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Wasser marsch!

Während andere zögern, schickt Hyundai mit dem Nexo bereits die zweite Generation eines Brennstoffzellen-Elektroautos auf den Markt. Im Test.

Bernhard Reichel

In unserer immer komplexeren Gesellschaft versuchen wir krampfhaft, eine einzige Antriebsart zu finden, die für alle passt. Stattfinden wird eher das Gegenteil. Die Antriebsvielfalt wird größer werden als je zuvor und sich markant an den jeweiligen Bedürfnissen orientieren.

Was die breite Palette an Antriebsarten betrifft, legt keiner konsequenter vor als Hyundai. So ist es auch wenig überraschend, dass man mit dem Hyundai Nexo bereits die Nachfolgegeneration des Wasserstoffvorreiters ix35 Fuell Cell bringt. 1,9 Tonnen und SUV-Karosserie hören sich nicht gerade nach einem zukunftsträchtigen Konzept an, der Nexo bleibt so jedoch dem Prinzip des Vorgängers treu. Mit reichlich Platz und Komfort demonstriert dieses Stück Technologie gleichzeitig volle Alltagstauglichkeit und Trendigkeit.

Die Leistung des Elektromotors wuchs gegenüber dem ix35 um 27 PS auf 163 PS. 395 Nm an Drehmoment stehen unmittelbar zur Verfügung. Dank dem auf über 60 Prozent angewachsenen Brennstoffzellen-Wirkungsgrad soll man laut WLTP-Mix 660 Kilometer weit kommen. In der Praxis sind es bei absolut vollen Tanks gut 600 Kilometer. Drei Stück gibt es davon und diese speichern dank 700 bar Druck insgesamt 6,33 kg Wasserstoff.

Wohlproportioniert, wenn auch mehr Crossover als SUV, präsentiert sich der Hyundai Nexo. Die Bodenfreiheit ist lediglich für die Straße ausgelegt, die Kopffreiheit dafür großzügig, auch in Reihe zwei. Die Inszenierung des hervorgehobenen Tagfahrlichtes kennen wir auch schon vom kleinen Kona. Beim Nexo sind die Leuchten zusätzlich mit einem breiten Lichtband verbunden.

Auch die elektrisch ausfahrenden Türgriffe erregen Aufmerksamkeit, wenngleich sich ihre Sinnhaftigkeit in Grenzen hält (minimales Aerodynamik-Plus erkauft durch vier Elektromotoren inklusive Defektrisiko). Der freche Eindruck eines Halloween-Kürbisses zieht im Straßenbild die Blicke auf sich - während die kantigen Limousinenformen der Konkurrenten Honda Clarity Fuell Cell und Toyota Mirai eher irritierend für europäische Augen wirken.

Im Innenraum herrscht eine einladend warme Farbgebung wie im Raumschiff Enterprise. Ähnlich futuristisch ist manche Anordnung der Bedienelemente und der breite Bildschirm. Eher 90er-Jahre-Feeling vermittelt hingegen die breite und hohe Mittelkonsole mit ihren enorm zahlreichen analogen Tasten und Drehreglern.

Untertags und vor allem unter direkter Sonneneinstrahlung, lässt sich die grau auf graue Beschriftung der Tasten kaum noch lesen. Nachts hingegen sucht man mit blauer Hinterleuchtung nicht lange. Die Verarbeitung ist anständig, manche Bezüge, etwa jener des zweifärbig bezogene Lenkrads, sind allerdings kratzempfindlich.

Unspektakulär wie ein batteriebetriebenes Elektroauto setzt sich auch der Nexo in Bewegung. Um vor sich selbst zu warnen, bimmelt es wie Kirchenglocken aus der Front (Geräusche bis 20 km/h sind seit kurzem Pflicht), was sich aber per Knopfdruck abstellen lässt (was erlaubt ist, bei jedem Neustart bimmelt es jedoch wieder).

