RALLYE

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Gottfried Kogler 1957-2026
Foto: privat

In memoriam Gottfried Kogler

Nachruf auf einen Freund. Es sind persönliche Worte - ein Versuch, einem so vielschichtigen und zugleich geradlinigen Menschen irgendwie gerecht zu werden…

Noir Trawniczek

Begonnen hatte alles mit einer Beschwerdemail. Es war wohl zur Mitte der Nullerjahre und der genaue Inhalt dieser Mail ist mir nicht mehr in Erinnerung - nur so viel, dass sich Gottfried Kogler in einem Artikel ungerecht behandelt fühlte. Daraufhin haben wir telefoniert - und dabei bemerkt, dass in gewisser Weise beide Recht hatten und vor allem wurde es gleich ein längeres Gespräch über „Gott und die Welt“ oder sagen wir über Motorsport und die Menschen darin. In der Folge hat mich Gottfried eingeladen zu einem Test mit seinem Sohn Michael, ich durfte auf dem „heißen Sitz“ mitfahren.

Immer wieder führten wir längere Telefonate - mir war von Anfang an klar, dass Gottfried keiner ist, der um den „heißen Brei“ herumredet, sondern geradlinig bis schonungslos sagt, was er denkt. So etwas schätze ich sehr. Es gibt Menschen, die dir freundlich ins Gesicht lächeln um dann hintenrum gegen dich vorzugehen. Und es gibt jene, die mit einem Tacheles reden - und Gottfried war einer von diesen wenigen Geradlinigen. Einmal sagte er: „Ist dir eigentlich klar, dass dich im Fahrerlager jeder auf seine Seite ziehen will?“ Ich antwortete: „Ja, das ist mir klar - und du versuchst gerade genau das.“ Woraufhin wir beide herzhaft lachen mussten.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo mich Gottfried gefragt hat, ob ich die Pressearbeit für sein Team übernehmen möchte. Ich hab gesagt: „Gerne. Als Pressemann schreibe ich für dich - aber es muss dir klar sein, dass ich als Journalist auch mal über dich schreiben muss und dass es sein könnte, dass ich auch mal kritisch über dich schreiben muss.“ Er meinte, das sei kein Problem, so lange alles fair ablaufen würde. Einige Jahre später war es dann so weit. Gottfried hatte eine Rallye organisiert, es gab Probleme wegen eines Prologs. Ich gehe nicht ins Detail - doch es war so, dass ich etwas schreiben musste, es war von öffentlichem Interesse und er wollte das nicht. Es gab ein kurzes Donnerwetter zwischen uns - doch das war es auch schon. Es hat unsere Freundschaft nicht beschädigt. Und sogar das gegenseitige Vertrauen gestärkt.

Gottfried war irgendwie oldschool und modern zugleich. Unsere Kooperation begann in einer Zeit, in der große Sponsoren wie OMV oder Red Bull aufgehört haben, Journalisten zu internationalen Rallyes mitzunehmen und wo zugleich das Internet immer noch von manchen stiefmütterlich behandelt wurde. Gottfried hat oft einen Redakteur der Kronen Zeitung und meine Wenigkeit für Motorline mitgenommen zu Rallyes oder auch zu 24 Stunden-Rennen. Gottfried war stets der Meinung, dass persönliche Kontakte wichtig sind. Und dass es nicht nur um Ergebnisse geht, sondern vor allem auch darum, welchen „Stoff“ man den Medien liefert. Ich erinnere mich an empörte Anrufe, wie es sein könne, dass eine Story in die Tageszeitung kommt, wonach Michael Kogler die Nacht vor einer ERC-Rallye unter dem Kopfpolster schlief, weil dort im Fußballstadion auch des Nächtens lautstark gespielt wurde? Wie kann das sein? Gottfried wusste es. Er wusste, wie dieses „Spiel“, dieses „Geben und Nehmen“ funktioniert. Und er hat ganz zum Schluss noch einmal etwas sehr Schönes gegeben. Seinen Freunden, und der Motorsport Community.

