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Nachruf: Ferdinand Piëch 1937-2019

Techniker der Macht

Ferdinand Piëch ist tot. Der VW-Patriarch, Porsche-Enkel, Techniker der Macht und Automanager des Jahrhunderts, starb im Alter von 82 Jahren.

Georg Koman

Wenn das Wort „Patriarch“ auf jemanden perfekt gepasst hat, dann auf Hon. Prof DDr. h.c. DI (ETH) Ferdinand Karl Piëch, einer von acht Enkeln von Ferdinand Porsche. Jetzt ist der Volkswagen-Patriarch für immer gegangen. Nach einem Abendessen im bayerischen Rosenheim war er kollabiert und kurz darauf verstorben. Irgendwie passend zu seinen Entscheidungen – schnell, präzise, hart. Ein Piëch siecht nicht dahin, selbst sein Tod war schnell und spektakulär.

Am 17. April 1937 als Sohn von Louise (Tochter von Ferdinand Porsche und Gründerin der Porsche Holding) und Anton Piëch in Wien geboren, verschrieb er sein Leben früh der Automobiltechnik. Nach dem Studium an der renommierten ETH Zürich leitete er in den 1960er-Jahren die Porsche-Entwicklungsabteilung. Unter seiner Ägide entstand der monströse Porsche 917, der zum Dauersieger in Le Mans wurde.

Nach dem Beschluss von 1972, dass sich alle Familienmitglieder aus Porsche-Managementpositionen zurückzuziehen hatten, wechselte er zu Audi und verantwortete dort unter anderem den Fünfzylinder-Motor, den Allradantrieb „quattro“ und den Direkteinspritz-Dieselmotor (TDI).

1993 wurde Piëch Vorstandschef bei Volkswagen. Er machte aus dem wankenden Unternehmen einen Multimarkenkonzern (VW, Audi, Skoda, Seat, Porsche, Lamborghini, Bentley, Bugatti, Ducati, MAN, Scania) samt genialer Pkw-Plattformstrategie, der es letztlich an die Spitze aller Autohersteller schaffen sollte – mit einem Umsatz von fast 240 Milliarden Euro und 600.000 Beschäftigten.

Düstere Momente gab es dennoch: Der von Piëch geholte Sanierer José Ignacio López sanierte fast den Konzern kaputt. Der Umgang Piëchs mit seinen Spitzenkräften war legendär ruppig und sprunghaft, sein Haifischlächeln genauso gefürchtet wie seine leise Stimme. Wie alle genialen Persönlichkeiten hatte er durchaus ambivalente Seiten. Einerseits war er Milliardär, andererseits konnte er immer mit der sozialdemokratischen Führung des VW-Heimatbundeslandes Niedersachsen, hatte einen guten Draht zum Betriebsrat und war bei den Arbeitern geschätzt. Einerseits war er abgehoben („In meinen Porsche Cayenne habe ich ein VW-Touareg-Cockpit einbauen lassen – gefällt mir besser“), andererseits war er gern gesehener Gast bei den GTI-Buben im Zuge des Wörthersee-Treffens und war sichtlich gerührt, als er 2014 zum Ehrenbürger von Maria Wörth ernannt wurde.

Ab 2005 erhöhte Porsche unter Vorstandschef Wendelin Wiedeking sukzessive seine Anteile an der Volkswagen AG mit dem Ziel der Übernahme. Hinter Wiedeking stand Porsche-Aufsichtsrat und Piëch-Cousin Wolfgang Porsche. Ferdinand Piëch, inzwischen vom Vorstandsvorsitzenden zum Aufsichtsratschef der VW AG gewechselt, hielt mit aller Macht dagegen – und setzte sich durch. Am Ende übernahm VW Porsche. Unterm Strich fast egal, weil die Familie Porsche-Piëch ab nun so oder so den Riesen-Konzern kontrollierte, ein Sieg Piëchs über seinen Cousin war es trotzdem.

Im Herbst 2015 kam der Diesel-Abgasskandal im VW-Konzern auf, doch schon im April 2015 tätigte Piëch den berühmten Spruch: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“. Warum, wusste man damals nicht so recht, denn Vorstandschef Martin Winterkorn galt während seiner gesamten Karriere bei Volkswagen als braver Vollstrecker des Patriarchen. Wenige Tage später stellte Piëch selbst sein Amt zur Verfügung, weil die meisten Aufsichtsratsmitglieder, angeführt von Wolfgang Porsche, Winterkorn halten wollten. Diesen letzten Machtkampf hatte Piëch gegen seinen Cousin verloren. Allerdings wurde im September 2015 Winterkorn die Verantwortung für den Abgasskandal zuerkannt und dieser musste erst recht seinen Hut nehmen.

2017 legte Piëch dann seine milliardenschweren Anteile an der den VW Konzern kontrollierenden Porsche Holding SE zurück. Übernommen wurden diese von den übrigen Familienmitgliedern. Der Bruch mit seinem geliebten Riesenbaby Volkswagen war damit endgültig vollzogen.

Ferdinand Piëch hinterlässt seine Frau Ursula und 13 Kinder aus fünf Beziehungen. Unvergessen bleiben werden seine Verdienste um die Automobiltechnik, seine gewaltige Machtfülle (Piëch besuchte nicht die deutsche Kanzlerin und den chinesischen Ministerpräsidenten, diese besuchten ihn in Wolfsburg) und seine faszinierende Persönlichkeit. Er war der Automanager des Jahrhunderts, eine der größten Managerpersönlichkeiten Europas. Und der Welt.

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