Zwar merkt man das hohe Gewicht beim Anfahren deutlich, danach zischt der Nexo aber wie ein großer Flummi durch die Landschaft, was sich dynamischer anfühlt als man tatsächlich unterwegs ist - von 0-100 km/h geht es in handelsüblichen 9,5 Sekunden. Ein Kurvenräuber wird der frontgetriebene Crossover nie, er neigt nämlich früh zum Untersteuern.

Soweit die Gemeinsamkeiten mit normalen Elektroautos, die Entscheidenden Faktoren des Nachtankens, der Reichweite und vor allem des geringen Reichweitenverlustes entscheidet dieser Hyundai hingegen klar für sich.

Selbst bei rein spaßorientierter Gaspedalstellung purzelt die Reichweite nicht überproportional, höheres Tempo irritiert das windschlüpfrige Gefährt nicht wirklich.

Vor allem in der Stadt lässt sich mit den Wippen hinter dem Lenkrad die dreistufige Rekuperation so exakt justieren, dass man praktisch nur noch im Notfall das Bremspedal nutzen muss. Entsprechend lassen sich beachtliche zweistellige Kilometer zurücklegen, ohne, dass die Reichweite sinkt.

Möglich macht dies die kleine 1,56 kWh-Pufferbatterie. Nötig hat ein Wasserstoffauto diese nicht, aber die Gewinnung des Stromes aus getanktem Wasserstoff und reagierendem Sauerstoff aus der Umgebung ist eher gemächlich und endet derzeit bei rund 140 PS. Um 163 PS und den von Elektroautofahrern geschätzten schlagartigen Drehmomentaufbau zu realisieren, benötigt man die kompakte Batterie von etwa gleicher Größe wie sie Standard-Hybridautos verwenden.

Sofern man eine der zur Zeit fünf österreichischen Wasserstofftankstellen erreicht hat, läuft der Tankvorgang genau so wie bei Erdgas ab und dauert nur wenige Minuten. Unser Testverbrauch lag bei 1,1 Kilogramm pro 100 Kilometer.

Ein durchaus interessanter Helfer ist der Totwinkel-Assistent, der beim Setzen des Blinkers nicht nur ein Warnlicht setzt, sondern per rückwärts gerichteter Kamera in die Digital-Armaturen jenes Blickfeld einblendet (Bild oben), das man sonst nicht sehen würde.

Die Preisliste enthält neben dem Kaufpreis von 78.000 Euro keinerlei Extras. Man munkelt, dass Hyundai einen erheblichen Betrag drauflegen muss, um diese Summe im Bereich gehobener Batterie-Elektroautos halten zu können. Serienmäßig ist im edlen "Level 6" alles enthalten, was der Hersteller zu bieten hat. Erstmals kann auch ein Hyundai per Fernbedienung in Längsrichtung ein- und ausparken. Fünf Jahre Garantie gibt es dazu, sowie natürlich NoVA-Entfall und Sachbezugsbefreiung für Dienstwagenfahrer.

Plus
+ großzügiges Raumangebot
+ ordentliche Fahrleistungen
+ verlässliche Reichweite
+ schnelles Nachtanken
+ filtert sogar Feinstaub
+ faszinierender Technologieträger

Minus
- Tankstellennetz (fünf Stück in Österreich) erst im Aufbau
- wuchtige, überladene Mittelkonsole
- absoult gesehen hoher Kaufpreis

Resümee
Lkw, Flugzeuge oder Schiffe werden kaum batteriebetrieben revolutioniert werden können. Wasserstoff wird unsere Gesellschaft daher so oder so bereichern, warum also nicht auch im Pkw? Im Hyundai Nexo verbindet die Brennstoffzelle Elektroantrieb mit voller Alltagstauglichkeit. Die Nachteile langer Ladezeiten und geringer Reichweite sind im Nexo kein Thema, ein schneller Ausbau des Wasserstoff-Tankstellennetzes wäre daher wünschenswert.

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