Nachlass; „Motorsport aus Leidenschaft“

Gottfried hat etwas Feines hinterlassen. Es ist ein 16 Seiten umfassendes Heft mit dem Títel „Gottfried Kogler - Motorsport aus Leidenschaft“. Dieses Heft wird beim Begräbnis gratis aufliegen - für jene, die sich dafür interessieren. Es gab die Idee, das Heft der Zeitschrift „Vollgas“ beizulegen - doch das wollten Gottfried und seine Familie nicht. Man wollte sich nicht aufdrängen. Man wollte, dass es nur jene Menschen lesen, die sich wirklich dafür interessieren. Er hat es in den Tagen vor seinem Tod seiner Frau Theresa diktiert und ich habe es aufbereitet - und zwar so, dass es 1:1 Gottfried pur geblieben ist. Er hat es geschrieben, es sind 1:1 seine Worte.

Gottfried wurde am 07.07.2021 eine ALS (Amyotrophe Lateralsklerose)-Diagnose ausgestellt. Es ist eine der bösartigsten Krankheiten der Welt, ein Todesurteil, unheilbar, Muskel für Muskel verabschiedet sich…

Gottfried war ein großer Kämpfer. Ein Wettkampftyp. Das Wort „aufgeben“ existierte nicht in seinem Vokabular. Auf unseren Reisen konnte ich das mitunter live miterleben. Noch nie fuhr ich mit jemandem dermaßen rasant im öffentlichen Verkehr - es ging darum, seinem Sohn Michael eine neue Batterie zu bringen, sodass dieser die ERC-Rallye, es war entweder Korsika oder San Remo, fortsetzen konnte. Gottfried war von Beruf ein Polizist und als Rennfahrer natürlich auch fahrerisch kompetent. Die Batterie wurde jedenfalls rechtzeitig geliefert. In seinem Nachlass verrät Gottfried auch, dass er schon mal mit einem Mechaniker ganz in Schwarz gekleidet in der Nacht in den Parc ferme ging, um das Auto seines Sohnes zu reparieren. Ja, das ist gegen die Regel. Aber ist es schlimm, wenn einer die Rallye fortsetzen kann? Ist das dann ein unfairer Wettbewerbsvorteil? Wenn es doch nur darum geht, weiterfahren zu können? Freilich ist das Ansichtssache...

Sagen wir so: Gottfried Kogler war mit wirklich allen Wassern gewaschen, wie man so schön sagt. Er hat auch ohne mit der Wimper zu zucken einen glühend heißen Turboschlauch mit bloßen Händen zurecht gerückt, nur damit sein Sohn Michael die Rallye fortsetzen kann. Gottfried war der sportliche Wettkampf sehr wichtig - in seinem Nachlass beschreibt er seine allerletzte Rallye als Pilot. Das war im September 2022 - also ein Jahr nach seiner ALS-Diagnose. Er schreibt, dass er diese Rallye nur mit größter Mühe und tatkräftiger Unterstützung seiner Copilotin Gabi Ölsinger hat beenden können. Dass er dabei den 29. Gesamtrang erringen konnte, war ihm wichtig, zu erwähnen.

Im Retourgang durch Maribor

Irgendwie gab es zwei Gottfried Kogler. Wer ihn nur im Servicepark erlebt hat, erlebte den Kämpfer. Ob als Fahrer oder Teamchef - Gottfried war während der Rallye extrem fokussiert. Eine derartige Anspannung habe ich nur bei außergewöhnlichen Leuten wie Manfred Stohl erlebt.

Es gibt ein Video, in dem Gottfried als Pilot im Rallyeauto im Retourgang durch Maribor fährt. Das Getriebe blieb just im Retourgang stecken und es ging darum, noch rechtzeitig vor der Ausschlusszeit den Servicepark zu erreichen. In Maribor zur Hauptverkehrszeit im Retourgang in einem Rallyeauto - das war so verrückt, so wunderbar verrückt, ohne jegliche Konditionen. Egal was andere darüber denken mögen. Er hat jedenfalls den Servicepark rechtzeitig erreicht - und am Tag darauf konnte er sich vom 56. und letzten Platz auf Gesamtrang 13 vorkämpfen.

