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Landa: Saisonende nach Unfall
rallyservice.cz

Glück im Unglück - oder: Der Schuss vor den Bug

Ein brutaler Einschlag in eine Mauer bescherte dem Duo Landa schwierige Tage, Angst vor dem Rollstuhl, Erlösung, eine Erkenntnis und schlussendlich das Bekenntnis zur Leidenschaft Rallyesport.

Noir Trawniczek

Rallysprint Kopna am letzten April-Wochenende - das Sohn/Vater-Duo Nikolai und Günter Landa pilotiert den vom Drift Company Rallye Team eingesetzten Ford Fiesta Rally4 über die erste Sonderprüfung. Auf der Anfahrt zur vorletzten Kurve wird der Wagen ausgehoben...

Nikolai Landa erinnert sich: „Ich hatte die Welle im Aufschrieb vermerkt und kann mich erinnern, wie es das Auto versetzt hat und uns in der Folge - wie man so schön sagt - die Straße ausgegangen ist.“ Der Fiesta verlässt die Straße in Richtung Wiese: „Dort habe ich das Auto zunächst stabilisieren können - wir waren mit der linken Seite des Autos auf einem Asphalt-Streifen, der sich in der Wiese befand - dort kommt jedoch eine Art Mauer, die man von der Seite betrachtet nicht sehen konnte. In diese sind wir dann auch mit vollem Karacho, mit knapp 130 km/h eingeschlagen - es war ein sehr harter und abrupter Einschlag mit rund 35g. Das Auto hat sich über die Mauer hinweg noch einmal um die eigene Achse gedreht - dabei wurde ein Teil des Motors weggerissen und es brach vorne ein Feuer aus.“

Nikolai, den Freunde gerne „Nik“ nennen, fügt hinzu: „Wir haben, wie es durchaus üblich ist, den Unfall in Zeitlupe erlebt. Wir waren beide den kompletten ‚Flug’ über bei Bewusstsein - das Feuer war nur kurz eine Bedrohung, denn es hat sich quasi von selbst gelöscht. Als das Fahrzeug zum Stillstand kam, hab ich zunächst einmal geschaut, ob mein Copilot bei Bewusstsein ist - das ist immer das Erste, was man nach so einem heftigen Unfall macht.“

Professionelle Bergung

Schon während des Abflugs hören Nik und Günter einander in die Sprechanlage ächzen - schnell wird nach Stillstand des schwerst beschädigten Fiesta klar, dass sich wohl beide ernsthafte Verletzungen im Wirbelbereich zugezogen haben. Das Duo Landa bleibt - wie es auf Profi-Level üblich ist - im zertrümmerten Fiesta, um auf die Bergung durch die tschechische Rettung zu warten. Nikolai Landa erzählt: „Gerade bei Wirbelverletzungen soll man nicht selbst aus dem Auto steigen, denn hier kann sehr viel passieren, bis hin zur Querschnittlähmung.“

Dass sich Nik und Günter im Schockzustand dieser wichtigen Handlungsweise bewusst waren, hat vielleicht auch mit einem Besuch von Poldi Welsersheimb im Rahmen der Lavanttal-Rallye zu tun - die Drift Company Teamkollegen Niki Mayr-Melnhof und Poldi Welsersheimb hatten bekanntlich bei der Portugal-Rallye 2021 einen dermaßen brutalen Überschlag wegzustecken, sodass beide bis zum Ende des Vorjahrs wegen Wirbel- und Steißbein-Brüchen noch kein Comeback geben konnten. Wobei sich Mayr-Melnhof nach seiner Genesung eine Omikron-Infektion zuzog und seither an den Folgen von Long Covid laboriert, wie der sympathische Staatsmeister des Jahres 2019 im Exklusivinterview mit motorline.cc verriet...

Nach der professionellen Bergung durch die lokale Rettungseinheit wurden Nikolai und Günter Landa ins Krankenhaus von Zlin transportiert, wo bei Günter ein Trümmerbruch des ersten Lendenwirbels und bei Nik zwei Brustwirbel und ein Lendenwirbel mit stabilem Bruch diagnostiziert wurde.

