gespräch. Und dafür ist Hambach dann ziemlich perfekt.

Kommt eine Militär-Version?
Gute Frage, vor allem in Anbetracht des Namens (Erklärung ganz unten), aber hier gibt es von der Geschäftsführung ein klares Nein. Armee-Verträge sind ein ganz anderes Game, da hineinzukommen muss man wirklich wollen. Die Ausschreibungen sind hart, gleichen fast schon Wettkämpfen und zudem sind die technischen Anforderungen gewaltig. So ist zum Beispiel ein 24-Volt-Bordnetz vorgeschrieben, was dem Lkw-Standard entspricht. Das in den natürlich auf 12-Volt-Technik basierenden Grenadier zu implementieren, wäre kostentechnisch selbst mit der schönsten Ausrede der Welt nicht zu rechtfertigen.

Hat der Name Grenadier eine besondere Bedeutung?
Grenadiere waren seinerzeit in der königlichen Armee eine Eliteeinheit, also in etwa so wie die Cobra bei der österreichischen Polizei, Rambo als Armee oder die Navy Seals in amerikanischen Heimatfilmen der 1980er-Jahre. Top Gun mit Handgranaten quasi, und es geht noch weiter: Der Schriftzug trägt bei genauerem Hinsehen kein “A”, sondern den griechischen Buchstaben Lambda. Und der prangte zu Zeiten der Spartaner zum Schutz auf deren Kampfschilden. Das allein soll aber immer noch nicht allein der Grund für die Namensgebung gewesen sein. Es wird gemunkelt, dass Ratcliffes Lieblings-Pub in der Nähe des Hyde Parks auch viel damit zu tun haben soll, in dem er mit seinen Freunden einst saß und beschlossen haben soll, jetzt ein Auto zu bauen. Der Name des Pubs: The Grenadier.

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