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Rallye-WM: Neuseeland

Ein Gespräch mit Manfred Stohl – Teil 1

Teil 1 des großen Interviews mit Manfred Stohl: Über die Liebe zur NZL-Rallye. Warum die Umstellung auf das WRC 2012 schwer ist. Wie er seine Chancen einschätzt…

Michael Noir Trawniczek
Fotos: Johann Vogl/www.motorsportphoto-hanse.at, Daniel Fessl/www.motorline.cc, Photo4

Der Besprechungsraum bei Stohl Racing – auf den Regalen sieht man Rennoveralls, Automodelle, Teamkleidung, Sturzhelme, Autogrammkarten sowie unzählige Fotoalben mit wahrscheinlich Hunderttausenden von Bildern…

Alles, was hier so rumliegt, jedes noch so kleine Teil erzählt eine Geschichte. Und es ist eine große Geschichte…

Man spürt: Hier, in Großenzersdorf bei Wien, arbeitet einer, der es auf dem Mount Everest namens Rallye-Weltmeisterschaft so weit nach oben geschafft hat, wie noch keiner in diesem Land…

Jetzt, fünf Jahre nach seiner letzten WM-Rallye wagt sich der WM-Vierte des Jahres 2006 wieder auf die Weltmeisterschaftsbühne. Die Neuseeland-Rallye und das aktuelle World Rally Car will er in vollen Zügen genießen.

Im ersten Teil unseres Gesprächs schätzt Manfred Stohl seine Chancen offen und auf Realismus bedacht ein (wie viel davon Understatement war, wird sich im Verlaufe des Neuseeland-Wochenendes zeigen) – zudem verrät der 39-jährige Wiener im Detail, was bei der Umstellung auf das aktuelle WRC die schwierigste Aufgabe sein wird…

Bei der Neuseeland-Rallye wirst du deinen ersten WM-Lauf seit Wales 2007 bestreiten – was sind deine schönsten Erinnerungen an Neuseeland?

Meine Gruppe N-Siege sind sehr gute und schöne Erinnerungen und natürlich 2006, als wir mit dem WRC auf dem Podium gelandet sind.

Whaanga Coast wird oft als die schönste Prüfung in Neuseeland bezeichnet – ist das deine absolute Lieblings-SP?

Für mich persönlich ist Whaanga Coast gar nicht mal die beste Prüfung. Im Gegenteil: Whaanga Coast gehörte nie zu den Prüfungen, die ich als Pilot besonders gerne gefahren bin. Da hat sich ein Mythos gebildet – das kannst du mit dem Col de Turini vergleichen, das ist für die Fahrer auch nicht diese besonders wertvolle Prüfung, wie es immer dargestellt wird.

Dadurch, dass du auf Whaanga Coast diese malerische Klippe entlang fährst, mit dem Meer dahinter, hat diese Prüfung von den Medien ein gewisses Image verpasst bekommen. Und weil diese SP oft am Schluss gefahren wurde, sind dort oftmals die Rallyes entschieden worden. Das hat auch zu diesem Image beigetragen.

Natürlich: Whaanga Coast ist sehr anspruchsvoll, sehr schnell am Anfang und extrem langsam am Schluss – diese Sonderprüfung hat alle Facetten inkludiert. Aber bei den Piloten hat die Whaanga Coast nicht diesen Stellenwert, der in den Medien transportiert wird.

Gibt es eine andere Sonderprüfung in Neuseeland, die für dich besonders hervorsticht?

Es ist dort eigentlich jede Sonderprüfung wunderschön – außer vielleicht die Mickey Maus Specialstages. Auf Anhieb fallen mir die Prüfungen Te Akau Nord und Te Akau Süd ein – das sind sehr schnelle und schöne Prüfungen.

Du bevorzugst prinzipiell schnelle Sonderprüfungen?

Jeder Fahrer hat es lieber schnell, das wird dir jeder Pilot bestätigen. Nimm die Finnland-Rallye, die SP Ouninpohja – die geht dir einfach nicht mehr aus dem Kopf! Das ist für mich die beste Prüfung, die es auf der ganzen Welt gibt.

Wegen der Geschwindigkeit und der Sprünge, oder?

Genau. Die Ouninpohja ist unheimlich schnell. Aber wenn du dann wiederum fragst: Was liegt dir als Fahrer besser? Dann glaube ich, dass es für mich gerade in der jetzigen Situation so ist, dass es umso besser ist, umso langsamer die Prüfungen sind. Denn auf den schnellen Prüfungen wird es schwierig für mich.

Warum?

Ich habe keine Erfahrung mit dem Auto und ich bin schon lange nicht mehr in der Weltmeisterschaft gefahren. Wo bin ich denn viel gefahren in der letzten Zeit? Die ÖM-Einsätze und die Rallye-Weltmeisterschaft - das kannst du einfach nicht vergleichen. Je langsamer die Prüfungen sind, desto leichter ist es, den Speed der Top-Leute mitzufahren – doch Neuseeland ist im Grunde genommen durchgehend schnell.

Trotzdem ist Neuseeland deine Lieblingsrallye?

