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Christof Klausner 1975-2021
Fotos: Daniel Fessl

Lektion: Christof Klausner verstehen lernen

Ein Nachruf, der eigentlich gar keiner sein will. Stattdessen der Versuch, das Rätsel des Christof Klausner und seiner unfassbar großen Fangemeinde zumindest annähernd zu lösen...

Noir Trawniczek

„Die Zugriffe auf Artikel über dich sind dermaßen höher als der Schnitt - da kommen nur noch Nachrufe heran“ - die Reaktion von Christof Klausner auf diesen Satz des Autors, im Zuge eines Telefonats für eine Story über seine Sperre nach dem Unfall bei der Jännerrallye 2020 war: ein Lachen! Weil dieses Lachen nach nahezu jedem Satz kam, konnte man auch nach relativ wenigen Sätzen, einigen Begegnungen bei Rallylegends San Marino, Jännerrallye, quattrolegende oder Austrian Rallye Legends bereits Unterschiede in diesem Lachen hören. Weil das am Telefon noch klarer wird. Dass er deutlich mehr Zugriffe generiert als die erfolgreichsten Piloten dieses Landes, hat ihn, so glaube ich, schon auch mit einem gewissen Stolz erfüllt, oder sagen wir so: Er nahm es als das, was es ist: die wahrhaftige Würdigung seines Tuns!

Einen Nachruf schreiben ist oft per se ein sinnloses Unterfangen - weil ihn der Betroffene nicht mehr hören/lesen kann. Und über Dritte spricht man ja eigentlich nicht, vor allem nicht, wenn sie tot sind. Und „schlecht reden“ darf man bekanntlich schon gar nicht, vor allem nicht im „offiziellen“ Österreich. Hierzulande ist die Pietät so etwas wie die Absolution einer lang gepflegten Doppelmoral - in der Begräbnisrede kein einziges schlechtes Wort, aber wehe dir beim Leichenschmaus! So gesehen ist es durchaus tröstlich, dass Verstorbene all das nicht mehr mitbekommen.

Warum das hier streng genommen ein „Fake-Nachruf“ ist: Wenn man nichts „Schlechtes“ erwähnen darf, wird das Gute weniger glänzen. Und im Falle von Christof Klausner ist das Gute einfach viel zu wertvoll - außerdem birgt das „Schlechte“, oder sagen wir der Kritikpunkt an seinem Tun, viel zu viele Möglichkeiten, Vorurteile hineinzupacken. Und Vorurteile einem Toten gegenüber müssen ausgeräumt werden, das ist des Journalisten Pflicht. Daher war von Vornherein klar, dass man keine Lust hat, jemandem, der einen so deutlichen Punkt gesetzt hat, einfach nur ein paar oberflächlich höfliche Wort nachzurufen, die er soweiso nicht mehr hören kann.

Daher war von vornherein klar, dass dieser Nachruf seine Zeit benötigt. Denn immer noch gibt es das Rätsel Christof Klausner - und es ist allerhöchste Pflicht, die folgende Frage zumindest ansatzweise zu beantworten: Wieso kann ein Christof Klausner, kein Rallyesieger, kein Staatsmeister, Zugriffe bis zum Zehnfachen des Schnitts, zum Mehrfachen der erfolgreichsten Rallyepiloten Österreichs generieren? Warum? Was hat er getan? Hier liefert nicht der Autor, sondern seine telefonisch von ihm erreichten „Informanten“ die Grundsubstanz einer freilich der Wirklichkeit nur ansatzweise nahekommenden Antwort...