Es gab aber auch den Gottfried Kogler nach oder vor dem Wettbewerb. Und der war ein Genießer durch und durch. Und ein Menschenfreund. Sein Nachlass hat einen roten Faden: Der dreht sich um Kollegialität und Freundschaften. Gottfried gab einem Nachwuchspiloten, dessen Auto bei der Technischen Abnahme durchfiel, einfach die Schlüssel zu seiner privaten Garage, dort würde ein Rallyeauto stehen, das der Jungpilot gerne abholen und bei seiner ersten Rallye pilotieren konnte. Was er auch tat. Gottfried schildert in seinem Nachlass auch, dass er stets Ersatz-Overall, Handschuhe usw. dabei hatte - und dass er oft schon Kollegen damit aushelfen konnte. Freunde gewinnen war für Gottfried ebenso wichtig wie Wettbewerbe gewinnen.

Nochmal das Leben genießen: „Mach ich schon immer“

Stichwort Genießer: In seinem Nachlass schildert Gottfried jenen Moment, in dem er die ALS-Diagnose erhielt und er den Arzt gefragt hat, was er nun tun könne. Der Arzt sagte: „Versuchen Sie noch viel zu erleben und das Leben zu genießen.“ Darauf Gottfried: „Das mache ich schon immer.“ Als ich das in dem Schulheft, in welches Theresia seine Worte geschrieben hatte, zum ersten Mal gelesen habe, musste ich trotz all der Bitterkeit einfach nur herzhaft lachen. Denn das war Gottfried pur. So war er. Er hatte noch eine Leidenschaft: Boote. Und da gab es eines, in Kroatien. Gottfried verstand es auch gut, die Seele baumeln zu lassen.

Wie viele ALS-Patienten erhielt auch Gottfried die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wann der Leidensweg sein Ende finden soll. Im vorigen Sommer sagte er in einem Telefonat: „Noir, ich häng einfach noch viel zu sehr am Leben.“ Es brach mir in dem Moment gehörig das Herz. Denn ich bin in meinem Leben wenigen Menschen mit einem derart ausgeprägten Lebenswillen, mit einer derart vollmundigen Lebensfreude begegnet. Dieser Mann war einfach sehr gerne hier. Und er konnte dieses Lebensgefühl auch sehr gut an andere weitergeben.

Einmal sagte Gottfried zu mir, dass er sich darüber im Klaren sei, wie schwer diese Situation für seine Liebsten, seine Familie ist. Er sagte: „Sie leiden eigentlich mehr als ich selbst.“ Ich habe mit 16 erlebt, wie meine kettenrauchende Mutter binnen einem halben Jahr drei Herzinfarkte erlitt und schlussendlich bei einer Bypass-OP verstarb. Was ich damit sagen will: Ich kann es - in etwa - nachvollziehen, wie schlimm es ist, wenn ein geliebter Mensch quasi vor deinen Augen Schritt für Schritt verstirbt. Und ich muss sagen: Ich habe allergrößten Respekt dafür, mit welcher Würde Gottfried und seine Familie mit dieser so schweren Situation umgegangen sind.

Wir alle wünschen uns, dass uns der Tod im Schlaf oder wenigstens bei einer geliebten Tätigkeit ereilt. Was Gottfried Kogler und seine Liebsten erleben mussten, ist das exakte Gegenteil davon.

Gottfried sagte mir auch, dass die Krankheit zur Folge hatte, dass sein Verstand geschärft wurde. Ich glaube, dass er die schwere Zeit nutzen konnte, um mit sich und dem Leben komplett ins Reine zu kommen. Gottfried war ein Racer durch und durch und ein außergewöhnlicher Mensch, der so viel erlebt hat wie nur wenige auf diesem Planeten. Ich bin froh und dankbar dafür, diesen Menschen in seinen vielen Nuancen kennengelernt und ein Stück seines Weges begleitet zu haben.

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