Mit Sicherheit, ja.

Bei einer großen Liebe erinnert man sich an den ersten Moment, in dem es quasi ‚Klick‘ gemacht hat. Kannst du dich an einen solchen Moment in Bezug auf Neuseeland erinnern? Wo du gesagt hast: ‚Ja, das ist es!‘?

Das erste Mal Neuseeland war für mich sehr früh am Beginn meiner internationalen Karriere – ich kann mich jetzt aber gar nicht mehr daran erinnern, in welchem Jahr das war, es muss in der Mitte der 1990er-Jahre gewesen sein. [1994, d. Red.]

Die Rallye ist mir eigentlich sehr schlecht in Erinnerung, weil ich schon früh, nach dem ersten oder zweiten Tag ausgefallen bin, aufgrund eines technischen Problems am Auto. Das war eine große Enttäuschung, denn damals gab es keine Superally oder Rally2, da warst du einfach draußen.

Das erste Mal, wo ich Neuseeland besser in Erinnerung habe, war dann im Jahr 1998 – da hat es mir bereits sehr viel Spaß bereitet, mit dem Gruppe N-Auto. Und natürlich: Das Schönste war mein erster Sieg in Neuseeland, im Jahr 2000, im Gruppe N-Auto.

Diesmal ist es ein WRC, ein World Rally Car – nur: Das WRC aus dem Jahr 2007 und das WRC aus dem Jahr 2012 sind ja eigentlich zwei komplett unterschiedliche Autos, nicht wahr?

Ja, das ist für mich, so glaube ich, das größte Problem. Dass es zwischen dem WRC 2007 und dem WRC 2012 einen derart massiven Unterschied gibt. Nämlich ein für mich auf erschreckende Art und Weise sehr starker Unterschied. Eines meiner größten Probleme ist die mechanische Schaltung, auch wenn sie sequentiell ist. Das ist etwas, das ich einfach nicht gewöhnt bin.

Du meinst das Schalten selbst, per Schalthebel?

Ja, das WRC 2007 hatte Schaltwippen, das WRC 2012 hat einen Schalthebel. In der ÖM habe ich zwar auch einen Schalthebel, aber da ist es eine normale H-Schaltung, wo du kuppelst, wie bei einem normalen Serienauto.

Doch die Schaltung im aktuellen WRC ist ganz anders – du kuppelst nicht und du musst den Hebel nach jedem Schaltvorgang wieder auslassen, um den Zündunterbrecherkontakt wirklich freizugeben. Und das ist für mich derzeit noch sehr schwer umzusetzen. Ich bin bereits mit so einer Schaltung gefahren und es war kein Problem, das war 2008 in Portugal im Peugeot S2000 oder in Österreich mit dem Erdgas-Peugeot.

Nur: Beim aktuellen WRC geht das noch viel schneller, da kommst du mit dem Schalten nicht nach. Das ist für mich doch noch recht schwierig.

Weil du es gewöhnt bist, dass du den Schalthebel in der Hand behältst, weil dich das quasi mit dem Auto mehr verbindet?

Genau, ich lasse immer die Hand auf dem Schalthebel und das ist nicht sehr förderlich. Ich habe einfach noch zu viel Stress beim Schalten.

Könnte man diese Umstellung auf einem Simulator beschleunigen?

Sicher könnte man das, wenn du einen Simulator zur Verfügung hast – aber die Zeit haben wir nicht. Das muss von alleine kommen – nach einem Tag Rallye muss das intus sein.

Die aktuelle WRC-Generation wurde 2010 eingeführt – damals hat mir am Saisonbeginn Ilka Minor erklärt, dass es in der ersten Phase der Neueinführung so gut wie keine Unterschiede zwischen Werks- und Kundenautos gegeben hat. Das wird sich mittlerweile wohl wieder geändert haben, oder?

Das kann ich so nicht beurteilen – aber natürlich werden die Werksautos immer einen Schritt vorne sein, das ist mit Sicherheit so.

Kann man den Unterschied zwischen einem Werks- und einem Kundenauto definieren?

Da gibt es in Wirklichkeit nur Spekulationen – es gibt immer den gewissen kleinen Unterschied, aber in einigen Fällen und speziell in meinem Fall ist das nicht das Problem. Ich habe einfach viel zu wenig Fahrerfahrung mit dem Auto. Da ist der Unterschied zwischen den Werks- und den Kundenautos das geringste Problem.

Du hast das aktuelle World Rally Car, den Ford Fiesta RS WRC nur einmal ausprobiert, oder?

Ja, das war ein Rollout, es waren genau 35 Kilometer. Da hatte ich ein gutes Gefühl – aber es hat mir insofern die Augen geöffnet, als dass ich gesehen habe, dass ich mit meiner Teilnahme an der österreichischen Meisterschaft mein Level aus 2007 nie im Leben aufrechterhalten kann. Das ist erschreckenderweise leider so.

