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Think+ - #1: Copilot*innen
Foto: Daniel Fessl

Think+ - #1: Die weite Range der Copilot*innen

In einer neuen Serie soll jenen gedankt werden, die man als „Rallye-Ermöglicher“ bezeichnen könnte - den Anfang machen die Copilot*innen...

Noir Trawniczek

Über Think+

Eröffnet wird „Think+“ mit einem Beitrag über jene Menschen, die oft maßgeblich am Erfolg eines Piloten/einer Pilotin beteilgt sind und deren Arbeit nicht selten dennoch im Verborgenen bleibt: die Copilot*innen.

Ein Tiefpunkt, was die öffentliche Wahrnehmung dieser Berufsgruppe anbelangt, war mit Sicherheit jene Phase in der Rallye-Weltmeisterschaft, in der auf beiden Fahrzeugseiten lediglich der Nachname des Piloten/der Pilotin im hinteren Seitenfenster zu lesen war. Mittlerweile gibt es ein kollektives Bewusstsein über die „Wertigkeit“ des aus dem „Gebetsbuch“ lesenden Menschen auf dem „heißen Sitz“ - diese wird naturgemäß unterschiedlich eingeschätzt, zumal auch deren „Pflichtenheft“ vom Auftraggeber gestaltet wird und es nur selten wie ein Ei dem anderen gleicht. Für Autoland Hinterleitner-Chef Friedrich Wagner „tragen die Copilot*innen den größten Anteil am gemeinsamen Erfolg“...

Doch beginnen wir von vorne: Warum wird man Copilot? Lebendlegende Sigi Schwarz formuliert es am schönsten: „Weil ich Dirigent bin und kein Musiker. Fahren hätte ich schon können - aber mir war die Verantwortung für den Co zu groß.“ Der Hotelier und Gastwirt, der zu seinen Piloten wie Kris Rosenberger, Gerwald Grössing und vielen mehr stets „das vollste Vertrauen“ hat, bringt seine Geselligkeit und sein großes Harmoniebedürfnis ins Spiel: „Mir war stets die Harmonie zwischen allen Beteiligten wichtig - Mechaniker zum Beispiel sind für mich nie eine anonyme Nummer, es geht mir stets um ein Verwöhnprogramm für das gesamte Team. Ich habe heute noch Kontakte zu Menschen, die vor 25 Jahren in einem der Teams, für die ich fuhr gearbeitet haben.“

„Bestmögliche Vorbereitung“

Doch nicht nur für das von Sigi angesprochene „Wohlfühlpaket“ können Copilot*innen verantwortlich zeichnen - schließlich heißt es nicht umsonst, das Gehirn würde auf der rechten Seite eines Rallyeautos sitzen. Gemeint ist damit natürlich das Organisatorische - und diese Tätigkeit geht manchmal weit über den Zeitablauf des jeweiligen Piloten, über das gemeinsame Besichtigen der Prüfungen und das Erstellen und Vorlesen des Aufschriebs hinaus. Bernhard Ettel, einer von wenigen Profis, die vom Beifahren leben können, der 2006 mit Raimund Baumschlager und 2016 mit Hermann Neubauer Staatsmeister wurde, erklärt, wie weitläufig die Range im Tätigkeitsfeld eines Copiloten heutzutage ist: „Das ist je nach Fahrer und Team unterschiedlich. Man muss sich als Co so oder so bestmöglich vorbereiten. Das heißt: Man muss die Rallye-Ausschreibung studieren, du musst den Zeitplan, den Ablauf im Kopf haben, aber auch das Reglement der jeweiligen Meisterschaft. Es geht um Fragen wie: Darf ich dort Reifen nachschneiden oder nicht?“

Ilka Minor, Österreichs international bekannte Copilotin, die mit über 150 WRC- und ERC-Rallyes sowie insgesamt mehr als 300 Starts, mit Größen wie Manfred Stohl (2006 WM-Platz 4), Evgeny Novikov, Henning Solberg und vielen mehr, zurzeit an der Seite von Johannes Keferböck einen riesigen Schatz an Erfahrung besitzt, ergänzt: „Oft erstellst du die Logistik für dich und deinen Fahrer - da geht es um Hotel- und Flugbuchungen, Mietautos und dergleichen. Es kann aber auch so weit gehen, dass du für das gesamte Team die Logistik erstellst und du auch die Kommunikation mit dem Veranstalter innehast.“ In diesem Fall ist der/die Copilot*in also schon lange vor der Rallye mit dem Projekt beschäftigt.

„Kein Kindergeburtstag“

Dass gute Beifahrer so oder so bezahlt werden, während die Pilot*innen meist jene sind, welche Sponsoren an Land ziehen, um ein Projekt möglich zu machen, ist für Ilka nur logisch: „Ich hoffe natürlich, dass möglichst viele meiner Kollegen und Kolleginnen gut bezahlt werden - schließlich ist dieser Job kein Kindergeburtstag, sondern auch harte Arbeit. Oft sind die Tage 14 bis 16 Stunden lang - und es kommt nicht selten vor, dass der Fahrer bereits das Abendessen genießt, während du noch den Aufschrieb herrichtest.“

Warum auf dem sogenannten „heißen Sitz“ viele Frauen Platz nehmen, während der Platz hinter dem Lenkrad vergleichsweise immer noch eine Männerdomäne zu sein scheint, kann Ilka Minor nicht erklären. Auch Anne Katharina Stein, die 2017 mit Julian Wagner ORM2WD-Staatsmeisterin wurde und auch einige Jahre mit der britischen Pilotin Cathie Munnings fuhr, zuckt mit den Achseln: „Möglicherweise streben Mädels weniger oft eine Pilotenkarriere an, weil sie irgendwann doch Mutter werden wollen?“ Sie selbst jedenfalls habe als Kind „lieber mit Jungs gespielt“ und sieht bei Frauen im Rallyesport rein körperlich keinerlei Nachteil: „Da gibt es nichts, was eine Frau nicht trainieren kann.“ Warum sich so viele Frauen als Copilotinnen bewähren,könnte laut Anne damit zu tun haben, dass Frauen „doch strukturierter sind“, vermutet sie.

Lebensversicherung

Ob Mann oder Frau - erfahrene Copilot*innen können mitunter zu einer Lebensversicherung werden. Wolfgang Schmollngruber, der als Teamchef von Race Rent Austria immer wieder Anfragen von Jungpiloten erhält, erklärt: „Ich würde jedem raten, die erste Rallye als Vorausauto und mit einem erfahrenen Co zu fahren.“

Staatsmeister Simon Wagner bestätigt: „Mit dem erfahrenen Fred Winklhofer habe ich ab meiner vierten Rallye noch einige wichtige Elemente dazugelernt. Er hat mir Vertrauen und Ruhe gebracht.“

Von der „Lebensversicherung“ für Neu- und Quereinsteiger bis hin zum Gehirn für ganze Rallyeteams - „Think+ - die Serie mit dem Dankeschön“ grüßt die Copilot*innen dieser Welt und sagt: „Thanx a lot“.“

Zum Autoland Hinterleitner

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