Zittern vor dem Rollstuhl & Stein vom Herzen

Vater und Sohn Landa landeten schließlich gemeinsam auf der Intensivstation des Krankenhaus Zlin, einige Zeit lang musste Günter Landa sogar das Worst Case Scenario fürchten - ein Leben im Rollstuhl. Für Nikolai war das naturgemäß nur „schwer zu akzeptieren“, denn mit einer solchen Bürde wäre wohl jeder komplett überfordert. Doch bald schon wurde klar, dass sowohl Sohn als auch Vater Landa Glück im Unglück hatten. Günter wurde noch am selben Tag in Zlin notoperiert und die entsprechenden Wirbeln erfolgreich fixiert. Beide wurden nach dem Rallye-Wochenende ins Meidlinger Krankenhaus überstellt, wo Nik am Folgemontag ebenfalls erfolgreich operiert wurde. Beide blicken nun einer zwar langwierigen aber kompletten Rehabilitation entgegen.

Nikolai Landa gibt ganz offen zu, dass er für kurze Zeit ernsthaft infrage gestellt hat, ob eine Fortsetzung seiner Pilotenkarriere Sinn machen würde - doch bald schon setzte sich das „Rallyevirus“ sowohl bei Nik als auch bei Günter durch: „Mir fiel ein Stein vom Herzen, als klar wurde, dass mein Papa keine Lähmungsgefahr mehr befürchten muss. Rallye ist einfach mehr als nur ein Hobby - es ist eine Leidenschaft, die man nicht so einfach beiseitelegt. Ohne den Rallyesport würde mir ein wichtiges Element im Leben fehlen.“

Auch für Madeleine Landa, Ehegattin und Mutter, stand das zu keinem Zeitpunkt in Diskussion, wie Nik erzählt: „Sie war für uns in dieser schwierigen Lage der Fels in der Brandung - sie hat außerordentlich cool reagiert. Ich möchte mich auch bei unseren Helfern bedanken und auch die tschechischen Konkurrenten haben sich geradezu rührend verhalten und sich erkundigt, wann man uns denn in Zlin besuchen kann, darunter der bekannte Pilot Eric Cais oder der Motorsportorganisator und ERC-Verbindungsmann ‚Pluto‘. Und unser Teamchef Beppo (Harrach, d. Red.) hat uns liebevoll telefonisch betreut und wird uns im Krankenhaus Meidling besuchen kommen...“

Erkenntnis & Zeit für komplette Reha

Auch wenn der schwere Unfall letztendlich glimpflich ausging, sieht Nik darin dennoch so etwas wie eine Warnung, einen „Schuss vor den Bug“, den er sich unbedingt zu Herzen nehmen will: „Wir hatten ja schon bei der Lavanttal-Rallye einen bösen Unfall - zwei so harte Abflüge direkt hintereinander kann man nicht einfach nur mit Pech erklären - sie sind für mich eine Aufforderung, die Gefahren dieses Sports wieder ernster zu nehmen.“ Nik liefert nach der theoretischen sogleich die praktische Erkenntnis: „Bei der Besichtigung gilt es, noch mehr auf Details wie die Welle in der schnellen Linkskurve, die uns ausgehoben hat, und ähnliche Elemente, die es bewusster wahrzunehmen gilt in den Aufschrieb hineinzunehmen, um dort besonders aufzupassen. Es ist für mich kein Problem, wenn meine Lernkurve nicht nur nach oben zeigt - denn letztendlich sind es die Tiefpunkte, aus welchen man wohl am meisten lernen kann.“

So steht einem Comeback so gut wie nichts im Wege. Der Ford Fiesta wurde freilich zerstört - doch zunächst setzen Nikolai und Günter Landa ohnehin auf eine komplette Rehabilitation, wie Nik erklärt: „Wir wollen uns wirklich Zeit nehmen und keinesfalls ein voreiliges Comeback geben. Ich würde sagen, dass wir heuer keine Rallye mehr fahren werden und uns stattdessen bestmöglich auf die Saison 2023 vorbereiten. Wir lassen vorerst auch offen, mit welchem Auto wir zurückkehren werden. Wir möchten uns nochmal bei dem medizinischen Personal, der Rettung und den Ärzten in Zlin und Meidling sowie auch bei allen anderen, bei unseren tschechischen und heimischen Mitbewerbern, unseren Freunden und Fans, der DriftCompany und unseren Sponsoren, die uns in dieser schwierigen Zeit ihren Zuspruch gaben, ganz herzlich bedanken. Wir sehen uns wieder in der Saison 2023!“

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