Man hat es auch gesehen, als Marcus Grönholm nach einer Pause wieder WRC gefahren ist…

Grönholm, Atkinson – das war genau das Gleiche. Eine meiner Ängste ist folgende: Ich werde in Neuseeland zum ersten Mal im Qualifying mit dem Auto fahren. Da sind dann im besten Falle zwei oder drei Autos langsamer als ich – das wäre aber schon der beste Fall! Wenn ich nichts falsch mache, werden im besten Falle zwei, drei WRCs hinter mir sein.

Das heißt: Ich werde auf der ersten Etappe schon einmal in einer sehr schlechten Startposition sein. Und in Neuseeland das erste, zweite oder dritte Auto auf der Straße zu sein, ist das Schlimmste, was du dir nur vorstellen kannst. Das ist mit keiner anderen Rallye auf der Welt vergleichbar – eine ungünstige Startposition ist nirgendwo schlimmer als in Neuseeland.

Dann aber, nach 15 WRCs, kommen die S2000, die Sauger! Wie zum Beispiel ein Per Gunnar Andersson, ein Alistar McRae, ein Hayden Paddon. Und die werden eine Musik spielen, wo ich glaube, dass ich mit meiner Startposition keine Chance gegen sie haben werde. Und das werden die Leute nicht verstehen! Die Leute werden nicht verstehen, warum ich im WRC langsamer bin als ein S2000. Und das macht die Angelegenheit auch für mich sehr schwierig.

Regen würde dir helfen…

Regen wäre super! Das wäre perfekt!

Die österreichischen Fans sind also angehalten, einen Regentanz zu vollführen…

Ja – nur kann man es leider vergessen, es kommt kein Regen. Das ist zu dieser Jahreszeit äußerst selten der Fall. Es ist zu trocken, es ist ja dort Winterzeit.

Ich finde es bemerkenswert, dass du bereits so genau weißt, welche Problematik sich am ersten Tag stellen wird…

Das kannst du relativ easy im Voraus analysieren. Schau dir 2007 an. Da war ich auf dem höchsten Level meines Fahrens, 2006 und 2007. Und 2007 bin ich am ersten Tag ausgefallen und war am zweiten Tag das erste Auto auf der Straße. Und dann waren die Gruppe N-Autos zum Teil schneller als ich im damaligen WRC. Ich glaube, das sagt alles.

Ja. Allerdings könnte man sagen: Da du es schon jetzt weißt, wird es dich dann nicht irritieren…

Stimmt. Du musst dich halt darauf einstellen, dass es so passieren kann.

Und am nächsten Tag…

…geht es genau so weiter. Aus meiner Sicht ist es sehr unklug von der FIA, die Startreihenfolge so anzulegen, wie es derzeit durchgeführt wird. Mit dieser Ansicht bin ich nicht alleine. Das Problem ist: Wenn du ohnehin schon zu jenen gehörst, die man nicht zu den Schnelleren zählt, hast du es noch viel schwerer.

So wie wir es früher hatten, dass am ersten Tag nach WM-Stand gestartet wird und ab dem zweiten Tag dann nach dem Zwischenklassement, in gestürzter Reihenfolge, so würde ich es für sinnvoller erachten.

Das hat man geändert, weil zuletzt der Führende als erster Wagen auf die Strecke musste und am Ende des Tages abgebremst wurde, um am nächsten Tag nicht mit einer schlechten Startposition bestraft zu werden.

Genau. Das war ja auch ein Blödsinn, die Bremserei war ein Riesenblödsinn. Aber zu meiner Zeit sind wir am ersten Tag nach WM-Stand gestartet und ab dem zweiten Tag in umgekehrter Reihenfolge.

Damit hast du als quasi schlechterer Fahrer zumindest am ersten Tag noch eine gute Startposition gehabt – du bist dadurch also noch ein bisschen länger dabei gewesen.

Am Schluss waren ohnehin wieder die Profis vorne – aber du hast länger mitfahren können, weil die Spitzenfahrer zumindest am ersten Tag das Manko einer weniger vorteilhaften Startposition hatten.

Man kann damit rechnen, dass in Neuseeland einige Teams ausfallen werden.

Ja, aber es sprechen alle nur von den WRCs, die dort am Start sind – aber leider geht es nicht nur um die, sondern auch um die S2000-Autos, die in der SWRC fahren und vielleicht auch ein oder zwei Gruppe N-Autos, die man nicht unterschätzen darf. Das klingt jetzt sehr pessimistisch und ich will mich auch nicht jetzt schon davon distanzieren – aber das ist leider Fakt.

Im zweiten Teil des großen Manfred Stohl Interviews kommen schlechte Fragen und gute Antworten rund um die Chancen einer kompletten WM-Rückkehr, ein Rückblick auf die Highlights einer Ausnahmekarriere, Gedanken rund um die Lage des internationalen Rallyesports, klare Worte zum Erdgas-Projekt sowie leidenschaftliche Ausführungen zu seinem, von ihm geförderten möglichen Nachfolger. Den zweiten Teil des Interviews finden Sie am Montag auf motorline.cc.

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Vorschau BWRT/Stohl mit Minor Vorschau BWRT/Stohl mit Minor Manfred Stohl Interview, Teil2 Manfred Stohl Interview, Teil2

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