Grundbegriffe

Um das Tun des Christof Klausner zunächst einmal im Schnellverfahren verstehen zu lernen, hier zunächst die „For Dummies“-Kurzversion: Es gibt den „gepflegten Driftwinkel“, der sich also aus dem ungepflegten oder sagen wir zwangsläufigen Driftwinkel früherer Tage heraus ergibt, als es noch gar keinen Allradantrieb gab. Heckantrieb auf losem Untergrund und das Ziel, eine gute Zeit zu markieren - kann man, so glaube ich, gut verstehen! Als irgendwann einmal die Autos damit begonnen haben, nicht mehr so quer dahezukommen, weil ausgerechnet der von vielen geradezu angebetete Audi quattro mit dem Allradantrieb ein völlig neues Zeitalter, nämlich unseres, einläutete, haben Piloten damit begonnen, die Querstellung bewusst herbeizuführen: Weil das unheimlich viel Freude bereitet - dem Fahrer, und aber auch dem Publikum.

Dass der Urquattro von vielen Freunden des Driftwinkels angebetet wird, ist auch so ein vermeintlich rätselhaftes Phänomen. Eine Antwort liefern Menschen wie Franz Wittmann oder Rudi Stohl. Die ersten Audi quattro waren nämlich alles andere als geschmeidig, es waren vielmehr bockige Pferde, die man erst einmal zähmen, kalibrieren musste. Stichwort Differenzial. Hier wird die Kraft auf die vier Räder aufgeteilt. Rudi Stohl berichtet von einem Audi, der zu hundert Prozent durchgesperrt niemals zu einem „Ringerl“, „Donut“, einer Drehung am Stand gezwungen werden konnte.

Im vollen Stadion einer WM-Rallye hat man dies jedoch erwartet - Stohl stellte daher das Auto ab, um einmal rund um den Wagen zu laufen. Auch ein „Ringerl“! Die ersten Allradautos waren also schwer zu fahren - wenn man jedoch bei der Differenzialtechnik neuere Erkenntnisse umsetzt, ist der Quattro quasi eine Mischung aus alter „Bockigkeit“ und dem sich daraus ergebenden Spektakel und einem gut zu „kommen“ lassenden Heck. Oder aber man nimmt gleich eine alte „Heckschleuder“ - wie zum Beispiel Niki Glisic...

Gain of Driftwinkel: Von gepflegt zu auffrisiert!

Niki Glisic ist ein großes Stück des Weges mit Christof Klausner gegangen - und: er hat vieles geliefert, was wichtig ist beim „Chrisi“-Verstehenlernen. Von ihm kommt der Begriff des „Binären Fahrens“. Das heißt: Es gibt nur 0 und 1. Und bei Christof Klausner gab es fast nur 1. Glisic: „Er hat an Stellen den Drift eingeleitet, wo man es nicht für möglich hielt.“ Und: Klausner war niemals „slowly sideways“ - er war ein Mix aus maximalem Speed und Sideways. Jetzt, genau in diesem Moment, können Sie es wohl verstehen, dass es Kritiker am Vorgehen des Christof Klausner gab und wer das sein könnte.

Strenggenommen, der Logik entsprechend, müsste Klausner nahezu das gesamte Feld gegen sich gehabt haben. Da waren jene, die erfolgreich waren, die jedoch an seine Beliebtheit nicht herankamen. Und auch jene, die den „gepflegten Driftwinkel“ irgendwie „verraten“ glaubten. Klausner hat sich im Dickicht einer massentauglichen Welt einen, seinen ureigenen Weg herausgeschnitten - Rudi Stohl schätzt und kennt das. Denn er hat mit seiner Lada bei den Himalaya-Rallyes dieser Welt in Kombination mit unglaublichen TV-Bildern und der Begeisterung unserer Reporterlegende Peter Klein einen Meilenstein gesetzt. Klausner wiederum hat mit ganz wenigen anderen getan, was heutzutage als Drift-Europameisterschaft auf Rennstrecken ohne Bewässerung die Massen anlockt. Doch Klausner tat es auf ungeschützten Rallye-Sonderprüfungen....

Keine Schönheit ohne Gefahr? Nein: Keine Schönheit ohne Verzicht!

