Motorrad

Inhalt

Royal Enfield Classic 500 EFI - im Test Royal Enfield Classic 500 EFI 2018

Was will man mehr?

Faszinierend, wieviel Spaß man mit 27 PS haben kann, wenn man sich auf die eingeschränkte Power einlässt. Test der Royal Enfield Classic 500 EFI.

Ralf Schütze/mid

Hier geht's zu den Bildern

Da steht sie vor mir: Die Royal Enfield wartet darauf, dass ich ihren 0,5-Liter-Einzylinder per Knopfdruck elektrisch anlasse oder per Kickstarter und Muskelkraft antrete. Ich entscheide mich lieber für den vertrauten E-Starter. Doch damit hat die Auswahl ein Ende, denn ab sofort ist unausweichlich entspanntes Fahren angesagt.

Die in Indien produzierte Classic 500 EFI ist ein Motorrad, wie es fernab jeglicher Leistungs-Hysterie und ohne jeglichen Hightech-Wahn völlig ausreicht: Ein Zylinder, ein Tank, zwei Sitze, zwei Räder - das genügt im Grunde genommen.

Das klassische Einzelinstrument ist in ein blechernes Scheinwerfergehäuse integriert. Sieht nach wenig aus, reicht aber ebenfalls. Dank eines Zeigers sieht man jederzeit, wie schnell - oder langsam - man unterwegs ist. Die Drehzahl ist deutlich hörbar, je nach Stärke der Vibrationen spürt man sie auch. Ein Warnlämpchen zeigt an, dass der Tank fast leer ist. Das wirkt erst arg spartanisch, stellt sich aber als Wohltat heraus gegenüber Daueranzeigen einer hochgerechneten Restreichweite, von der man ohnehin meist weit entfernt ist. All das gehört zu einem Lernprozess samt Umdenken.

Nach unzähligen Bikes mit bis zu 200 PS Leistung sitze ich nun im Sattel einer 27 PS-Maschine und komme auch voran. Noch dazu mit Genuss. Der besteht im bewussten, eigentlichen Fahren: Kuppeln, Schalten, Gasgeben, Tacho im Auge behalten. Und so lange kein Lämpchen aufleuchtet: Genießen, dass offenbar alles in Ordnung ist.

Kaum einer kennt die Motorräder aus Indien so gut wie Bernhard Peintner. Mit seiner Firma "Iwan Bikes" in Pfaffenhofen nördlich von München hat er jahrzehntelange Erfahrung als Händler der Marke. Zur Classic 500 EFI meint er: "Sie braucht ihre Zeit. Und die gibst Du ihr gerne." Natürlich weiß er auch, welche Art von Motorradfahrer auf dieses entschleunigte Klassik-Bike abfährt. Die Auskunft klingt überraschend: "Es sind meist junge Männer Mitte 20. Die Enfield ist ihr einziges Motorrad. Sie genießen den Kultstatus der Marke. Manchmal ist schon der Opa Royal Enfield gefahren."

Man muss aber offenbar nicht familiär geprägt sein, um als junger Biker auf Royal Enfield abzufahren. Sogar ausgesprochene "Hipster" gehören laut Peintner zu den Classic 500-Fahrern - passend zum aktuellen Klassik-Trend.

Das macht natürlich neugierig: So nehme ich Platz auf dem 800 mm hohen Schwingsattel einer zweisitzigen Royal Enfield Classic 500 EFI Squadron Blue. Die Tarnfarbe stammt von Luftstreitkräften aus aller Welt. So etwas Militärisches ist an sich nicht jedermanns Sache, aber das seidenmatte Hellblau steht der klassischen Schönheit mit ihren vielen Chromteilen einfach sehr gut.

So versuchen wir, die knapp 6.000 Euro teure Maschine vorurteilsfrei einzuordnen. Schnell stellt sich heraus: Überschaubare 20,3 kW/27,2 und 41,3 Nm Drehmoment können tatsächlich Spaß machen.

Mit 195 Kilo ist die Classic nach allgemeinem Maßstab nicht schwer. Allerdings müssen 27,2 PS damit erstmal fertig werden. Die Royal Enfield bewältigt diese Herausforderung, indem sie Ruhe ausstrahlt. Auf dem so klassisch britisch aussehenden Motorrad zählen nicht Leistungs- und Beschleunigungswerte.

Vielmehr freut sich der Pilot, dass er nach einer schier unendlichen Weile auch mal knapp 130 km/h fahren kann. Aber das typische Enfield-Tempo bewegt sich eher um die 80 bis 90 km/h auf der Landstraße.

Kein Limit wird unbedingt ausgereizt, denn: Die überschaubare Bremswirkung der zwei Einzelscheiben zwingt zu vorausschauendem Fahren und Verzögern - genau passend zur relaxten Art der Fortbewegung, an die man sich mit der Royal Enfield Classic 500 EFI mehr und mehr gewöhnt.

"Entschleunigung" verdrängt jeden Gedanken an PS, km/h und Leistungsgewicht. Der Körper hängt auf der unverkleideten Maschine auch bei gemütlichem Tempo voll im Fahrtwind und saugt diesen förmlich auf. Der Dreh am Gasgriff erfolgt nicht aus Beschleunigungs-Gier, sondern lediglich, um mal ein kleines Schippchen draufzulegen. Klar: Eine Leistungsspritze von rund 15 PS würde auf der Royal Enfield Classic 500 EFI sowohl den Fahrspaß, als auch die Sicherheit beim Überholen erhöhen - und dem Charme keinen Abbruch tun. Aber das Hier und Jetzt verdrängt jegliches Lamentieren im Konjunktiv. Stattdessen lasse ich mich lieber auf das ein, was zur Verfügung steht: 27,2 PS bei 5.250 U/min.

Die Royal Enfield Classic macht Laune. Esprit und Technik der seit 1901 produzierten Bikes (erst in England, seit 1970 nur noch in Indien) stimmen einfach, auch auf diesem niedrigen Leistungsniveau. Kleine Fehler wie der manchmal ungut schwingende Sattel mit seinem rutschigen Bezug können daran nichts ändern.

Auch nicht die eigenwillige Sitzposition mit weit vorne platzierten, starren Fußrasten und einem relativ breiten Tank. Trotz seiner ausladenden Dimension fasst der nur 13,5 Liter. Aber: Die Herstellerangabe von 2,9 l/100 km kombiniertem Verbrauch erweist sich als praxisgerecht. Und so reicht eine Tankfüllung für etwa 450 Kilometer Fahrt. Eine derartige Reichweite wirkt zusätzlich entspannend. Wer sich auf all dies einlässt, kommt tatsächlich mit 27,2 PS gut über alle Straßen.

Klassik-Bike mit luftgekühltem Viertakt-Einzylinder-Motor, Hubraum: 499 ccm, max. Leistung: 20,3 kW/27,2 PS bei 5.950 U/min, max. Drehmoment: 86 Nm bei 8.000 U/min, 41,3 Nm bei 4.000 U/min, Fünfganggetriebe, Kette.
Einschleifen-Stahlrohrrahmen, vorn hydraulische Teleskopgabel mit 35 mm Tauchrohrdurchmesser, hinten Stahlschwinge mit zwei Gasdruck-Federbeinen, vorn Einscheibenbremse, Durchmesser 280 mm, hinten Einscheibenbremse, Durchmesser 240 mm, ABS.
Reifen vorn 90/90-19, hinten 110/80-18, Radstand 1370 mm, Tankinhalt 13,5 Liter, Sitzhöhe 800 mm, Gewicht fahrfertig 195 kg, zul. Gesamtgewicht: 365 kg. Höchstgeschwindigkeit 128 km/h, 0-100 km/h k.A., Kraftstoffverbrauch kombiniert: 2,9 l/100 km, CO2-Emission: 70 g/km.
Österreich-Preis: ab 6.150 Euro (Deutschland: ab 5.990 Euro).

Drucken

Ähnliche Themen:

11.12.2018
Vom Erfolg überholt

Die Verkaufszahlen des seit 2013 gebauten Porsche Macan übertrafen bei weitem die Erwartungen, dennoch gibt es jetzt ein Facelift. Erster Test.

19.11.2018
Turbolos glücklich

Schwarzer Kühlergrill, zackigere Linien, mehr Leistung: Der überarbeitete Audi R8 geht geschärft in seine zweite Lebenshälfte. Erster Test.

19.11.2018
Komfortzone

Mit dem Belville 125 Allure hat Peugeot einen komfortablen Großrad-Roller im Angebot, der viel Stauraum bei kompakter Größe bietet. Im Test.

Ur-G-estein Jubiläum: 40 Jahre Mercedes G-Klasse

Mercedes feiert das 40-jährige Bestehen der G-Klasse. Neben Arnold Schwarzenegger die wohl bekannteste steirische Eiche der Welt.

Motorsport: News Tech3: KTM hat beste Rennabteilung

Tech-3-Teamchef Herve Poncharal ist von der KTM-Motorsportabteilung rundum begeistert - heuer also vier KTM-Piloten im MotoGP-Feld.

Mehr als eine Studie Genfer Autosalon: Cupra Formentor

Die junge Marke Cupra aus dem Hause Seat stellt in Genf mit dem Formentor ein Konzeptfahrzeug vor, das wohl schon 2020 in Serie gehen wird.

Rallye-ÖM: News Der Opel Rallye Cup wird eingestellt

Weil für den diesjährigen Cup nur vier Nennungen eingegangen waren, mussten die Organisatoren die Reißleine ziehen und ihn absagen.