War es die Gefahr? Hat ihn, wie Sir Stirling Moss, die Gefahr gereizt? Moss hat einst offen zugegeben, dass ihn an der Formel 1 nur eines reizte: Es gab jährlich zwei Tote - heutzutage würde ihn die Formel 1 nicht mehr als Fahrer interessieren. Der Autor brachte ihm das Jahr darauf Bilder von heutigen Extremsportarten. Sir Sirling Moss wäre heute ein russischer Bube, der ungesichert Wolkenkratzer besteigt und mit seinen Videos Millionen den Atem anhalten lässt. Das „Kind im Manne“ erwähnt auch Niki Glisic, Klausner habe sich als „Lausbub im Urquattro“ gesehen.

Doch dem geht es nicht um die Gefahr. Denn in dem „Kind im Manne“ wohnte wiederum ein erwachsener Mann, der perfekt auto- und motorradfahren konnte. Der so gut wie keinen Alkohol trank. Und Tag und Nacht unter Autos lag, schraubend. Nein, kein „Lebemann“, kein „oager Typ“, sondern ein stocknüchterner Pragmatiker, der ein technisch perfektes Team rund um sich aufgebaut hat, der am Wochenende an den Autos der Teammitglieder schraubte, weil Geld Mangelware war und das Leben halt immer ein „Nehmen und Geben“ ist.

All das tat er natürlich auch, weil er für sein „Kind im Manne“ ein perfektes Auto brauchte. Es war also nicht die Gefahr, die Christof gereizt hat, sondern das Gegenteil davon: die absolute Kontrolle in einem Ausnahmefahrzustand. Der Drift ist ein bewusstes Herbeiführen schwer zu kontrollierenden Phase - wenn da etwas bricht, ist man Passagier. Die Kontrolle in einem faktisch unkontrollierbaren Zustand - das war das Lebenselexier des Christof Klausner. Und er hat es wie kein anderer bis an die Spitze getrieben. Es muss ein wunderschöner Zustand sein...

Die Sache mit dem On/Off-Schalter...

Doch wie Musiker nach einem großartigen Konzert ist es auch hier schwer, sofort wieder in einen Normalzustand zurückzukehren - so kam es manchmal vor, dass Christof Klausner auch dort gedriftet hat, wo man es nicht haben wollte. Oder wo es unklug war - beim Jännerrallye-Unfall saß ein Gast der Rallye auf dem Sozius. Dass hier seine Kritiker, aus welchen Gründen auch immer, ziemlich hart angesetzt haben, war Klausner zutiefst unangenehm.

Denn sie hatten Recht. Freunde sagen, er sei dort vom Eis überrascht worden, und auch sie haben Recht. „Feinde“ und ich glaube auch er selbst sah es so, dass es dennoch bei einer solchen Fahrt gar nicht dazu kommen hätte müssen. Und sie alle haben Recht. Ein kleiner Fehler - mit einer zwar finanziell katastrophalen, aber für den völlig unverletzten Beifahrer glimpflichen Folge. Ein kleiner Fehler - unterläuft ab und zu auch den alllerbesten, noch so pragmatischen Piloten. Das wussten auch seine engsten Freunde - sie haben ihn gebeten, das Motorrad abzustellen, sich auf den Rallyesport zu fokussieren. Sie hatten leider Recht.

Der ganz und gar nicht verrückte Lebensstil

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, uns den Glanz anzusehen und aus ihm zu lernen. Denn die Drifterei ist das eine - und hier ist es auch in einem Nachruf okay, nicht unerwähnt zu lassen, dass die Freude, die er weitergeben konnte, ja zunächst entstehen musste, in ihm selbst. Es hat also zualllererst ihm selbst Freude bereiten müssen, um etwas weitergeben zu können. quattrolegende-Mastermind Peter Reischl sagt: „So einen Piloten wird es nie wieder geben!“ Ja. Weil er für diese Freude, der er daran hatte, diesen Zustand der „Schwerelosigkeit“ immer weiter auszudehnen, auf nahezu alles, was noch schön sein kann im Leben, verzichtet hat.

Dieser Weg des Verzichts - wer geht den heutzutage noch? Christof Klausner war im normalen Leben eigentlich ein Asket. Man könnte auch sagen: Nicht mal dazu, ein Asket zu sein, kam er, weil er ständig nur an Autos schraubte. Wer diesen Weg nachgehen will, sollte diese de facto relativ langweilige Seite des Christof Klausner bedenken und einmal ein paar Wochen lang durchhalten. Obwohl: Das Schrauben hat ihm sicher auch Spaß bereitet. Man sieht es in den für diesen Nachruf von Daniel Fessl zusammengestellten Fotos: Immer wieder der Blick auf den Motor. Das hat ihn natürlich fasziniert. Und sicher gab es auch irdisches Vergnügen - aber halt in wenig toxischem Ausmaß...

Die enge Symbiose mit den Fans

Doch wir wollten den zweiten Aspekt beleuchten an der Frage, wie Christof Klausner es schaffen konnte, dermaßen viel Zuspruch der Fans zu erhalten: Es war einfach nur der Umgang mit den Menschen. Der Autor hat in Telefonaten mit unzähligen Rallyepiloten auch eine gewisse Virtuosität im Schlechtreden anderer Piloten und Projekte kennengelernt. Bei Christof Klausner und ganz wenigen anderen gab es sie jedoch nicht. Selbst als man ihn gesperrt hat, kam da nichts. Außer, dass sich das eingangs erwähnte Lachen ein wenig zu verdunkeln schien.

Ich glaube, weil er in diesem einen Punkt sauer war, auf sich selbst. Jene Menschen aber, die ihn verehrt, ja geradezu vergöttert haben, konnten ihn wirklich jederzeit ansprechen. Klausner hatte, das sagen viele, die Gabe, etwas, das er schon 100mal erklärt hatte, dem 101. Fragesteller so zu beantworten, als würde er es gerade zum ersten Mal tun. Dem zugrunde liegt ein tiefer, ehrlicher Respekt vor seinem Publikum. Und dass dieser vielleicht noch größer war als bei vielen anderen Piloten, entspricht den Grundsätzen der Logik: Die extreme Herangehensweise brauchte diese Stütze einfach - denn rundherum gab es wie erwähnt viele Aktive oder auch Funktionäre, die das weniger gern gesehen haben. Christof Klausner ist mit seinem Publikum eine Symbiose eingegangen, er hat sie alle, wirklich jeden einzelnen mitgenommen auf seiner einzigartigen Reise. Denn nur sie haben diese für ihn so wundervolle Erfahrung legitimiert.

Sich und anderen vertrauen trauen

Dieses Bewusstsein ist die Scheibe, die wir uns abschneiden können. Diese Herangehensweise, eigentlich jeden gern zum Freund zu machen anstatt jeden zuerst als möglichen Feind wahrzunehmen, zu fürchten und zu bekämpfen - das kann man mitnehmen. Das hat Gehalt. Das hat auch mit dem Highspeed-Driften zu tun, auch hier braucht man einfach viel Vertrauen, in sich selbst, in das Auto, in das Team. Das mitzunehmen, sich abzuschauen hat zudem auch jene Nachhaltigkeit, die manch Politiker so gern predigt.

Wenn das möglichst viele mitnehmen, hat Christof Klausner an einer wesentlichen Erhaltung des Klimas beigetragen, des menschlichen Klimas. In den schweren Zeiten, die noch auf uns zukommen, werden wir das gut gebrauchen können. Der „Lausbub im Urquattro“ hat das „Kind im Manne“ leben lassen, sich etwas getraut und seinen Mitmenschen vertraut. Und dieses echte, von manchen liebend gerne als Naivität gebrandmarkte Vertrauen, ob in sich selbst oder in das Umfeld, ist immer noch Mangelware.

Zur Christof Klausner-Galerie von motorline.cc-Fotograf Daniel Fessl

Die ausführlichen Stimmen zum Tod von Christof Klausner finden sie morgen auf motorline.cc

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